Wirtschaftsumfeld | Polen | Besteuerung

Herbst der Steuerreformen in Polen

Polens Regierung will große Unternehmen stärker belasten und gleichzeitig Privathaushalte und energieintensive Industrien entlasten. Doch es gibt eine große politische Hürde.

Christopher Fuß

Von Christopher Fuß | Warschau

Große Unternehmen könnten in Polen ab 2027 eine höhere Körperschaftsteuer (CIT) zahlen. Die Regierung hat ein Reformpaket vorgestellt, das den CIT-Satz für Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro von derzeit 19 Prozent auf 22 Prozent anheben würde.

Noch stärker betroffen wären große Energieunternehmen. Für sie plant die Regierung eine befristete Sondersteuer. Der Körperschaftsteuersatz soll 2027 zunächst auf 30 Prozent steigen, 2028 dann auf 26 Prozent und 2029 auf 23 Prozent absinken. Ab 2030 soll wieder der reguläre Satz gelten. Dieser Schritt würde insbesondere bei staatlich kontrollierten Unternehmen zu höheren Steuerlasten führen. Dazu zählen der Mineralöl- und Gaskonzern Orlen sowie die Stromversorger PGE, Tauron und Enea.

Geplante Änderungen bei der Körperschaftsteuer in Polen
Unternehmensgröße 1)

CIT-Steuersatz heute 2)

CIT-Steuersatz geplant 2)

Kleine Unternehmen bis 2 Mio. Euro Umsatz

9

9

Unternehmen bis 50 Mio. Euro Umsatz

19

19

Unternehmen ab 50 Mio. Euro Umsatz

19

22

Energie- und Mineralölkonzerne ab 50 Mio. Euro Umsatz (2027)

19

30

1 Umgerechnet zum Wechselkurs der Europäischen Zentralbank, 4,3 Polnische Złoty (Zł) = 1 Euro; 2 Steuersätze in Prozent der Bemessungsgrundlage.Quelle: Polnisches Finanzministerium 2026

Neue Steuerstufe für mittlere Einkommen

Mit den zusätzlichen Einnahmen will die Regierung unter anderem Entlastungen bei der Einkommensteuer finanzieren. Bislang gilt in Polen ein Steuersatz von 12 Prozent für Jahreseinkommen bis 27.900 Euro (120.000 Złoty). Einkommen oberhalb dieser Schwelle werden mit 32 Prozent besteuert.

Künftig soll nach den Plänen der Regierung eine dritte Steuerstufe gelten. Bis 30.200 Euro (130.000 Złoty) fallen dann weiterhin 12 Prozent an. Für Einkommen zwischen 30.200 Euro (130.000 Złoty) und 34.900 Euro (150.000 Złoty) gäbe es einen neuen Satz von 24 Prozent. Erst oberhalb von 34.900 Euro (150.000 Złoty) greifen dann die 32 Prozent. Insbesondere mittlere Einkommen würden von dem Schritt profitieren.

Geplante Änderungen bei der Einkommensteuer in Polen
Einkommen pro Jahr 1)Einkommensteuersatz heute 2)

Einkommensteuersatz ab 2027 2)

bis 27.900 Euro

12

12

27.900 bis 30.200 Euro

32

12

30.200 bis 34.900 Euro

32

24

über 34.900 Euro

32

32

1 Umgerechnet zum Wechselkurs der Europäischen Zentralbank, 4,3 Polnische Złoty (Zł) = 1 Euro; 2 Steuersätze in Prozent der Bemessungsgrundlage.Quelle: Polnisches Finanzministerium 2026

Industriestrompreis soll kommen

Eine weitere Entlastung betrifft energieintensive Industriezweige. Die Einnahmen aus der höheren Körperschaftsteuer für Energieunternehmen würden eine Strompreisbremse finanzieren. Die Förderung soll sich an den Vorgaben des europäischen Beihilferahmens CISAF (Clean Industrial Deal State Aid Framework) orientieren.

Demnach darf der Strompreis nach der Förderung nicht unter 5 Cent je Kilowattstunde fallen. Die Förderung darf zudem höchstens die Hälfte des jährlichen Stromverbrauchs abdecken. Unternehmen müssen außerdem mindestens die Hälfte der Förderung investieren, um energieeffizienter zu werden oder um Emissionen zu verringern. Der Industriestrompreis in Deutschland basiert ebenfalls auf den CISAF-Vorgaben.

Polens Regierung begründet das Vorhaben für die Strompreisbremse mit den hohen Energiekosten der Industrie. Laut Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat gehören die Strompreise für energieintensive Unternehmen in Polen zu den höchsten in der EU.

Höhere Belastung für Top-Spezialisten

Die geplanten Steuerreformen betreffen auch Selbstständige und Gewerbetreibende. Sie können in Polen eine Pauschalbesteuerung wählen, die als Ryczałt bezeichnet wird. Der Steuersatz richtet sich nach der jeweiligen Tätigkeit. Bislang können Unternehmer dieses System nutzen, wenn ihr Jahresumsatz 2 Millionen Euro nicht überschreitet. 

Künftig soll die Grenze auf 250.000 Euro sinken. Damit würde die Regierung weitgehend zu den Regeln zurückkehren, die vor einer Reform im Jahr 2021 galten. Überschreitet ein Unternehmer die Umsatzgrenze von 250.000 Euro, verliert er im folgenden Jahr das Recht auf die Ryczałt-Besteuerung. Zusätzlich würde im laufenden Jahr für Umsätze oberhalb von 300.000 Euro ein erhöhter Pauschalsteuersatz von 17 Prozent gelten.

Besonders relevant ist die Änderung für hochqualifizierte Dienstleister. Dazu zählen IT-Spezialisten, die diese Form der Besteuerung häufig nutzen. Für sie könnte die Steuerbelastung künftig steigen.

Gemischte Auswirkungen

Die Folgen der Reformen für internationale Unternehmen werden voraussichtlich unterschiedlich ausfallen. Niedrigere Einkommensteuern dürften den privaten Konsum stärken. Nach Schätzungen des polnischen Finanzministeriums sparen Steuerzahler durch die neue Steuerstufe bis zu 840 Euro pro Jahr. Wenn die Verbraucher mehr Netto vom Brutto übrig haben, könnten auch deutsche Einzelhändler und Hersteller von Konsum- und Haushaltswaren profitieren.

Die höhere Körperschaftsteuer würde hingegen deutsche Investoren in Polen treffen, deren Umsatz über 50 Millionen Euro liegt. Gleichzeitig könnte die Strompreisbremse die Nachfrage nach energieeffizienten Maschinen und nach Umwelttechnik steigern, da die geförderten Unternehmen einen Teil der Unterstützung in entsprechende Projekte investieren müssten.

Ob die Reformen tatsächlich in Kraft treten, ist keineswegs sicher. Die Regierung will die Gesetzentwürfe im 3. und 4. Quartal 2026 ins Parlament einbringen. Nach einer erfolgreichen Abstimmung müsste der Staatspräsident Karol Nawrocki die Gesetze unterzeichnen. Nawrocki steht der Oppositionspartei PiS nahe und hat mehrfach erklärt, dass er keine Steuererhöhungen unterzeichnen wolle. Da das Reformpaket mehrere Steuererhöhungen vorsieht, ist ein Veto des Präsidenten nicht ausgeschlossen.