Interview | Tschechische Republik | Strukturwandel
"Der Wandel muss als Chance begriffen werden"
Wie sind die Rahmenbedingungen in Tschechiens Strukturwandelregionen? Darüber sprechen wir im Interview mit einem deutschen Mittelständler, der im Kohlerevier Sokolov produziert.
25.03.2026
Die sauerländische Deutsche Holzveredelung Schmeing GmbH & Co. KG (dehonit) ist seit drei Jahrzehnten im tschechischen Sokolov (Region Karlovy Vary) aktiv. Dort produziert das mittelständische Unternehmen Rohmaterialien und Halbfertigprodukte aus Kunstharzpressholz, die anschließend im Hauptwerk Kirchhundem weiterverarbeitet werden. Mitinhaber Marc Schmeing berichtet im Interview über die Standortbedingungen im tschechischen Braunkohlerevier. (SOHE: Bitte die Rechtsfor des Unternehmens aus dem Fließtest rausnehmen und den Interviewpartner bitte fetten)
Herr Schmeing, warum hat sich die Deutsche Holzveredelung für den Standort Sokolov entschieden?
Die Entscheidung fiel vor 30 Jahren, als wir ein Gebäude suchten, das möglichst grenznah sein sollte. Im Umland von Prag waren schon damals für unsere Produktion kaum Arbeitskräfte zu finden, auch keine geeigneten Immobilien. Wir wollten mit einem bestehenden Gebäude starten, da uns zu der Zeit die Kontakte zur Baubranche fehlten. Wir haben dann ein passendes Angebot in Sokolov gefunden. Vieles war damals noch nicht absehbar, hat sich später aber als positiv herausgestellt.
Haben Sie für den Aufbau des Standorts Fördermittel bekommen oder nutzen Sie diese für künftige Erweiterungen?
Nein, das haben wir nie in Anspruch genommen.
Wie wirkt sich der laufende Strukturwandel der Kohleregion auf das Geschäft aus?
Direkt als Marktteilnehmer spüren wir davon nichts. Indirekt wirkt es sich aber schon aus, weil die Stimmungslage eher schlecht ist und beispielsweise Investitionen im Einzelhandel oder der Gastronomie überschaubar sind. Da hat sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert, abgesehen vom Zentrum in Karlovy Vary. Noch gibt es wenig Initiative hier, die Situation zu verändern und den Wandel als Chance zu begreifen.
Wie steht es um die Verfügbarkeit von Fachkräften?
Vor der Coronapandemie lockten Personaldienstleister die Leute mit besseren Konditionen nach Bayern. Auch wir verloren mehrere gute Mitarbeiter an bayerische Arbeitgeber. Das hat sich stabilisiert, denn die tägliche Fahrtzeit beläuft sich für Pendler schnell auf drei Stunden. Die Abgaben und Steuern in Deutschland sind hoch, das Fahren ist teuer.
"Gute Mitarbeiter zieht es nach Prag oder ins Ausland."
Problematisch ist aber immer noch das Ausbildungsniveau der gewerblichen Arbeitskräfte vor Ort. Gute Mitarbeiter für die Verwaltung zieht es nach Prag oder ins Ausland. Wir versuchen die Fluktuation niedrig zu halten. Das gelingt uns, aber gute und motivierte Mitarbeiter zu finden, ist schwer. Ein junger Schlosser oder Elektriker hat nach seiner Ausbildung nur mangelhafte Grundkenntnisse. Zwar wird in der Kohleindustrie Personal abgebaut, aber die Integration von Mitarbeitern aus großen Unternehmen in kleine Mittelständler, wie wir es sind, ist nicht sehr einfach. Bei uns sind Flexibilität, Mitdenken und Eigeninitiative gefragt. Das sind nicht gerade die Fähigkeiten, die in solch großen Einheiten wie einem Braunkohletagebau gefördert wurden.
Gibt es Verbesserungen bei der Infrastrukturanbindung der Region?
Die Verfügbarkeit des Internets ist gut. An der Autobahnverbindung nach Prag wird endlich mit Hochdruck gebaut. Der Großteil der Strecke ist inzwischen fertig, am Rest wird intensiv gebaut. Insgesamt passiert im Straßenbau aber zu wenig, um den Verschleiß kompensieren zu können.
Auch die Stromnetze sind weiterhin instabil. Wie vor 20 Jahren können Sie bei einem schweren Gewitter darauf wetten, dass der Strom für 10 bis 90 Minuten ausfällt.
Welche Zukunftspläne hat das Unternehmen am Standort Sokolov?
Unser Geschäft läuft gut, wir haben gerade 5 Millionen Euro investiert und möchten am Standort weiterhin moderat wachsen. Allerdings werden wir schnell ein Platzproblem bekommen. Die Stadt hat gerade ein Nachbargrundstück von Industrie- in Gewerbefläche umgewidmet, um ein Gartencenter zu errichten. Dies zeigt in meinen Augen den Stellenwert, den kleinere Industriebetriebe hier haben. Wir haben 80 Mitarbeiter und mussten noch nie wegen Arbeitsmangel jemanden entlassen.
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