Sie sind ein ausländisches Unternehmen, das in Deutschland investieren möchte?

VALPARAISO, CHILE- JANUARY 2, 2018: The busy cargo seaport in South America in Valparaiso, Chile. It is the most important seaport in Chile. | Toniflap - stock.adobe.com Hafen, Container, Chile | © Toniflap - stock.adobe.com

Special | Seidenstraße

Chinas neue Seidenstraße reicht bis Lateinamerika

Die Volksrepublik gehört zu den führenden Investoren in der Region und ist Haupthandelspartner der meisten Staaten. Welche Länder und Sektoren wecken Chinas Interesse?

  • Die Volksrepublik verstärkt ihre Präsenz in der Region. Dabei geht es nicht nur um Handel und Investitionen, sondern zunehmend um geostrategische Interessen. (Stand: 06.09.2024)

    Im Fokus des chinesischen Engagements in Lateinamerika steht traditionell die Sicherung der Nahrungsmittel- und Rohstoffversorgung – etwa mit Rindfleisch und Soja oder Kupfer und Eisen. Neuerdings gefragt sind Materialien, die für die Energiewende gebraucht werden. Hierzu zählen Lithium aus dem Lithiumdreieck Chile, Argentinien und Bolivien, Balsa-Holz aus Ecuador zur Herstellung von Rotorblättern für Windräder sowie Bauxit zur Gewinnung von Aluminium aus Jamaika.

    Chinas Investoren weiten Aktivitäten aus, wenn auch zuletzt weniger dynamisch

    Noch immer sind die USA und Europa die größten Investoren der Region. Auch investierte China 2023 deutlich weniger als in den Vorjahren, was vor allem der abgeschwächten Konjunktur im Reich der Mitte geschuldet ist. Dessen ungeachtet flossen laut Red Académica de América Latina y Caribe sobre China seit dem Jahr 2000 rund 193 Milliarden US-Dollar (US$) an chinesischen Direktinvestitionen in die Region. 

    Soviel investieren Unternehmen aus China in Lateinamerika und der KaribikIn Millionen US-Dollar, Anteile in Prozent
    Jahr

    2019

    2020

    2021

    2022

    2023 *)

    Investitionssumme

    19.231

    9.277

    12.706

    15.401

    8.748

    Anteil an den Direktinvestitionen insgesamt in der Region

    12,2

    10,3

    9,2

    7,4

    4,1

    * vorläufig.Quelle: Red Académica de América Latina y el Carribe sobre China 2024

    Damit sind chinesische Unternehmen aus Lateinamerika nicht mehr wegzudenken. Sie interessieren sich nicht nur für Branchen, die für sie strategisch wichtig sind, sondern differenzieren sich gezielt nach oben und unten in der Wertschöpfungskette. Dabei geht es vor allem um den Zugang zur Infrastruktur, die für den Transport von Rohstoffen nach China wichtig ist. 

    Im Fokus: Minen, Energie und Verkehr

    Rund zwei Drittel aller Investitionen verteilen sich auf die Bereiche Energie sowie Rohstoffe und Bergbau. Hinzu kommt der Bereich Infrastruktur. Je größer in einem Land die Lücke zwischen notwendigen Infrastrukturprojekten und ihrer Realisierung ist, desto willkommener sind Investitionen aus der Volksrepublik.

    • In Peru steht die Eröffnung des Tiefwasserhafens Chancay im November 2024 vor der Tür. Nach Informationen des The Economist hat der chinesische Hafenbetreiber Cosco Shipping Ports mit seinen lokalen Partnern bisher rund 1,3 Milliarden US$ investiert. Chancay soll der wichtigste Pazifikhafen Südamerikas werden und eine logistische Schlüsselrolle für die Seidenstraße in der Region spielen. Insbesondere verkürzt er den Transportweg nach Brasilien, der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas.
    • Noch Zukunftsmusik ist dagegen eine Zugverbindung zwischen Brasilien, Peru und Bolivien. Der Tren Bioceánico soll Pazifik und Atlantik verbinden. Das auf 7,5 Milliarden US$ geschätzte Vorhaben soll mit 3,5 Milliarden US$ von chinesischer Seite finanziert werden. Derzeit laufen die Verhandlungen.

