Wirtschaftsumfeld | Polen und Tschechische Republik | Strukturwandel

Abschied vom fossilen Zeitalter

Tschechien und Polen haben den Ausstieg aus der Kohleförderung beschlossen. Nun müssen die Bergbaureviere den Strukturwandel bewältigen. Fördermittel und Investoren stehen bereit.

Von Christopher Fuß, Gerit Schulze | Warschau, Prag

Der Strukturwandel in Mittelosteuropa betrifft vor allem die Kohlereviere in Polen und in Tschechien. Beide Länder hatten in der Vergangenheit stark auf den einheimischen Rohstoff gesetzt, um ihre Energieproduktion zu sichern. Doch die ökologischen Folgen für Landschaft und Klima sind hoch. Der Betrieb der fossilen Kraftwerke lohnt sich angesichts teurer Emissionszertifikate immer weniger.

Daher läuten die Regionen eine wirtschaftliche Zeitenwende ein. Mit Innovationen, Fördermitteln und privaten Investoren wollen sie den Strukturwandel meistern. Germany Trade & Invest hat analysiert, wie Polen und Tschechien die Zukunft ihrer Kohlereviere voranbringen. Deutsche Unternehmen sind dabei mit ihrem Know-how und ihren Technologien gefragte Partner.

  • Der Strukturwandel in Polens und Tschechiens Kohlerevieren bietet deutschen Unternehmen gute Chancen. Neue Industrien entstehen, ökologische Altlasten müssen beseitigt werden.

    Tschechien und Polen verabschieden sich von der Kohle. Zwar langsam und mit wenig Enthusiasmus, dafür mit festen Fristen und unter wirtschaftlichem Druck. Denn sowohl die Förderung des fossilen Brennstoffs als auch seine Verbrennung zur Energiegewinnung rechnen sich immer weniger. 

    Allerdings kostet der Abschied aus dem Kohlezeitalter Kraft, Karrieren und vor allem Kapital. Er bedeutet für die betroffenen Regionen einen tiefgreifenden Strukturwandel, der ohne Hilfe von außen kaum zu stemmen ist. Zwölf polnische Landkreise und drei Bezirke in Tschechien (Kraje) bekommen Förderung aus dem EUFonds für einen gerechten Übergang (Just Transition Fund, JTF). Sie sind die traditionellen Kohlestandorte ihrer Länder und stehen nun vor dem Übergang zu einer neuen Wirtschaftsstruktur. 

    Germany Trade & Invest (GTAI) hat untersucht, wie die beiden Nachbarländer den Strukturwandel anpacken und wie deutsche Unternehmen davon profitieren können. Die analysierten Kohleregionen in Polen und Tschechien sind zusammen so groß wie das Bundesland Niedersachsen. Über 9 Millionen Menschen leben dort. Ihre Wirtschaftsleistung ist größer als die der drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen zusammen. 

    Viele Menschen verlassen die Regionen

    Zugleich sind die Herausforderungen enorm. Alle Regionen verlieren Einwohner durch Abwanderung. Besonders groß ist der Aderlass in den polnischen Kohlerevieren von Dolnośląskie und Łódzkie. Die Arbeitslosigkeit liegt fast durchweg über dem jeweiligen Landesdurchschnitt (Ausnahme: Śląskie), zum Teil sogar an der Spitze, wie in den tschechischen Kreisen Most, Karviná und Bruntál, die Tschechiens Arbeitslosenstatistik anführen.

    Doch auch wenn die Kohleregionen mit ihren verlassenen Industrieruinen und der geschundenen Landschaft zuweilen ein trostloses Bild vermitteln - Investoren bieten sie Potenziale. Denn im Eilverfahren stoßen die Regionen neue Industriezweige an, setzen auf Energieeffizienz und Automatisierung. Sie nehmen Supercomputer, KI-Datenzentren und 5G-Netze in Betrieb. Und nicht zuletzt fördern sie Forschung und Entwicklung, Start-ups und die Requalifizierung von Personal.

