VALPARAISO, CHILE- JANUARY 2, 2018: The busy cargo seaport in South America in Valparaiso, Chile. It is the most important seaport in Chile. | Toniflap - stock.adobe.com Hafen, Container, Chile | © Toniflap - stock.adobe.com

Special | Seidenstraße

Chinas neue Seidenstraße reicht bis Lateinamerika

Die Volksrepublik ist Haupthandelspartner der Region und aus der Investitionslandschaft nicht mehr wegzudenken. Welche Länder und Sektoren wecken Chinas Interesse?

Im Fokus des chinesischen Engagements in Lateinamerika steht traditionell die Sicherung der Nahrungsmittel- und Rohstoffversorgung – etwa mit Rindfleisch und Soja aus Brasilien und Argentinien oder Kupfer aus Chile, außerdem Lithium aus Chile und Argentinien, Balsa-Holz für die Rotorblätter von Windrädern aus Ecuador oder Bauxit zur Gewinnung von Aluminium aus Jamaika. China betreibt mit Chancay in Peru den größten Hafen an der südamerikanischen Pazifikküste und ist an weiteren Häfen in der Region beteiligt. 

Neuerdings findet allerdings eine leichte Verlagerung statt von Großprojekten hin zu kleineren, innovationsorientierten Projekten mit geringerem Kapitalbedarf. Das Finanzierungsvolumen generell ist rückläufig, zugleich konzentrieren sich die Projekte zunehmend auf Sektoren mit hohem Innovationspotenzial und orientieren sich noch gezielter auf Chinas Interessen und Bedarfe. Darüber hinaus wird die systemische Rivalität zwischen China und den USA zunehmend auch in Lateinamerika ausgetragen. In diesem Spannungsfeld müssen sich auch europäische und deutsche Firmen positionieren.

  • Durch Handel und Investitionen festigt China seine wirtschaftliche Präsenz in Lateinamerika. Dabei verdrängt es zunehmend etablierte Anbieter, auch deutsche. (Stand: 21.8.2026)

    Kaum ein lateinamerikanischer Haushalt kommt heute ohne Produkte aus China aus. Kleidung und Schuhe "Made in China" gehören vielerorts ebenso zum Alltag wie Smartphones von Huawei oder Computer von Lenovo. Über die Straßen rollen immer mehr chinesische Autos, Windturbinen aus der Volksrepublik liefern Strom, und auch in den Fabriken stammen zahlreiche Maschinen und Anlagen aus dem Reich der Mitte. China steht längst nicht mehr nur für billig, sondern hat sich als Anbieter qualitativ akzeptabler Produkte mit einem überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis etabliert – sowohl bei Konsum- als auch bei Investitionsgütern.

    China – für sieben Länder Lateinamerikas wichtigstes Lieferland

    Tatsächlich war China 2025

    • für sieben Länder der Region, darunter Brasilien, der wichtigste Warenlieferant,
    • für weitere zwölf Länder der zweitwichtigste Lieferant,
    • für fünf Länder der wichtigste Absatzmarkt,
    • für zwei weitere Länder der zweitwichtigste Exportmarkt,
    • für vier Länder der wichtigste Handelspartner insgesamt: Bolivien, Brasilien, Chile und Peru.

    Besonders ausgeprägt ist die Bedeutung Chinas als Absatzmarkt für Chile und Peru. Der Anteil Chinas an den Gesamtexporten lag dort 2025 bei 36,8 beziehungsweise 33,5 Prozent. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Kupfer, Lithium und Agrarerzeugnisse.

    Aus chinesischer Sicht bleibt die Bedeutung Lateinamerikas dagegen vergleichsweise begrenzt. Laut UN Comtrade entfielen 2024 (jüngste verfügbare Daten) lediglich 7,5 Prozent der chinesischen Exporte auf den Subkontinent. Der Anteil Lateinamerikas an Chinas Importen lag mit 9,2 Prozent etwas höher. Dabei handelt es sich allerdings teilweise um strategisch wichtige Rohstoffe wie Kupfer und Lithium, deren Vorkommen weltweit begrenzt sind.

    Ungleichgewicht im Handel

    Kritiker bemängeln die Asymmetrie der Handelsstruktur zwischen China und Lateinamerika. Die Volksrepublik importiert vor allem Rohstoffe und Lebensmittel, während sie ein breites Spektrum industrieller Erzeugnisse exportiert. Dies trägt nur begrenzt zur lokalen Wertschöpfung in den Lieferländern bei.

    Beide Punkte stehen im krassen Gegensatz zu Chinas 2025 veröffentlichtem Positionspapier zur Lateinamerikapolitik, das ausgewogenen Handel und eine diversifizierte Handelsstruktur verspricht. Das Dokument ist bereits das dritte seiner Art nach 2008 und 2016 und unterstreicht Chinas langfristigen Anspruch auf eine stärkere Verankerung in der Region.

    China verdrängt traditionelle Anbieter – auch die aus Deutschland!

    Mit ihrem guten Preis-Leistungs-Verhältnis, ihrer wachsenden Produktpalette, ihrer Präsenz und Schnelligkeit machen chinesische Anbieter sowohl der lokalen Industrie als auch Anbietern oberer Preissegmente aus Industrieländern Konkurrenz. Besonders schmerzhaft war die Entwicklung für die USA. Ihr Anteil an der Gesamteinfuhr in die Region sank zwischen 2002 und 2025 von 46 auf vorläufig 28 Prozent.

    Trotzdem sind die USA immer noch die Nummer 1 bei den Importen und Exporten für die Gesamtregion – allerdings nur unter Einschluss Mexikos. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region nach Brasilien wickelt rund 60 Prozent ihres Handels mit den USA ab. Ohne Mexiko übertrumpfte China die USA  bereits 2018 als wichtigster Kunde der Region und erstmals 2024 als wichtigstes Lieferland. Zugleich versechsfachte China seinen Importanteil von 3,7 auf 22,7 Prozent.

    Auch deutsche Unternehmen spüren die chinesische Konkurrenz. Allerdings war deren Importanteil nie besonders hoch.

    Doch geht es nicht nur um Importe. Viele deutsche Firmen produzieren seit Jahrzehnten vor Ort. "Das ist ein extremer Wettbewerbskampf", zitierte das Handelsblatt am 22. Juli 2026 Alexander Seitz, CEO des Südamerikageschäfts von Volkswagen. In Brasilien, dem wichtigsten Markt deutscher Autobauer in der Region, stieg der Marktanteil chinesischer Fabrikate laut Seitz innerhalb von nur zwei Jahren von 2 auf 20 Prozent.

    Chinas Investitionen schwer quantifizierbar

    Nach offiziellen Statistiken sind die USA und Europa noch immer die größten Investoren in Lateinamerika. Allerdings liegt die tatsächliche Bedeutung chinesischer Investitionen deutlich höher als amtlich ausgewiesen. Beispielsweise übersteigt allein die Investition von Tianqi Lithium in den chilenischen Chemiekonzern SQM den von der Zentralbank angegebenen Gesamtbestand von Chinas Investitionen in Chile.

    USA und Spanien weiter wichtigste Investoren in Lateinamerika und in der KarbikAnteile am Investitionsbestand in Prozent; Stand: 2023 1)
    Herkunftsland

    Anteil 2)

    USA

    21,8

    China

    1,2

    EU; darunter

    59,5

      Spanien

    14,7

    Rest der Welt

    17,6

    1) Jüngste verfügbare Daten; 2) Abweichung von 100 Prozent durch Rundungsdifferenzen.Quelle: Banco de España auf Basis von UNCTAD- und IWF-Daten

    Fakt ist: China ist aus der Investitionslandschaft der Region nicht mehr wegzudenken. Laut  Forschungsnetzwerk Red ALC-China flossen zwischen 2000 und 2024 rund 203 Milliarden US-Dollar (US$) an chinesischen Direktinvestitionen nach Lateinamerika. Doch auch dies sind nur Schätzungen. Ein Großteil der Kapitalflüsse wird über Offshore-Finanzzentren abgewickelt. Laut dem Chinaexperten Enrique Dussel Peters entfielen zwischen 2018 und 2024 knapp 70 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen auf die Kaimaninseln, die Britischen Jungferninseln, Hongkong und Luxemburg. Von dort fließen sie entweder als Auslandsinvestition wieder zurück nach China – oder unter statistisch irreführender Herkunftsbezeichnung in Drittländer.

