Wirtschaftsausblick | Asien

Wirtschaftsausblick Asien: zwischen Energierisiken und Chip-Boom

Der Energieschock durch den Irankrieg trifft Asien. Die Region bietet aber weiterhin dynamische Märkte und Partner für Produktion, Beschaffung sowie Rohstofflieferketten.

Achim Haug

Von Achim Haug | Bonn

Der Ausblick für Asien-Pazifik bleibt überraschend positiv. Obwohl globale Krisen ihre Spuren in den Bilanzen der Volkswirtschaften hinterlassen, zeigt die Region 2026 eine hohe Resilienz. Und es gibt sogar einige Gewinner.

Asien bleibt Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft

Trotz aller Krisen bleibt Asien-Pazifik die weltweit am stärksten wachsende Region, so die Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das weltweite Wachstum wird 2026 erneut zu 60 Prozent von den asiatischen Volkswirtschaften getragen. Das regionale Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll 2026 real um 4,4 Prozent zulegen. Für 2027 wird ein moderater Anstieg um 4,2 Prozent erwartet. Der IWF hatte in seiner Prognose bereits ein Negativszenario für ein stärkeres Wiederaufflammen des Nahostkrieges eingepreist, welches im Juli 2026 einzutreten schien.

Die Wachstumszentren haben sich jedoch verschoben: Für China werden in nächster Zeit nur noch rund 4 Prozent Wachstum erwartet, für Indien und südostasiatische Märkte wie Vietnam werden dagegen Zuwächse von 6,5 bis sogar über 7 Prozent prognostiziert.

Die Wachstumstreiber unterscheiden sich von Land zu Land. Einige übergreifende Trends sind jedoch erkennbar:

  • Industrialisierung und exportgetriebene Produktion schreiten voran
  • Neuordnung von Wertschöpfungsketten schafft neue Industriecluster
  • Künstliche Intelligenz (KI) und Digitalisierung steigern Exporte und Investitionen insbesondere im Bereich Halbleiter und Datenzentren
  • Ausbau der Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur in Schwellenländern
  • Ausbau der Energieerzeugung, insbesondere erneuerbare Energien und Atomkraft, sowie der Stromnetze
  • Der Aufstieg der Mittelschicht stärkt Konsum, Onlinedienste und die Lieferökonomie

Geopolitische Risiken beeinträchtigen die Aussichten

Die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus und die Schifffahrtsrouten durch das Rote Meer dürfte bestehen bleiben. GTAI hat die Auswirkungen untersucht. Die schwerwiegendste Folge sind steigende Preise für Öl und Gas aus der Region. Asien ist der größte Abnehmer dieser Rohstoffe. So gehen beispielsweise 80 Prozent der Flüssiggaslieferungen aus dem Golf in die Region. Besonders betroffen sind Volkswirtschaften, die stark auf Energieimporte angewiesen sind, darunter Taiwan, das seine Energierohstoffe komplett importieren muss. China ist der größte Ölimporteur weltweit und war Berichten zufolge Abnehmer für 80 Prozent der iranischen Ölimporte. Allerdings ist das Land deutlich resilienter, da China hohe Reserven aufgebaut hat und seine Lieferstruktur diversifiziert hat, darunter Pipelines aus Russland.

In Südasien ist die Lage dagegen deutlich herausfordernder, zum Beispiel in Bangladesch mit angespannter Haushaltslage und hoher Verschuldung. So überrascht nicht, dass Bangladesch neben den Philippinen und Indien zu den am stärksten betroffenen Ländern in Asien gehört. Aber auch entwickelte Volkswirtschaften leiden unter ausbleibenden Vorprodukten für Raffinerien. Dazu zählen beispielsweise Singapur und Südkorea. Zudem treffen Heliumknappheiten die Halbleiterindustrie. Auch die Düngemittelerzeugung ist beeinträchtigt. Das wirkt sich wiederum auf die Nahrungsmittelpreise aus, zum Beispiel in Indonesien und den Philippinen. Regierungen reagieren mit Hilfsprogrammen, Subventionen für Benzin und andere Energieträger sowie mit Exportverboten für knappe Güter.