    Arbeitskräfte und freie Flächen als Pluspunkt

    Anders als in den Boomregionen von Polen und Tschechien gibt es hier noch Arbeitskräfte, freie Gewerbeflächen und hohe Förderquoten. Die erfahrenen Elektriker oder Schlosser, die im Bergbau Beschäftigung fanden, sind bei Investoren gefragt. 

    Zugleich ist der Kostendruck geringer als in den wirtschaftlich prosperierenden Gegenden. In allen von GTAI untersuchten polnischen und tschechischen Strukturwandelregionen liegen die Löhne unter dem Landesdurchschnitt. 

    Deutsche Investoren schätzen außerdem die gut ausgebauten Verkehrsverbindungen in den Ballungsräumen. Das Schienen- und Straßennetz in den Kohlerevieren ist traditionell eng geknüpft. Allerdings fehlen gerade in Tschechien häufig noch die grenzüberschreitenden Trassen nach Sachsen, Bayern und Polen. Und von Prag nach Karlovy Vary gibt es bis heute keine durchgehende Autobahn. Immerhin laufen die Bauarbeiten an der Trasse auf Hochtouren. 

    Einen richtigen Schub könnte die tschechische Region Ústí nad Labem durch zwei Eisenbahntunnel bekommen, die quer durchs Erzgebirge und das Böhmische Mittelgebirge führen sollen. Ab den 2040er Jahren könnten Prag und Dresden mit dem Zug in unter einer Stunde erreichbar sein.

    Größtes Projekt findet wieder im Bergbau statt

    Ein weiteres Großvorhaben ist der Lithiumabbau im tschechischen Erzgebirge, das vom größten Stromkonzern des Landes, ČEZ, vorangetrieben wird. Fast 2 Milliarden Euro sind für die Erschließung und Erzaufbereitungsanlage nötig. 

    Solche Megaprojekte sind noch selten in den Strukturwandelregionen. Manche Pläne scheitern noch vor dem ersten Spatenstich, etwa die Batteriefabrik eines asiatischen Konzerns in Mährisch-Schlesien oder eine Wärmepumpenproduktion von Bosch in Niederschlesien. 

    Bei der künftigen Energieversorgung setzen die Strukturwandelregionen auch auf Atomkraft. An der Grenze zu Sachsen plant Tschechiens Energiekonzern ČEZ die ersten kleinen modularen Reaktoren (SMR) des Landes. In Polen hofft die Stadt Bełchatów, als Standort für ein neues Atomkraftwerk ausgewählt zu werden. In dem Ort steht heute noch das weltweit größte Braunkohlekraftwerk mit über 5 Gigawatt Leistung. Allein dieses Kraftwerk emittiert pro Jahr ähnlich viel CO2 wie ganz Irland oder die Slowakei. 

    Der Betrieb solcher Stromanlagen ist wegen der hohen Kosten für Emissionszertifikate kaum noch wirtschaftlich. Auch Tschechien und Polen arbeiten daher mit Hochdruck an der Energiewende und dem Umstieg auf erneuerbare Quellen. Auf den riesigen Flächen alter Tagebaue entstehen Solarparks oder Windräder, teilweise kombiniert mit großen Batteriespeichern. 

    Langsamer Hochlauf bei Wasserstoff

    Ambitionierte Pläne gibt es auch für die Produktion von Wasserstoff. Das betrifft sowohl die Produktion des Energieträgers als auch den praktischen Einsatz. Ein polnischer Braunkohleförderer erzeugt Wasserstoff und hat einen eigenen Brennstoffzellenbus entwickelt. Allerdings entwickelt sich die Nachfrage nach dem klimafreundlichen Energieträger langsamer als geplant.

    Ohne Fördermittel ist in Polens und Tschechiens Kohlerevieren der Wandel zu neuen Industriezweigen kaum zu schaffen. Darum fließen aus dem EU-Fonds für einen gerechten Übergang (JTF) rund 5,6 Milliarden Euro in den Strukturwandel beider Länder. Die EU hat bis Ende 2025 etwa zwei Drittel des Fördervolumens zugesagt, wodurch Tausende Projekte angeschoben wurden. Da bislang aber erst ein Zehntel der Mittel ausgezahlt wurde, ergeben sich für deutsche Unternehmen weiterhin gute Beteiligungschancen.