    Auch im Automobilsektor findet sich chinesisches Engagement. Zum neuen Entscheidungsfaktor, speziell in Mexiko, könnten sich die wachsenden Spannungen zwischen China und den USA entwickeln, mit der Tendenz des Decoupling beziehungsweise der starken Priorisierung nationaler Sicherheit.

    In welche Sektoren chinesisches Geld in Lateinamerika und der Karibik fließt Realisierte Direktinvestitionen im Zeitraum 2005 bis 2023, in Milliarden US-Dollar, Anteile in Prozent
    Sektor

    Höhe der akkumulierten Investitionen

    Anteil

    Energie

    96,2

    58,3

      darunter Öl

    35,1

    21,3

    Bergbau, Rohstoffe

    38,3

    23,2

      darunter Kupfer

    15,6

    9,4

    Transport

    14,8

    9,0

    Landwirtschaft

    4,3

    2,6

    Sonstige

    11,4

    6,9

    Gesamt

    165,0

    100,0

    Erfasste Länder: Antigua und Barbuda, Argentinien, Bahamas, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Guyana, Jamaika, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Nicaragua, Panama, Peru, Suriname, Trinidad und Tobago, Venezuela.Quelle: The American Enterprise Institute and The Heritage Foundation 2024

    Peking flankiert diplomatisch und finanziell

    Die chinesische Regierung flankiert die Aktivitäten mit ihrer Seidenstraßeninitiative oder dem Abschluss von Freihandelsabkommen. Seit 2018 hat China mit 21 Staaten aus Lateinamerika und der Karibik eine Absichtserklärung über den Beitritt zur neuen Seidenstraßeninitiative unterschrieben, zuletzt mit Argentinien 2022. Darüber hinaus unterhält das Land mit Chile, Peru und Costa Rica Freihandelsabkommen; das Abkommen mit Ecuador wartet auf seine Ratifizierung. Mit Panama, Honduras und El Salvador laufen Verhandlungen. Zu Spannungen innerhalb des Wirtschaftsraums Mercosur führte das Vorpreschen Uruguays, das im Juli 2022 offizielle Gespräche zu einem eigenen Freihandelsabkommen einleitete.

    Außerdem stellt Peking über das staatliche Bankensystem Kredite bereit. So finanziert die China Development Bank chinesische Unternehmen, die sich an Projekten für Energie, Straßen, Telekommunikation oder Häfen beteiligen; die EXIM Bank of China macht zinsvergünstigte Kredite für Entwicklungshilfe und Exportkredite verfügbar.

    Daneben gibt es bilaterale Kreditvereinbarungen mit einzelnen Ländern, allen voran mit Ecuador und Argentinien. Im Juni 2024 verlängerte China mit Argentinien die aktive Tranche einer Währungsswap-Linie von umgerechnet 5 Milliarden US$ bis Juli 2026. Insgesamt geht es um 18 Milliarden US$.

    Chinesische Konkurrenz verdrängt traditionelle Anbieter

    Für fünf Länder ist die Volksrepublik zum bedeutendsten Handelspartner avanciert: Bolivien, Brasilien, Chile, Panama und Peru. In vielen weiteren hat sie stark an Boden gut gemacht. Dessen ungeachtet ist der Verkauf chinesischer Produkte in die Region aus Sicht der Volksrepublik zwar wachsend, aber von der Bedeutung her überschaubar. Laut Comtrade entfielen 2023 nur 7,2 Prozent des chinesischen Exportvolumens auf den Subkontinent. Mit 9,5 Prozent fallen die Importe etwas stärker ins Gewicht.