Absehbar ist eine höhere Inflation, der IWF erwartet für Asien-Pazifik im Jahr 2026 rund 2,6 Prozent. Die Zentralbanken stehen hier in einem Spannungsfeld, da schwaches Wachstum droht. Trotzdem wurden in Südkorea beispielsweise im Juli 2026 zum ersten Mal seit drei Jahren die Leitzinsen angehoben. Hinzu kommen weitere regionale Konflikte wie in Kaschmir oder dem südchinesischen Meer. Auch potenzielle Blockaden strategisch wichtiger Meerengen wie der Straße von Malakka oder der Taiwanstraße könnten die Region zukünftig destabilisieren.

Halbleiter und Reorientierung von Lieferketten sorgen für Lichtblicke

Die US-Ankündigung sehr hoher Zölle und von Einfuhrverboten verunsichert asiatische Unternehmen. Gleichzeitig profitieren einzelne Standorte von Umlenkungseffekten und konnten ihre Exporte deutlich steigern. Vietnam ist so für die USA mittlerweile als Lieferant wichtiger als China. Zudem steigt das Interesse an alternativen Produktionsstandorten. Staatliche Investitionsförderprogramme springen auf diesen Trend auf. Besonders viel Interesse zieht die Make-in-India-Kampagne des bevölkerungsreichsten Landes auf sich.

Ein starker Treiber des Wachstums 2026 ist KI: Die weltweiten Investitionen in Datenzentren und Rechenkapazitäten für KI-Modelle treiben die Nachfrage nach Chips und Elektronik aus Asien. In Südkorea stiegen die Halbleiterexporte im 1. Halbjahr 2026 um rund 163 Prozent, in China um 96 Prozent. In Taiwan sorgen Exporte von Hochleistungschips und Datenzentren-Ausrüstung für zweistellige BIP-Wachstumsraten.

Neue Partner für den Freihandel

Die angespannte weltwirtschaftliche Lage führt auf der anderen Seite zu reger Handelsdiplomatie. Neben Maßnahmen zur Diversifizierung und Absicherung kritischer Lieferketten intensiviert die Europäische Union ihre Handelsdiplomatie – auch mit Asien-Pazifik. Nach rund zehn Jahren Verhandlungen wurden in kurzer Folge Abkommen mit Indien, Indonesien und Australien bekannt gegeben. Weit fortgeschritten sind zudem die Verhandlungen mit den Philippinen, Thailand und Malaysia. Diese könnten 2027 abgeschlossen werden. Auch über eine Zusammenarbeit mit der Freihandelszone CPTPP (Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership) wird gesprochen.

Wachstumsindustrien: von Greentech über Smart Manufacturing bis Verteidigung

Ein Nebeneffekt des Nahostkrieges ist das gestiegene Interesse an Energieunabhängigkeit. Die Investitionen in erneuerbare Energien nehmen deshalb zu. Davon profitieren häufig chinesische Exporteure. Zudem werden Stromnetze ausgebaut und stärker miteinander verbunden. Ein Beispiel ist das geplante ASEAN Power Grid. Daneben wächst das Interesse an Kernkraft, alternativen Energiequellen wie Kohlechemie oder Wasserstoff sowie an Speicherlösungen.

Asien baut seine Rolle als Werkbank der Weltwirtschaft weiter aus. Das Spektrum reicht von Bekleidung und Möbeln in Süd- und Südostasien bis zu Elektroautos und intelligenten Robotern in Ostasien. Gleichzeitig werden Wertschöpfungsketten neu geordnet und Produktionsstandorte verlagert. Südostasien und Indien verzeichnen dabei hohe Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen. Bereits 2024 entfielen 57 Prozent der weltweiten Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe auf Asien-Pazifik. Die Region festigt ihre Stellung sowohl bei Konsumgütern als auch im Hightechsektor.

Die nächste Stufe von Industrie 4.0 entsteht dort durch den raschen Ausbau von Robotik und Automatisierung in Verbindung mit künstlicher Intelligenz. Deutsche Firmen sind im Wettbewerb um physische KI gut positioniert. Die Schnelligkeit und Innovationsdynamik in vielen Technologiesektoren in Asien bedeutet dabei zunehmenden Wettbewerb, aber auch die Chance, daran teilzuhaben. Zusammenarbeit ist auch im Bereich Verteidigung gefragt. Asiatische Länder rüsten selbst auf, können aber auch Partner für resiliente Lieferketten sein, zum Beispiel für die Drohnenproduktion. 

Die Krisen werden nicht verschwinden: Unternehmen in Asien müssen sich auch in den kommenden Jahren auf Herausforderungen durch technologische und regulatorische Veränderungen, alternative Lieferketten und Transportrouten sowie die Folgen geopolitischer und regionaler Konflikte einstellen.