    Von Gerit Schulze | Prag

  • Drei tschechische Regionen wollen ihr fossiles Erbe abschütteln und mit neuen Industrien die Zukunft meistern. Sie setzen auf saubere Energie, Mobilität und mehr Wertschöpfung.

    An einem nasskalten Nachmittag im Februar 2026 fuhr im Bergwerk ČSM die letzte Lore aus 1.000 Metern Tiefe ans Tageslicht. Damit endete nach fast 250 Jahren die Steinkohleförderung in Tschechien. Etwa 700 Kumpel bleiben beim Staatsbetrieb OKD beschäftigt, um Bergwerksanlagen zu sichern und Altlasten zu beseitigen.

    Was in Mährisch-Schlesien vollzogen ist, steht in zwei weiteren Regionen bevor: Karlovy Vary und Ústí nad Labem bereiten den Ausstieg aus der Braunkohleförderung vor. Spätestens Ende 2033 sollen im letzten Großtagebau Bílina bei Most die Lichter ausgehen, in den Revieren rund um Sokolov und Chomutov schon 2030. So steht es im Nationalen Klima- und Energieplan, der 2024 verabschiedet wurde.

    Ein Drittel des Stroms immer noch aus Kohle

    Damit befinden sich die drei tschechischen Kohleregionen Mährisch-Schlesien, Karlovy Vary und Ústí nad Labem mitten im Strukturwandel - wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Die großen Kohlekraftwerke, die in Tschechien mehr als ein Drittel der Stromerzeugung sicherstellen, gehen schrittweise vom Netz. Schon heute lohnt sich ihr Betrieb wegen der teuren CO2-Zertifikate kaum noch.

    Ersatz muss also her, und das möglichst schnell. Die drei betroffenen Strukturwandelregionen haben dafür Innovationsstrategien erstellt. Jeder Standort setzt eigene Akzente und betont regionale Traditionen.

    "Wir bemühen uns darum, unsere starke industrielle Basis zu behalten, aber gleichzeitig zu einer Wirtschaft mit mehr Wertschöpfung überzugehen", sagt Václav Palička, Aufsichtsratsvorsitzender bei der Entwicklungsagentur Mährisch-Schlesien (MSID) im Interview mit Germany Trade & Invest. Das soll durch Modernisierung der traditionellen Industriezweige geschehen, durch Automatisierung, Digitalisierung und Industrie4.0. "Gleichzeitig ist eine breitere Diversifizierung der Wirtschaft das Ziel. Dazu gehören IT, Shared Services, Medizintechnik, Energie sowie Forschung und Entwicklung."

    Die Region hat bereits eine starke Forschungslandschaft mit der Technischen Universität VŠB-TUO und dem Supercomputerzentrum IT4Innovations in Ostrava. Dort steht seit Herbst 2025 Tschechiens erster Quantencomputer. Das Forschungszentrum CEET ist spezialisiert auf Wasserstofftechnologien, Energiespeicherung und alternative Rohstoffe.

    Wirtschaftsförderer Palička setzt aber auch auf die Industriebrachen. "Wir beteiligen uns aktiv an der Revitalisierung von Brownfields und deren Erschließung für moderne Industrie-, Büro- oder Wohnprojekte." Flächen gibt es also genug. BMW zum Beispiel plant im Industriegebiet Mošnov ein großes Logistikzentrum.

    25.03.2026 Interview | Tschechische Republik | Strukturwandel
    "Deutsche Firmen schätzen unsere Industrietradition"

    Mährisch-Schlesien war lange das industrielle Herz Tschechiens. Kohle und Stahl dominierten die Region. Im Interview geht es um die Zukunftsbranchen und das deutsche Engagement.

