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Landwirte unter dem Joch der hohen Zinsen

Die Nachfrage nach Landtechnik und Vorprodukten wächst stetig. Achillesferse des Sektors ist die Kreditfinanzierung. Welche Strategien fährt Brasiliens Agrarwirtschaft?

Von Gloria Rose | São Paulo

Ausblick der Landwirtschaft in Brasilien

Bewertung:

  • Brasilien erwartet für das Erntejahr 2025/2026 ein leichtes Wachstum und neue Rekordmengen.
  • Die Produktionskosten steigen und mindern die Gewinnspannen der Agrarwirte.
  • Der anhaltend hohe Zins belastet die Investitionen. Immer mehr Betriebe können die Verschuldung nicht mehr tragen.
  • Dazu kommt die zunehmende Unsicherheit im globalen Handel und durch Klimarisiken.
  • Positive Ausblicke bieten die zahlreichen und innovativen Projekte in der Biokraftstoffproduktion. 

Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: März 2026

  • Brasiliens Agrarsektor wächst ungebrochen. Doch immer mehr Betriebe geraten in Finanzschwierigkeiten. Um stabil zu wachsen, brauchen die Unternehmen neue Strategien.

    Nach dem Rekordwachstum um 11,7 Prozent im Jahr 2025 erwartet der Agrarwirtschaftsverband CNA für 2026 einen Zuwachs um 1,2 Prozent. Doch die Freude über die hohen Ernteerträge hält sich in Grenzen. Kostensteigerung bei Vorprodukten, insbesondere bei Dünger, und die anhalten hohen Zinsen machen den Betrieben zu schaffen. Zudem steigen die Risiken durch den Klimawandel und die geopolitische Unsicherheit. Die Unternehmen investieren vorsichtiger. Neue Geschäftsmodelle, Produktionseffizienz und die Digitalisierung rücken in den Fokus. 

    4,6 Prozent

    durchschnittliches Jahreswachstum erzielte die brasilianische Agrarwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten. Somit wächst der Sektor mehr als doppelt so stark wie die Gesamtwirtschaft, berechnete der Verband SNA.

    Welthandel birgt Risiken und Chancen

    Der Krieg im Iran und die Sperrung der Straße von Hormus wecken in Brasilien Bedenken um die Versorgung mit Düngemitteln. Denn der Agrarriese importiert über 80 Prozent der Nährstoffe. Außerdem verteuern höhere Logistikkosten brasilianische Waren auf den Exportmärkten. Um die Abhängigkeit vom Abnehmerland China und die Risiken zunehmender Handelskonflikte zu reduzieren, verhandelt die brasilianische Regierung neue Exportchancen auf den Märkten im globalen Süden und treibt die Diversifizierung voran. Die wichtigsten Zielmärkte 2025 war China mit einem Anteil von 33 Prozent am Exportwert, die EU (15 Prozent) und die USA (7 Prozent). 

    Lagerkapazität ist knapp

    Zusätzlich zu rund 350 Millionen Tonnen Getreide - zu 90 Prozent Soja und Mais - produziert Brasilien jährlich rund 650 Millionen Tonnen Zuckerrohr, 70 Millionen Tonnen Fleisch, weitere 70 Millionen Tonnen Obst und weitere Produkte der Forst-, Land- und Viehwirtschaft. Von Jahr zu Jahr wachsen die Mengen und somit auch der Bedarf an Logistikinfrastruktur und -diensten. Besonders dringend sind Investitionen in Lagerkapazitäten. Denn die Unsicherheit im Welthandel führt zu hoher Volatilität beim Wechselkurs und somit auch bei den Preisen von Vorprodukten und Agrargütern. Um die Schwankungen einzudämmen, investiert der Sektor in eigene Silos, Modelle zur gemeinschaftlichen Nutzung bis hin zu flexiblen Siloschläuchen.

    Hohe Zinsen erfordern neue Geschäftsmodelle

    Bei einem anhaltend hohen Leitzins von 15 Prozent steigt das Risiko der Zahlungsunfähigkeit. Immer mehr Betriebe geraten in Finanzkrisen. Im März 2026 meldete der Zucker-Ethanol-Konzern Raízen die außergerichtliche Restrukturierung seiner Schulden an. Um finanziell stabil zu bleiben, investieren die Unternehmen verstärkt in Produktionseffizienz und in Management-Software.

