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Zahlungsrückstände setzen tunesischen Pharmasektor unter Druck

Lokale Generikahersteller decken einen Großteil des Inlandsbedarfs ab. Die Branchenentwicklung wird jedoch durch die chronische Unterfinanzierung des Gesundheitssystems gebremst.

Verena Matschoß

Von Verena Matschoß | Tunis

Ausblick der Pharmaindustrie in Tunesien

Bewertung:

  • Lokale Pharmafirmen decken mengenmäßig bereits einen Großteil des Bedarfs ab.
  • Strukturelle Finanzierungsprobleme führen zu Versorgungsengpässen.
  • Investitionstätigkeit internationaler Firmen bleibt begrenzt.

Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: August 2026

Markttrends

Die Versorgungslage mit Arzneimitteln ist in Tunesien derzeit ein kritisches Thema. Es kommt immer wieder zu Versorgungsengpässen, vor allem bei importierten Arzneimitteln. Für diese gibt es keine oder nur unzureichende lokale Alternativen. Eine wesentliche Ursache sind die Zahlungsschwierigkeiten der Zentralapotheke (PCT), die ein Monopol auf die Einfuhr von Arzneimitteln in Tunesien hat. Hohe Außenstände der Sozialversicherung und öffentlicher Gesundheitseinrichtungen belasten die Liquidität der PCT und erschweren die fristgerechte Bezahlung internationaler Lieferanten. Die anhaltenden Engpässe begünstigen zudem die Beschaffung von Medikamenten über informelle Kanäle oder durch Verwandte im Ausland.

Das öffentliche Gesundheitssystem ist chronisch unterfinanziert. Auch die allgemeine Krankenkasse (caisse nationale d'assurance maladie (CNAM)) weist hohe Zahlungsrückstände gegenüber Apotheken und Ärzten auf. Die CNAM wiederum ist auf finanzielle Transfers der Sozialversicherungsfonds angewiesen, die selbst unter erheblichen finanziellen Belastungen stehen. Versicherte berichten zudem regelmäßig über lange Wartezeiten bei der Erstattung von Gesundheitsausgaben und verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Branchenstruktur und Rahmenbedingungen

Die Pharmaindustrie nahm in Tunesien in den 1980er-Jahren ihren Anfang. Es gibt rund 40 Produktionsstätten für Arzneimittel im Land. Die Foreign Investment Promotion Agency zählt mehr als 13.500 direkte Arbeitsplätze und mehr als 40 Unternehmen mit ausländischer Beteiligung entlang der pharmazeutischen Wertschöpfungskette.

Zu den etablierten tunesischen Produzenten gehören beispielsweise Medis, Saiph, Unimed, Teriak und Adwya. Neben den lokalen Herstellern sind internationale Pharmakonzerne über Niederlassungen, Vertriebsstrukturen, Lizenzfertigung und lokale Partnerschaften präsent. Der französische Pharmakonzern Sanofi organisierte sein Tunesiengeschäft im Februar 2026 neu: Die lokale Fertigung eines Teils seines Portfolios wird Teriak aus der Kilani-Gruppe übernehmen, während Medicis die medizinisch-wissenschaftlichen und kommerziellen Aktivitäten betreuen soll. 

Allerdings gibt es immer wieder Meldungen, dass internationale Firmen ihre Aktivitäten in Tunesien überprüfen. Als belastend werden die Liquiditätsengpässe der Zentralapotheke und langwierige Zulassungsverfahren angesehen. 

Lokale Produktion konzentriert sich auf Generika

Die lokale Produktion deckt mengenmäßig bereits rund 80 Prozent des Bedarfs, wertmäßig 60 Prozent. Die Produktion entfällt vor allem auf Generika. Pressemeldungen zufolge gehen rund ein Fünftel der im Land hergestellten Arzneimittel in den Export, vor allem in andere afrikanische Länder. Fitch Solutions bewertet in seinem Pharmaceuticals-Report 2026 die Aussichten für internationale Pharmafirmen, die in Tunesien innovative Arzneimittel herstellen wollen, als gering. Dies liegt vor allem an der geringen Marktgröße, den vergleichsweise niedrigen Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel sowie der Nähe zu attraktiveren Produktionsstandorten wie Algerien und Ägypten.

Die öffentliche Basisversorgung wird vor allem über Gesundheitszentren und Polikliniken gewährleistet, deren technische Ausstattung insbesondere außerhalb der großen Städte häufig begrenzt ist. Auf der anderen Seite gibt es spezialisierte Universitätskliniken, die deutlich bessere Standards aufweisen. Die Bedeutung des privaten Gesundheitssektors nimmt in Tunesien zu. Die gut ausgestatteten Privatkliniken machen Tunesien zu einem attraktiven Ziel für Medizintouristen, vor allem aus den Nachbarländern. 

Deutschland ist wichtigstes Lieferland 

Den letztverfügbaren Angaben der Handelsdatenbank UN Comtrade zufolge war Deutschland im Jahr 2024 wichtigstes Lieferland für Tunesien bei pharmazeutischen Produkten. Aus deutscher Perspektive sind allerdings die anderen Länder Nordafrikas wie Algerien, Marokko und Ägypten weitaus wichtigere Abnehmer. Gingen 2025 medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von 79 Millionen Euro nach Tunesien, erreichten die deutschen Exporte nach Algerien sogar 267 Millionen Euro. 

Die Herstellung von Arzneimitteln ist grundsätzlich genehmigungspflichtig und an weitere regulatorische Anforderungen geknüpft. Die Arzneimittelzulassung erfolgt in Tunesien über die Agence Nationale du Médicament et des Produits de Santé (ANMPS). In besonderen Fällen, wie bei Gesundheitsnotständen oder bei Arzneimitteln mit erheblichen Auswirkungen auf die öffentlichen Gesundheitsausgaben, kann der Gesundheitsminister direkt Zulassungen erteilen. Darüber hinaus können für dringend benötigte Arzneimittel oder individuelle Therapiebedarfe ohne zugelassene Alternative zeitlich befristete Sondergenehmigungen für die Anwendung und Vermarktung erteilt werden.

Die Medikamentenpreise werden staatlich festgesetzt. Bei der Erstattung von Ausgaben für Arzneimittel legt die CNAM einen Referenzpreis zugrunde, der nicht zwingend dem Verkaufspreis entspricht. Dieser Preis orientiert sich häufig an den verfügbaren Generika. Das Referenzpreissystem stärkt die Nachfrage nach günstigeren Generika und unterstützt damit deren hohe Bedeutung im tunesischen Markt.

Eine wichtige Forschungseinrichtung im Pharmasektor ist das Institut Pasteur de Tunis, das zum tunesischen Gesundheitsministerium gehört. Neben seinen Forschungs- und Studienaktivitäten stellt das Institut auch Impfstoffe und Seren für den lokalen Bedarf her. Ein bedeutendes Biotechnologiezentrum des Landes befindet sich in Sidi Thabet bei Tunis.