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Ushuaia: Logistikdrehscheibe zur Antarktis
Die Antarktis ist längst kein unberührter Kontinent mehr. Wo früher Forschung dominierte, bestimmen heute Fangflotten, Kreuzfahrtschiffe und geopolitische Interessen das Geschehen. Damit wächst auch am südlichsten Ende Südamerikas der Kampf um Zugang, Einfluss und Ressourcen – mit Chancen für den deutschen Mittelstand.
16.06.2026
Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile
- Forschung als Motor neuer Märkte
- Rohstoffe unter dem Eisschild – geopolitische Spannungen wachsen
- 2048: das Ende des Förderverbots?
- Tourismusboom am Ende der Welt: Chancen für B2B-Dienstleister in Ushuaia
- Mit Privatkapital zur Antarktis-Drehscheibe: die Pläne für Ushuaia
- Südliche Schiffsrouten als Alternative zum Panamakanal
- Wissenschaft und Dual-Use-Technologien: Antarktis als geopolitischer Schauplatz
Fast 300 chinesische Fischkutter zählte der Kapitän eines Antarktis-Kreuzfahrtschiffes im März 2026 auf seiner Reise zum letzten unbewohnten Kontinent der Erde. Sie bilden eine Mauer aus Fangschiffen und fischen alles weg. Gefangen wird vor allem Krill. Den größten Teil davon verarbeitet China zu günstigem, eiweißreichem Futtermittel – für die Volkswirtschaft ein strategischer Schritt, um sich von Soja- und Fischmehlimporten unabhängiger zu machen.
Forschung als Motor neuer Märkte
Aus ökologischer Sicht ist das übermäßige Abfischen von Krill in der Region höchst problematisch, so Irene Schloss, Meeresbiologin am Centro Austral de Investigaciones Científicas (CADIC). Die Krebstierchen, die sich selbst von Mikroorganismen ernähren, stehen am Anfang der Nahrungskette. Wo es keinen Krill mehr gibt, haben auch Fische, Pinguine und Wale nichts mehr zu fressen. Größte Krillfangnation ist allerdings noch immer Norwegen.
Doch die Nutzung antarktischer Ressourcen geht weit über die Fischerei hinaus. Tatsächlich könne die wissenschaftliche Forschung rund um die Antarktis vielfältige Möglichkeiten für Innovation, technologischen Fortschritt und Wertschöpfung eröffnen, sagte Horacio Werner, Direktor der Nichtregierungsorganisation Agenda Antárctica mit Sitz in Buenos Aires, auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung im April 2026 in der argentinischen Hauptstadt. Wissenschaftler untersuchen beispielsweise Bakterien, die Öl zersetzen, und Mikroorganismen, die in eisiger Kälte überleben. Gleichzeitig erforschen sie Meer, Eis und Boden, um zu begreifen, wie sich Klima und Eisschilde verändern und was das für die Zukunft der Erde bedeutet.
Forschung auf dem weißen Kontinent
Deutschland verstärkt seine Präsenz am Südpol
Deutschland betreibt eine ganzjährige Station (Neumayer III) sowie zwei Sommerstationen (Kohnen und Dallmann, letztere gemeinsam mit Argentinien) in der Antarktis. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konzentrieren sich auf Eiskernbohrungen und Klimaforschung. Auch abseits der Stationen liefert die deutsche Polarforschung neue Erkenntnisse: Im April 2026 entdeckte das Forschungsschiff Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts im Weddellmeer eine zuvor unbekannte Insel.
Mit der Station Neumayer IV, die in den 2030er-Jahren in Betrieb gehen soll, will Deutschland seine Präsenz weiter ausbauen. Zudem koordiniert das Alfred-Wegener-Institut die Initiative „Antarctica – International Science & Infrastructure for Synchronous Observation“. Das Ziel: Forschungsteams aus vielen Ländern beobachten gleichzeitig, ganzjährig und rund um die Antarktis Eis und Gletscher, Ozeane, Klima, Atmosphäre sowie Ökosysteme.
Rohstoffe unter dem Eisschild – geopolitische Spannungen wachsen
Die Antarktis umfasst rund 14 Millionen Quadratkilometer und ist damit etwa ein Drittel größer als Europa. Nur etwa ein bis zwei Prozent sind eisfrei. An manchen Stellen ist das Eis bis zu 4.000 Meter dick. Umgeben ist der Kontinent vom Polarmeer. „Nirgendwo auf der Erde gibt es mehr Eis als in der Antarktis: etwa 30 Millionen Kubikmeter. Das entspricht 90 Prozent des gesamten Eises auf dem Planeten und 70 Prozent der Süßwasservorräte“, erläutert Daniel Roberto Martinioni, Geologe und Universitätsdozent an der Universidad Nacional de Tierra del Fuego (UNTDF).