    Wenig Industrie im Bäderdreieck

    Schwieriger ist die Ausgangslage im Bezirk Karlovy Vary. Dort ist die industrielle Basis dünn, die Forschungslandschaft überschaubar. Es ist die einzige Region des Landes ohne Hochschule. Dafür grenzt sie an zwei deutsche Bundesländer und ist mit dem Bäderdreieck Karlsbad, Marienbad und Franzensbad eine touristische Hochburg. Fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung entfällt auf das Kurwesen.

    Die regionale Innovationsstrategie definiert fünf Kernbranchen: Maschinenbau und Mechatronik, Automobilzulieferer und autonome Mobilität, Porzellan- und Glasfertigung, neue Energietechnologien und Bädertourismus.

    Milliardenhilfen für den Wandel

    Größter Fördertopf für tschechische Strukturwandelregionen ist das EU-Programm "Gerechter Übergang". Dafür stehen in der aktuellen Förderperiode in den drei Regionen rund 1,7 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Gelder können genutzt werden für den Bau von Gründerzentren, klimafreundliche Industrieanlagen und Umschulung

    Der nationale RE:START-Plan ergänzt diese Förderung, zum Teil als Kofinanzierung. Hier liegt der Fokus auf Energie-Transformation und Innovationsförderung. 

    Außerdem vergeben die Regionen Voucher an Unternehmensgründer, die für Forschungsprojekte, Marketing oder Produktentwicklung genutzt werden können. 

    Für grenzüberschreitende deutsch-tschechische Projekte eignen sich die EU-Programme Interreg Sachsen-Tschechien und Interreg Bayern-Tschechien. Sie fördern den Aufbau von Netzwerkaktivitäten, Wissens- und Technologietransfer sowie die Einführung innovativer Technologien. In Mährisch-Schlesien greift das Interreg-Programm Tschechien-Polen.

    Neben dem Kurwesen entwickelt sich der Bezirk Karlovy Vary zu einem Zentrum des autonomen Fahrens. Leuchtturmprojekt ist ein Testgelände, das BMW auf einem ehemaligen Braunkohletagebau betreibt. Das 300 Millionen Euro teure "Future Mobility Development Center" ermöglicht dem Münchner Autokonzern die reale Erprobung von hoch- und vollautomatisiertem Fahren.

    Karlovy Vary und sein Umland sind Modellregion für 5G-Netze, über die autonome Fahrzeuge gesteuert werden können. Spätestens in drei Jahren sollen nahtlose Signalverbindungen entlang der Autobahn D6 sowie in allen größeren Städten funktionieren. Mit einem stabilen 5G-Netz in der Region könnten autonome Shuttlebus‑Linien in den Kurorten betrieben werden. Durch die Fußgängerzone von Cheb kurvt im Testbetrieb bereits heute ein selbstfahrendes Müllfahrzeug und entleert die Abfalltonnen.

    Kohlekonzern baut jetzt Solarparks

    Wie die anderen Kohleregionen setzt Karlovy Vary auf neue Energiequellen. Der dominierende Kohlekonzern SUAS entwickelt Tagebauflächen rund um Sokolov zu einem "Energy Hub". Eine Kombination aus traditionellen und erneuerbaren Energien sowie riesige Stromspeicher sollen das Netz stabilisieren und für Energiesicherheit in ganz Tschechien sorgen. In Ort Lipnice u Vintířova entsteht derzeit ein Batteriespeicher mit 120 Megawattstunden Kapazität. 

    Auch für Projektentwickler ist das Kohlerevier attraktiv, denn Bayern und Sachsen sind gleich um die Ecke. Der Business Park Cheb ist einer der größten Logistikstandorte Tschechiens. Dort betreibt Modehändler H&M ein riesiges Vertriebszentrum. Auch Tchibo, DHL und der Autoteilehersteller BWI gehören zu den Mietern.

    Eine der deutschen Firmen, die sich schon vor 30 Jahren im Raum Karlovy Vary angesiedelt hat, ist dehonit. Der Hersteller von hochverdichtetem Schichtholz entschied sich wegen der Nähe zu Deutschland und verfügbaren Arbeitskräften für den Standort. 

