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Klimaschutz-Atlas

Vereinigtes Königreich – Klimaneutralität bis 2050 angestrebt

Das Vereinigte Königreich konnte seine Zwischenziele auf dem Weg zur Klimaneutralität bisher einhalten. Nun aber droht eine Kehrtwende. 

Von Marc Lehnfeld | London

  • Klimastrategie: Enormer Handlungsdruck für die Regierung

    Die britischen Klimapläne wurden zwar bisher erfolgreich umgesetzt, nun aber gerät die Dekarbonisierung ins Stocken. Auch die nächste Parlamentswahl rückt näher.

    Das Vereinigte Königreich hat seinen Pfad zur Klimaneutralität 2050 bisher sehr erfolgreich verfolgt. Das Land konnte seine wirtschaftliche Entwicklung von den CO2-Emissionen entkoppeln und den Ausstoß von Treibhausgasen deutlich zurückfahren. 

    Nun verfängt sich die Dekarbonisierung aber in einen politischen Schlingerkurs. Mit seiner Net Zero Strategy gab sich der ehemalige Premierminister Boris Johnson in der Energie- und Klimapolitik ambitioniert, der High Court hingegen kassierte die Strategie als Rechtsbruch, weil unklar blieb, wie die Ziele erreicht würden. Die aktuelle Regierung von Premierminister Rishi Sunak steuerte zwar mit einem Carbon Budget Delivery Plan (CBDP) entgegen, erntete aber im letzten Fortschrittsbericht der Klimawandelkommission (CCC), einem gesetzlich verankerten und respektierten Überwachungsgremium, Ende Juni 2023 weitere Kritik.

    Vereinigtes Königreich: Klimabilanz im Jahr 2021

    Indikator

    Vereinigtes Königreich

    Deutschland

    Bevölkerung (in Mio.)

    67,9

    83,2

    Ranking des Landes im Climate Change Performance Index (CCPI) 1)

    Rang: 11

    Punktezahl: 63,07

    Rang: 16

    Punktezahl: 61,11

    Anteil des Landes an den weltweiten Treibhausgasemissionen (in Prozent)

    0,9

    1,4

    CO2-Ausstoß gesamt (in Mio. t/Jahr)

    347

    675

    CO2-Ausstoß pro Kopf (in t CO2/Kopf und Jahr)

    5,2

    8,1

    Emissionsintensität der Wirtschaft (in kg CO2/BIP 2))

    0,1

    0,2

    Energieintensität der Wirtschaft (in MJ 3)/2017 US$ PPP 4)5)

    2,3

    2,76

    1 2023, Rang von 63; 2 Bruttoinlandsprodukt; 3 Megajoule; 4 Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität); 5 2019.Quelle: CCPI 2023; Climatewatch 2023; Global Carbon Atlas 2023; Statista 2022; Weltbank 2022; Internationale Energieagentur 2023; Vereinte Nationen 2022

    Klimawandelkommission bemängelt Fortschritt

    Es mangele an Dringlichkeit im CBDP, kritisiert die CCC. Die Regierung müsse ihren Verpflichtungen treu bleiben und handeln und damit auch wieder zu ihrer verlorenen internationalen Führungsrolle in der Klimapolitik zurückfinden. Das Vertrauen der Kommission in die Erreichbarkeit der Zwischenziele ist gesunken. Um das Ziel einer 68-prozentigen Reduktion der Emissionen von 1990 bis 2030 zu erreichen, müsste die Einspargeschwindigkeit in nur sieben Jahren vervierfacht werden. Besonders kritisch bemerkt die CCC unter anderem die Ausweitung der Erdöl- und Erdgasförderung entgegen der Kommissionsempfehlungen und den Ausbau von Flughäfen.

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    Andere Maßnahmen sind sehr ambitioniert gesteckt und lösen milliardenschwere Investitionen aus. So setzt die Regierung auf eine Verfünffachung der Kapazitäten von Offshore-Windenergie, einschließlich eines 10-Gigawatt-Kapazitätsziels für die Erzeugung von emissionsarmem Wasserstoff bis 2030 und eines Verkaufsverbots für Benzin- und Diesel-Pkw schon ab 2030 inklusive Produktionsvorgaben für umweltfreundliche Pkw.

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    Parlamentswahlen rücken langsam in den Fokus

    Der Handlungsdruck für die Regierung ist also enorm, denn die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich die immer tiefgreifenderen Maßnahmen auch einhalten lassen. Dabei rücken die Parlamentswahlen, die spätestens bis Januar 2025 erfolgen müssen, langsam in den Fokus. Die Labour-Partei hat mit ihrem Parteivorsitzenden Keir Starmer im Juni 2023 eine eigene Klimawandelstrategie vorgelegt, die Energieeffizienz und ein Aus für Gaskraftwerke bis 2030 vorsieht. Die scharfe energie- und klimapolitische Diskussion zeigt, dass die Dekarbonisierung ein wichtiges Thema im Wahlkampf sein wird.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Klimaziele: Keine neuen Emissionen ab 2050

    Das zentrale klimapolitische Ziel der britischen Regierung lautet: keine Nettoneuemissionen klimaschädlicher Treibhausgase ab 2050.

    Die britische Regierung will die Nettoemissionen von Treibhausgasen bis 2050 schrittweise auf null absenken. Dazu hat sich das Königreich bei Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens von 2015 verpflichtet. Die detaillierten klimapolitischen Ziele und Maßnahmen wurden zuletzt im Oktober 2021 in der "Net Zero Strategy: Build Back Greener" verankert und mehrmals modifiziert. Schon für 2035 gilt ein ambitioniertes Zwischenziel der Verringerung von Treibhausgasen um 78 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990.

    Die Net-Zero-Strategie baut weiterhin auf dem „Ten Point Plan for a Green Industrial Revolution" des ehemaligen Premierministers Boris Johnson auf. Sie verspricht staatliche Investitionen von umgerechnet über 14 Milliarden Euro und hofft auf dreimal so hohe private Finanzierungsmittel. Ergänzt wird die Klimastrategie außerdem seit dem Ukraine-Krieg durch die "British Energy Security Strategy", um die energetische Versorgungssicherheit des Landes zu garantieren. Außerdem fügte die aktuelle Regierung von Premierminister Rishi Sunak das Policy Paper "Powering Up Britain" im Frühjahr 2023 hinzu und konkretisierte im Zuge des Urteils des High Court im "Carbon Budget Delivery Plan" den Emissionspfad aller geplanter Maßnahmen. Auch die Energie- und Emissionsprognosen bis 2040 wurden aktualisiert. Darüber hinaus existieren weitere Unterstrategien, die unter anderem die House of Commons Library zusammenfasst.

