Die niederländische Chemieindustrie bleibt trotz geschwächter Wettbewerbsfähigkeit ein führender europäischer Standort. Klimaneutrale Lösungen zählen zu den Wachstumstreibern.
Analog zur Entwicklung in der EU steht auch der niederländische Chemiesektor seit geraumer Zeit unter Druck. Spätestens seit dem Ukrainekrieg hat sich die Lage deutlich verschlechtert. Besonders betroffen ist die Basischemie.
Hohe Energiepreise, steigende CO2-Kosten und Überkapazitäten in der globalen Petrochemie belasten die Branche. Hinzu kommt zunehmender Wettbewerb aus den USA, China und dem Nahen Osten.
Der niederländische Chemiesektor dürfte künftig weniger in den Ausbau von Kapazitäten investieren. Stattdessen dürften Investitionen verstärkt in die Transformation zu einem CO2-armen, technologieintensiven Chemiestandort fließen.
Düstere Zukunft für die Basischemie
Einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge wurde in Europa im Zeitraum 2022 bis 2025 nahezu ein Zehntel der Chemiekapazitäten stillgelegt. Von den betroffenen Produktionskapazitäten von rund 37 Millionen Tonnen entfielen 19,5 Prozent auf die Niederlande.
7,2 Mio.
Tonnen
an Fertigungskapazitäten der Basischemie wurden im Zeitraum 2022 bis 2025 in den Niederlanden abgebaut.
Die Produzenten Covestro und Tronox kündigten 2025 an, ihre Chemiewerke in Rotterdam 2026 zu schließen. Die Schließungen belasten auch weitere Branchenunternehmen im Rotterdamer Hafengebiet.
Unternehmen stellen Investitionen in Rotterdam auf den Prüfstand
Der Port of Rotterdam beherbergt Europas größten Petrochemiecluster. Die Unternehmen arbeiten eng miteinander sowie mit Unternehmen im größeren Industriedreieck von Rotterdam, Antwerpen und dem Ruhrgebiet zusammen.
Rund 40 Prozent der petrochemischen Produktion Europas entfallen bislang auf diese Region. Sie zählt zu den Gebieten, die besonders stark von der Krise der europäischen Chemieindustrie betroffen sind.
Laut niederländischem Chemieverband VNCI erwirtschaftet die niederländische Chemieindustrie jährlich rund 64 Milliarden bis 67 Milliarden Euro Umsatz. Die Branche bleibt stark auf Basischemikalien, Petrochemie, Kunststoffe und Polymere ausgerichtet.
Produktion von Basischemikalien schrumpft weiter
Basischemikalien dürften zusammen rund 60 bis 70 Prozent der chemischen Produktion ausmachen. Spezialchemikalien erreichen dabei einen Anteil von 10 bis 15 Prozent. Dazu zählen Beschichtungen, Additive, Industriemittel und Farben.
Auf Düngemittel entfallen 5 bis 10 Prozent. Hochleistungsmaterialien, Fasern und Verbundwerkstoffe erreichen ebenfalls einen Anteil von 5 bis 10 Prozent.
Biobasierte und zirkuläre Chemikalien erreichen bislang nur einen kleinen, aber dynamisch wachsenden Anteil.
Laut dem Chemical Trends Report des europäischen Branchenverbands Cefic sank die niederländische Chemieproduktion 2025 gegenüber dem Vorjahr um knapp 4,9 Prozent. Damit war der Rückgang etwa doppelt so stark aus wie im EU-Durchschnitt (-2,4 Prozent).
Das Statistikamt CBS beobachtet seit dem Höchststand 2021 einen deutlichen Rückgang der Branchenproduktion. Laut PLastics Europe ging die Produktion von Kunststoffen in den Niederlanden zwischen 2023 und 2025 um 14,4 Prozent zurück. Auch die Kapazitäten zur Herstellung von Recyclingkunststoffen stehen unter Druck.
Nach Angaben von ING-Wirtschaftsanalysten erholte sich die Lage der niederländischen Chemieindustrie 2026 zwischenzeitlich. Hintergrund war die Schließung der Straße von Hormus infolge des Nahostkonflikts.
Europäische Kunden bauten vorsichtshalber Lagerbestände auf. Gleichzeitig nahm der Wettbewerbsdruck aus dem Ausland ab.