    Einen Aufschwung und Stimmungswandel im Kohlerevier Sokolov nimmt Geschäftsführer Marc Schmeing bislang nicht wahr. "Noch gibt es wenig Initiative hier, die Situation zu verändern und den Wandel als Chance zu begreifen." 

    Die Beschäftigten aus den früheren Tagebauen seien nicht immer in kleine Mittelständler integrierbar, berichtet der Unternehmer. "Bei uns sind Flexibilität und Eigeninitiative gefragt. Das sind nicht gerade die Fähigkeiten, die in solch großen Einheiten gefördert wurden." 

    25.03.2026 Interview | Tschechische Republik | Strukturwandel
    "Der Wandel muss als Chance begriffen werden"

    Wie sind die Rahmenbedingungen in Tschechiens Strukturwandelregionen? Darüber sprechen wir im Interview mit einem deutschen Mittelständler, der im Kohlerevier Sokolov produziert.

    Requalifizierung als Schlüssel zum Strukturwandel

    Umschulung und Requalifizierung sind für den Transformationsprozess in allen Kohleregionen wichtig. Im Bezirk Ústí nad Labem steckt neben dem Kohleabbau auch die Chemieindustrie in der Krise. Die hohen Energiepreise haben die Produktion von Grundchemikalien weniger rentabel gemacht. Die regionale Innovationsstrategie plädiert daher für Investitionen in neue Kunststoffe, Recyclingverfahren und alternative Einsatzstoffe. Außerdem will die Region Zulieferer für den Halbleitercluster Silicon Saxony ansiedeln. 

    Die größte Hoffnung ruht auf der Lithiumlagerstätte Cínovec im Erzgebirge. Investor ist das Unternehmen Geomet, das Tschechiens größtem Energiekonzern ČEZ und dem australischen EHM-Konzern gehört. Es könnten rund 4.000 Arbeitsplätze entstehen - im Bergbau, beim Transport, bei der Aufbereitung und Verarbeitung des Rohstoffs. 

    ČEZ rechnet mit Kosten von 1,7 Milliarden Euro für die Erschließung der Lagerstätte und der Weiterverarbeitung. Es wäre eines der größten Investitionsvorhaben in Tschechiens Kohleregionen. Die Verarbeitungsanlage für die Lithiumerze entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Prunéřov. Der Abbau des Rohstoffs könnte 2030 starten.

    Strom soll den Hochofen befeuern

    Das Beispiel zeigt, dass die alten Industriezweige in Tschechiens Strukturwandelregionen nicht völlig verschwinden. Das gilt auch für die Montanindustrie bei Ostrava. Das Stahlwerk Nová Huť plant für 700 Millionen Euro einen Elektrolichtbogenofen. Statt Kohle würde die Anlage dann Strom nutzen, um Eisenschrott zu schmelzen. 

    Auch mit den Überresten des Kohle- und Stahlzeitalters lässt sich heute Geld verdienen. Das Unternehmen JK Recycling will aus alter Hochofenschlacke Material für den Straßenbau gewinnen.

    Solarparks, Batterien und Wasserstoff

    In den drei tschechischen Kohleregionen laufen große Investitionsvorhaben in neue Energiequellen, Technologie und Renaturierung. Germany Trade & Invest hat Projekte zusammengestellt, die auch für deutsche Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten bieten:

    Investitionsvorhaben Karlovarský kraj 

    Investitionsvorhaben Ústecký kraj 

    Investitionsvorhaben Moravskoslezský kraj

    Von Gerit Schulze | Prag

  • Der Kohleausstieg stellt die Regionen Polens vor Herausforderungen. Trotz Rückschlägen gibt es durchaus Erfolge, auch dank EU-Geldern und Kooperationen mit deutschen Partnern.

    Kaum ein Unternehmen in Polen steht so exemplarisch für den Strukturwandel wie Famur. Der Hersteller von Bergbaumaschinen musste sich neu erfinden, da Polen seine Kohleminen Schritt für Schritt stilllegt. Was folgte, war ein großer Konzernumbau.