    Insgesamt beinhalten die Pläne ehrgeizige und einschneidende Maßnahmen. Ein großes Ziel ist die komplette Dekarbonisierung der Stromerzeugung bis 2035. Dafür sollen beispielsweise bis 2030 die Kapazitäten zur Erzeugung von Offshore-Windenergie auf 50 Gigawatt verfünffacht werden. Ebenso sollen der Einsatz von CCS-Technologien (Abscheidung, Transport und Endlagerung von CO2-Emissionen) und die Fortsetzung der Kernenergie dazu beitragen. Eine für Verbraucher besonders einschneidende Maßnahme ist das Verkaufsverbot von Pkw mit klassischem Verbrennungsmotor ab 2030.

    Regierungsplan für viertes "Carbon Budget" reicht noch nicht

    Der Weg zur Absenkung der Nettoneuemissionen auf null wird anhand sogenannter Carbon Budgets definiert. Sie beschreiben Gesamtemissionsbudgets für jeweils fünfjährige Zeitspannen. Die ersten beiden Budgets für die Zeiträume 2008 bis 2012 und 2013 bis 2017 wurden eingehalten und vorläufige Daten der Klimawandelkommission (CCC) zeigen, dass das Königreich auch die Emissionsobergrenze im dritten Budget (2018 bis 2022) unterschritten hat. Für das vierte Budget von 2023 bis 2027 berechnet die Kommission eine Obergrenze von 1.950 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und damit ein Einsparziel von 52 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990. Auf ein Jahr umgerechnet beträgt die Maximalemission demnach im Mittel 390 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Der Carbon-Budget-Delivery-Plan der Regierung, der die Emissionen für diesen Zeitraum prognostiziert, verfehlt die durchschnittliche jährliche Obergrenze noch um etwa 3,4 Prozent. Deshalb sind Nachbesserungen nötig.

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    Landesteile erzielen unterschiedliche Ergebnisse

    Die Klimaziele für das Vereinigte Königreich werden auch auf die Landesteile heruntergebrochen. Die Landesteile Wales, Schottland und Nordirland verfügen zusätzlich über eigene Ziele zur Klimaverbesserung, die Teil der nationalen Strategie sind. Schottland strebt beispielsweise bereits 2045 die Klimaneutralität an, also fünf Jahre vor dem Königreich, und baut in großem Stil auf Wasserstoff und die Dekarbonisierung seiner Industrie. Allerdings hat der Landesteil in den vergangenen Jahren seine Zwischenziele nicht erreicht. Auch Wales lag 2021 über seinem Emissionsbudget.

    Wie hoch die Emissionen tatsächlich ausgefallen sind, wird jährlich vom Department for Business, Energy & Industrial Strategy im „Annual Statements of Emissions“ berechnet. Daten für 2021 lieferte das Ministerium zuletzt Ende März 2023 in Kooperation mit dem Office for National Statistics.

    Neue britische Rolle bei ETS und CBAM

    Veränderungen gab es auch durch den Brexit. So hat die britische Regierung den Emissionshandel neu geregelt. Das United Kingdom Emissions Trading Scheme (UK ETS) ersetzte zum 1. Januar 2021 das europäische Schema. Während die Emissionsscheine in der EU und UK lange zu ähnlichen Preisen gehandelt wurden, wird im Zuge der schwächeren Produktion im Königreich der britische Emissionsschein mittlerweile günstiger verkauft. Am 18. Juli 2023 kosteten die britischen Scheine 48,26 Pfund Sterling pro Tonne (circa 56,18 Euro), während das europäische Zertifikat mit 87,35 Euro rund 55 Prozent teurer war.

    Wie die EU plant auch die britische Regierung die Einführung eines CO₂-Grenzausgleichssystems (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM). Die Anhörung des Finanzministeriums und des Department for Energy Security and Net Zero (DESNZ) wurde im Juni abgeschlossen und um eine zweite Konsultation zum Endes des Jahres ergänzt. Inwiefern der britische und europäische Mechanismus angeglichen werden, ist noch unklar. Besonders die britische Stahlindustrie verweist auf mögliche Risiken.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Klimagesetze: Emissionsziel gesetzlich verankert

    Die britische Regierung hat das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 in einem Klimawandelgesetz festgesetzt. Überwacht wird es von einem unabhängigen, überstaatlichen Komittee.

    Zentraler rechtlicher Baustein des britischen Klimawandels ist der Climate Change Act 2008. Dieser verankert die Maßnahmen zur Absenkung der Nettoneuemissionen auf null bis 2050 gegenüber dem Basisjahr 1990. Das Ziel wurde zuletzt 2019 hinsichtlich einer Reduktion von 80 Prozent der Emissionen auf 100 Prozent angepasst.

    Geregelt werden in dem Gesetz unter anderem die Zwischenziele der Carbon Budgets, die Messung der Zielerreichung und die Aufgaben der überwachenden Klimawandelkommission (CCC). Die Ziele der fünfjährigen Carbon Budgets werden per Verordnung erlassen. Zuletzt wurde die sechste Version (The Carbon Budget Order 2021) für den Zeitraum 2033 bis 2037 festgelegt. Strafen für Unternehmen drohen vor allem bei Verstößen mit dem Emissionshandel. Geregelt wird das unter anderem in der Greenhouse Gas Emissions Trading Scheme Order.

    Klimawandelkommission überwacht Klimaziele

    Mit der CCC hat der Gesetzgeber eine unabhängige, überstaatliche Einrichtung geschaffen, die die Umsetzung der Klimaziele durch die Regierung mit Argusaugen überwacht. Die CCC veröffentlicht jährlich einen Fortschrittsbericht für das britische Unterhaus, in dem die Kommission die Maßnahmen der Regierung mit dem tatsächlichen Fortschritt bei der Emissionsreduktion abgleicht und unverbindliche Empfehlungen ausspricht.