    Kritiker bemängeln generell, dass China vor allem Rohstoffe und Lebensmittel einkaufe, was wenig für die heimische Wertschöpfung einbringe. In umgekehrter Richtung fächert sich die Palette dagegen auf: Verbraucherinnen und Verbraucher in Lateinamerika tragen nicht nur immer mehr Kleidung oder Schuhe "made in China". Sie freuen sich auch über günstige PCs und Handys von Huawei oder Lenovo, während über die Straßen immer mehr chinesische Autos rollen. 

    Mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis macht das asiatische Land darüber hinaus nicht nur der lokalen Industrie Konkurrenz, sondern zunehmend auch Anbietern aus Industrieländern. Allen voran betrifft das die USA, deren Importanteil seit 2000 erheblich gesunken ist. Auch deutsche Unternehmen spüren die chinesische Konkurrenz. Diese Entwicklung sei nicht selten auch mangelndem Engagement vor Ort geschuldet, meinen kritische Stimmen in Lateinamerika.

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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  • China investiert Milliarden in Argentinien. Im Fokus stehen der Rohstoff- und Energiesektor. Aber nicht nur wirtschaftliche Ziele werden hinter dem Engagement vermutet. (Stand: 24.05.2023)

    Während deutsche Unternehmen angesichts der andauernden Wirtschaftskrise in Argentinien eher in Wartestellung verharren, baut China sein Engagement dort weiter aus. Beim Beitritt zur chinesischen Seidenstraßeninitiative im Februar 2022 vereinbarten Argentinien und China gemeinsame Projekte im Umfang von 24 Milliarden US-Dollar (US$).

    Auch der Warenaustausch zwischen beiden Ländern wächst stetig, nicht zuletzt wegen sogenannter Währungsswaps, die den US-Dollar als Handelswährung umgehen. Im Jahr 2022 war China erstmals wichtigstes Lieferland vor Brasilien - mit stark steigender Tendenz der chinesischen Importe. Auch andere wichtige Handelspartner, darunter die USA und Deutschland, können bei diesem Tempo nicht mithalten.

    China sichert sich Zugang zu Lithiumvorkommen

    Argentinien gehört mit Chile und Bolivien zum sogenannten Lithiumdreieck, einer Region, wo sich mehr als die Hälfte der weltweiten Reserven des wertvollen Metalls befinden. Für Chinas Rohstoffpolitik ist Argentinien deshalb von großer Bedeutung. Um die Versorgung der eigenen Industrie sicherzustellen, haben sich Firmen wie Ganfeng, Zijin Mining, Tibet Summit Resources und Tianqi Zugang zu lukrativen Lagerstätten in Argentinien gesichert. Und sie treiben Investitionen in die Produktion von Lithiumkarbonat und -chlorid voran. Im Jahr 2021 unterzeichneten Ganfeng Lithium und die Provinzregierung von Jujuy zudem eine Absichtserklärung zum Bau einer Batteriefabrik.

    Energiesektor ebenfalls im Fokus

    Ein weiterer Schwerpunkt chinesischer Investitionen ist der Energiesektor. Im November 2022 sagte der chinesische Präsident Xi Jinping seinem argentinischen Amtskollegen Alberto Fernández zu, noch offene Gelder chinesischer Banken für den Bau der beiden Staudämme Néstor Kirchner und Cepernic beschleunigt auszuzahlen. Die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant. Schon im Mai 2022 war für den Bau zweier Wasserkraftwerke in Patagonien ein neuer Kredit vereinbart worden.

    Gefahr finanzieller Abhängigkeit wächst

    Zudem sollen chinesische Unternehmen zwei Kernkraftwerke in Argentinien bauen und großteils auch finanzieren: Atucha III und Atucha IV.  Derzeit liegt Atucha III allerdings auf Eis, weil beide Länder sich bei der Finanzierung des über 8 Milliarden US$ teuren Projekts nicht einig werden. Argentinien will, dass China die Kosten zu 100 Prozent trägt, China besteht auf 85 Prozent. Außerdem will Argentinien selbst die Brennstäbe liefern - China ebenso. Bei Attucha IV sind die Arbeiten bisher nicht über das Planungsstadium hinausgekommen.

