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Special | Polen | Beschaffung

IT-Standort Polen punktet mit verfügbaren Fachkräften

Im weltweiten Vergleich sind Polens IT-Dienstleister nicht die billigsten. Doch das Land überzeugt mit anderen Qualitäten. Polnisches Know-how steckt bereits in vielen Produkten.

Christopher Fuß

Von Christopher Fuß | Warschau

Wer das Touchdisplay der Küchenmaschine Thermomix TM7 anfasst, kommt mit Software aus Polen in Berührung. Das polnische Softwarestudio Spyrosoft entwickelte die Bedienoberfläche gemeinsam mit den Ingenieuren des Herstellers Vorwerk. Über den Bildschirm steuern Nutzer sämtliche Funktionen des Geräts.

"Wir arbeiten bereits seit vielen Jahren mit Vorwerk zusammen, dem bedeutendsten Direktvertriebsunternehmen in Europa und dem weltweit führenden Direktverkäufer hochwertiger Haushaltsgeräte", freut sich der Geschäftsführer der Spyrosoft-Tochter Spyrosoft Solutions, Witold Leder, im Gespräch mit Germany Trade & Invest.

Die Kooperation zeigt, welche Bedeutung internationale Märkte für den polnischen IT-Dienstleister haben: "Etwa ein Viertel unseres Umsatzes erwirtschaften wir in deutschsprachigen Ländern", sagt Leder.

Immer mehr IT-Dienstleistungen kommen aus Polen

42,8 Prozent

beträgt der Anteil des Exports an allen Umsätzen in Polens IT-Industrie

Gemeinsame Projekte wie zwischen Spyrosoft und Vorwerk sind kein Einzelfall. Laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat bestellten deutsche Auftraggeber im Jahr 2025 IT-Dienstleistungen aus Polen für rund 1,8 Milliarden Euro. Der Wert hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht.

Für den Erfolg der polnischen IT-Branche gibt es aus Sicht von Witold Leder mehrere Gründe: "Wir haben eine ähnliche Denkweise wie deutsche mittelständische Unternehmen", sagt er. Das Beispiel Spyrosoft verdeutliche dies: "Trotz unserer Größe mit über 2.000 Beschäftigten wird unser Unternehmen nach wie vor von den Gründern geführt. In gewisser Weise sind wir also immer noch so etwas wie ein Familienbetrieb", fügt er hinzu. Dadurch seien die Entscheidungswege kurz, was deutsche Unternehmen schätzen würden.

Vielfältige Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Firmen kann unterschiedliche Formen annehmen. Das verdeutlichen die Projekte des Softwareentwicklers Netguru aus Poznań.

Für den deutschen Chemie- und Pharmakonzern Merck entwickelte das Unternehmen eine Anwendung, die mit künstlicher Intelligenz (KI) wissenschaftliche Fachpublikationen analysiert. Die Software sucht nach chemischen Substanzen und prüft, ob diese bereits im Produktkatalog von Merck enthalten sind. Auf diese Weise kann der Konzern seinen Vertrieb neuen Marktbedürfnissen anpassen.

Netguru unterstützt Unternehmen nicht nur mit KI-Lösungen. Für den Lieferdienst Delivery Hero aus Berlin stellte der Dienstleister IT-Fachkräfte bereit. Sie erarbeiteten gemeinsam mit den Entwicklern des Kunden neue Lösungen. In der Spitze waren bis zu 30 Spezialisten von Netguru für Delivery Hero aktiv.

Die Beispiele zeigen: Polnische IT-Dienstleister entwickeln für ihre Kunden sowohl komplette Anwendungen, ergänzen aber auch bestehende Teams der Auftraggeber.

Internationale Projekte tragen dazu bei, dass sich Polens IT-Sektor im Aufwind befindet. Die Zahl der Anbieter von Programmierdienstleistungen stieg laut nationaler Statistikbehörde GUS zwischen 2022 und 2025 um 21 Prozent. Die Umsätze legten im gleichen Zeitraum um 47,8 Prozent zu.

Firmen investieren in neue Standorte

Mit der wachsenden Zahl von Dienstleistern verstärkt sich auch der Konkurrenzkampf um IT-Aufträge aus Deutschland. Eine Möglichkeit, sich in diesem Marktumfeld zu behaupten, sind Firmenübernahmen.

Anfang 2026 kaufte Spyrosoft aus Wrocław das deutsche Softwarehaus MD Consulting. "Dadurch gewinnen wir Zugang zu neuen Kunden, vor allem aus dem öffentlichen Sektor. MD Consulting erbringt seit über 30 Jahren Dienstleistungen in diesem Segment", sagt Spyrosoft-Solutions-Geschäftsführer Leder. Die Übernahme hat noch einen weiteren Effekt: "Die Zusammenarbeit mit einem lokalen Unternehmen ist für Kunden oft von Bedeutung und stärkt ihr Vertrauen, was in unserer Branche sehr wichtig ist", erklärt er.