    Soviel investieren Unternehmen aus China in Lateinamerika und der KaribikIn Millionen US-Dollar, Anteile in Prozent
    Jahr

    2019

    2020

    2021

    2022

    2023

    2024

    2025 *)

    Investitionssumme

    19.231

    9.277

    12.706

    15.476

    10.520

    9.795

    8.659

    Anteil an den Direktinvestitionen insgesamt in der Region

    12,0

    9,9

    8,9

    7,9

    5,6

    6,0

    4,2

    * vorläufig.Quelle: Red ALC-China – Akademisches Netzwerk Lateinamerikas und der Karibik zu China 2026

    Zwar sind Chinas Investitionen seit 2019 eher rückläufig, unter anderem wegen der schwächeren Konjunktur im Inland. Gleichzeitig konzentrieren sich chinesische Firmen mehr auf strategisch wichtige Branchen, kritische Rohstoffe und Infrastrukturprojekte. Ziel ist es, langfristig den Zugang zu wichtigen Ressourcen zu sichern und die Kontrolle über weitere Stufen der Wertschöpfungskette auszubauen.

    Motor Seidenstraßeninitiative

    Ein wichtiger Treiber von Chinas Engagement in Lateinamerika ist die 2013 gestartete neue Seidenstraßeninitiative. Bislang haben 23 Staaten der Region Absichtserklärungen unterzeichnet. Zuletzt trat Kolumbien der Initiative 2025 bei, während Panama im selben Jahr seinen Austritt erklärte. Angesichts der handelspolitischen Spannungen mit den USA könnten sich weitere Länder Lateinamerikas künftig verstärkt China zuwenden.

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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  • China setzt neue Akzente für Lateinamerika – selektiver und noch strategischer. Zugleich besetzt es vermehrt Zukunftsthemen. Das verschärft die Konkurrenz für deutsche Firmen. (Stand: 4.9.2026)

    Chinas Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik sind rückläufig. Nach Angaben des Netzwerks RED ALC-China sanken sie von 69,2 Milliarden US-Dollar (2015 bis 2019) auf 55,6 Milliarden US-Dollar im Zeitraum 2020 bis 2024. Von einem nachlassenden Interesse kann dennoch keine Rede sein. Vielmehr richtet China seine Investitionsstrategie neu aus.

    Chinesische Unternehmen investieren verstärkt in zukunftsorientierte Infrastruktur

    Künftig wolle China weniger Geld in Häfen, Eisenbahnen, Autobahnen, Öl-, Gas- oder große Wasserkraftprojekte stecken, dafür mehr in Sektoren mit hohem Innovationspotenzial. Dazu zählen erneuerbare Energien und Ultra-Hochspannungsnetze, Energiespeicher, Elektromobilität, Telekommunikation, Informationstechnologien und Künstliche Intelligenz. Darauf verwies Margaret Myers vom Institute for America, China, and the Future of Global Affairs (ACF) bei einem Vortrag vor der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) 2025.

    Diese Neuausrichtung zeigt sich auch im 15. Fünfjahresplan (2026 bis 2030). China will seine Kontrolle über globale Hightech-Wertschöpfungsketten ausbauen, ohne traditionelle Sektoren zu vernachlässigen. Zugleich wirbt Peking in Lateinamerika für die Nutzung des Satellitennavigationssystems Beidou und eine Beteiligung am chinesischen Raumfahrtprogramm.

    In diesem Sinne 

    • baut beispielsweise Huawei in Brasilien - und nicht nur dort - seine Position im Batteriespeicher- und Strommarkt stark aus; 
    • streben die chinesischen Partner des wichtigsten Anbieters von Hochspannungsübertragungssystemen Transelec in Chile die Mehrheit an;
    • werden umgekehrt Großprojekte wie die Bahnverbindung zwischen dem Hafen Chancay in Peru bis nach Brasilien unwahrscheinlicher.

    Traditionell liegt der Fokus chinesischer Investitionen in den Bereichen Energie und Bergbau:

    Was Chinas neue Branchenausrichtung für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

    • Deutsche Hightech-Anbieter müssen künftig mit noch stärkerem Wettbewerb aus China rechnen. 
    • Firmen, die dieser Entwicklung hinterherhinken, werden mögliche künftige Marktnischen bald besetzt vorfinden. Eine positive Ausnahme könnte der Bereich Greentech sein: Hier ist Deutschland in vielen Segmenten nach wie vor sehr stark, während das Interesse und Know-how vieler chinesischer Firmen noch begrenzt ist. 
    • In einzelnen Branchen entwickeln sich chinesische Monopolstellungen, was den Zugang für externe Anbieter erschwert. Das gilt etwa dann, wenn bei der Vergabe knapper Netzkapazitäten sowohl Netzbetreiber als auch Stromerzeuger chinesischer Herkunft sind. 

    China vergibt weniger Kredite

    Traditionell flankiert das staatliche Bankensystem Chinas die Außenwirtschaftsaktivitäten insbesondere der chinesischen Staatskonzerne: Die China Development Bank (CDB) finanziert Projekte für Energie, Straßen, Telekommunikation oder Häfen; die Export-Import-Bank of China (Exim Bank) vergibt zinsvergünstigte Kredite für Entwicklungshilfe und Exportkredite. Daneben gibt es bilaterale Kreditvereinbarungen. 

    Nach Angaben von BNAmericas vergaben CDB und Exim Bank zwischen 2008 und 2023 Kredite in Höhe von mehr als 120 Milliarden US-Dollar (US$) nach Lateinamerika. In einzelnen Jahren übertraf das Finanzierungsvolumen sogar jene der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB). Dieses Tempo hat sich jedoch deutlich verlangsamt: 2019 sank das Kreditvolumen auf lediglich 1,1 Milliarden US$ und erholte sich seither nur geringfügig. Um Risiken und Kosten zu teilen, erfolgt die Finanzierung heute verstärkt über multilaterale Entwicklungsbanken wie die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) und die New Development Bank (NDB).

    Projekte werden immer weniger von China selbst finanziert. Chinesische Unternehmen sind dafür sehr erfolgreich darin, Ausschreibungen von internationalen Entwicklungsbanken – auch der EU – zu gewinnen,“ 

    Lisa Flatten Seidenstraßenexpertin bei GTAI in einem Interview gegenüber der Frankfurter Rundschau

    Die Finanzierung von Groß- und speziell unrentablen Prestigeprojekten ist angesichts der schwierigeren Wirtschaftslage in der Volksrepublik politisch kaum noch darstellbar. Die größere Vorsicht erklärt sich auch aus Schwierigkeiten bei der Krediteintreibung. Venezuela, größter Schuldner Chinas in der Region, erhielt seit 2016 keine neuen Kredite. Hinzu kommen strengere Risikomanagementkontrollen für Banken und Versicherer.

    Was Chinas neue Kreditvergabepolitik für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

    Dass Chinas Kreditvergabe zurückgeht, heißt nicht, dass China keine Kredite mehr vergibt, sondern nur, dass China "kein Geld mehr zu verschenken" hat. Stattdessen erfolgt die Kreditvergabe stärker nach wirtschaftlichen sowie strategischen Kriterien. Solange eine gezielte Kreditvergabe die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft zu machen oder politische respektive wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten offen zu halten, sind chinesische Banken direkt oder indirekt immer noch bereitwillige Kreditgeber. 