    Das Unternehmen stellte sich unter der Dachmarke Grenevia neu auf, gründete weitere Tochtergesellschaften und investierte in Technologien. Heute produziert die Gruppe aus Katowice auch Fahrzeugbatterien sowie Komponenten für Windräder.

    Partner aus Deutschland helfen bei der Transformation. Siemens liefert die Ausrüstung für eine Famur-Teststation von Windkraftgetrieben. Zudem erwarb der Maschinenbauer vom deutschen Planungsbüro Enovation eine Lizenz für Windkraftanlagen. Es ist ein strategischer Schritt mit dem Ziel, eine Windturbine vollständig in Polen zu bauen.

    Größter Empfänger von EU-Fördermitteln

    Famur finanziert seine Investitionen über den EU‑Fonds für einen gerechten Übergang (Just Transition Fund, JTF). Das Förderinstrument unterstützt Bergbauregionen dabei, den Ausstieg aus der Kohlewirtschaft zu meistern. In Polen erhalten von 2021 bis 2027 vier Regionen insgesamt 3,9 Milliarden Euro.

    Zu den größten Empfängern zählt die südliche Woiwodschaft Śląskie gemeinsam mit mehreren Nachbargemeinden in Małopolskie. Rund ein Dutzend Steinkohleminen sind hier aktiv. Etwa 250 Kilometer weiter westlich in Dolnośląskie liegt die Region Wałbrzych. Sie erhält Mittel aus dem JTF, um die Spätfolgen von Minenschließungen aus den 1990er‑Jahren einzudämmen. Weitere Förderregionen umfassen den Großraum der Stadt Konin in der Woiwodschaft Wielkopolskie sowie den Braunkohletagebau Bełchatów in der Woiwodschaft Łódzkie.

    Unternehmen nutzen die JTF‑Mittel, um ihren Energieverbrauch zu senken, Produkte für neue Industriezweige zu entwickeln oder Produktionsprozesse zu automatisieren. Gemeinden sanieren mit den Geldern öffentliche Gebäude oder erschließen Naherholungsgebiete auf stillgelegten Bergbauflächen.

    Keine Region gleicht der anderen

    Die Herausforderungen des Strukturwandels unterscheiden sich von Region zu Region. Das ehemalige Steinkohlerevier Wałbrzych verliert junge Menschen an die Regionalhauptstadt Wrocław. Ein weiteres Problem kennt das deutsche Unternehmen Framo Morat, ein Hersteller von industriellen Antriebslösungen. Die Firma betreibt in Nowa Ruda bei Wałbrzych ein Werk. "Verbesserungspotenzial sehen wir insbesondere in der Infrastruktur, vor allem bei der Straßenanbindung", sagt Geschäftsführer Gökhan Balkis gegenüber Germany Trade & Invest (GTAI). Bis heute gilt die Region als schlecht angebunden.

    Śląskie wiederum verfügt einerseits über eine diversifizierte Wirtschaft. Andererseits kämpft die Region mit Altlasten des Untertagebaus. In Städten wie Ruda Śląska sacken Böden ab, was zu hohen Sanierungskosten führt.

    Konin und Bełchatów haben lange Zeit fast nur auf die Braunkohleindustrie gesetzt. Die einseitige Wirtschaftsstruktur trägt heute zu einer hohen Arbeitslosigkeit bei. Zudem liegen beide Regionen fernab akademischer Zentren, was den Fachkräftemangel verschärft.

    Strukturwandel schafft Absatzchancen

    Alle JTF-Fördergebiete wollen sich neu aufstellen und investieren. Auch Lösungen aus Deutschland kommen dabei zum Einsatz. Baumaterialien des baden‑württembergischen Herstellers Sto halfen bei der Sanierung eines Wohnblocks in Wałbrzych. Gleichzeitig beschaffte die Stadt mit JTF-Geldern emissionsfreie Busse von Mercedes‑Benz.

    Zudem profitieren die polnischen Niederlassungen deutscher Unternehmen von den Fördermitteln. Der Oberflächenveredler Galfa aus Finsterwalde entwickelt mit JTF‑Unterstützung ein neues Reinigungssystem an seinem polnischen Standort.