Doch dieses Eis schmilzt. Nach Daten des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus verlor der antarktische Eisschild zwischen 1979 und 2023 durchschnittlich 107 Gigatonnen Eis pro Jahr und trug insgesamt 13,4 Millimeter zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Das klingt wenig, birgt aber enorme Risiken: Schon ein Anstieg um ein bis zwei Meter würde große Teile der Niederlande oder Bangladeschs überfluten. Würde das gesamte Eis der Antarktis schmelzen, könnte dies zu einem Anstieg des Meeresspiegels um etwa 57 Meter führen.
2048: das Ende des Förderverbots?
Noch gilt die Antarktis zwar nicht als Reservekontinent für überflutete Erdregionen, auch wenn die argentinische Marine ein solches Szenario bereits durchspielt. Doch die Begehrlichkeiten wachsen – vor allem wegen der unter dem Eis liegenden Bodenschätze. Ihr Abbau ist heute noch zu aufwendig und ohnehin verboten. Das Umweltschutzprotokoll, das 1991 in Madrid als Ergänzung zum Antarktisvertrag beschlossen wurde, untersagt jegliche Rohstoffförderung in der Antarktis bis mindestens 2048. Ab 2048 können die Vertragsstaaten eine Überprüfungskonferenz einberufen. Änderungen bedürfen jedoch der Einstimmigkeit und die gilt aus heutiger Sicht als äußerst unwahrscheinlich. Als gesichert gelten in der Antarktis Lagerstätten von Eisenerz und Kohle. Forscher vermuten außerdem Nickel, Kupfer, Platin sowie geringe Mengen Molybdän und Gold.
Bislang gestattet der internationale Antarktisvertrag von 1961 neben dem Fischfang nur eine weitere wirtschaftliche Aktivität: den Tourismus – und auch dieses Geschäft boomt.
Der Antarktisvertrag
Ein Regelwerk gegen Begehrlichkeiten
Der 1961 in Kraft getretene Antarktisvertrag regelt die friedliche Nutzung des Kontinents. Das internationale Abkommen verbietet militärische Aktivitäten, nukleare Tests und Waffenstützpunkte. Stattdessen setzt es auf Wissenschaft: Die Mitgliedstaaten verpflichten sich zu freier Forschungskooperation und zum Betrieb von Stationen ausschließlich für friedliche Zwecke. Das wichtigste Zusatzprotokoll ist das Madrid-Protokoll von 1991. Es verbietet Bergbau bis mindestens 2048 und verpflichtet alle Vertragspartner zum Umweltschutz.
Darüber hinaus friert der Vertrag territoriale Ansprüche von Anrainerstaaten wie Argentinien, Chile, Großbritannien (Falkland-Inseln), Australien und Neuseeland ein – ebenso historische Besitzansprüche von Frankreich oder Norwegen. Neue Gebietsansprüche verbietet der Vertrag komplett.
56 Staaten haben unterzeichnet. Volles Stimmrecht besitzen jedoch nur Länder, die aktiv forschen. Deutschland gehört seit 1979 dazu und betreibt drei Stationen.
Tourismusboom am Ende der Welt: Chancen für B2B-Dienstleister in Ushuaia
Trotz horrender Ticketpreise von 30.000 US-Dollar und mehr schätzt die International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO) die Zahl der Schiffstouristen auf rund 124.000 pro Jahr. In den kommenden Jahren könnte ihre Zahl auf fast eine Million steigen. Die meisten Touristen in der Antarktis stammen aus den USA und China. Reisende aus Deutschland machen rund fünf bis sieben Prozent aus. „Hierher kommen vor allem wohlhabende, ältere Menschen, die schon alles gesehen haben“, sagt Konteradmiral Guillermo Alberto Prado, Kommandant auf der Marinebasis im argentinischen Ushuaia. Die Kleinstadt in der Provinz von Tierra del Fuego – die südlichste Stadt Argentiniens – ist für die meisten Kreuzfahrtschiffe Ausgangspunkt für die große Fahrt über die Drake-Passage in Richtung Südpol. Mit etwa 1.000 Kilometer Abstand ist Ushuaia der Antarktis so nah wie kein anderer Ort.
Mehr Touristen heißt für die Marinebasis auch mehr Einsätze zur Seenotrettung. Eine Leistung, die das argentinische Militär, sofern es um Menschenleben geht, kostenfrei erbringt. Ihre grundlegendere Aufgabe ist jedoch die logistische Versorgung verschiedener Forschungsstationen in der Antarktis. Allerdings reichen die Hafenanlagen für den Bedarf des argentinischen Antarktisprogramms nicht mehr aus – erst recht nicht angesichts der steigenden Zahl von Kreuzfahrten. Deshalb plant die argentinische Marine einen neuen Stützpunkt in der Nähe des internationalen Flughafens, inklusive neuem Pier und Logistikzentrum.
Mit Privatkapital zur Antarktis-Drehscheibe: die Pläne für Ushuaia
Mehr privates Geld könnte helfen, diese Planungen schneller voranzutreiben. Doch erst seit Kurzem steht die Politik der Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft aufgeschlossener gegenüber. Derzeit laufen erstmals Trainingsflüge zwischen Ushuaia und der argentinischen Antarktisbasis Petrel. Damit soll nicht nur der Tourismus in der Antarktis neue Impulse für die lokale Wirtschaft bringen. Die Provinz Tierra de Fuego will sich generell international stärker aufstellen und sucht Partner, gerne auch im Rahmen von Kooperationen mit oder innerhalb der EU.
