Der Patria-Transportpanzer bildet die Grundlage für das multinationale europäische Rüstungsprojekt CAVS. Der Patria-Transportpanzer bildet die Grundlage für das multinationale europäische Rüstungsprojekt CAVS. | © picture alliance/dpa/Oliver Dietze

Markets Ungarn Verteidigungswirtschaft

Ungarn: Neue Produktionszentren an Europas Ostflanke

Ungarn baut seine Verteidigungsindustrie mit hohem Tempo aus. Staatliche Investitionen und langfristige Aufträge schaffen neue Kapazitäten und binden das Land stärker in europäische Lieferketten ein. Rheinmetall spielt bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle.   

Kirsten Grieß

Von Kirsten Grieß | Budapest

Der Düsseldorfer Technologiekonzern Rheinmetall macht in Ungarn vor, wie schnell neue Produktionskapazitäten entstehen können. Seit 2020 hat der Konzern vier Standorte in dem Land aufgebaut: In Zalaegerszeg fertigt er den Schützenpanzer Lynx, in Várpalota Munition. Hinzu kommen ein Softwareentwicklungszentrum in Budapest und Produktionsflächen für militärische Komponenten in Szeged.  

Sowohl Ungarn als auch Rumänien und Bulgarien bauen ihre Verteidigungsindustrien unter Hochdruck aus. Die drei Staaten an der NATO-Ostflanke wollen ihre militärische Infrastruktur stärken und die Produktion rasch ausweiten. Während Ungarn bis Mitte der 2010er-Jahre kaum Verteidigungsindustrie besaß, verfügen Rumänien und Bulgarien über eine gewachsene, aber vielerorts veraltete und staatlich geprägte industrielle Basis. 

Ungarn setzt auf heimische Rüstungsproduktion 

Der Markteintritt von Rheinmetall in Ungarn steht exemplarisch für den Aufbau der dortigen Verteidigungsindustrie. Die Regierung koppelte die Modernisierung der Streitkräfte an heimische Fertigung und beteiligte den Staat über Gemeinschaftsunternehmen. Rheinmetall brachte Technologie, Produktionswissen und Lieferketten ein, Ungarn bot langfristige Nachfrage, Investitionsanreize und kurze Entscheidungswege.  

Die Produktion des Schützenpanzers Lynx konnte so schon Anfang 2023 starten. „Dieses Modell ist auch übertragbar auf andere Länder, die ebenfalls Interesse an vergleichbaren Partnerschaften haben“, so der Leiter von Rheinmetall Vehicle Systems Europe, Björn Bernhard, bei der Übergabe des ersten in Ungarn gefertigten Lynx im Juli 2024 an die ungarischen Streitkräfte.  

Rheinmetall als zentraler Akteur in der Region 

In Rumänien und Bulgarien stehen der Ausbau und die Modernisierung bestehender Produktionskapazitäten im Mittelpunkt der aktuellen Industrietransformation.  Rheinmetall treibt seine Expansion auch in diesen beiden Ländern voran.  

Im Jahr 2024 übernahm das Unternehmen die Mehrheit am rumänischen Fahrzeughersteller Automecanica in Mediaș. Das Werk produziert Spezialfahrzeuge, Lkw-Aufbauten und Anhänger und soll nun auch Militärfahrzeuge fertigen und warten. Weitere Investitionen betreffen Gefechtsfahrzeuge, Flugabwehr und Munition. „Wir werden gemeinsam mit unseren rumänischen Partnern ein weitreichendes Defence-Ökosystem aufbauen“, unterstrich der Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, Armin Papperger, anlässlich eines Großauftrags der rumänischen Regierung im Juni 2026.  

In Bulgarien gründete Rheinmetall Ende 2025 ein Joint Venture mit dem staatlichen Hersteller von Artilleriegeschossen und energetischen Materialien VMZ. Rund eine Milliarde Euro sollen in den Standort bei Sopot fließen. Der Produktionsstart für Geschosshüllen ist für 2027 geplant.  

Zwei Männer mit Schutzhelmen arbeiten an einem gepanzerten Fahrzeug Zwei Männer mit Schutzhelmen arbeiten an einem gepanzerten Fahrzeug | © picture alliance/photothek.de/Florian Gaertner

Einstiegschancen für deutsche Zulieferer 

Mit den neuen Produktionslinien entstehen zunehmend Knotenpunkte integrierter europäischer Lieferketten. Rheinmetall investiert dabei nicht nur in Endprodukte, sondern auch in kritische Vorprodukte. „Innerhalb der Verteidigungsindustrie bleibt Treibladungspulver ein strategischer Engpass“, erklärte Papperger im November 2025 bei der Unterzeichnung eines Joint Ventures mit dem rumänischen Staatsunternehmen Pirochim Victoria. Gemeinsam wollen die Partner in Rumänien ein Werk für Treibladungspulver und modulare Treibladungen errichten.  

Das Beispiel Ungarn zeigt, wie schnell aus einer strategischen Partnerschaft innerhalb weniger Jahre ein leistungsfähiges Produktionsnetzwerk entstehen kann. Rumänien und Bulgarien gehen ebenfalls diesen Weg und modernisieren bestehende Werke gemeinsam mit internationalen Partnern. Für deutsche Zulieferer und industrielle Dienstleister eröffnen sich dadurch Chancen: In der Investitionsphase ist Ausrüstung und Know-how gefragt, mit dem Hochlauf der Fertigung wächst auch der Bedarf an Komponenten, Wartung, Instandhaltung und weiteren produktionsnahen Dienstleistungen. 

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