Kaufkraft und Konsum | Australien
Kauflaune dürfte bald wieder steigen
Die australischen Verbraucher hoffen auf ein Ende der Lockdowns. Nach Einschätzung von Experten dürfte sich das Konsumklima ab dem 4. Quartal 2021 wieder deutlich verbessern.
08.09.2021
Kaufkraft: Zuletzt nur geringe Reallohnsteigerungen
Die australischen Haushalte verfügen im internationalen Vergleich über eine hohe Kaufkraft. Nach dem Better Life Index 2020 der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) erreicht das bereinigte verfügbare Haushaltsnettoeinkommen pro Kopf mit durchschnittlich 32.759 US-Dollar (US$) den siebthöchsten Wert unter den insgesamt 38 OECD-Mitgliedsstaaten. In den vergangenen Jahren stieg die Kaufkraft allerdings aufgrund schwacher Reallohnzuwächse nur gering.
Auch Kaufkraftimpulse durch die qualifizierte Zuwanderung fallen aktuell aus. Vor der Covid-19-Pandemie hatte die Nettozuwanderung in Australien bei rund 250.000 Personen pro Jahr gelegen, darunter viele gut ausgebildete Fachkräfte. Nach Einschätzung von Experten dürfte es bis 2023/24 dauern, ehe die Zuwanderung wieder das Vorkrisenniveau erreicht.
Nach Berechnungen von Germany Trade and Invest fallen rund 65 Prozent der Bevölkerung in eine breitgefasste Mittelschicht (75 bis 200 Prozent des verfügbaren Median-Äquivalenzeinkommens, Stand 2017/18). Etwa 10 Prozent gehören zur einkommensreichen Bevölkerungsgruppe.
Über eine hohe Kaufkraft verfügt die Hauptstadt Canberra mit ihren vielen gut verdienenden Regierungsangestellten. Eine zahlungskräftige Klientel findet sich auch in den Bergbauregionen, denn die Minenunternehmen vergeben die am besten bezahlten Jobs. Da sich viele Abbaustätten in abgelegenen Regionen befinden, wird häufig mit einem Fly-in-Fly-out System gearbeitet. Die Beschäftigten leisten dabei Schichten von mehreren Wochen, kehren dann aber für längere Zeit an ihre eigentlichen Wohnorte zurück. Deswegen ballt sich eine hohe Kaufkraft in den Vororten von Perth und Darwin. Dort ist das durchschnittliche Einkommen sogar höher als in Melbourne und in Teilen von Sydney.
Eine weitere Besonderheit ist, dass auch einige eher als strukturschwach geltende Küstenregionen über eine hohe Kaufkraft verfügen. Dies gilt beispielsweise für die Sunshine Coast (Queensland) und die Central Coast (New South Wales), wo viele Rentner wohnen.
Indikator | 2020 |
|---|---|
Verfügbares Jahreseinkommen pro Haushalt (in US-Dollar) *) | 87.653 |
Sparquote (in Prozent des verfügbaren Einkommens) | 15,2 |
Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in Prozent) | 0,9 |
Wechselkurs 2020 (1 australischer Dollar = ... US-Dollar) | 0,6906 |
Einwohner (in Mio.) | 25,7 |
Konsumausgaben: Verbraucher hoffen auf ein Ende der Coronabeschränkungen
Der Konsum in Australien erlebt im Zuge der Coronakrise eine Achterbahnfahrt. Im Jahr 2020 fielen die Konsumausgaben insgesamt um real 5,8 Prozent und die Konsumausgaben pro Kopf um nominal 6,0 Prozent. Aufgrund erfolgreicher Pandemiemaßnahmen setzte jedoch eine V-förmige Erholung ein, und im 2. Quartal 2021 übertrafen die Ausgaben der Verbraucher sogar das Vorkrisenniveau.
Der Ausbruch der Delta-Variante des Coronavirus sorgt im 3. Quartal 2021 allerdings wieder für zahlreiche Einschränkungen, welche auch wieder den Konsum belasten. Die Regierung stellt jedoch weitgehende Lockerungen in Aussicht, sobald die Impfquote die 70-Prozent Marke überschreitet. Dies dürfte in einigen Landesteilen wie Sydney bereits ab Mitte Oktober 2021 der Fall sein.