    Werden die Klimaziele nicht eingehalten, können Interessengruppen auch gegen die Regierung klagen und Nachbesserung verlangen, wie im letzten Jahr geschehen. Umweltschützer haben bereits erfolgreich gegen die Regierungsstrategie geklagt. Im Juli 2022 verpflichtete der High Court die Regierung zur Nachbesserung ihrer Strategie, was zur Veröffentlichung des nachgeschärften Carbon Budget Delivery Plan (CBDP) führte.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Investitionen: Große Summen nötig

    Die britische Klimawandelkommission schätzt den Investitionsmehrbedarf auf rund 1,7 Billionen Euro. Der Staat nutzt dafür grüne Staatsanleihen und die UK Infrastructure Bank.

    Der britische Weg in eine klimaneutrale Wirtschaft und Gesellschaft bis 2050 wird teuer, bietet aber wegen des umfangreichen Investitionsbedarfs starke Absatzchancen. Das unabhängige Überwachungsgremium Klimawandelkommission (CCC) schätzt den Investitionsmehrbedarf bis dahin auf rund 1,4 Billionen Pfund Sterling beziehungsweise rund 1,7 Billionen Euro. Den größten Teil machen drei Posten aus: Der Ausbau der Stromerzeugung, die Elektromobilität im Straßenverkehr und Mehrkosten im Wohnungsneubau. Für den Zeitraum von 2020 bis 2029 beträgt die Schätzung dieser Posten circa 384 Milliarden Euro beziehungsweise im Durchschnitt etwa 38,4 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei betont das CCC, dass die hohen Investitionen unmittelbar zu CO2-Einsparungen führen und damit zum Ziel der Klimaneutralität beitragen.

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    Massive Investitionen in die Stromerzeugung

    Mehrkosten im Straßen- und Schienenverkehr entstehen überwiegend durch Elektrofahrzeuge, die teurer als konventionelle Verbrenner sind. Damit einher geht auch der komplette Neuaufbau der landesweiten Ladeinfrastruktur.

    Bis zur vollständigen Dekarbonisierung des Stromsektors im Jahr 2035 unterstützen massive Investitionen den Ausbau der Stromerzeugung, vor allem bei der Offshore-Windenergie, dem Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft und Lösungen zur Abscheidung, dem Transport und der Speicherung von CO2 (CCS).

    Im Wohnungsbau sieht die CCC die Mehrkosten bis 2030 vor allem bei Energieeffizienzvorgaben, wie strengeren Vorgaben bei der Wärmedämmung. Im späteren Verlauf folgen dann höhere Ausgaben durch die Installation von Wärmepumpen, die teurer sind als die bisher verwendeten Gasboiler. Der Investitionsbedarf bei Netzwerken wie Hochspannungsleitungen und Pipelines steigt in Folge des Ausbaus der Kraftwerke und der Stromnachfrage. 

    Laut Berechnungen der CCC, die Spareffekte berücksichtigen, bleibt trotz Investitionen in Billionenhöhe eine finanzielle Mehrbelastung von umgerechnet 44 Milliarden Euro jährlich. Das Office for Budget Responsibility (OBR) geht davon aus, dass ein Viertel der Belastung durch den Staat übernommen werden muss. Die fiskalische Belastung sei zudem über dreißig Jahre geringer, als die Zusatzkosten der zweijährigen Coronapandemie.

    Unsicherheiten bei der Kostenabschätzung

    Allerdings verbleiben erhebliche Unsicherheiten bei der Abschätzung der Mehrkosten und Einsparungen durch Investitionen in eine klimaneutrale Gesellschaft. Die CCC weist beispielsweise darauf hin, dass die geplanten Investitionen und der strategische Kurs eingehalten werden müssen. Jede Verzögerung würde die gesamtwirtschaftliche Belastung zusätzlich erhöhen. Dabei spielt auch die regelmäßige Anpassung an veränderte Bedingungen eine entscheidende Rolle. Zusätzlich unterstreicht das OBR, dass das Vereinigte Königreich mit einem Anteil von rund einem Prozent an den globalen CO2-Emissionen zu den kleineren Ländern gehört. Auch wenn das Königreich seine eigene Klimastrategie befolgt, bleibt es somit dennoch vom Erfolg der globalen Bemühungen abhängig.

    Regierung stützt Investitionen auch auf Finanzierungsseite

    Der staatliche Anschub bei der Dekarbonisierung des Königreichs wird auch über die Finanzierung gestützt. In seiner Green Finance Strategy 2023 skizziert der Staat Wege, wie der Kapitalmarkt und staatliche Rahmenbedingungen die Finanzierungsfähigkeit der Großinvestitionen absichern können. Zusätzlich definiert die britische Regierung ihre Rolle bei der grünen Finanzierung in der Entwicklungszusammenarbeit, zum Beispiel über den umgerechnet rund 575 Millionen Euro schweren Blue Planet Fund.

    Das Finanzministerium nutzt die Möglichkeit, Investitionen in die Dekarbonisierung über grüne Staatsanleihen (Green Gilts) zu finanzieren. Allein im Haushaltsjahr 2023/24 sollen darüber etwa 11,5 Milliarden Euro eingesammelt werden. Infrastrukturprojekte und Großinvestitionen in die Klimaneutralität werden außerdem über die im Sommer 2021 geschaffene, staatliche UK Infrastructure Bank an kommerzielle Investoren und Kommunen vergeben. Die Bank ist mit umgerechnet über 25 Milliarden Euro ausgestattet und wird über Kredite und Beteiligungen jährlich Projekte mit etwa 6,3 Milliarden Euro finanzieren. Investitionsschwerpunkte könnten nach Überlegungen der Bank zum Beispiel die Energieeffizienz von Gebäuden, der Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur für Elektrofahrzeuge, aber auch Projekte zur Erzeugung von emissionsarmem Wasserstoff und CCS-Lösungen sein. Ein Ko-Finanzierungsbeispiel ist der erste deutsch-britische Interkonnektor NeuConnect.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • DIHK-AHK-Umfrage zum Klimaschutz

    Vereinigtes Königreich

    Die Umfrage wurde im April und Mai 2022 vom DIHK unter 2.860 Mitgliedsunternehmen der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) durchgeführt. Unternehmen aus insgesamt 107 Ländern nahmen daran teil. Die Befragung gibt wieder, wie die in dem jeweiligen Land tätigen deutschen oder eng mit Deutschland kooperierenden Unternehmen die Situation vor Ort wahrnehmen.