Doch auch umgekehrt investieren deutsche Unternehmen in den IT-Standort Polen. Ein Beispiel ist die Drogeriemarktkette dm. Sie eröffnete 2021 in Wrocław ein Büro, in dem auch ihre IT-Tochter dmTECH vertreten ist. Neben der Zentrale in Karlsruhe ist es der zweite IT-Standort des Unternehmens. Rund 100 IT-Spezialisten sind heute in Wrocław für dm aktiv.

Warum sich das Unternehmen für den Standort entschieden hat, erläutert Niederlassungsleiter Stephan Seitz gegenüber Germany Trade & Invest: "Wrocław ist eines der stärksten akademischen Zentren im IT-Bereich, das seit mehreren Jahren aktiv den Bereich der KI ausbaut." Zudem lasse sich dort leichter Personal finden, das neben Englisch auch Deutsch beherrscht.

Inzwischen übernimmt die polnische Tochtergesellschaft eigenständig ganze Projekte. Wie groß ihre Verantwortung mittlerweile ist, zeigt das Beispiel digitales biometrisches Passbild: "Kundinnen und Kunden können in unseren deutschen dm-Märkten ein digitales Passfoto erstellen und es anschließend mithilfe eines Codes bei Behörden nutzen. Diese Lösung haben wir in Polen entwickelt", betont Seitz.

Weitere Projekte sollen folgen. Für den Standort Wrocław hat dmTECH ehrgeizige Wachstumspläne. "Die Zahl unserer Mitarbeitenden wird sich im kommenden Jahr mindestens verdoppeln", sagt Seitz. Der Ausbau von KI-Anwendungen spiele dabei eine wichtige Rolle. Um KI in eigene Prozesse zu integrieren, seien erhebliche Anstrengungen erforderlich.

Verfügbarkeit von Fachkräften wichtiger als Kosten

Die Investoren kommen, obwohl Polen im IT-Sektor kein Niedriglohnland ist. Laut einer GTAI-Auswertung des Gehaltsreports von Stack Overflow betrug der mittlere Jahresverdienst von Softwareentwicklern in Polen im Jahr 2025 rund 52.000 Euro. Damit liegt das Gehaltsniveau nur etwa ein Drittel unter dem von Entwicklern in Deutschland.

Dass Polens IT-Branche trotzdem wächst, hängt mit der Verfügbarkeit von Fachkräften zusammen. Laut Eurostat schlossen 2024 insgesamt 20.628 Studierende in Polen ein Bachelor- oder Masterstudium der Informatik ab. Das waren 31,7 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Die Hochschulen bringen damit jedes Jahr mehr IT-Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt.

Wenig überraschend siedeln sich IT-Firmen in der Nähe von großen Universitäten an. Laut dem Branchenverband für Dienstleistungszentren ABSL arbeitet rund die Hälfte aller IT-Beschäftigten in den drei Großstädten Warschau, Krakau und Wrocław.

Gleichzeitig nimmt der Wettbewerb um Fachkräfte zu. Das polnische IT-Jobportal Just Join IT registrierte im 1. Halbjahr 2026 rund 86 Prozent mehr Stellenanzeigen als im Vorjahreszeitraum. Hoch im Kurs stehen Entwickler mit mehrjähriger Berufserfahrung. Nur rund 5 Prozent der Stellenanzeigen richteten sich an Berufseinsteiger. Viele Aufgaben von Junior-Entwicklern lassen sich heute mit KI automatisieren.

Steuererleichterungen helfen der Branche

Das Wachstum der Branche hängt auch mit den Rahmenbedingungen zusammen. Investoren können in Polen von Nachlässen auf die Körperschaftsteuer profitieren. IT-Unternehmen müssen im Vergleich zur Industrie geringere Summen investieren, um die Gutschriften zu erhalten.

Hinzu kommen Steuerprogramme wie die IP Box. Auf Einnahmen aus der Vermarktung von geistigem Eigentum – etwa selbst entwickelter Software – fällt ein ermäßigter Körperschaftsteuersatz von 5 Prozent an. Der reguläre Satz beträgt 19 Prozent.

Viele IT-Fachkräfte sind als selbstständige Gewerbetreibende aktiv. Dieses Modell ist allerdings nicht unumstritten. Im Juli 2026 erhielt die staatliche Arbeitsinspektion zusätzliche Befugnisse, um zivilrechtliche Vertragsmodelle genauer zu überprüfen. Investoren sollten bei dieser Beschäftigungsform daher das Problem der Scheinselbstständigkeit vor Augen haben.