Die private Initiative FINNOVA (Fundación Innovación Fueguina) verfolgt das Ziel, die Provinz Tierra de Fuego und speziell ihre Hauptstadt Ushuaia als Logistik-, Wissenschafts- und Innovationsdrehscheibe für die Antarktis zu etablieren. Strategisch günstig gelegen, verfügt die Region mit Magellanstraße, Beagle-Kanal und Drake-Passage über gleich drei Seewege zwischen Atlantik und Pazifik. FINNOVA sieht sich dabei in direkter Konkurrenz mit Punta Arenas, einer chilenischen Stadt am anderen Ende der Magellanstraße – nach Ushuaia die zweitnächstgelegene Ausgangsbasis zur Antarktis.
Allerdings fehlt es in Ushuaia an grundlegender Infrastruktur: Es gibt keine Reparaturwerften, kaum Lagermöglichkeiten und wenig Trockendocks. Die Hafenmole ragt nur rund 500 Meter in den Beagle-Kanal und bietet höchstens einen Kilometer Anlegefläche. Viele Schiffe müssen warten, bis sie abgefertigt werden können. Laut FINNOVA kein Wunder also, dass der Großteil der wissenschaftlichen Antarktisprogramme von Chile aus startet – und nicht von Ushuaia.
Südliche Schiffsrouten als Alternative zum Panamakanal
Andrés Dachary, Staatssekretär für internationale Angelegenheiten der Provinz Tierra del Fuego, sieht in den wachsenden weltpolitischen Spannungen neue Geschäftschancen für Ushuaia und Tierra del Fuego. Der Ausbau von Schifffahrtsrouten im Süden von Lateinamerika könnte Alternativen zum Panamakanal eröffnen. Große Frachtschiffe passen nicht durch den Kanal, durch die Magellanstraße aber schon. Zudem ist der Panamakanal für bestimmte Gefahrgüter wie Explosivstoffe oder Chemikalien gesperrt oder die Durchfahrt ist nur unter strengen Auflagen erlaubt. Hinzu kamen in den letzten Jahren reduzierte Durchfahrten wegen Wasserknappheit im Kanal.
Grundsätzlich lockt Tierra del Fuego mit Steuerbefreiungen auf Industrieprojekte. Deren Ziel war ursprünglich, Unternehmen in Tierra del Fuego anzusiedeln, um dort Arbeitsplätze zu schaffen und den argentinischen Süden für Zuwanderer aus anderen Landesteilen attraktiver zu machen. Davon profitieren auch ausländische Investoren. Eine chinesische Hafenbeteiligung lehnte Argentinien jedoch aus Sicherheitsgründen ab. Zu groß war die Sorge vor möglicher militärischer Nutzung. Denn längst geht es in der Antarktis nicht mehr nur um Tourismus, Forschung oder Fischfang, sondern auch um geopolitischen Einfluss.
Wissenschaft und Dual-Use-Technologien: Antarktis als geopolitischer Schauplatz
Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Idee multilateraler, friedlicher Wissenschaftskooperation in der Antarktis kalter Realpolitik weichen muss. Schon heute bringen sich einzelne Länder in Stellung und missbrauchen die zivile Fassade der Wissenschaft, um ihre Position zu stärken. Besonders aktiv sind Russland und China. Die Volksrepublik strebt bis 2049 – dem 100. Jahrestag ihrer Staatsgründung – den Status einer „polaren Supermacht“ an.
Gleichzeitig wächst der Einsatz sogenannter Dual-Use-Technologien, also Technologien, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden können. Eisbrecher lassen sich beispielsweise sowohl für die Forschung als auch für militärische Transporte einsetzen. Ebenso ist es möglich, dass Großmächte wie die USA, China und Russland ihre Forschungsstationen für präzise Navigation, Satellitenüberwachung und das Abhören von Kommunikation verwenden. Zwar fehlt es bislang an konkreten Belegen, dennoch drohen die Grenzen zwischen Forschung und Machtpolitik zu verschwimmen.
„Der demilitarisierte Status der Antarktis ist nicht selbstverständlich“, warnt Susanne Käss, Argentinien-Expertin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Eine Antarktisstrategie der EU sei überfällig. Bislang verfüge die EU zwar über eine Arktis-, aber nicht über eine Antarktisstrategie. „Die EU muss ihre Interessen in Wissenschaft, Meeresschutz, Fischfang, regionaler Sicherheit und der Verteidigung der regelbasierten Ordnung zusammen mit Wertepartnern wie Großbritannien, Norwegen, Argentinien, Chile, Brasilien und den USA klar artikulieren und durchsetzen“, fordert Käss.
Ob die Antarktis ein Ort des Friedens bleibt oder zum nächsten Schauplatz globaler Rivalität wird, wird sich in den kommenden Jahrzehnten zeigen.