Niederländische und andere europäische Chemieproduzenten sind deutlich weniger von der Golfregion abhängig. Die Region deckt etwa ein Fünftel ihres Rohstoffbedarfs.
Dennoch lag die Chemieproduktion laut Eurostat weiterhin mehr als 25 Prozent unter den Höchstständen, die Ende 2017 oder Januar 2022 erreicht wurden. Der Abwärtstrend sei noch lange nicht durchbrochen.
Außerdem könnte sich der temporäre Sondereffekt umkehren. Sobald die Lieferketten wieder normal laufen, dürften viele Kunden über hohe Lagerbestände verfügen. Über einen längeren Zeitraum könnten daher nur wenige neue Bestellungen eingehen, erwarten die Experten von ING.
Chemiesektor soll technisch anspruchsvoller werden
Energieintensive Standardchemikalien dürften immer stärker unter Wettbewerbsdruck stehen. Die starke Infrastruktur, der Hafen Rotterdam, die internationale Vernetzung und die vorhandenen Cluster sprechen jedoch für den Standort.
Die Niederlande dürften damit ein zentraler europäischer Standort für Chemie bleiben. Erwartet wird eine Verschiebung hin zu höherwertigen Chemiesegmenten.
Weg vom Volumen, hin zur Nachhaltigkeit
Die Branche wird sich voraussichtlich von volumengetriebenen Standardprodukten hin zu Spezialchemikalien, nachhaltigen Werkstoffen und biobasierten Produkten entwickeln. Hinzu kommen Batteriematerialien und klimafreundliche Prozesslösungen.
Wachstum dürfte künftig weniger über Produktionsmengen als über Technologie, Innovation und höhere Wertschöpfung entstehen.
Wachstumspotenziale bestehen vor allem bei Wasserstoff und klimaneutralen Molekülen sowie beim Auf- und Ausbau der CCS- und CO2-Infrastruktur.Hinzu kommen chemisches Recycling, biobasierte Rohstoffe und Hochleistungsmaterialien. Innovationscluster wie Rotterdam und Chemelot dürften künftig zu einer stärker technologie- und innovationsorientierten Chemieindustrie beitragen.
Um die Industrie im Land zu halten und die Klimaziele aufrechtzuerhalten, gab das niederländische Kabinett im September 2026 eine gewaltige Subvention von 1,3 Milliarden Euro für das CO2-Speicherprojekt Aramis frei. Das Projekt zählt zu den größten Initiativen für CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS – Carbon Capture and Storage) in den Niederlanden.
Verteidigungssektor rückt in den Fokus
Auch für die Verteidigungsindustrie gewinnt der niederländische Chemiesektor zunehmend an Bedeutung, wie eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft PwC und der niederländischen Forschungsorganisation TNO zeigt.
Untersucht wurden sechs Materialgruppen: energetische Werkstoffe, korrosionsbeständige Beschichtungen, starke Fasern und leichte Verbundwerkstoffe, technische Keramik, additive Fertigung sowie Metamaterialien.
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in den Niederlanden| Akteur/Projekt | Investitionssumme (in Mrd. Euro) | Projektstand | Anmerkungen |
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| Neste / Ausbau SAF-Produktion Rotterdam | ca. 1,9 | Schrittweise Inbetriebnahme, Fertigstellung 2027 | Ausbau der Produktion von Sustainable Aviation Fuel (SAF) und erneuerbaren Kraftstoffen aus biogenen und recycelten Rohstoffen |
| Porthos Project (Port of Rotterdam CO₂ Transport Hub and Offshore Storage) | ca. 1,3 | Fertigstellung für 2. Jahreshälfte 2027 geplant | Public-private partnership-Vorhaben zwischen EBN, Gasunie und der Port of Rotterdam Authority |
| Holland Hydrogen I (Shell) | etwa 1 | Fertigstellung 2027 | Bau eines der größten Elektrolyseure Europas zur Herstellung von grünem Wasserstoff |
| Indaver Plastic2Chemicals | 0,15 | Entstehungsphase | Ausbau der chemischen Recyclinganlage (von Kunststoffabfällen zu neuen chemischen Rohstoffen) |
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Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest, 2026
Von Michael Sauermost
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Bonn