    Chinaexperten wie der Wirtschaftsprofessor Eduardo Daniel Oviedo warnen indes vor einer zunehmenden finanziellen Abhängigkeit Argentiniens gegenüber China. Laut dem Washingtoner Thinktank Inter-American Dialogue erhielt Argentinien zwischen 2007 und 2021 die höchste Zahl an Krediten chinesischer Geschäftsbanken unter allen Ländern Lateinamerikas: insgesamt 36. Und gemäß dem Portal AidData vergab die Volksrepublik zwischen 2016 und 2021 Liquiditätshilfen und Notkredite an 22 Länder in Höhe von rund 240 Milliarden US$, davon allein 112 Milliarden US$ an Argentinien.


    Chinas Projekte nicht immer als solche erkennbar

    Insgesamt fällt auf: China investiert nicht nur punktuell in Einzelprojekte, sondern kauft sich entlang der gesamten Lieferkette ein, bis hin zum Verschiffungshafen. Das Land investiert auch über Drittstaaten beziehungsweise über Firmen, die es in anderen Ländern erworben hat oder über Steuerparadiese wie den Kaiman-Inseln. Laut Eduardo Daniel Oviedo, Professor an der Nationalen Universität von Rosario, trifft das für 95 Prozent aller chinesischen Direktinvestitionen in Argentinien zu. Offizielle FDI-Statistiken sind deshalb nicht aussagekräftig.

    Plant China einen Militärstützpunkt im Süden Argentiniens?

    Einige chinesische Projekte sind aus westlicher Sicht besonders kritisch, weil sie über rein kommerzielle Ziele hinausgehen dürften. Das trifft auf ein Engagement in Feuerland, im Süden Argentiniens, zu. Im Januar 2023 unterzeichneten der dortige Gouverneur und das chinesische Staatsunternehmen Shaanxi Chemical Industry Group eine Absichtserklärung zum Bau eines "Mehrzweckhafens", einer Chemiefabrik und eines Kraftwerks.

    Der Hafen könnte China in die Lage versetzen, die Passage zwischen Atlantik und Pazifik sowie die Kommunikation in der gesamten Hemisphäre zu überwachen. Statt der Strom- und Düngemittelerzeugung zu dienen, könnte das Projekt in einen Marinemilitärstützpunkt mit Ziel Antarktis umgewandelt werden, so Bedenken in Argentinien und von US-Seite. Dieser Verdacht wird dadurch untermauert, dass der Betrieb eines Hafens dieser Art in der weit abgeschlagenen Region nicht rentabel sei, wie die argentinische Digitalzeitung infobae recherchierte.

    Ähnlich kontrovers ist der Plan einer zweiten Satellitenstation Chinas. Bereits seit 2019 betreibt die Volksrepublik mit Zustimmung des argentinischen Abgeordnetenhauses auf 200 Hektar eine Satellitenstation in der Provinz Neuquén. Der Vertrag gilt für 50 Jahre. Laut dem chinesischen Nachrichtenportal german.china.org.cn spielt Chinas erstes Bodenkontrollzentrum auf der Südhalbkugel seither eine wichtige Rolle für das Satellitennetz des Landes sowie bei geplanten Raumfahrtmissionen. Zwar kommen alle Techniker aus China und argentinische Vertreter haben nur schwer Zutritt. Jedoch soll Argentinien "strategische Informationen" von Chinas Aufklärungssatelliten erhalten, so der chinesische Propagandakanal.