    Insgesamt unterstützt der europäische Fonds in Polen bislang mehr als 2.200 Projekte.

    Rückschläge für die Elektromobilität

    Ob der Strukturwandel langfristig gelingt, bleibt jedoch offen. Das neue EU‑Budget ab 2028 sieht keinen Nachfolger des JTF vor. Gleichzeitig mussten die polnischen Regionen einige Rückschläge hinnehmen. Wałbrzych hatte auf eine Wärmepumpenfabrik von Bosch gehofft. Doch der Konzern stoppte das Projekt 2025 aufgrund schwacher Verkaufszahlen.

    In Śląskie kriseln Investitionen in die Elektromobilität. Die Region sollte der Sitz einer neuen polnischen Elektroautomarke namens Izera werden. Allerdings scheint der potenzielle Technologiepartner aus China das Interesse an dem Projekt verloren zu haben.

    Auch in Konin ist die Lage herausfordernd. Einerseits investiert der örtliche Braunkohleförderer ZE PAK in neue Geschäftsfelder, darunter Windparks und Gaskraftwerke mit Technik aus Deutschland. Andererseits kommt das neue Geschäftsfeld Wasserstoff nur langsam voran. ZE PAK produziert emissionsfreien Wasserstoff und hat sogar einen eigenen Brennstoffzellenbus entwickelt. Doch die Fahrzeuge – und damit auch der Wasserstoff – verkaufen sich wegen der hohen Kosten schleppend.

    Das Braunkohlegebiet Bełchatów hofft auf Impulse durch die Atomkraft. Polen will landesweit zwei Kernkraftwerke bauen. Der erste Standort steht bereits fest. Den zweiten will Polens Regierung bis Ende 2026 bekanntgeben. Vertreter aus Bełchatów kämpfen um den Zuschlag. Unklar bleibt, wie Polen das Kraftwerk bezahlen will.

    Neue Chancen dank Investoren

    Trotz aller Unsicherheiten gelingt es den Kohleregionen, Investoren anzuziehen. Das wichtigste Förderinstrument sind Nachlässe auf die Körperschaftsteuer. Sie fallen in JTF‑Gebieten besonders umfangreich aus.

    Unternehmen aus Deutschland gehören in einigen Bergbauregionen zu den größten Investoren. Ein Beispiel ist der Automobilzulieferer Kirchhoff Automotive, der seit 2004 Karosserieteile in Gliwice fertigt. Ausschlaggebend für die Ansiedlung war die Nähe zu einem Werk von Opel, wie Vorstandsvorsitzender J. Wolfgang Kirchhoff im Gespräch mit GTAI erklärt.

    Die Bergbautradition der Region betrachtet er als Vorteil: "Wir haben in Gliwice hervorragend ausgebildete Mechaniker, Elektriker und Schlosser gefunden. Durch den Bergbau ist das Ausbildungsniveau an den Berufsschulen und Hochschulen traditionell sehr hoch," sagt Kirchhoff. Auch die regionalen Verkehrswege schätzt der Unternehmer: "Der Bergbau hat ein dichtes Schienennetz hinterlassen. Zusammen mit den zwei Autobahnen in Gliwice ist das ideal für unsere Logistik", betont Kirchhoff. Heute ist der Standort das größte Werk der Firmengruppe.

    Auch die Firma Reich aus Bochum, ein Hersteller von Kupplungen, setzt auf die Kompetenzen in polnischen Strukturwandelregionen. In Bytom, rund 25 Kilometer von Gliwice entfernt, produziert das Unternehmen bis zu 60 Prozent seiner Gummiprodukte. Standortleiter Marcin Tyslik hebt neben den Qualifikationen der Beschäftigten noch einen weiteren Standortfaktor hervor: "Ein Vorteil ist die Verfügbarkeit geeigneter Grundstücke, die es ermöglichen, auch im Dreischichtbetrieb zu produzieren", sagt er gegenüber GTAI. Dies sei im Stammwerk in Bochum im Bereich der Gummiherstellung nicht möglich, so Tyslik.

