Wirtschaftsausblick | Frankreich
Wirtschaftliche Dauerkrise mit Lichtblicken
Die kriegerischen Unruhen in der Ukraine sowie in Nahost hinterlassen auch in Frankreich Spuren. Luft- und Raumfahrt sowie der Verteidigungssektor stützen indes die Wirtschaft.
09.06.2026
Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris
Top-Thema: Mit Elektrifizierung gegen die Energiekrise
Der Irankrieg setzt Frankreichs Wirtschaft unter Druck. Insbesondere der in Frankreich wichtige Dienstleistungssektor und das Baugewerbe sind betroffen. Als Reaktion auf den Krieg treibt Frankreichs Regierung die Elektrifizierung des Landes voran.
Mit dem Ende April 2026 vorgeschlagenen Plan Électrification soll sich das Land aus seiner Importabhängigkeit von den fossilen Energieträgern Öl und Gas lösen. Die Förderung der Elektromobilität sowie die Nutzung von Wärmepumpen für industrielle und private Anwendungen stehen im Zentrum des Maßnahmenkatalogs.
Angesichts fehlender Mehrheiten in der Nationalversammlung beschränkt sich die Regierung auf Verwaltung. Zudem sind größere politische Entscheidungen vor den 2027 anstehenden Präsidentschaftswahlen nicht mehr zu erwarten. Die hohe Staatsverschuldung Frankreichs lässt zudem nur begrenzten finanziellen Spielraum zu. Unternehmen befürchten höhere Steuer- und Abgabenbelastungen..
Wirtschaftsentwicklung: Irankrise hemmt die Wirtschaftsleistung
Die Irankrise dämpft die zu Jahresbeginn eigentlich guten wirtschaftlichen Aussichten. Bislang erwartet die französische Zentralbank Banque de France für 2026 in ihrem Basisszenario ein reales Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent. Sollte die Irankrise jedoch andauern, könnte das Wachstum je nach Szenario und Dauer der Krise auf 0,6 bis 0,3 Prozent sinken.
Insbesondere die exportstarke Luft- und Raumfahrt sowie die Verteidigungsindustrie profitieren allerdings von einer international steigenden Nachfrage. Zudem investieren Unternehmen in künstliche Intelligenz (KI) und den Ausbau von Datenzentren.
Konsum stagniert
Verbraucher konsumieren angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheit weiterhin zurückhaltend. Die Konsumausgaben werden laut Europäischer Kommission 2026 mit 0,2 Prozent nur verhalten steigen. Zwar liegt die Sparquote Ende 2025 mit 18,3 Prozent deutlich über dem europäischen Durchschnitt.
Steigende Benzin- und Energiepreise verringern jedoch unmittelbar die Kaufkraft. Zudem steigt die Arbeitslosigkeit wieder. Im 1. Quartal 2026 lag die Quote bei 8,1 Prozent und wird Prognosen der EU zufolge 2027 etwa 8,7 Prozent erreichen.
Unternehmen investieren in Verteidigung und Künstliche Intelligenz
Unternehmensinvestitionen entwickeln sich uneinheitlich. Im Verteidigungs- oder Dual-Use-Bereich aktive Unternehmen expandieren. Zudem entwickelt sich Frankreich zu einem europäischen Vorreiter im Bereich KI und Datenzentren.
Die japanische Softbank Group kündigte auf dem Choose France Gipfel Anfang Juni 2026 an, 75 Milliarden Euro in den Aufbau von Datenzentren und KI-Infrastruktur in Frankreich investieren zu wollen. Ein Monat zuvor hatte ein Verbund von 28 Unternehmen Investitionen in Höhe von 10 Milliarden Euro in KI-Gigafabriken in Frankreich in Aussicht gestellt. Auch Bereiche wie Energieeffizienz, Digitalisierung und Recycling entwickeln sich gut.
In anderen Branchen ist die Geschäftsstimmung nach zwischenzeitlichen Aufhellungen wieder schlecht. Der Purchasing Managers' Index für die herstellende Industrie von S&P Global lag im Mai 2026 bei 48,9 Punkten und damit erneut im Bereich der Kontraktion. Unternehmen geraten zunehmend an ihre finanziellen Grenzen.
Im 1. Quartal 2026 mussten gut 19.000 Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit einstellen. Das entspricht einem Anstieg um 6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und stellt einen historischen Höchststand für ein erstes Quartal dar. Besonders betroffen sind die Dienstleistungsbranche, die Automobilzulieferindustrie und der Chemiesektor.
Französischer Außenhandel leidet unter steigenden Kosten für Öl und Gas
Der Außenhandel bleibt im Jahr 2025 defizitär. Allerdings verbessert sich Frankreichs Handelsdefizit 2025 gegenüber dem Vorjahr um 9,1 Prozent auf 93 Milliarden Euro. Die Exporte, insbesondere von Verteidigungsgütern, ziehen an, während die Importe nur leicht steigen.
Im 1. Quartal 2026 verschlechterte sich Frankreichs Außenhandelsbilanz hingegen. Ursächlich dafür sind vor allem die steigenden Kosten für die Einfuhren von Öl und Gas. Zudem wirken sich die US-Zölle auf Frankreichs Exporte belastend aus. Vor allem Wein und Spirituosen, Parfums und Kosmetika sowie Maschinenbauprodukte verzeichnen sinkende Ausfuhren in die USA.
Deutsche Perspektive: Frankreich spekuliert auf Kooperationsprojekte
Frankreich ist für Deutschland der viertwichtigste Handelspartner und weltweit der zweitwichtigste Exportmarkt. Maschinen und Anlagen sowie chemische Erzeugnisse dominieren die deutschen Ausfuhren. Im Jahr 2025 lieferte Deutschland laut Destatis Waren im Wert von gut 117 Milliarden Euro nach Frankreich. Das waren 44 Prozent mehr als nach China. Insbesondere deutsche Exporte für die französische Luft- und Raumfahrtindustrie (SITC 792) entwickelten sich im Jahr 2025 mit einer Steigerung von knapp 33 Prozent ausgesprochen gut.
Auch im 1. Quartal 2026 entwickelten sich die deutsch-französischen Handelsbeziehungen dynamisch. Die deutschen Ausfuhren nach Frankreich stiegen um 7,8 Prozent. Die französischen Ausfuhren nach Deutschland nahmen um 11,7 Prozent zu. Vor allem der Maschinenbausektor beider Länder profitierte von Großinvestitionen, insbesondere in die Verteidigung.
Französische Unternehmen aus dem Bau- und Verteidigungssektor erwarten Beteiligungschancen an deutschen Groß- und Kooperationsprojekten, die durch das Infrastrukturpaket gefördert werden. Verteidigungsprojekte, die von Industriepartnern initiiert werden und aus industrieller Sicht sinnvoll sind, entwickeln sich positiv.
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