    Von Martin Knapp (DIHK) | Berlin

  • Energie: Dekarbonisierung der Stromerzeugung bis 2035

    Das zukünftige britische Energiesystem setzt nicht nur auf Offshore-Windenergie, sondern auch auf Atomkraft. Es sind Milliardeninvestitionen geplant.

    Energieversorgung

    Die geplante Klimaneutralität sorgt für einen tiefgreifenden Umbau der Energiewirtschaft. Dafür setzt der Staat auf ein baldiges Ende der Kohleverstromung und die rasante Erschließung des Offshore-Windpotenzials entlang der Küste.

    Fossile Energieträger werden bis zur anvisierten Dekarbonisierung des Landes im Jahr 2050 durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden. Auch Abscheidung, Transport und Endlagerung von Kohlenstoff (CCS) sollen für die Energieversorgung eine bedeutende Rolle einnehmen, so die Powering Up Britain-Strategie der Regierung. CCS soll nicht nur für die Schwerindustrie genutzt werden, sondern auch bei der Energieerzeugung zum Einsatz kommen.

    Laut der Zukunftsprognose des Netzbetreibers National Grid ESO schrumpft der Bedarf für Gas zwischen 2022 und 2030 von 986 TWh auf 533 TWh bis 671 TWh – überwiegend soll damit die aufkeimende Wasserstoffökonomie versorgt werden. Entscheidend ist, ob die Regierung die Wärmewende im alten Wohnungsbestand schafft.

    Das geplante Verbot für Pkw mit Verbrennungsmotor ab 2030 und das Zulassungsende von Hybridfahrzeugen ab 2035 wird die Nachfrage nach Erdöl im Straßenverkehr streichen.

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    Stromerzeugung

    Die Stromerzeugung soll bereits bis 2035 vollständig dekarbonisiert sein. Die Nachfrage nach Elektrizität wird sich allerdings deutlich erhöhen. National Grid ESO prognostiziert, dass der Strombedarf je nach Szenario von 286 TWh im Jahr 2022 auf 325 TWh bis 369 TWh im Jahr 2030 ansteigt. Das ermöglichen soll vor allem ein starker Ausbau der Offshore-Windenergie. Das Vereinigte Königreich würde dadurch vom Nettoim- zum Nettoexporteur von Strom.

    Große Pläne für Offshore-Windenergie

    Im Zentrum des zukünftigen Strommix steht die Windkraft. Das Königreich verfügt mit einer Offshore-Windenergie-Kapazität von 13,7 Gigawatt über einen Weltmarktanteil von knapp einem Viertel und will seine Kapazitäten bis 2030 deutlich auf 50 Gigawatt ausbauen. Dazu sollen auch schwimmende Anlagen im Umfang von 5 Gigawatt beitragen. Um das Ziel zu erreichen sind Investitionen von über 178 Milliarden Euro nötig. Auch deutsche Unternehmen sind am Goldrausch beteiligt, vor allem RWE Renewables und EnBW.

    Die Herausforderungen, um das Ziel der Verfünffachung zu erreichen, sind groß. Allein um die nötigen Kapazitäten in elf Häfen auszubauen sind laut Berechnungen von Renewable UK Investitionen von bis zu 4,6 Milliarden Euro nötig. Auch der in der Branche übliche Subventionsrahmen, das Contracts for Difference (CfD)-Modell, gerät zunehmend unter Druck. Energy UK warnt vor dem Preisverfall im auktionsbasierten CfD-Modell, während andererseits die Installationskosten bei den Projektierern steigen. Greifbar wird das Problem nun mit der Ankündigung von Vattenfall, das geplante 1,4-Gigawatt-Windprojekt Norfolk Boreas zu stoppen.

    An der Entwicklung der Offshore-Windkapazitäten hängt auch der Aufbau der britischen Wasserstoffwirtschaft. Sie soll nicht nur die Inlandsnachfrage bedienen, sondern auch das Exportgeschäft befeuern. Die 2021 veröffentlichte Wasserstoffstrategie des Vereinigten Königreichs setzt allerdings nicht nur auf grünen, sondern in Kombination mit CCS-Lösungen auch auf sogenannten blauen Wasserstoff. Bis 2030 sollen 10 Gigawatt Erzeugungskapazitäten aufgebaut werden, die Hälfte davon basierend auf Elektrolyse. Die CO2-Speicher können dabei auch Gaskraftwerken dienen, wie das Projekt Net Zero Teesside Power zeigt.

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    Kohleverstromung endet im Herbst 2024

    Die Stromerzeugung aus Kohle machte zu Jahrtausendbeginn noch fast ein Drittel aus. Sie soll nun bis Oktober 2024 beendet werden. Von den zwei verbliebenen Kohlekraftwerken wird das Kilroot-Kraftwerk in der Nähe von Belfast die Kohleverstromung voraussichtlich schon im September 2023 einstellen. Es wird zu einem Gaskraftwerk (660 Megawatt) mit angeschlossenem Energiepark umgebaut. Das von Uniper betriebene letzte englische Kohlekraftwerk in Nottinghamshire wird zum nationalen Kohle-Aus 2024 außer Betrieb gestellt und soll dann zu einem Industriepark umgebaut werden. Eine fortgeführte Nutzung als Kraftwerk ist bisher nicht in Sicht.

    Kernkraft mit neuen Projekten und Kleinreaktoren

    Die Briten halten außerdem an der Kernkraft als wichtigen Bestandteil des Strommix fest. Die Erzeugungskapazitäten sollen auf 24 Gigawatt im Jahr 2050 verdreifacht werden und dann bis zu einem Viertel des Stromverbrauchs abdecken.

    Dafür wird die Produktionslandschaft modernisiert. Fast alle bisher in Betrieb befindlichen Meiler werden schrittweise bis 2030 abgeschaltet. Davon ausgenommen sind der Wasserreaktor Sizewell B im ostenglischen Suffolk und das sich bereits im Bau befindliche Kraftwerk Hinkley Point C in Somerset. Die neue Landschaft britischer Kernkraftwerke soll aus kleinen modularen Reaktoren (small modular reactors, SMR) bestehen, die in den 2030er-Jahren ans Netz gehen sollen.

