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Ägypten will die Produktion von Möbeln industrialisieren

Auch ohne Forstwirtschaft fördert Ägypten seine Möbelindustrie. Antriebskräfte sind die inländische Nachfrage und das große Reservoir an Arbeitskräften.

Von Marcus Knupp | Berlin

Mit der Herstellung von Möbeln wird Ägypten kaum in Verbindung gebracht. Dabei hat die Branche am Nil durchaus einige Bedeutung und eine lange Tradition. Rund 120.000 Betriebe der Möbelindustrie verzeichnet das ägyptische Statistikamt Capmas für 2023. Diese beschäftigen etwa 900.000 Menschen, schätzt die nationale Investitionsfördergesellschaft GAFI. 

Die Relation zeigt bereits: Die meisten Unternehmen sind sehr klein, eher Handwerks- als Industriebetriebe. Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) stuft 85 Prozent der Branchenbetriebe als Kleinbetriebe mit unter fünf Mitarbeitenden ein. Nur 2 Prozent der Firmen haben mehr als 50 Beschäftigte.

Möbelcluster Damietta als Zentrum

Ägypten will diesen Anteil erhöhen und zudem die Branche professionalisieren und modernisieren. Ein Instrument dazu ist die 2016 ins Leben gerufene Damietta Furniture City. Dies ist ein der Möbelindustrie gewidmetes Gewerbe- und Industriegebiet im Nordosten des Nildeltas. Die Stadt Damietta ist traditionell das Zentrum der holzbearbeitenden Industrie in Ägypten. Etwa ein Drittel der Unternehmen der Branche sind in dieser Region ansässig. Die ersten Ansiedlungen dort gehen auf Handwerker zurück, die mit den französischen Besatzungstruppen Ende des 18. Jahrhunderts ins Land kamen

Heute umfasst das Cluster Damietta etwa 37.000 Unternehmen der Möbelbranche. Handwerkliche Traditionen sind zwar noch ausgeprägt. Langsam vollzieht sich jedoch ein Wandel hin zu mehr industrieller Fertigung. Das zeigt sich beispielsweise in der vermehrten Verwendung von Spanplatten oder MDF-Faserplatten. Bisher bestehen in Damietta rund 20 große Fabriken der Branche. Diese Zahl soll sich stark erhöhen: Die Damietta Furniture City plant mit Grundstücken für 128 Möbelfabriken, aber auch 16 Zulieferunternehmen. Über 1.300 Werkstätten kleinerer Betriebe können in 54 Hangars Platz finden. Davon waren bis 2024 rund 450 besetzt.

Ägypten importiert eher hochwertige Möbel

Wegen des hohen Anteils informeller Betriebe in der Branche differieren Schätzungen der Produktions- und Umsatzzahlen stark. Das ägyptische Kabinett (Egyptian Cabinet Information and Decision Support Center, IDSC) nennt 2023 in einer Publikation zur Branche Holzverarbeitung und Möbel einen Anteil von 2,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Dies erscheint sehr hoch, angesichts eines Anteils des gesamten produzierenden Gewerbes einschließlich Erdölraffinerien am BIP von knapp 15 Prozent. Manche Beobachter beziehen die 2,2 Prozent Anteil nur auf die industrielle Bruttowertschöpfung. Dann ergäbe sich für die Holzbearbeitungs- und Möbelsparte für das Finanzjahr 2024/25 ein Wert von 1,16 Milliarden US-Dollar (US$).

Demnach würde Ägypten rund ein Viertel der Branchenproduktion exportieren. Die wichtigsten Zielländer waren 2024 Saudi-Arabien mit einem Anteil von 32,3 Prozent, Irak (17,6 Prozent), Sudan (9,3 Prozent), Libyen (8,9 Prozent) und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE, 6,0 Prozent). 

Die Möbelimporte erreichten 2024 etwa 72 Millionen US$ (Zolltarifposition/HS 9403). Zusammen mit Sitz- und Polstermöbeln (HS 9401), die im Export kaum eine Rolle spielen, waren es 139 Millionen US$. Die Liste der wichtigsten Herkunftsländer deutet an, dass es sich bei den Importen zu einem wesentlichen Teil um qualitativ hochwertigere Möbel handeln dürfte: Außer aus China hat Ägypten vor allem Möbel aus Italien, der Türkei, Spanien, den USA und Deutschland eingeführt.

Vom Handwerk zu mehr Industrie als Ziel

Auch in den Außenhandelsdaten zeigt sich die noch stark handwerkliche und auf den lokalen Bedarf ausgerichtete Struktur der ägyptischen Möbelindustrie. Viele Vorprodukte, nicht nur Holz, sondern auch Span- oder MDF-Platten, müssen importiert werden. Mit Projekten wie der Damietta Furniture City will Ägypten nun eine größere Zahl von industriellen Herstellern aufbauen und damit auch den Export weiter anregen. Zudem sollen weitere Produktionsstufen in Ägypten angesiedelt werden.

Dieser Industrialisierungsprozess in der Möbelherstellung steht noch am Anfang. Er birgt große Absatzchancen für deutsche Maschinenbauer. Durch die Ausstattung industrieller Großbetriebe importierte Ägypten 2021 Pressen zur Herstellung von Holzspan- und Faserplatten für fast 100 Millionen US$. Die meisten davon kamen aus Deutschland. In den Jahren davor und danach erreichten die Einfuhren von solchen Pressen und Holzbearbeitungsmaschinen zusammen lediglich 10 Millionen bis 20 Millionen US$. Wichtige Wettbewerber bei Holzbearbeitungsmaschinen sind China, Italien, die Türkei und Spanien.

Ägyptens Importe von Holzbearbeitungsmaschinen: Deutschland nutzte den BoomÄgyptische Einfuhren in 1.000 US$
HSWarengruppe

2020

2021

2022

2023

2024

8465Holzbearbeitungsmaschinen

15.692

17.550

14.824

13.873

10.809

 davon aus Deutschland

1.810

205

497

1.411

251

847930Pressen zum Herstellen von Span- und Faserplatten

2.643

92.184

3.999

8.413

3.361

 davon aus Deutschland

1.383

81.793

2.684

95

902

 Insgesamt

18.335

109.734

18.823

22.286

14.170

 Anteil Deutschlands an ägyptischen Importen (in %)

17,4

74,5

16,9

6,8

8,1

Quelle: ITC 2026

GIZ unterstützt bei der Ausbildung

Die genannte Studie der GIZ weist aus, dass in Ägypten lediglich 0,2 Prozent der an technischen Schulen und Hochschulen Ausgebildeten dem Bereich Holzbearbeitung und Möbel zuzuordnen ist. Das passt zum Bedarf der meisten Betriebe, die eher als Schreinereien einzustufen sind, aber nicht dem einer industriellen Möbelherstellung. Deshalb entsteht ein Bedarf an Ausbildungseinrichtungen und deren Ausstattung. Bisher ist das Ausbildungssystem eher angebotsgetrieben als bedarfsorientiert, wie eine Arbeit der American University of Cairo feststellt. Die GIZ unterstützt Ägypten beim Aufbau relevanter technischer Ausbildungsgänge.

In der Damietta Furniture City ist ein Furniture Technology Center vorgesehen, um Firmen bei der Modernisierung zu unterstützen und Mitarbeitende zu qualifizieren. Das Center soll den Firmen nicht nur Ausbildungseinrichtungen zur Verfügung stellen, sondern auch Möglichkeiten der Qualitätssicherung und Vermarktung der Möbel bieten.

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