    Umso wichtiger ist es für deutsche Unternehmen bestehende Finanzierungsoptionen wie etwa Exportkreditgarantien des Bundes zu nutzen, um ihren Kunden neben einem guten Produkt und einem guten Service auch ein attraktives Finanzangebot offerieren zu können. Dies geschehe nach wie vor viel zu selten, meint etwa Philip Bartsch, stellvertretender Geschäftsführer der AHK Chile, sei es aus dem alten Vorurteil heraus, die Prozesse seien zu bürokratisch oder zu teuer oder schlicht aus Unkenntnis der bestehenden Möglichkeiten. Als wichtiges Argument für die Kunden deutscher Produkte kommt hinzu, dass die Garantien nicht die lokalen Kreditlinien belasten.  

    Immer mehr private Unternehmen engagieren sich

    Weltweit konstatierte die Studie "China´s Global Ownership" 2026 ein im Verhältnis wachsendes Engagement privater Unternehmen im Vergleich zu den Staatskonzernen. In der Region Lateinamerika/Karibik ist das nicht anders. Während der Anteil privater Unternehmen an den gesamten chinesischen Direktinvestitionen zwischen 2005 bis 2009 lediglich 11 Prozent betrug, erreichte er 2020 bis 2025 schon 44 Prozent, so das Red ALC-China. Dessen ungeachtet bleibt der öffentliche Sektor dominant. 

    Einen deutlichen Anstieg verzeichnen überdies chinesische Greenfield-Direktinvestitionen. Peter Dussel vom Red ALC-China spricht von einem "Lernprozess der Unternehmen":  Entfielen zwischen 2015 und 2019 noch 77,8 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen auf Fusionen und Übernahmen, sank dieser Anteil in den Jahren 2020 bis 2025 auf rund 53,3 Prozent.

    Was Chinas neue strukturelle Ausrichtung für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

    Die Verschiebung hin zu mehr privaten Unternehmen und zu mehr Greenfield-Investitionen ist zunächst ein natürlicher Prozess basierend auf positiven Lerneffekten aus der Vergangenheit. Gleichzeitig könnte es für Wettbewerber und Behörden schwieriger werden, die Aktivitäten einzelner Akteure nachzuvollziehen. Privatunternehmen lassen sich erfahrungsgemäß noch weniger "in die Karten" schauen als Staatsunternehmen; außerdem sind sie - je nach Gesetzeslage und Korruptionsgrad - auch für das Gastland schlechter kontrollierbar und damit gegebenenfalls noch schärfere Konkurrenten für lokale und internationale Anbieter, weil immer die Gefahr besteht, dass kostenträchtige Standards weniger beachtet werden. Umso wichtiger werden verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen sowie die Durchsetzung von Wettbewerbs-, Umwelt- und Sozialstandards. Nur so lassen sich gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer sicherstellen.

    Chile wird zum wichtigsten Land für chinesische Investitionen

    Schon immer richteten sich Chinas Interessen gezielt auf die unterschiedlichen Standortvorteile der einzelnen Länder. Beispiele sind Balsaholz aus Ecuador zur Herstellung von Rotorblättern für Windräder sowie Bauxit aus Jamaika zur Gewinnung von Aluminium.

    Unter Einbeziehung von Projektdaten identifizierte das Institute for America, China, and the Future of Global Affairs (ACF) darüber hinaus eine regionale Schwerpunktverschiebung. Danach fiel beispielsweise Brasilien, von 2008 bis 2017 Hauptempfängerland in der Region, zwischen 2018 und 2023 auf Rang 4 zurück. Chile hatte es dagegen zwischen 2003 und 2012 nicht einmal unter die ersten zehn geschafft. Von 2015 bis 2023 avancierte das Land auf die Spitzenposition. Myers vom ACF führt diese Entwicklung auf den zunehmenden Wunsch der chinesischen Staatsführung zurück, Risiken zu reduzieren. Dies erkläre den Fokus auf stabile Staaten wie Chile und die Ablehnung von Angeboten aus Honduras

    Sehr konstante Bezugsländer für chinesische Direktinvestitionen bleiben Peru und Mexiko, Peru wegen seiner Möglichkeiten im Bergbau, in der Landwirtschaft und in der Logistik (zwischen Rang drei und Rang zwei) und Mexiko mit seinem privilegierten Zugang zum US-amerikanischen Markt (zwischen Rang vier und Rang drei).

    Die wichtigsten fünf Investitionsdestinationen für Chinas Unternehmen Über die letzten 20 Jahre: Brasilien verliert – Chile gewinnt – Peru und Mexiko konstant
    Rang2003-20072008-20122013-20172018-2023
    1EcuadorBrasilienBrasilienChile
    2BrasilienArgentinienPeruPeru
    3PeruPeruMexikoMexiko
    4MexikoMexikoArgentinienBrasillien
    5Costa RicaGuayanaJamaikaArgentinien
    Quelle: Institute for America, China, and the Future of Global Affairs (ACF), 2025

    Was Chinas regionale Spezifizierung für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

    China positioniert sich strategisch, effizient und erfolgreich. Davon können deutsche Unternehmen und Institutionen lernen. Wenn sich China auf bestimmte Länder konzentriert, dann hat das einen Grund. Diese Optionen könnten auch deutsche Firmen ernsthaft analysieren, um sich,etwa im Rohstoffbereich, zukunftsfester aufzustellen. Wer Lieferketten absichern oder Rohstoffpartnerschaften aufbauen will, sollte die Länderprioritäten Chinas aufmerksam beobachten – und handeln.

     

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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  • Lateinamerika wird zunehmend zum Schauplatz der Rivalität zwischen den USA und China. Für Deutschland und Europa wäre dies der Moment, sich als neutraler Partner anzubieten. (Stand: 17.08.2026)

    Seit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps haben die USA ihren lange vernachlässigten "südamerikanischen Hinterhof" wieder stärker in den Fokus gerückt. Dabei scheuen sie sich nicht, ihre Interessen durchzusetzen – in Einzelfällen auch unter Missachtung des Völkerrechts wie Anfang 2026 bei der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Vor diesem Hintergrund nehmen die Spannungen mit China zu. Dies hat weitreichende Folgen:

    • für die Länder der Region, die auf die veränderte geopolitische Lage reagieren müssen
    • für Europa, das die Chance hat, sich als neutraler Partner zu positionieren
    • für China, das seine Präsenz in Lateinamerika insbesondere seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 2001 und dem Start der Neuen-Seidenstraßen-Initiative 2013 kontinuierlich ausgebaut hat. Lange konnte Beijing dabei vergleichsweise ungestört agieren.

    US-Interventionen nehmen stark zu

    Für die USA geht es längst nicht mehr nur um Handelsfragen. Zwar dürfte es selbst die größte Volkswirtschaft der Welt schmerzen, dass Lateinamerika inzwischen nur noch rund 37 Prozent seines Außenhandels mit ihr abwickelt (2001: 52 Prozent). Zunehmend rücken jedoch auch Fragen der Versorgungssicherheit und geopolitische Interessen in den Vordergrund.

    Besonders im Fokus stehen dabei:

    Vor diesem Hintergrund kam es in der jüngsten Vergangenheit zu verschiedenen Interventionen, die sich direkt oder indirekt gegen chinesische Aktivitäten richteten.