    In einer ersten öffentlichen Ausschreibung im August 2023 wurden bis zu vier Technologieanbieter für SMRs gesucht. Als offenes Geheimnis gilt, dass Rolls-Royce gute Chancen hat: Das Unternehmen konnte bereits in einem Forschungskonsortium einschließlich staatlicher Förderung Mittel von umgerechnet 600 Millionen Euro bündeln, um Kleinreaktoren zu entwickeln. Die Financial Times nennt GE, Hitachi und X-energy als weitere mögliche Bieter.

    Die finale Investitionsentscheidung für ein letztes konventionelles Atomkraftwerk (AKW) ist mit der Erweiterung des ostenglischen AKW Sizewell um den Block C getroffen. Die Gesamtkosten für den Bau des C-Meilers werden auf umgerechnet 23 Milliarden Euro geschätzt.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Verkehr: Nachholbedarf bei Ladeinfrastruktur

    Während Elektrofahrzeuge bereits so beliebt sind, dass keine staatliche Kaufprämie mehr gezahlt wird, verschiebt sich der Fokus nun auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

    Um die britischen Klimaziele erreichen zu können, ist eine Verkehrswende nötig. Deshalb strebt die Regierung ein Verkaufsverbot von Pkw mit traditionellen Verbrennungsmotoren ab 2030 an, gefolgt von Hybridfahrzeugen ab 2035. Geplant ist auch, dass ab dem Jahr 2040 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge verkauft werden dürfen, das schließt auch Motorräder, Busse und Lkw ein. Gerade im Schwerlastverkehr ist das wegen der bestehenden technologischen Hürden jedoch noch nicht absehbar. Die Verkaufsverbote sind noch nicht gesetzlich verankert.

    Neben dem Verkaufsverbot drängt der Staat die Automobilhersteller zusätzlich mit Zielvorgaben zum Verkauf emissionsfreier Fahrzeuge. Laut dem "Zero Emission Vehicle Mandate" (ZEV Mandat) sollen schon ab 2024 mindestens 22 Prozent der verkauften Pkw pro Hersteller emissionsfrei sein. Der vorgegebene Anteil wächst jährlich und erreicht 80 Prozent im Jahr 2030. Für die Ausgestaltung des ZEV Mandats hat die Regierung die Branchenunternehmen angehört, aber trotz des nahenden Beginns 2024 noch keine abschließende Position eingenommen. Möglich sind Strafen in Höhe von 15.000 Pfund Sterling pro mehrverkauftem Benziner- oder Diesel-Pkw. Das würde bei 2.000 Fahrzeugen eine Strafe von umgerechnet etwa 34,5 Millionen Euro ausmachen.

    Mehr als eine Million vollelektrische Pkw auf britischen Straßen

    Derweil vollzieht sich der elektromobile Wandel bereits von selbst, wie die Registrierungszahlen für Pkw zeigen. Etwa 2,7 Prozent der rund 41 Millionen Pkw auf britischen Straßen haben einen Elektroantrieb. Im ersten Halbjahr 2023 legten die Neuanmeldungen von Vollelektrofahrzeugen um ein Drittel auf rund 153.000 Pkw zu, während das Geschäft mit Dieselautos um 19 Prozent auf nur noch 37.500 Pkw einbrach. Die Kaufprämien wurden deshalb mittlerweile deutlich reduziert und für Pkw vollständig abgeschafft. So gibt es mit dem "Plug-In Grant" nur noch eine Kaufprämie für elektrische Motorräder, Roller, Transporter und Taxis. 

    Gefördert wird hingegen weiterhin der Aufbau der Ladeinfrastruktur, vor allem über den Electric Vehicle Chargepoint Grant (EVCG). Darüber werden bis zu 75 Prozent der Kosten staatlich bezuschusst. Ziel der Regierung ist im Rahmen der UK Electric Vehicle Infrastructure Strategy die Zahl der öffentlichen Ladepunkte auf mindestens 300.000 im Jahr 2030 zu erhöhen. Laut Zapmap waren im Juni 2023 rund 44.400 Ladepunkte verfügbar und damit 36 Prozent mehr als im Juni 2022. Um den Ausbau öffentlicher Ladepunkte zu beschleunigen fordert der Automobilverband SMMT nun von der Regierung die Mehrwertsteuer für öffentliches Laden zu senken. Schließlich wären dort 20 Prozent Mehrwertsteuer fällig, während Verbraucher beim Laden zu Hause von einem reduzierten Satz von 5 Prozent profitierten.

    Schnellladenetz wächst zu langsam

    In ihrem letzten Statusbericht an das Parlament weist die Klimawandelkommission (CCC) allerdings darauf hin, dass sich die Ausbaugeschwindigkeit im kommenden Jahr verdoppeln müsse, um die Ziele zu erreichen. Beim Ausbau von Schnellladestationen erwartet der britische Pannendienst RAC eine Zielverfehlung zum Ende des Jahres. Nur ein Viertel der 119 Autobahntankstellen würde bis Ende 2023 das Ziel erfüllen, über mindestens sechs Schnellladepunkte zu verfügen. Im Schnitt gebe es nur 3,4 Schnelllademöglichkeiten. Der Ausbau von Schnellladern profitiert von staatlichen Fördermitteln in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro im Rapid Charging Fund (RCF). Rund 6.000 Schnellladepunkte sollen bis 2035 bereitstehen.

    Mit der schnell wachsenden Zahl öffentlicher Ladepunkte ist ein breiter Markt entstanden. Marktführer im öffentlichen Ladenetz ist das zum Shell-Konzern gehörende Berliner Unternehmen ubitricity mit einem Anteil von 14,0 Prozent, gefolgt von Pod Point (10,6 Prozent) und bp pulse (7,6 Prozent). Bei Schnellladern führt Instavolt mit einem Marktanteil von 13,1 Prozent, dicht gefolgt von bp pulse (12,6 Prozent) und Tesla (12,2 Prozent). Die Wettbewerber haben sich im Frühjahr 2023 mit ChargeUK politisch ein eigenes Branchensprachrohr gebaut und zeigen das Potenzial des Marktes auf. Die Ladeanbieter wollen bis 2030 umgerechnet knapp 7 Milliarden Euro in den Ausbau des Netzes investieren.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Briten setzen auf Dekarbonisierung in Industrie-Clustern

    Der Staat fördert die Klimaneutralität der britischen Industrie, im Fokus stehen dabei energieintensive Industrien in Clustern, zum Beispiel Raffinerien und die Zementindustrie.