    Deutlich kritischer sieht dies die argentinische Tageszeitung La Nación: "Die Art der Einrichtung unterstützt die Satellitenverfolgung für zivile, friedliche sowie für militärische und Spionagezwecke wie das Abhören sensibler Daten aus anderen Ländern und das Versenden verschlüsselter Nachrichten." Tatsächlich unterstehen die beteiligten chinesischen Regierungsbehörden direkt der Volksbefreiungsarmee. Vor diesem Hintergrund ist die Hypothese einer militärischen Nutzung neben den vereinbarten wissenschaftlichen Zwecken nicht abwegig.

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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  • China ist Chiles wichtigster Handelspartner und ein bedeutender Investor. Aber das Verhältnis ist nicht ungetrübt. Nicht alle Investitionspläne sind Selbstläufer. (Stand: 13.11.2025)

    Für Chile ist China der mit Abstand größte Absatzmarkt weltweit. Rund 38 Prozent der Exporte gingen 2024 in die Volksrepublik. Ein großer Teil davon entfällt auf Kupfer und Lithium. Gefragt sind aber auch Wein, Lachs und Kirschen. Auch als Lieferland steht China auf Platz 1.

    Chiles Bevölkerung schätzt an den chinesischen Produkten vor allem die wettbewerbsfähigen Preise. Im Einzelhandel ist die Dominanz geradezu überwältigend. Laut chilenischer Zentralbank stammten 2024 rund 37 Prozent der importierten Konsumgüter aus China. Besonders hoch sind die Anteile bei Bekleidung (68 Prozent), Elektroartikeln wie Handys (55 Prozent) und Schuhen (52 Prozent), ermittelte die Cámara Nacional de Comercio für 2024.

    "Es ist in der Tat beeindruckend, dass sich selbst in den letzten Winkeln Chiles chinesische Billigsupermärkte finden. Aber es sind eben nicht mehr nur billige Textilien und andere Konsumgüter, die aus China bezogen werden, sondern inzwischen auch Autos, Lastwagen bis hin zu Maschinen und Anlagen. Das ist ein Trendwechsel. Schon jetzt nimmt der Druck auch in den wenigen Segmenten zu, in denen Deutschland in Chile stark ist – speziell im Automobilbau oder bei Bergbaumaschinen." 

    Cornelia Sonnenberg Geschäftsführerin der AHK Chile

    Chinesische Investitionen offiziell stark unterschätzt

    Auch als Investor ist China nicht mehr wegzudenken, wobei jedoch Kanada weiter die unangefochtene Nummer 1 ist. Allerdings ist schwer abzuschätzen, wieviel China tatsächlich investiert hat. Die Zentralbank gibt das Volumen 2024 mit 959 Millionen US-Dollar (US$) an; das wären lediglich 0,3 Prozent des Gesamtbestands der Direktinvestitionen.

    Dabei hatte allein Tianqi Lithium für seinen 24-Prozentanteil an der chilenischen Sociedad Química y Minera (SQM) 2018 rund 4 Milliarden US$ gezahlt. Auch die Übernahme des Lachszüchters Australis kostete rund 1 Milliarde US$. Grund ist: Vielfach fließen die Gelder nicht direkt, sondern schwer nachvollziehbar über andere Länder.

    Chinas Bemühungen um Chiles Lithium

    Besonders herausragend ist die chinesische Beteiligung von Tianqi Lithium an SQM, dem neben Albemarle bislang einzigen Lithiumförderer in Chile. Künftig wird der Anteil von Tianqi an SQM von bislang rund 24 Prozent aber schrumpfen. Grund ist die unter der Regierung Gabriel Boric angeschobene nationale Lithiumstrategie. Diese sieht ab 2031 eine Mehrheitsbeteiligung des staatlichen Kupferkonzerns Codelco an der Lithiumförderung im Salar de Atacama vor.