    Beispiele für Einflussnahmen der USA und US-naher Einrichtungen in Lateinamerika:

    1. Glasfaserkabel Chile-China: Starker Druck in Form von Sanktionen gegen maßgebliche Politiker und deren Familien verhinderte Anfang 2026 die geplante Verlegung eines Glasfaserkabels zwischen Chile und China; das Projekt hätte die Volksrepublik von einer durch US-Firmen kontrollierten Kommunikation unabhängig gemacht. Bisher gibt es kein direktes Unterwasserkabel von Südamerika nach Asien.
    2. Lithium-Ausschreibungen in Chile: Die US-amerikanische Ford Foundation finanziert eine Studie zu Korruptionsrisiken bei Lithium-Ausschreibungen. Zwar richtet sich die Initiative offiziell nicht gegen einzelne Akteure, sie ist jedoch vor dem Hintergrund des globalen Wettbewerbs um kritische Rohstoffe und der geopolitischen Rivalitäten zu sehen.
    3. Öffentliche Ausschreibungen in Argentinien: In Wirtschaftskreisen kursiert die Ansicht, dass wichtige Ausschreibungen seit dem Amtsantritt von Präsident Milei vorab mit den außenpolitischen Interessen der USA abgestimmt würden, um chinesische Anbieter auszuschließen. Belege dafür gibt es nicht. Allerdings schloss etwa eine aktuelle Ausschreibung zur Ausbaggerung der Fahrrinne des Río de la Plata Staatsunternehmen von der Teilnahme aus.
    4. Observatorien in Chile und Argentinien: Zwei von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften geplante Observatorien in Chile (Cerro Ventarrones) und Argentinien (El Leoncito) wurden 2025 gestoppt, nachdem die USA Sicherheitsbedenken geäußert hatten. Washington verwies auf mögliche militärische Nutzungsmöglichkeiten der Anlagen.
    5. Kolumbiens Beitritt zur Seidenstraßen-Initiative: 2025 drohte die US-Regierung Kolumbien indirekt mit dem Entzug bereits zugesagter Finanzierungen der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), sollte das Land der chinesischen Seidenstraßen-Initiative beitreten. Die Drohung blieb jedoch wirkungslos: Kolumbien trat der Initiative bei und erhielt weiterhin Finanzmittel für Infrastrukturprojekte wie den U-Bahn-Bau.

     

    Wie können sich Deutschland und Europa positionieren?

    Zu diesen Interventionen kommt für die meisten Länder der Region die von Donald Trump verschärfte Zollpolitik hinzu. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus: Brasiliens Präsident Lula da Silva etwa warb nach der Einführung von Strafzöllen in Höhe von 50 Prozent auf brasilianische Importe in die USA umgehend für eine stärkere wirtschaftliche Öffnung gegenüber anderen Partnern, insbesondere China.

    Andere halten sich zurück und versuchen, zwischen China und den USA zu balancieren. China ist für viele Länder der Region einer der wichtigsten Handelspartner und häufig auch ein bedeutender Investor. Die USA wiederum bieten Finanzierungsinstrumente und Zugang zu nordamerikanischen Lieferketten.

    Gleichzeitig wächst der Druck zur Diversifizierung. Viele Regierungen suchen nach neuen Partnern, um ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Abhängigkeiten zu verringern. Deutschland und Europa könnten sich in diesem Umfeld, ausreichendes Engagement vorausgesetzt, als verlässliche und vergleichsweise neutrale Partner positionieren. Der Streit um den Panamakanal zeigt, welche Chancen sich daraus ergeben können.

    Erklärt: Was geschah am Panamakanal?

    Die Häfen Balboa und Cristóbal an den Enden des Panamakanals wurden seit den 1990er-Jahren von einer Tochter des Hongkonger Konzerns CK Hutchison betrieben. Im Jahr 2025 wollte das Unternehmen die Terminals im Rahmen eines größeren Hafenverkaufs an ein Konsortium um BlackRock (USA) und MSC/TiL (Schweiz) veräußern. Nach Widerstand aus Peking platzte die Transaktion jedoch. Die chinesische Regierung bestand aufgrund der strategischen Bedeutung der Anlagen auf einer chinesischen Beteiligung.

    Anfang 2026 erklärte Panamas Oberstes Gericht die Konzessionen von CK Hutchison für verfassungswidrig und hob sie auf. Zur Begründung verwies das Gericht unter anderem auf unzulässige Privilegien und steuerliche Sonderregelungen in den Verträgen. Beobachter sehen die Entscheidung auch im Zusammenhang mit dem wachsenden Druck der USA, Chinas Einfluss auf die strategisch wichtige Wasserstraße zurückzudrängen.

    Gegenwärtig werden die beiden Häfen übergangsweise von europäischen Betreibern geführt: Balboa durch APM Terminals (Maersk, Dänemark) und Cristóbal durch Terminal Investment Limited (MSC/TiL, Schweiz). Damit wählte Panama einen Mittelweg, der weder Washington noch Peking offen bevorzugt. Dessen ungeachtet gibt es immer wieder Berichte, wonach Schiffe unter panamischer Flagge in China ungewöhnlich streng und oft kontrolliert würden.

    Europa braucht Lateinamerika als Zugang zum Pazifik

    Ein stärkeres Engagement in Lateinamerika liegt auch im Interesse Europas. Dabei geht es nicht nur um den Zugang zu kritischen Rohstoffen. "Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Das weltwirtschaftliche Gravitationszentrum verlagert sich vom Atlantikraum mit Europa und den USA in den asiatisch-pazifischen Raum. Europa und speziell Deutschland brauchen den Pazifik, wenn sie nicht außen vor bleiben wollen", sagt Andrés Bórquez, Experte für internationale Beziehungen an der Universidad de Chile.

    Gleichzeitig suchen gerade kleinere Länder wie Chile, Peru, Uruguay oder Ecuador gleichwertige Partner außerhalb der beiden großen Machtblöcke. Daraus ergeben sich nach Ansicht von Bórquez gerade jetzt gute Chancen für europäische und deutsche Firmen.

    Begünstigt wird dies durch zwei Entwicklungen: Zum einen stehen Chinas Aktivitäten vor Ort zunehmend in der Kritik. Zum anderen haben, abgesehen von der wichtigen Ausnahme Brasiliens, in vielen Ländern der Region rechtsgerichtete Regierungen die Amtsgeschäfte übernommen. Diese suchen tendenziell eine engere Anbindung an die USA und Europa. Argentiniens Präsident Javier Milei etwa machte bei der Modernisierung der Streitkräfte früh deutlich, dass chinesische Rüstungsgüter für ihn nicht infrage kämen.

    Das Zeitfenster ist günstig, aber nicht unendlich

    Während China in den ersten Jahren seines Engagements in Lateinamerika überwiegend positiv wahrgenommen wurde, ist das Bild inzwischen nicht mehr so eindeutig. Die Volksrepublik galt lange als attraktiver Absatzmarkt, als Lieferant günstiger Konsumgüter, als Kapitalgeber und als willkommene Alternative zu den traditionellen wirtschaftlichen Abhängigkeiten von den USA.

    Inzwischen stoßen chinesische Aktivitäten jedoch zunehmend auf Kritik – insbesondere dort, wo sie in direkten Wettbewerb mit lokalen Anbietern treten.

    Zwei Beispiele verdeutlichen diesen Stimmungswandel:

    • Stahlimporte: China exportierte 2024 rund 110 Millionen Tonnen Stahl und damit fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Die Flut günstiger Importe löste in Lateinamerika eine Welle handelspolitischer Schutzmaßnahmen aus. Mexiko, Brasilien, Chile, Kolumbien und Peru verhängten Zölle oder leiteten Untersuchungen gegen chinesische Produkte ein.
    • Arbeits- und Sozialstandards: Chinesische Unternehmen bringen bei Infrastrukturprojekten häufig eigenes Personal mit und arbeiten teilweise zu Bedingungen, die deutlich unter lokalen Standards liegen. Kritiker werfen ihnen vor, dadurch Wettbewerbsvorteile zu erzielen und lokale sowie westliche Anbieter zu verdrängen. Entsprechende Vorwürfe wurden unter anderem in Guyana und Brasilien laut.

    Allerdings müssten europäische Unternehmen dafür mehr Interesse an Lateinamerika zeigen. Denn bei aller Sympathie für Europa handhaben die meisten Länder den Umgang mit China sehr pragmatisch.