    Im Vereinigten Königreich sind Industrie und Bauwirtschaft mit einem Anteil von rund 24 Prozent die zweitgrößten Emittenten von Kohlendioxid (CO2). Bis 2050 will die Regierung Nettoneuemissionen in diesen Sparten komplett vermeiden. Bereits bis 2035 sollen die industriellen CO2-Emissionen im Vergleich zum Basisjahr 2018 um 63 bis 76 Prozent sinken. Wegweisend dafür ist die 2021 verabschiedete Industrial Decarbonisation Strategy. Unter dem Strich aber spielt die Industrie in Großbritannien aufgrund des starken Dienstleistungssektors gesamtwirtschaftlich eine kleinere Rolle als vergleichsweise am Industriestandort Deutschland.

    Dekarbonisierungsplan steht vor kritischer Phase

    Die britische Industrie konnte bisher den gesetzlich vorgeschriebenen Zielkorridor des Dekarbonisierungsplans einhalten. Jedoch sieht der unabhängige Climate Change Council als Kontrollgremium in den Emissionen von 2021 eine leichte Verfehlung des anvisierten Ziels. Dabei befindet sich die Dekarbonisierung der Industrie an einem kritischen Punkt, wie das Gremium in seinem Bericht an das britische Unterhaus bemerkt. Denn ab 2024 sollen die Reduktionsziele noch strenger werden.

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    Im Zentrum der Regierungsmaßnahmen stehen vor allem Investitionen in Technologien und Infrastrukturen zur Speicherung, Lagerung und Nutzung von CO2 (Carbon Capture, Utilisation and Storage, CCUS). Damit baut das Königreich auf seine geologischen Speicherkapazitäten, die laut Regierungsangaben mit 78 Gigatonnen CO2 zu den weltweit größten gehören. Sie könnten die britischen Emissionen aus mehr als 200 Jahren aufnehmen.

    Bis 2030 sollen darin jährlich bis zu 30 Millionen Tonnen CO2 gespeichert werden. Rund 10 Millionen Tonnen CO2 werden aus vier industriellen Hotspots abgeschieden, die in CCUS-Cluster transformiert werden. Dafür mobilisiert der Staat rund 1 Milliarde Pfund Sterling im CCUS Infrastructure Fund. Mit HyNet North West und dem East Coast Cluster stehen die ersten Cluster mit 36 Projektvorschlägen bereits in den Startlöchern.

    Ausgewählte staatliche Investitions- und Forschungsförderprogramme

    Programm

    Summe (in Millionen Euro)

    Anmerkungen

    Carbon Capture and Storage Infrastructure Fund

    circa 1.200

    Entwicklung von CCUS-Clustern und Transport- und Lagersystem

    Net Zero Innovation Portfolio

    circa 1.200

    Forschungsrahmenprogramm über die Industrie hinaus, zum Beispiel Gebäude, Energiespeicherung, Wasserstoff

    Industrial Energy Transformation Fund (IETF)

    378

    Zuschüsse zu Investitionen in Energieeffizienz und emissionsarme Technologien

    Green Heat Network Fund (GHNF)

    324

    Unterstützung der Kommerzialisierung und des Baus neuer kohlenstoffarmer und -freier Wärmenetze, sowie die Nachrüstung und Erweiterung bestehender Wärmenetze

    Net Zero Hydrogen Fund

    270

    Fonds mit dem Ziel, den kommerziellen Einsatz neuer kohlenstoffarmer Wasserstoffproduktionsprojekte zu unterstützen. Hierzu laufen Wettbewerbsprogramme für neue Projekte. Verkündung weiterer Vergaberunden im Laufe des Jahres 2023

    Industrial Decarbonisation Challenge

    204

    Forschungsprogramm zur Entwicklung emissionsarmer Technologien, inklusive CCUS, in energieintensiven Industrien

    Aerospace Technology Institute (ATI) Programme

    125

    Regierung und Industrie investieren in Wasserstoff- und vollelektrische Flugzeugtechnologien

    Zero Emission Vessels and Infrastructure (ZEVI) Competition

    87

    Von der Regierung finanziertes Wettbewerbsprogramm zur Dekarbonisierung des britischen maritimen Sektors und Infrastruktur

    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2023

    Ein weiterer Hebel zur Dekarbonisierung ist das Fuel Switching, also der industrielle Wechsel auf emissionsarme Energiequellen wie Wasserstoff und Bioenergie oder Strom. Flankiert wird der Hebel auch von Maßnahmen und Fördermitteln für Ressourcen- und Energieeffizienz und dem Forschungsrahmenprogramm Industrial Decarbonisation Challenge.

    Britische Raffinerien setzen auf CCUS-Lösungen

    Britische Erdölraffinerien sind die stärksten CO2-Emittentinnen der Industrie. Sie haben die drittgrößte Treibhausgasintensität im verarbeitenden Gewerbe. Im Fokus der Branche stehen sechs großen Raffinerien, die vor allem auf den Einsatz von CO2-Abscheidetechnologien setzen.

    CO2-Emissionen in ausgewählten britischen Industriebranchen (2020)

    Industriebranche

    Anteil an den CO2-Emissionen im verarbeitenden Gewerbe (in %)

    Rang

    Treibhausgasintensität 1)

    Rang

    Erdölraffinerien

    16,7

    1

    4,2

    3

    Eisen- und Stahlherstellung

    16,1

    2

    4,5

    1

    Zementherstellung

    9,1

    3

    2,7

    4 2)

    Petrochemische Industrie

    8,3

    4

    2,1

    5

    Glas-, Porzellan- und Keramikproduktion

    3,7

    5

    1,4

    7

    Industriegase

    2,5

    9

    4,3

    2

    1 Anzahl CO2-Äquivalente in 1.000 Tonnen pro Millionen Pfund Sterling Bruttowertschöpfung; 2 einschließlich anderer nichtmetallischer mineralischer Produkte wie Kalk.Quelle: Department for Business, Energy & Industrial Strategy 2022

    Die Prax-Gruppe investiert rund 300 Millionen Pfund in ihre Raffinerie am nordostenglischen Fluss Humber, um schon ab 2028 jährlich rund 85 Prozent der CO2-Emissionen einsparen zu können. Die Anlage liegt in dem am meisten CO2-verursachenden Industriecluster des Landes und wird mithilfe staatlicher Investitionen massiv dekarbonisiert. Über die Pipeline des East Coast Cluster soll das von Prax gebundene CO2 in einer Lagerstätte in der Nordsee eingespeichert werden. Die nahegelegene Raffinerie des US-Unternehmens Phillips 66 plant ebenfalls eine CO2-Abscheidung, die 2027 beginnen könnte.