    Da es zu dieser Vereinbarung keine öffentliche Ausschreibung gab und die Chinesen zu Recht ihre Interessen gefährdet sahen, zogen sie vor Gericht, scheiterten aber auf dem Rechtsweg. Im November 2025 erfolgte die notwendige Zustimmung der chinesischen Wettbewerbsbehörden zur Joint-Venture-Gründung von Codelco und SQM. Hierfür musste die chilenische Seite China mit einer erhöhten garantierten Mindestliefermenge innerhalb einer fixen Preisspanne entgegenkommen. Pressemeldungen sprechen dabei von einer Menge von 120.000 bis 140.000 Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent pro Jahr.

    China im Energiebereich problematisch

    Schlagzeilen machte der Einstieg von China State Grid (SGCC) beim Netzbetreiber Chilquinta in Valparaíso für 2,2 Milliarden US$ im März 2020 und ein Jahr später der Kauf des Netzbetreibers CGE für rund 3 Milliarden US$. CGE versorgt rund 57 Prozent der chilenischen Endverbraucher mit Strom.

    Kritisch sehen Juristen den Zuschlag für den Bau der 1.500 Kilometer langen Hochspannungs-Gleichstromleitung Kimal-Lo Aguirre an das Yallique-Konsortium 2021. An Yallique ist auch China Southern Power Grid International (CSG) beteiligt. Nach chilenischem Recht sind Stromerzeugung, -übertragung und -versorgung strikt zu trennen. Sowohl SGCC als auch CSG gehören dem chinesischen Staat.

    CSG hält überdies fast 28 Prozent an Transelec, dem größten Übertragungsnetz im Land, und bewirbt sich derzeit gemeinsam mit Patria Investments (Chile) und dem GIC-Fonds aus Singapur um die verbleibenden Anteile, die bei kanadischen Eignern liegen. Presseberichten zufolge will CSG angesichts von Bedenken westlicher Staaten offiziell nicht Haupteigentümer werden.

    Schwerpunkt Krankenhäuser und Gesundheitszentren

    Auch nach dem Gesundheitsmarkt strecken Chinas Firmen ihre Fühler aus. Zwar wurde die schlagzeilenträchtig angekündigte Impfstofffabrik von Sinovac letztlich doch gekappt, nach Plan läuft es dagegen mit dem Bau des neuen Krankenhauses in Coquimbo. Die Ausschreibung hatte 2022 China Railway Construction (CRCC) gewonnen, bis 2028 soll die Klinik fertig sein.

    Darüber hinaus konnte der Baukonzern die Ausschreibung der Konzessionen für ein Institut für Neurochirurgie und Krankenhäuser in Rengo und Pichilemu für sich entscheiden. Ebenfalls im Krankenhauswesen aktiv ist die China Communications Construction Company (CCCC) mit klinischen Zentren in Cauquenes, Constitución und Paral.

    Chinas Baufirmen etablieren sich gegen spanische Konkurrenz

    "Die Chinesen nehmen im Infrastrukturbereich schon seit 2006 an Ausschreibungen teil, gewonnen haben aber lange Zeit immer die Spanier. Es war ein jahrzehntelanger Lernprozess, bis sie zum Zuge kamen – speziell auch über die Zusammenarbeit mit chilenischen Unternehmen." 

    Andreas Pierotic Anwalt bei Bofill Mir, zitiert in der Zeitung La Tercera (31.3.2024)

    Insbesondere beim anstehenden Ausbau von Eisenbahn und Häfen (nach dem Vorbild des Megaports Chancay/Peru) haben chinesische Firmen Chancen. Beispielsweise wurden für das Präqualifizierungsverfahren für Chiles wichtigsten Hafen San Antonio auch zwei chinesische Interessenten ausgewählt.

    Neuer Vorstoß für Chinas digitale Seidenstraße

    Zwar scheiterten 2020 Huaweis erste Pläne, Chile mit China über ein Unterwasser-Glasfaserkabel zu verbinden. Die Entscheidung unter dem damaligen Präsidenten Piñera erfolgte auf Druck der USA. Chile entschied sich hingegen für ein ähnliches Projekt mit Google. Das 14.800 Kilometer lange Humboldt Cable soll bis 2027 Valparaíso mit Sydney verbinden.