    Chinas Reaktion: defensiver, aber beharrlich

    China wird wirtschaftlich und politisch nicht mehr so offensiv in Lateinamerika agieren können wie bisher – aber seine Hauptziele dennoch nicht aus den Augen verlieren.

    Andrés Bórquez Professor am Instituto de Estudios Internacionales an der Universidad de Chile

    So nutzten Staats- und Privatunternehmen aus China in den vergangenen Jahren den Rückzug westlicher Firmen aus Lateinamerika, um Vermögenswerte zu übernehmen. Künftig dürften Übernahmen von US- und auch kanadischen Firmenbeteiligungen jedoch deutlich schwieriger werden, meint Politikexperte Bórquez.

    Ausgewählte Beispiele für chinesische Übernahmen in der RegionIm Zentrum: Unternehmen und Projekte in den Bereichen Energie und Rohstoffe
    JahrLandÜbernommene Assets / EinordnungVerkäufer (Land)Käufer
    2014PeruLas Bambas (Kupfermine); eine der größten Kupferminen in PeruGlencore, Xstrata (Schweiz)China Minmetals, Guoxin, CITIC
    2018ChileMinderheitsbeteiligung an SQM (Lithiumabbau); hohe strategische BedeutungNutrien (Kanada)Tianqi Lithium
    2019PeruLuz del Sur (Energieversorgung); einer der größten Stromversorger Perus; Teil von Sempras Rückzug aus SüdamerikaSempra Energy (USA)China Yangtze Power International (Tochter von China Three Gorges)
    2020ChileChilquinta Energía (und Tecnored; Energieversorgung); einer der größten Stromversorger Chiles; Teil von Sempras Rückzug aus SüdamerikaSempra Energy (USA)State Grid Corp. of China
    2020GuyanaAurora Gold Mine (Goldbergbau); einzige große, industrielle Goldmine GuyanasGuyana Goldfields (Kanada)Zijin Mining
    2022/2023SurinameRosebel Gold Mine (Goldbergbau); eine der größten Goldminen SüdamerikasIAMGOLD (Kanada)Zijin Mining
    2024PeruEnel Distribución Perú (Energieversorgung); relevanter chinesischer ZukaufEnel (Italien)China Southern Power Grid
    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

    Bórquez hat jedoch keinen Zweifel daran, dass China seine Interessen in Lateinamerika weiter wahrnehmen wird, nur deutlich "diskreter". Und wo sich Möglichkeiten eröffnen, speziell in den Bereichen kritische Mineralien, Ernährungssicherheit, Digitalisierung, Rechenzentren oder auch beim Thema Telekommunikationskabel – sei es Richtung Asien oder in die Antarktis – werde China diese gezielt nutzen.

    Neue Seidenstraße und Taiwan-Politik bleiben unangefochtene Konstanten

    Auch im veränderten geopolitischen Umfeld dürfte China an zwei außenpolitischen Leitlinien festhalten: der Neuen-Seidenstraßen-Initiative und der Ein-China-Politik.

    Seit Beginn der Initiative 2013 haben 23 Staaten Lateinamerikas und der Karibik eine Absichtserklärung zur Teilnahme an der Neuen-Seidenstraßen-Initiative unterschrieben, zuletzt Kolumbien 2025 (wobei Panama 2025 wieder austrat). Darüber hinaus unterhält China unter anderem mit Chile, Peru und Ecuador Freihandelsabkommen. Es ist davon auszugehen, dass Peking weiteren Abkommen offen gegenübersteht, insbesondere mit Ländern, die von der erratischen Zollpolitik der USA betroffen sind.

    Eine weitere Konstante bleibt die Taiwan-Frage. Seit der Aufnahme der Volksrepublik China in die Vereinten Nationen im Jahr 1971 verfolgt Peking das Ziel, Taiwan diplomatisch zu isolieren und die eigene Ein-China-Politik durchzusetzen. Der Erfolg dieser Strategie ist deutlich sichtbar. Aktuell erkennen Taiwan nur noch sieben Staaten der Region offiziell an, darunter überwiegend kleine Inselstaaten in der Karibik.

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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  • China plant, die bilateralen Beziehungen zu Brasilien unter Präsident Lula auszubauen. Dabei ist die Volksrepublik bereits der mit Abstand wichtigste Außenhandelspartner. (Stand: 27.12.2022)

    Nur eine Woche nach seiner eigenen Bestätigung im Amt als Staatsoberhaupt Chinas gratulierte Xi Jinping Lula zu seinem Wahlerfolg in Brasilien. Auf chinesischen Nachrichtenkanälen spekulieren Analysten auf eine Intensivierung der Süd-Süd-Kooperation: Mit Lula als neuem Präsidenten beständen Chancen darauf, dass Brasilien als Partner in die (Konnektivitäts-)Initiative "Neue Seidenstraße" einsteige. Argentinien hatte im Februar 2022 bereits den Beitritt zur Belt-and-Road-Initiative (BRI) angekündigt.

    Strategische Partner auf dem Weg zum Freihandelsabkommen?

    Luiz Inácio Lula da Silva will das Image Brasiliens und die internationalen Beziehungen nach allen Seiten verbessern. Zwar betonte er in seiner ersten Ansprache den Wunsch, die Beziehungen zu den USA und Europa zu beleben, ohne China zu erwähnen. Doch gehört die Volksrepublik ebenso wie Argentinien und die USA zu den ersten Zielen, denen Lula nach seinem Amtsantritt am 1. Januar 2023 einen Besuch abstatten will.

    Außerhalb der Zollunion Mercosur verfolgt Brasilien mit keinem anderen Land eine so eng abgestimmte Außenpolitik wie mit China. Auf dem 6. Ministertreffen der brasilianisch-chinesischen Kommission COSBAN im Mai 2022 wurden neue Fünf- und Zehnjahrespläne verabschiedet. Darin vorgesehen ist der Abbau verschiedener Handelshemmnisse. Auch ein Freihandelsabkommen ist im Gespräch. Dabei preschte der kleine Mercosur-Staat Uruguay bereits vor und kündigte im Juli 2022 an, bilaterale Verhandlungen mit China aufzunehmen.

    In der Coronapandemie haben sich die Handelsbeziehungen zwischen Brasilien und China weiter intensiviert. Brasilien befindet sich in einer deutlich größeren Abhängigkeit. Fast ein Drittel der brasilianischen Exporte geht nach China und mehr als 20 Prozent der Importe stammen von dort. Zudem konnte die asiatische Großmacht mit der Lieferung von Masken und Impfdosen punkten, auch wenn Brasiliens aktueller Präsident Jair Bolsonaro dies nie öffentlich anerkannte.

     

    Brasilien als wichtiges Investitionsziel chinesischer Unternehmen

    Unter Bolsonaro herrschte ein chinafeindlicher Ton. Pläne zur Einrichtung eines 20 Milliarden US-Dollar (US$) schweren Fonds für neue Produktionskapazitäten wurden auf Eis gelegt. Dennoch fokussieren sich chinesische Unternehmen zunehmend auf Brasilien, wie der jüngste BRI-Report von Germany Trade & Invest zeigt. Im Jahr 2021 verdreifachten sich die chinesischen Investitionen in Brasilien und erreichten wieder das Vorkrisenniveau von 5,9 Milliarden US$.

    Hauptgrund für den drastischen Anstieg sind die kapitalintensiven Beteiligungen der chinesischen Erdölkonzerne China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) und China National Oil and Gas Exploration and Development Company (CNODC) an den Explorationsrechten im Bohrfeld Búzios. Laut dem China Global Investment Tracker war Brasilien 2021 das wichtigste Investitionsziel für China. Dies betont die Jahresstudie des Chinesisch-Brasilianischen Unternehmerrates CEBC.