    Die größte Raffinerie des Landes in der Nähe von Southhampton, betrieben vom US-Riesen ExxonMobil, schlägt ein Projekt zur Erzeugung von blauem Wasserstoff vor. Das Vorhaben steht in Zusammenhang mit der Bewerbung eines Konsortiums unter Beteiligung von Exxon für ein CCUS-Cluster am südenglischen Solent.

    Zementindustrie benötigt regionale Förderungen

    Die Zementindustrie will entlang der UK Concrete Roadmap to Beyond Net Zero bis 2050 einen Großteil ihrer Emissionseinsparungen, die sich auf 61 Prozent belaufen sollten, durch CCUS-Lösungen erreichen. So erwartet der zum deutschen Heidelberg Materials-Konzern gehörende Hersteller Hanson UK eine Förderzusage für eine geplante 400 Millionen Pfund Sterling teure CCS-Investition im HyNet-Cluster.

    Einige Hersteller, wie die Tarmac-Standorte in Südwales und Schottland, könnten von weiteren CCUS-Clusterinitiativen profitieren. Wegen dezentraler Lagen einiger Firmen können aber nicht alle aus der geplanten CCUS-Infrastruktur Nutzen ziehen. Der Branchenverband Minerals Products Association fordert zusätzliche Unterstützung der Regierung für regionale Zementwerke, auch um ausländische Investoren bei der Stange zu halten.

    Britischer Forschungsdurchbruch: Bauschutt wird zu emissionsfreiem Zement

    Im Pilotprojekt „Cement 2 Zero“ entwickelt die Forschungsinitiative „Cambridge Electric Cement“ einen emissionsfreien Prozess, um recycelten Zement herzustellen. Dafür wird zerkleinerter Beton aus Bauschutt separiert, beim Stahlrecycling im Lichtbogenofen mitgebrannt und aus dem Schlack neu zu hochwertigem Zement verarbeitet. Bis August 2024 soll die Forschung am Prozess abgeschlossen sein, um ihn in der Industrie einsetzen zu können.


    Die Initiative wird mit einer 6,5 Millionen Pfund Sterling schweren staatlichen Forschungsförderung unterstützt. Dafür kooperieren das Materials Processing Institute im nordostenglischen Middlesbrough mit der Patentinhaberin an der Universität Cambridge und Industriepartnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dazu gehören die Unternehmen Tarmac, CELSA, Balfour Beattie, Atkins und Days Aggregates.

    Nennenswerte Innovationen zeigt die Branche mit emissionsarmen Zementmixen, neuen Betonmischungen im Straßenbau und emissionsfreiem Recyclingzement (siehe Infobox). „Wir konnten in einem Forschungsprojekt nachweisen, dass Wasserstoff und Biomasse im Energiemix bei der Zementherstellung sehr gut einsetzbar sind“, erklärt Diana Casey, Direktorin beim Branchenverband Minerals Products Association. An dem Projekt war auch der Verein Deutscher Zementwerke beteiligt.

    Stahlindustrie hinkt hinterher

    In der britischen Stahlindustrie stockt die Dekarbonisierung massiv. Wirtschaftliche Probleme führen zu Entlassungen. Bisher ist noch nicht abzusehen, wann der mit 250 Millionen Pfund Sterling bereits budgetierte Green Steel Fund geöffnet wird. Der Think Tank ECIU sieht die britische Stahlindustrie im Vergleich zu den europäischen Wettbewerbern im Hintertreffen. Der Branchenverband UK Steel beklagt die hohen britischen Energiepreise und den fehlenden Schutz des Binnenmarktes vor emissionsstarken Stahlimporten.

    Im einzigen großen derartigen Projekt der Branche erprobt British Steel im nordostenglischen Teesside den Einsatz von Wasserstoff in der Produktion. Ist das Projekt erfolgreich, könnte der neue Prozess am südlicheren Produktionsstandort am Humber zum Einsatz kommen. Dort erhielt das Unternehmen eine Großbestellung für das CO2-Abscheideprojekt des Energieerzeugers Drax.

    (Stand 05.04.2023)

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Gebäude: Langsamer Start für emissionsarme Heizungen

    Die Regierung setzt auf höhere Energieeffizienzstandards bei Neubauten und ein Austauschprogramm für Heizkessel. Letzteres entwickelt sich aber langsamer als erwartet.

    Bei der Dekarbonisierung von Gebäudeemissionen weist die Umsetzung der staatlichen Heat and Building Strategy laut der Klimawandelkommission (CCC) große Defizite auf. Der Fortschritt sei zu langsam, um die Klimaneutralität von Gebäuden zu erreichen. In wesentlichen Indikatoren, wie der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen in Wohngebäuden, der Installation von Wärmepumpen und den dabei entstehenden durchschnittlichen Kosten, hinkt die Zielerreichung deutlich hinterher.

    Dabei setzt die Regierung auf ein breites Maßnahmenpaket. Zum einen sollen Gasboiler ab 2035 nicht mehr verkauft werden dürfen und der Futures Homes Standard für Neubauten schließt schon ab 2025 die Neuinstallation von Gasboilern aus. Hinzu kommen milliardenschwere Förderpakete für Energieeffizienzmaßnahmen (Great British Insulation Scheme bzw. ECO+, oder das Social Housing Decarbonisation Fund im Sozialwohnungsbau), für die Umrüstung auf Wärmepumpen und in seltenen Fällen auf Biomasseboiler (Boiler Upgrade Scheme) und für den Ausbau der Fernwärme (Heat Networks Investment Project, HNIP).

    Markt für Wärmepumpen wächst langsam

    Auch im Vereinigten Königreich spielen Wärmepumpen eine wichtige Rolle bei der Wärmewende. Dabei positioniert die Regierung die britische Insel nicht nur als Markt, sondern auch als Produktionsstandort. Mit der Heat Pump Investment Accelerator Competition können Investoren entlang der Wertschöpfungskette und für Ansiedlungen bis zu umgerechnet etwa 17 Millionen Euro Fördergelder erhalten. Der deutsche Hersteller Vaillant hat bereits Ende 2022 eine neue Produktionslinie für Wärmepumpen auf der Insel eröffnet und bereitet sich damit auf das beschleunigte Marktwachstum nach Verschärfung der Emissionsgrenzen für Neubauten ab 2025 vor. Laut Regierungsstrategie soll die Branche ab 2028 ihre Installationsgeschwindigkeit auf 600.000 Wärmepumpen pro Jahr hochgefahren haben und damit der größte europäische Markt für die emissionsfreundliche Technologie werden.