    Nach Einbrüchen in den beiden Vorjahren erholt sich der Markt für Landtechnik. Der Umsatz stieg 2025 um 7,4 Prozent auf knapp 12 Milliarden US-Dollar. Für 2026 erwartet der Branchenverband Abimaq einen Zuwachs um 3,4 Prozent. Üblicherweise greift der Sektor auf staatliche Kreditprogramme zurück. Doch selbst bei einer begünstigten Finanzierung über Förderprogramme wie Moderagro, Moderfrota oder Proirriga sind die Kapitalkosten derzeit zu hoch. Der Landwirtschaftsverband CNA bietet Agrarwirten ein Tool zur Entscheidungsfindung an, ob sich der Verleih oder die Auslagerung der Aktivitäten für den jeweiligen Betrieb mehr lohnen als der Erwerb eigener Landmaschinen. Immer üblicher ist der Maschinenkauf im Konsortium. Einige Landtechnikanbieter erzielen bereits bis zu 40 Prozent ihres Umsatzes über das Geschäftsmodell. Kleinbäuerliche Betriebe schließen sich zunehmend in Genossenschaften zusammen.

    Ab 2026 müssen Kreditnehmer zeitgleich eine Agrarversicherungen abschließen. Das neue Rahmengesetz 15.040/2024 stößt damit grundlegende Änderungen in der Agrarfinanzierung an - einem gigantischen Markt mit einem Volumen von rund 100 Milliarden US-Dollar. Trotz steigender Risiken war zuletzt nur etwa 5 Prozent der brasilianischen Agrarproduktion versichert. Um Zugang zu einer kostengünstigen Finanzierung und Versicherung zu erhalten, bedarf es Datentransparenz - auch das kurbelt die Digitalisierung an.

    Digitalisierung erreicht immer mehr Betriebe

    Brasilien ist Vorreiter bei Agrarinnovationen. Das AgTech Valley bei Piracicaba gilt als internationales Vorzeigebeispiel. Die meisten Großbetriebe bearbeiten ihre Agrarflächen bereits mit Präzisionstechnologien. Vernetzte Landmaschinen, Drohnen, Sensoren, Satellitentechnologie und automatische Dosiertechnik stehen weiter hoch im Kurs. Bei Bewässerungssystemen ist besonders viel Luft nach oben.

    Da die Gewinnmargen durch steigende Kosten für Logistik und Vorprodukte schmaler und Fachkräfte immer knapper werden, stellen auch kleine und mittelständische Betriebe auf digitale Technologien um. Immer mehr Serviceplattformen kommen auf. Brasilianische Landwirte sind mit einem Durchschnittsalter von 46 Jahren relativ jung und aufgeschlossen gegenüber digitalen Anwendungen. Allerdings hakt es bei der Konnektivität.

    D2D als Gamechanger für Konnektivität auf dem Land
    In Brasilien schreitet der Ausbau der IT-Infrastruktur voran, doch nur ein Drittel der ländlichen Flächen sind bislang mit 4G oder 5G abgedeckt. Satelliten-Direktverbindungen zu Endgeräten könnten zukünftig Abhilfe schaffen. Nach brasilianischer Regulierung dürfen Satellitenbetreiber in niedriger Erdumlaufbahn D2D‑Dienste (Direct-to-Device) nur in Partnerschaft mit einem Mobilfunkanbieter anbieten. Von April 2024 bis Oktober 2026 genehmigte Brasiliens Regulierungsbehörde Anatel eine Testphase für D2D-Technologien. Die drei großen Anbieter Claro, TIM und Vivo sind dabei und nutzen die Gelegenheit für Tests.
    Viasat sieht ein immensen Potenzial im brasilianischen Markt. Über das Projekt Equatys will der US-Satellitenbetreiber bis zum Jahr 2028 eine Low‑Earth‑Orbit‑Konstellation (LEO) in den 5G NR Netzstandard integrieren. Viasat betreibt Equatys in Joint Venture mit Space42, einem Raumfahrttechnologieunternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

    Viehzucht: Rückverfolgbarkeit wird verpflichtend

    Zunehmend werden Daten auch zur Zertifizierung genutzt. Wichtige Exportmärkte wie die EU stellen hohe Anforderungen an die Transparenz. Brasiliens Rinderhalter setzen daher schon auf Technologien zur lückenlosen Rückverfolgung jedes einzelnen Tieres – vom Kalb bis zum Schlachthof.
    Ab 2027 wird eine nationale Datenbank den Bewegungs- und Gesundheitsstatus von Rindern und Büffeln zentral erfassen. Bis spätestens Ende 2032 muss der gesamte Bestand von derzeit 238 Millionen Tieren gekennzeichnet sein. Die Vorgaben des Programms PNIB stimulieren einen gigantischen Markt für Mikrochip-Technologien und Softwarelösungen.

    Biokraftstoffe im Fokus der Investoren 

    Trotz zunehmender Herausforderung bleibt das Investitionsklima insgesamt positiv. Über das Gesetz "Kraftstoffe der Zukunft" erhöht Brasilien die Beimischungsanteile von Biokraftstoffen. Zudem sichern die CO2-Zertifikate CBIOS Biokraftstoffen zusätzliche Gewinne am Inlandsmarkt. Durch die steigenden Rohölpreise und die globale Klimaschutzagenda eröffnen sich dem Sektor gute Perspektiven. Dazu kommen zahlreiche Biomethan- und Düngemittel-Projekte. Die Aussichten für deutsche Umwelttechnologien sind entsprechend gut. 