    Fokus liegt auf Energie, doch das Spektrum wird breiter

    In keinen anderen Wirtschaftsbereich Brasiliens investieren chinesische Unternehmen so intensiv wie in den Stromsektor. China General Nuclear Power Group (CGN Energy International) trat erst 2019 in den brasilianischen Markt ein. CGN übernahm Atlantic Energias Renováveis der britischen Betreibergesellschaft Actis und kurz darauf große Wind- und Solarprojekte des italienischen Konzerns Enel. Mittlerweile verfügt CGN in Brasilien über Aktiva im Wert von etwa 930 Millionen US$ und eine installierte Leistung von insgesamt 1,1 Gigawatt. Bis 2024 plant das Unternehmen weitere 2 Milliarden US$ zu investieren und die Gesamtleistung auf 3 Gigawatt zu erweitern.

    Darüber hinaus gehören auch die staatlichen Großkonzerne China Three Gorges (CTG), State Grid Corporation of China (SGCC) und State Power Investment Corporation (SPIC) zu den großen Investoren im brasilianischen Stromsektor. Zunehmend engagieren sich auch die großen Baukonzerne PowerChina und China Energy Engineering Group (CEEC), und mit BYD, Goldwind und Sinoma Blades stoßen immer mehr Technologieanbieter nach Brasilien vor.

    Auf welche Bereiche konzentrieren sich chinesische Investitionen in Brasilien?

    Wirtschaftsbereich

    Anteil am Investitionsvolumen 2007-2021 (in %)

    Anteil an der Gesamtzahl der Investitionsprojekte 2007-2021 (in %)

    Stromsektor

    45,5

    33,7

    Öl & Gas

    30,9

    6,4

    Bergbau

    6,3

    k.A.*

    Verarbeitende Industrie

    5,5

    25,2

    Infrastrukturbau

    4,5

    3,5

    Land-, Vieh- und Forstwirtschaft

    3,3

    6,4

    Finanzdienstleistungen

    2,0

    5,9

    IT

    k.A.*

    10,9

    Andere

    2

    7,9

    * keine explizite Angabe/ist unter "Andere" erfasst.Quelle: Chinesisch-brasilianischer Unternehmerrat Conselho Empresarial Brasil-China (CEBC) 2022

    Ein besonderes Augenmerk wirft China auch auf die Hafeninfrastruktur, die für den Abtransport von Rohstoffen erforderlich ist. Das Großprojekt eines Hafens in São Luís (Maranhão) scheint jedoch nicht zustande zu kommen. Dafür sicherte sich der chinesische Konzern Cofco erst im März 2022 die Konzession für ein weiteres Terminal im Hafen Santos.

    Immer attraktiver sind zudem die Investitionen in das belebte Startup-Ökosystem. Bei der Erweiterung der digitalen Seidenstraße in Brasilien spielt der Technologiekonzern Huawei eine zentrale Rolle.

    Für großes Aufsehen sorgte im Sommer 2021 die Übernahme des Mercedes-Benz-Werks in Iracemápolis (São Paulo) durch Great Wall Motors. Aber auch CAOA Chery und BYD beleben das Angebot chinesischer Kfz auf dem brasilianischen Markt. Mit dem Aufkommen des Elektroantriebs können chinesische Hersteller Marktanteile gewinnen.

    Deutsche Zulieferer sind willkommen

    Ein koordiniertes Zusammenspiel unter chinesischen Unternehmen lässt sich bislang nicht erkennen. Schließlich müssen diese im lokalen Wettbewerb bestehen. Im März 2022 vergab SPIC Brasil den Großauftrag zur Modernisierung des Wasserkraftwerkes São Simão an den US-Konzern GE Power und nicht etwa an PowerChina oder CEEC. Auch nach großen Übernahmen im Stromsektor wie Atlantic durch CGN oder CPFL durch State Grid nahm die Zulieferung chinesischer Ausrüstung nicht erkennbar zu.

    Im Kfz-Sektor wird dies noch deutlicher. CAOA produziert in Partnerschaft mit dem chinesischen Hersteller Chery, ist aber weitgehend autonom, um sich an lokale Bedingungen anzupassen. Der Anteil nationaler Wertschöpfung soll auf über 40 Prozent steigen. Im September 2022 zeichnete CAOA die besten Zulieferunternehmen aus, darunter auch drei deutsche: Mahle, Dürr und Isringhausen. Auch Great Wall Motors erweitert den Lieferantenkreis und strebt bis 2026 einen Anteil nationaler Wertschöpfung von über 50 Prozent an.

    Von Gloria Rose | São Paulo

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  • China ist Chiles wichtigster Handelspartner und ein bedeutender Investor. Aber das Verhältnis ist nicht ungetrübt. Nicht alle Investitionspläne sind Selbstläufer. (Stand: 13.11.2025)

    Für Chile ist China der mit Abstand größte Absatzmarkt weltweit. Rund 38 Prozent der Exporte gingen 2024 in die Volksrepublik. Ein großer Teil davon entfällt auf Kupfer und Lithium. Gefragt sind aber auch Wein, Lachs und Kirschen. Auch als Lieferland steht China auf Platz 1.

    Chiles Bevölkerung schätzt an den chinesischen Produkten vor allem die wettbewerbsfähigen Preise. Im Einzelhandel ist die Dominanz geradezu überwältigend. Laut chilenischer Zentralbank stammten 2024 rund 37 Prozent der importierten Konsumgüter aus China. Besonders hoch sind die Anteile bei Bekleidung (68 Prozent), Elektroartikeln wie Handys (55 Prozent) und Schuhen (52 Prozent), ermittelte die Cámara Nacional de Comercio für 2024.

    "Es ist in der Tat beeindruckend, dass sich selbst in den letzten Winkeln Chiles chinesische Billigsupermärkte finden. Aber es sind eben nicht mehr nur billige Textilien und andere Konsumgüter, die aus China bezogen werden, sondern inzwischen auch Autos, Lastwagen bis hin zu Maschinen und Anlagen. Das ist ein Trendwechsel. Schon jetzt nimmt der Druck auch in den wenigen Segmenten zu, in denen Deutschland in Chile stark ist – speziell im Automobilbau oder bei Bergbaumaschinen." 

    Cornelia Sonnenberg Geschäftsführerin der AHK Chile

    Chinesische Investitionen offiziell stark unterschätzt

    Auch als Investor ist China nicht mehr wegzudenken, wobei jedoch Kanada weiter die unangefochtene Nummer 1 ist. Allerdings ist schwer abzuschätzen, wieviel China tatsächlich investiert hat. Die Zentralbank gibt das Volumen 2024 mit 959 Millionen US-Dollar (US$) an; das wären lediglich 0,3 Prozent des Gesamtbestands der Direktinvestitionen.

    Dabei hatte allein Tianqi Lithium für seinen 24-Prozentanteil an der chilenischen Sociedad Química y Minera (SQM) 2018 rund 4 Milliarden US$ gezahlt. Auch die Übernahme des Lachszüchters Australis kostete rund 1 Milliarde US$. Grund ist: Vielfach fließen die Gelder nicht direkt, sondern schwer nachvollziehbar über andere Länder.

    Chinas Bemühungen um Chiles Lithium

    Besonders herausragend ist die chinesische Beteiligung von Tianqi Lithium an SQM, dem neben Albemarle bislang einzigen Lithiumförderer in Chile. Künftig wird der Anteil von Tianqi an SQM von bislang rund 24 Prozent aber schrumpfen. Grund ist die unter der Regierung Gabriel Boric angeschobene nationale Lithiumstrategie. Diese sieht ab 2031 eine Mehrheitsbeteiligung des staatlichen Kupferkonzerns Codelco an der Lithiumförderung im Salar de Atacama vor.