    Einige deutsche Firmen bauen ihre Standorte in polnischen Strukturwandelregionen sogar noch weiter aus. Der Hersteller von Antriebstechnik Framo Morat hat das Werk in Nowa Ruda erst vor kurzem auf rund 4.300 Quadratmeter erweitert – trotz der verbesserungswürdigen Infrastruktur. Geschäftsführer Gökhan Balkis listet einige Standortargumente auf. Hierzu gehören "die geografische Nähe zu Deutschland und Tschechien, die Unterstützung durch die lokale Wirtschaftsfördergesellschaft WSSE sowie die konstruktiven Gespräche mit den lokalen Behörden", fasst Balkis zusammen.

    Von Christopher Fuß | Warschau

  • OrganisationBeschreibung
    Polen 
    Polnisches Ministerium für Fonds und Regionalpolitik MFiPRverwaltet EU-Gelder und Förderprogramme in Polen
    Portal für Europäische FondsÜbersicht zu EU-Förderprogrammen in Polen
    Staatlicher Umweltfonds NFOŚiGWsetzt Polens EU-Programme zum Umwelt- und Klimaschutz um
    Industrie-Entwicklungsagentur ARPStaatliche Agentur für Wirtschaftsentwicklung
    Spółka Restrukturyzacji Kopalń (SRK)Staatliche Gesellschaft für die Rekultivierung von Bergbaugebieten
    Bergbauinstitut GIGForschungsinstitut für Bergbau und Altlasten
    Begbau-Kammer GIPHHandelskammer der Bergbauindustrie
    Wirtschaftsfördergesellschaft Wałbrzych WSSE Invest-Parkbetreut Investoren und Investitionsprojekte in Wałbrzych
    Wirtschaftsfördergesellschaft Katowice KSSEbetreut Investoren und Investitionsprojekte in Śląskie
    Wirtschaftsfördergesellschaft Łódzkie (ŁSSE)betreut Investoren und Investitionsprojekte in Zentralpolen
    Marschallamt der Woiwodschaft DolnośląskieRegionalverwaltung Dolnośląskie
    Marschallamt der Woiwodschaft ŚląskieRegionalverwaltung Śląskie
    Marschallamt der Woiwodschaft ŁódzkieRegionalverwaltung Łódzkie
    Marschallamt der Woiwodschaft WielkopolskieRegionalverwaltung Wielkopolskie
    Tschechien 
    Ministerium für regionale Entwicklung MMRverwaltet EU-Gelder und Förderprogramme in Tschechien
    CzechInvestStaatliche Wirtschaftsförderagentur mit regionalen Büros
    DotaceEU.czÜbersicht zu EU-Förderprogrammen in Tschechien
    Staatlicher Umweltfonds SFŽPsetzt Tschechiens EU-Programme zum Umwelt- und Klimaschutz um
    Moravskoslezské Investice a DevelopmentAgentur für Wirtschaftsentwicklung im Moravskoslezský kraj
    Moravskoslezské inovační centrum (MSIC)Innovationsförderung im Moravskoslezský kraj
    Innovationszentrum der Region Karlovy VaryRegionale Agentur für Wirtschaftsentwicklung in Karlovy Vary
    Entwicklungsagentur der Region Ústí nad LabemRegionale Agentur für Wirtschaftsentwicklung in Ústí nad Labem
    Innovationszentrum der Region Ústí nad LabemInnovationsförderung in Ústí nad Labem
    Region Moravskoslezský krajRegionalverwaltung Moravskoslezský kraj
    Region Karlovy VaryRegionalverwaltung Karlovy Vary
    Region Ústí nad LabemRegionalverwaltung Ústí nad Labem
    Wirtschaftskammer Moravskoslezský krajRegionale Wirtschaftskammer Moravskoslezský kraj
    Wirtschaftskammer Karlovy VaryRegionale Wirtschaftskammer Karlovy Vary
    Wirtschaftskammer Ústí nad LabemRegionale Wirtschaftskammer Ústí nad Labem
    Těžební unieUnion der Bergbauindustrie mit 64 Mitgliedern