    Doch China gibt nicht auf. Wie die Zeitung Pulso Domingo im August 2025 berichtete, gründete Chinas staatlicher Telefongigant China Mobile die Gesellschaft CMI Chile mit einem Startkapital von 3 Millionen US$. Ziel ist die Neuauflage eines Unterwasserkabelprojekts zwischen Chile und Hongkong. Projektpartner sind Huawei und der brasilianische Dienstleister EGS. Als Vehikel zur Umsetzung nutzt China Mobile den britischem Dienstleister Inchape Shipping Services (ISS).

    Obwohl unter britischer Flagge segelnd, dürfte das ISS-Projekt ähnliche geopolitische Empfindlichkeiten auslösen wie das ursprüngliche Humboldt-Kabel. Allerdings sind den chilenischen Behörden aus rechtlicher Sicht die Hände gebunden, denn es handelt sich um eine private Initiative ohne staatliche Beteiligung. Außerdem enthält der Vertrag für das Kabelprojekt mit Google keine Exklusivitätsklausel. Es gibt daher aus Verfahrenssicht, sofern einmal alle Genehmigungen vorliegen, keinen Grund, eine Investition von 500 Millionen US$ abzulehnen.

    China hat nicht zuletzt aus nationalen Sicherheitserwägungen großes Interesse an einer eigenen Datenverbindung mit Südamerika, welche nicht durch das Kabel läuft, das sich in den Händen der USA befindet. Darüber hinaus heißt es in der Presse, hätten die chinesischen Unternehmen den chilenischen Behörden angeboten, ein oder mehrere Rechenzentren in Chile zu errichten. Huawei betreibt bereits zwei Rechenzentren im Land, der Bau eines dritten ist seit Längerem angekündigt. Daneben ist der IT-Konzern einer der Hauptausrüster für die 4G- und 5G-Netze von Chiles Mobilfunkanbieter Movistar, Entel und WOM.

    Lachszucht mit Problemen

    Nach wie vor ungelöst ist der Fall Australis. Joyvio, der Agrobusiness-Arm der chinesischen Legend Holdings, hatte den Lachserzeuger 2019 übernommen. Dessen chilenische Vorbesitzer sollen mit zu hohen Lachsbeständen massiv gegen die Umweltauflagen verstoßen haben. Joyvio wirft ihnen Betrug vor. Jetzt müssen die Gerichte entscheiden.

    Wie sieht Chile China?

    Anders als noch vor fünf Jahren, als Politik und viele Menschen in Chile dem chinesischen Engagement grundsätzlich positiv gegenüberstanden, hat sich die Situation inzwischen leicht verändert. So war die Enttäuschung in der Politik groß, als Sinovac 2023 die angekündigte 100-Millionen-US$-Fabrik für seinen Corona-Impfstoff stoppte. Dies umso mehr, da die Entscheidung unmittelbar nach dem Besuch von Präsident Boric in der Volksrepublik einschließlich Gesprächen mit seinem Amtskollegen Xi bekanntgegeben wurde.

    Auch dass BYD nun doch keine Batteriefertigung im Land aufbauen wird, hat zu Ernüchterung geführt. Allerdings wird Kritik am größten Handelspartner oft nur hinter vorgehaltener Hand geäußert.

    Dennoch bleibt China wichtigster Kunde und Lieferant – und angesichts des unzureichend konkreten Interesses zum Beispiel aus Europa der pragmatische Investor, der "auch Geld in die Hand nimmt". Unterstützt werden Chinas Firmen dabei durch die Präsenz von Staatsbanken wie China Construction Bank oder der Bank of China. Umgekehrt ist Chile Mitglied in der von China initiierten Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB).

    Allerdings wünschen sich nicht wenige aus dem Unternehmenssektor inzwischen ein Screening für chinesische Investoren. Der Bevölkerungsmehrheit dürfte China aber gleichgültig sein. Hauptsache der Preis stimmt.

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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