    Da es zu dieser Vereinbarung keine öffentliche Ausschreibung gab und die Chinesen zu Recht ihre Interessen gefährdet sahen, zogen sie vor Gericht, scheiterten aber auf dem Rechtsweg. Im November 2025 erfolgte die notwendige Zustimmung der chinesischen Wettbewerbsbehörden zur Joint-Venture-Gründung von Codelco und SQM. Hierfür musste die chilenische Seite China mit einer erhöhten garantierten Mindestliefermenge innerhalb einer fixen Preisspanne entgegenkommen. Pressemeldungen sprechen dabei von einer Menge von 120.000 bis 140.000 Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent pro Jahr.

    China im Energiebereich problematisch

    Schlagzeilen machte der Einstieg von China State Grid (SGCC) beim Netzbetreiber Chilquinta in Valparaíso für 2,2 Milliarden US$ im März 2020 und ein Jahr später der Kauf des Netzbetreibers CGE für rund 3 Milliarden US$. CGE versorgt rund 57 Prozent der chilenischen Endverbraucher mit Strom.

    Kritisch sehen Juristen den Zuschlag für den Bau der 1.500 Kilometer langen Hochspannungs-Gleichstromleitung Kimal-Lo Aguirre an das Yallique-Konsortium 2021. An Yallique ist auch China Southern Power Grid International (CSG) beteiligt. Nach chilenischem Recht sind Stromerzeugung, -übertragung und -versorgung strikt zu trennen. Sowohl SGCC als auch CSG gehören dem chinesischen Staat.

    CSG hält überdies fast 28 Prozent an Transelec, dem größten Übertragungsnetz im Land, und bewirbt sich derzeit gemeinsam mit Patria Investments (Chile) und dem GIC-Fonds aus Singapur um die verbleibenden Anteile, die bei kanadischen Eignern liegen. Presseberichten zufolge will CSG angesichts von Bedenken westlicher Staaten offiziell nicht Haupteigentümer werden.

    Schwerpunkt Krankenhäuser und Gesundheitszentren

    Auch nach dem Gesundheitsmarkt strecken Chinas Firmen ihre Fühler aus. Zwar wurde die schlagzeilenträchtig angekündigte Impfstofffabrik von Sinovac letztlich doch gekappt, nach Plan läuft es dagegen mit dem Bau des neuen Krankenhauses in Coquimbo. Die Ausschreibung hatte 2022 China Railway Construction (CRCC) gewonnen, bis 2028 soll die Klinik fertig sein.

    Darüber hinaus konnte der Baukonzern die Ausschreibung der Konzessionen für ein Institut für Neurochirurgie und Krankenhäuser in Rengo und Pichilemu für sich entscheiden. Ebenfalls im Krankenhauswesen aktiv ist die China Communications Construction Company (CCCC) mit klinischen Zentren in Cauquenes, Constitución und Paral.

    Chinas Baufirmen etablieren sich gegen spanische Konkurrenz

    "Die Chinesen nehmen im Infrastrukturbereich schon seit 2006 an Ausschreibungen teil, gewonnen haben aber lange Zeit immer die Spanier. Es war ein jahrzehntelanger Lernprozess, bis sie zum Zuge kamen – speziell auch über die Zusammenarbeit mit chilenischen Unternehmen." 

    Andreas Pierotic Anwalt bei Bofill Mir, zitiert in der Zeitung La Tercera (31.3.2024)

    Insbesondere beim anstehenden Ausbau von Eisenbahn und Häfen (nach dem Vorbild des Megaports Chancay/Peru) haben chinesische Firmen Chancen. Beispielsweise wurden für das Präqualifizierungsverfahren für Chiles wichtigsten Hafen San Antonio auch zwei chinesische Interessenten ausgewählt.

    Neuer Vorstoß für Chinas digitale Seidenstraße

    Zwar scheiterten 2020 Huaweis erste Pläne, Chile mit China über ein Unterwasser-Glasfaserkabel zu verbinden. Die Entscheidung unter dem damaligen Präsidenten Piñera erfolgte auf Druck der USA. Chile entschied sich hingegen für ein ähnliches Projekt mit Google. Das 14.800 Kilometer lange Humboldt Cable soll bis 2027 Valparaíso mit Sydney verbinden.

    Doch China gibt nicht auf. Wie die Zeitung Pulso Domingo im August 2025 berichtete, gründete Chinas staatlicher Telefongigant China Mobile die Gesellschaft CMI Chile mit einem Startkapital von 3 Millionen US$. Ziel ist die Neuauflage eines Unterwasserkabelprojekts zwischen Chile und Hongkong. Projektpartner sind Huawei und der brasilianische Dienstleister EGS. Als Vehikel zur Umsetzung nutzt China Mobile den britischem Dienstleister Inchape Shipping Services (ISS).

    Obwohl unter britischer Flagge segelnd, dürfte das ISS-Projekt ähnliche geopolitische Empfindlichkeiten auslösen wie das ursprüngliche Humboldt-Kabel. Allerdings sind den chilenischen Behörden aus rechtlicher Sicht die Hände gebunden, denn es handelt sich um eine private Initiative ohne staatliche Beteiligung. Außerdem enthält der Vertrag für das Kabelprojekt mit Google keine Exklusivitätsklausel. Es gibt daher aus Verfahrenssicht, sofern einmal alle Genehmigungen vorliegen, keinen Grund, eine Investition von 500 Millionen US$ abzulehnen.

    China hat nicht zuletzt aus nationalen Sicherheitserwägungen großes Interesse an einer eigenen Datenverbindung mit Südamerika, welche nicht durch das Kabel läuft, das sich in den Händen der USA befindet. Darüber hinaus heißt es in der Presse, hätten die chinesischen Unternehmen den chilenischen Behörden angeboten, ein oder mehrere Rechenzentren in Chile zu errichten. Huawei betreibt bereits zwei Rechenzentren im Land, der Bau eines dritten ist seit Längerem angekündigt. Daneben ist der IT-Konzern einer der Hauptausrüster für die 4G- und 5G-Netze von Chiles Mobilfunkanbieter Movistar, Entel und WOM.

    Lachszucht mit Problemen

    Nach wie vor ungelöst ist der Fall Australis. Joyvio, der Agrobusiness-Arm der chinesischen Legend Holdings, hatte den Lachserzeuger 2019 übernommen. Dessen chilenische Vorbesitzer sollen mit zu hohen Lachsbeständen massiv gegen die Umweltauflagen verstoßen haben. Joyvio wirft ihnen Betrug vor. Jetzt müssen die Gerichte entscheiden.

    Wie sieht Chile China?

    Anders als noch vor fünf Jahren, als Politik und viele Menschen in Chile dem chinesischen Engagement grundsätzlich positiv gegenüberstanden, hat sich die Situation inzwischen leicht verändert. So war die Enttäuschung in der Politik groß, als Sinovac 2023 die angekündigte 100-Millionen-US$-Fabrik für seinen Corona-Impfstoff stoppte. Dies umso mehr, da die Entscheidung unmittelbar nach dem Besuch von Präsident Boric in der Volksrepublik einschließlich Gesprächen mit seinem Amtskollegen Xi bekanntgegeben wurde.

    Auch dass BYD nun doch keine Batteriefertigung im Land aufbauen wird, hat zu Ernüchterung geführt. Allerdings wird Kritik am größten Handelspartner oft nur hinter vorgehaltener Hand geäußert.

    Dennoch bleibt China wichtigster Kunde und Lieferant – und angesichts des unzureichend konkreten Interesses zum Beispiel aus Europa der pragmatische Investor, der "auch Geld in die Hand nimmt". Unterstützt werden Chinas Firmen dabei durch die Präsenz von Staatsbanken wie China Construction Bank oder der Bank of China. Umgekehrt ist Chile Mitglied in der von China initiierten Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB).

    Allerdings wünschen sich nicht wenige aus dem Unternehmenssektor inzwischen ein Screening für chinesische Investoren. Der Bevölkerungsmehrheit dürfte China aber gleichgültig sein. Hauptsache der Preis stimmt.

    Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

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  • Peru steht exemplarisch für Chinas Strategie in Lateinamerika. GTAI beleuchtet Chinas Rolle im Land - und was das für deutsche Firmen bedeutet. (Stand: 16.04.2026)

    "Chifagate" – so heißt der Skandal, der den peruanischen Präsidenten José Jerí Mitte Februar 2026 zu Fall brachte. Benannt nach der peruanisch-chinesischen Fusionküche (Chifa) ging es um den mutmaßlichen Interessenkonflikt seiner privaten und politischen Interessen gegenüber chinesischen Geschäftsleuten. Der Vorgang führte zur Absetzung Jerís und verschafft der Frage nach Chinas Präsenz im Land neue Relevanz. China ist Perus wichtigster Handelspartner und investiert seit Jahrzehnten in peruanische Schlüsselsektoren. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young war Peru 2025 der attraktivste Markt für chinesische Investoren in Lateinamerika. 

    Chancay ist Teil von Chinas Lateinamerika-Strategie

    Seit der Einweihung des chinesischen Tiefseehafens Chancay im November 2024 in Peru haben die peruanisch-chinesischen Beziehungen neuen Schub erhalten. Laut dem peruanischen Handelsverband ComexPerú wuchs das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern im Jahr 2025 um über ein Viertel. Chancay übertraf das erwartete Containervolumen im ersten Betriebsjahr um 43 Prozent. Doch dabei dürfte es nicht bleiben: Ergänzt werden soll der Hafen durch den Industriepark Ancón und eine Sonderwirtschaftszone. Den Bau des Industrieparks für 1,3 Milliarden US-Dollar (US$) vergab Peru bereits im Dezember 2025 an ein chinesisches Konsortium.

    Zugehörige Logistikanbindungen wie der Bau einer Bahnstrecke zwischen Chancay und Pucallpa könnten den Hafen enger mit dem Hinterland und Nachbarländern vernetzen. Dadurch wäre langfristig eine Verbindung zwischen Pazifik und Atlantik möglich. Eine Vorinvestitionsstudie für das Projekt ist bereits geplant. Der chinesische Logistikhub macht Peru dadurch auch für deutsche Firmen interessanter. Das Hamburger Logistikunternehmen FMS etwa plant, Peru künftig als südamerikanischen Logistikknoten zu nutzen und mittelfristig 1 bis 2 Millionen Euro in den Geschäftsbetrieb vor Ort zu investieren.

    Peruanischer Bergbau ist Schlüsselsektor für China

    Auf den Tiefseehafen Chancay folgen weitere Hafenprojekte aus chinesischer Hand. So bereitet das Unternehmen Jinzhao den Bau eines neuen Terminals im Hafen von San Juan de Marcona sowie einer angeschlossenen Bahnstrecke für den Export von Eisenerz vor. Parallel entwickelt Jinzhao in Hafennähe die Eisenerzmine Pampa de Pongo mit einem Investitionsvolumen von 1,8 Milliarden US$. Damit wächst Chinas Kontrolle über wichtige Lieferketten Perus. 

    Das Projekt ist eines von zahlreichen Beispielen für die chinesische Präsenz im peruanischen Bergbau. China ist der wichtigste Investor in diesem Sektor und drei Viertel des peruanischen Kupfers gehen nach China. Betreiber wie Las Bambas, Shougang und Chinalco zählen zu den Top 10 der wichtigsten Investoren in der Branche. Neue Projekte chinesischer Firmen wie Río Blanco, El Galeno und der Ausbau von Ferrobamba sollen Chinas wachsenden Kupferbedarf auch in Zukunft sichern.

    Größte chinesische Investoren in Peru
    InvestorHauptsektorSumme (in Millionen US-Dollar)Anzahl Projekte
    China MinmetalsBergbau

    7.500

    3

    China Three Gorges CorporationEnergie und Versorgung

    6.130

    6

    Aluminum Corporation of China (Chinalco)Bergbau

    4.250

    3

    China National Petroleum Corporation (CNPC)Energie

    3.390

    2

    China Southern Power GridEnergie

    2.920

    1

    Zhongrong XindaBergbau

    1.860

    1

    Shougang GroupBergbau

    1.490

    2

    COSCO ShippingTransport und Logistik

    1.010

    2

    China Railway Construction CorporationTransport und Infrastruktur

    990

    3

    China Energy Engineering CorporationEnergie

    900

    1

    Der Zeitraum umfasst Investitionen zwischen 2005 und 2025Quelle: American Enterprise Institute, China Global Investment Tracker 2026

    Zugleich steigert China das technologische Niveau seiner Projekte und arbeitet an modernen, integrierten Lösungen. In der Mine Toromocho des Staatskonzerns Chinalco kommen autonome Bohrer zum Einsatz, die durch ein 150 Kilometer entferntes Kontrollzentrum ferngesteuert werden. Cloud-Dienstleistungen, 5G-Infrastruktur und KI-Algorithmen machen das Ganze möglich. Geliefert wird die Technologie vom chinesischen Telekommunikationskonzern Huawei aus Shenzhen. 

    Was heißt das für deutsche Unternehmen?

    Für deutsche Firmen bedeutet das zweierlei. Unternehmen aus China setzen zwar Projekte um, bei denen deutsche Firmen als Zulieferer zum Zug kommen können. Die zunehmende Modernisierung chinesischer Minen eröffnet Absatzchancen für deutsche Technologie, die chinesische Unternehmen bisher noch nicht selbst anbieten können. "Allerdings sind chinesische Anbieter auch klare Wettbewerber für deutsche Bergbautechnologie – und werden technologisch immer besser", stellt Christoph Danner, Rohstoffexperte beim Maschinenbauverband VDMA, fest.

    "China verfolgt eine aggressive Marktstrategie, Marktanteile sind wichtiger als kurzfristige Gewinne“, so Danner. Viele Kunden entschieden sich für chinesische Anbieter, weil diese unkompliziert die Finanzierung gleich mitlieferten. Zudem gebe es bereits Beispiele aus anderen Ländern der Region, wo chinesische Abnehmer den Einsatz eigener Technologie indirekt zur Bedingung für die Rohstoffabnahme machten.

    Diversifizierung und Innovation sind chinesische Trends

    Darüber hinaus weitet China sein Engagement in Peru weiter aus. Das chinesische Unternehmen Sungrow ist in Gesprächen mit der peruanischen Investitionsagentur ProInversión zu Geschäften im Bereich der erneuerbaren Energien. YOFC arbeitet an der Glasfaserinfrastruktur in Peru, ZTE bietet 5G-Systeme an, und Huawei betreibt wichtige Cloud-Dienstleistungen im Land. Nach Einschätzung des Chinaexperten Enrique Dussel Peters ist die wachsende Präsenz Chinas in Peru Teil eines globalen Trends: "China hat sich in den vergangenen Jahren technologisch rasant entwickelt und ist heute in vielen industriellen Wertschöpfungsketten technologisch führend." 

    Auch er warnt: "Im besten Fall sehen wir harte Konkurrenz für deutsche und europäische Unternehmen – im schlechtesten Fall werden sie aus dem Markt verdrängt." Europäische Unternehmen würden diese Entwicklung noch nicht ernst genug nehmen, sondern sich auf ihrer bisherigen Stärke in globalen Wertschöpfungsketten ausruhen. "Auf sie kommt ein massiver Wettbewerb zu und viele werden überrascht werden", so Dussel.

    Wirtschaftspolitische Kooperation zwischen Peru und China

    • Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB): Mitgliedschaft Perus seit 14. Januar 2022
    • Absichtserklärung Perus zum Beitritt zur Belt and Road Initiative (BRI): unterzeichnet am 27. April 2019
    • Comprehensive Strategic Partnership: seit 9. April 2013
    • Freihandelsabkommen: in Kraft seit 1. März 2010; 2024 aktualisiert
    • Multilaterale Foren: China-CELAC Forum, Pazifikallianz, FEALAC, APEC

    Von Janosch Siepen | Mexiko-Stadt

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