    Der Weg dorthin ist allerdings noch weit. Im europäischen Vergleich wurden 2022 nirgendwo so wenig Wärmepumpen pro Einwohner installiert wie im Vereinigten Königreich. Mit 72.000 installierten Pumpen lag das Land im selben Jahr auch noch deutlich hinter dem eigenen Jahresziel, nach dem bereits 130.000 Anlagen angeschlossen werden sollten. Das liegt unter anderem am Fachkräftemangel bei Installateuren, dem der Staat nun mit der Förderinitiative Heat Training Grant begegnet. Damit können bis zu 10.000 Fachkräfte ab sofort per Gutschein zu zertifizierten Wärmepumpeninstallateuren fortgebildet werden. Ein ähnliches Programm besteht auch bei Fachkräften für die Fernwärmenetze.

    Wasserstofffähige Gasboiler mit Widerstand

    Die bisher schwache Nachfrage der Bevölkerung verändert sich aber nach Beobachtung der Zeitung The Guardian. Demnach sorgt der Wettbewerb zwischen den Energieanbietern Octopus Energy und British Gas zu fallenden Preisen und Wartelisten. Auch ein großflächiger Installationstest des Spitzenclusters Energy Systems Catapult vermeldet eine hohe Nachfrage beim Einbau von Wärmepumpen, mit mehr als 8.800 Interessenten auf 750 Teilnahmeplätze.

    Damit läuft das Geschäft mit den Wärmepumpen besser als bei der günstigeren, konkurrierenden Technologie der wasserstoffverbrennenden Gasboiler. Letztere werden ab 2024 im Pilotprojekt H100 Fife in Schottland ausprobiert. Mehr als 300 Haushalte testen dann den Betrieb von wasserstofffähigen Boilern und Hausgeräten. Der Wasserstoff wird "grün" per Elektrolyse aus Windstrom hergestellt und in das lokale Gasnetz eingespeist. Im Forschungsprojekt Hy4Heat konnte bereits demonstriert werden, dass Haushaltsgeräte sicher mit einem Wasserstoff-Gas-Gemisch betrieben werden können. Auch Bosch Thermotechnology war daran beteiligt.

    Im nordostenglischen Whitby hingegen musste ein ähnliches Projekt abgesagt werden, weil die Sicherheitsbedenken in der lokalen Bevölkerung zu groß waren. Mittlerweile zeigt sich auch Energieminister Grant Shapps gegenüber wasserstoffbetriebenen Gasboilern kritisch und sagte gegenüber der Tageszeitung Politico, dass es "unwahrscheinlich" sei, dass Wasserstoff in Zukunft eine Hauptquelle für die Beheizung von Wohngebäuden wäre.

    Langsame Fortschritte bei energetischen Sanierungen

    Die baulichen Anforderungen an neue Gebäude in England steigen mit dem ab 2025 gültigen "Future Homes Standard" deutlich. Zu diesem Zeitpunkt sollen die CO2-Emissionen neuer Wohngebäude 75 bis 80 Prozent niedriger sein als aktuell. Das mit umgerechnet knapp 1,2 Milliarden Euro ausgestattete Förderpaket Great British Insulation Scheme soll bis 2026 pro Jahr für 300.000 Wohnungen Energieeffizienzmaßnahmen von der Fassade bis zum Dach unterstützen, ist aber nur auf bestimmte Gebäudetypen begrenzt.

    Maßnahmenpakete allein reichen nicht aus, um die Energieeffizienz der Wohngebäude zu verbessern. Der als Vorgänger bereitgestellte "Green Homes Grant" in Höhe von umgerechnet 2,2 Milliarden Euro scheiterte an seinem bürokratischen Konstrukt. Ohnehin ist die Sanierungsaufgabe groß, denn das Vereinigte Königreich besitzt einen der ältesten Gebäudebestände Europas.

    Von Marc Lehnfeld | London

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen

    Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Department for Business, Energy & Industrial Strategy 

    Zuständiges Ministerium

    Department for Environment, Food and Rural Affairs

    Ministerium für Umwelt, Nahrung und ländliche Angelegenheiten

    Office for Gas and Electricity Markets

    Energiemarktregulierungsbehörde

    RenewableUK

    Fachverband für erneuerbare Energien

    Energy UK

    Fachverband

    Building Services Research and Information Association

    Verband für Prüfung, Bemessung und Beratung im Bauwesen und Gebäudetechnik

    Carbon Trust

    Beratende Stiftung zum Thema Null-Emissionen

    Energy Savings Trust

    Beratende Einrichtung zum Thema Energieeffizienz

    The Net Zero & Energy Management Expo

    Fachmesse in London, Termin 23. bis 24. November 2022

    Envirotec

    Nachrichtenplattform für die Umwelt

  • AHK-Angebote

    AHK Vereinigtes Königreich

    Die Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer betreut deutsche Firmen nicht nur bei der individuellen Suche nach möglichen Geschäfts- und Kooperationspartnern im Vereinigten Königreich, sondern bietet auch nach erfolgreicher Geschäftsanbahnung eine Vielzahl von administrativen Unterstützungsdienstleistungen an, so dass die Unternehmen sich auf ihren eigentlichen Geschäftszweck fokussieren können. Aktivitätenschwerpunkte in den vergangenen Jahren lagen auf der Elektromobilität, Energieeffizienz im Baubereich, Solarwirtschaft sowie dem Windenergiesektor. Wasserstoff hat im Rahmen der Wasserstoffstrategie der britischen Regierung in letzter Zeit sehr stark an Bedeutung gewonnen, weswegen die Informationsangebote auf diesem Gebiet, wie beispielsweise Webinare und Seminare, in letzter Zeit signifikant ausgebaut worden sind.


    Kontakt

    Telefon: +44 (0)20 7976 4100

    E-Mail: mail@ahk-london.co.uk

    Homepage: http://www.ahk-london.co.uk   http://grossbritannien.ahk.de



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