Experten erwarten deshalb, dass sich das Konsumklima ab dem 4. Quartal 2021 wieder deutlich verbessert. Die Ökonomen der privaten National Australia Bank prognostizieren in ihrer jüngsten Prognose von August 2021 für das Gesamtjahr 2021 einen realen Anstieg der Konsumausgaben von 4,4 Prozent gegenüber dem schwachen Vorjahr. Auch 2022 soll sich der Aufschwung mit einem prognostizierten Plus von real 3,6 Prozent fortsetzen.
Die Pandemie führt zu deutlichen Veränderungen bei der Struktur der Konsumausgaben. Infolge von Lockdowns ist der Konsum vieler Dienstleistungen erschwert. Urlaubsreisen ins Ausland sind aufgrund der Schließung der Landesgrenze unmöglich. Vor der Pandemie gaben die Australier etwa 45 Milliarden US$ pro Jahr für Auslandsreisen aus. Teilweise fließen diese Gelder in den lokalen Einzelhandel. Händler von Möbeln, Haushaltswaren und Elektronik verzeichnen hohe Gewinne.
Gleichzeitig steigt auch die Sparquote der Verbraucher deutlich. Im Jahr 2019 legten die Verbraucher nur 4,9 Prozent ihres Einkommens zur Seite. Im Coronajahr 2020 stieg der Anteil auf 15,2 Prozent. Dadurch könnten die Verbraucher nach Öffnung der Wirtschaft sogar mehr Geld ausgeben. Im Jahr 2022 dürfte sich das Konsumverhalten zudem wieder normalisieren, mit höheren Ausgaben im Dienstleistungsbereich.
Jährliche Ausgaben pro Kopf ($A) | Jährliche Ausgaben pro Kopf (US$) 1) | Anteil (in %) | |
|---|---|---|---|
Nahrungsmittel | 6.211 | 4.290 | 15,3 |
Kleidung und Schuhe | 1.348 | 931 | 3,3 |
Wohnraum, Energie und Wasser | 9.924 | 6.853 | 24,5 |
Möbel, Haushaltsgeräte | 2.099 | 1.450 | 5,2 |
Medizinische Versorgung | 2.765 | 1.910 | 6,8 |
Verkehr | 3.045 | 2.103 | 7,5 |
Telekommunikation | 836 | 577 | 2,1 |
Kultur, Freizeit | 3.910 | 2.700 | 9,7 |
Bildung | 2.172 | 1.500 | 5,4 |
Gastronomie, Hotels | 1.967 | 1.358 | 4,9 |
Sonstige Konsumausgaben | 6.228 | 4.301 | 15,4 |
Gesamt | 40.505 | 27.973 | 100 |
Konsumverhalten: Einkaufen war vor Corona beliebte Freizeitbeschäftigung
Australier sind sehr konsumfreudig. Dabei ist Australien durch urbane Käuferschichten geprägt, rund 90 Prozent der Bevölkerung lebt in den Städten des Landes.
Bei kurzlebigen Gütern wie Nahrungsmitteln wird stark auf den Preis geachtet, mit der Lebensdauer eines Produktes steigt jedoch das Qualitätsbewusstsein. Ein klassisches Beispiel ist die Beliebtheit von deutschen Haushalts- und Küchengeräten.
Insgesamt sind Australier sehr technologiebegeistert und gelten als „frühe Anwender“ von innovativen Produkten. Unter den Einwanderern aus dem asiatischen Raum sind insbesondere auch prestigeträchtige Markenprodukte gefragt, die Wohlstand und sozialen Aufstieg symbolisieren.
Am liebsten kaufen die Australier in den zahlreichen Malls und Fußgängerzonen des Landes ein. Im Jahr 2019 betrug der Anteil des Onlinehandels an den Einzelhandelsumsätzen nur 11,3 Prozent. Durch die Coronabeschränkungen stieg der Anteil 2020 auf 16,3 Prozent. Allerdings dürften die physischen Einzelhandelsgeschäfte ein Comeback erleben, sobald die Pandemiemaßnahmen aufgehoben werden.
Die australischen Haushalte weisen mit 180 Prozent des verfügbaren Einkommens einen sehr hohen Verschuldungsgrad auf. Davon entfallen jedoch rund Dreiviertel auf Immobilienkredite.
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