    Brasiliens Verband für Ethanol aus Mais UNEM erwartet ein jährliches Wachstum um mehr als 20 Prozent. Dahingegen kämpfen Unternehmen, die Ethanol aus Zuckerrohr herstellen, mit finanziellen Schwierigkeiten - wie das Beispiel des Bioenergiekonzerns Raízen zeigt.

    Soja und Bioethanol aus Mais im Fokus der InvestorenAusgewählte Großprojekte in der Landwirtschaft in Brasilien (in Millionen US-Dollar)
    Projekt

    Investitionssumme *)

    Stand/AnmerkungenProjektträger
    Drei Mais‑Ethanol‑Anlagen in den Städten Rondonópolis, Campo Novo do Parecis und Querência (MT)

    1.342

    Joint Venture mit Inpasa scheiterte. Amaggi führt das Projekt alleine weiter.Amaggi 
    Mais‑Ethanol‑Anlage in der Stadt Rondonópolis (MT) und Erweiterung der bestehenden Anlage in der Stadt Nova Mutum (MT)

    626

    Die Inbetriebnahme ist für das 1. Quartal 2027 geplant.Inpasa Brasil
    Zwei Mais‑Ethanol‑Fabriken in den Städten Nova Alvorada do Sul und Costa Rica sowie einer Biomethan‑Anlage in der Stadt Nova Alvorada do Sul (MS)

    422

    Projekte in der Engineering-PhaseAtvos
    Erweiterung der Sojaverarbeitungskapazität und der Bioenergieproduktion in den Städten Itumbiara (GO), Miritituba (PA), Santana (AP) sowie in Sorriso und Nova Ubiratã (MT)

    364

    PlanungsstadiumCaramuru Alimentos
    Verdopplung der Kapazität zur Sojaverarbeitung von 5.500 auf 11.500 Tonnen pro Tag sowie der Biodieselanlage in Palmeira de Goiás

    268

    Inbetriebnahme bis 2027Cooperativa Comigo
    Orangenanbau im Bundesstaat Mato Grosso do Sul

    215

    Die Anpflanzung begann bereits 2024 mit dem Ziel, bis 2028 acht Millionen Kisten Orangen zu ernten.Cambuhy Agropecuária
    Mais-Ethanol-Anlage in Toledo (PR)

    211

    Kapazität: 1.500 Tonnen Mais pro Tag, Ankündigung im Dezember 2025Hydrograph
    Bewässerungsanlagen in Baixio de Irecê zwischen Xique-Xique und Itaguaçu da Bahia (BA) für den Anbau von Soja, Mais und Baumwolle

    197

    Ankündigung im November 2025, Inbetriebnahme im Oktober 2026ACP Bioenergia
    Mais‑Ethanol‑Anlagen in den Städten Jaíba (MG) und Montes Claros de Goiás (GO)

    197

    Phase der Umweltgenehmigung, Betriebsaufnahme voraussichtlich im Jahr 2027Grupo SADA
    Erweiterung der Anlagen zur Saatgutproduktion und Verarbeitung von Soja im Bundesstaat Tocantins

    179

    Strategieplan 2025 bis 2030Frisia Cooperativa
    * umgerechnet zum durchschnittlichen Wechselkurs 2025: 1 US$ = 5,59 R$.Quelle: Bradesco; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Von Gloria Rose | São Paulo

  • Hochproduktive Großbetriebe dominieren den Sektor. Der Landmaschinenbau ist lokal aufgestellt. Dünge- und Pflanzenschutzmittel hängen stark von Importen ab. 

    Der Agrarsektor leistet einen überproportionalen Beitrag zum Wirtschaftswachstum Brasiliens und gilt als besonders krisenresistent. Die hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit, steigende Produktivität, zunehmende Weltnachfrage sowie der wachsende Bedarf für Bioenergie und Biokraftstoffe sprechen für ein weiterhin starkes Wachstum der brasilianischen Forst-, Land- und Viehwirtschaft. 

    Agribusiness als wichtiger Stützpfeiler der Wirtschaft

    Die gesamte Wertschöpfungskette des Agrobusiness beschäftigt rund ein Viertel der brasilianischen Arbeitnehmer und trägt ebenso viel zum brasilianischen Bruttoinlandsprodukt bei. Agrargüter erwirtschaften fast die Hälfte des gesamten Exportwerts Brasiliens. Die umsatzstärksten Produkte sind Soja, Rindfleisch, Mais, Milch, Zucker, Geflügelfleisch, Kaffee und Baumwolle. Brasilien ist der weltweit größte Exporteur von Orangensaft, Soja, Zucker, Geflügel- und Rindfleisch, Mais, Kaffee und Baumwolle. 

    Agribusiness erwirtschaftet ein Viertel der WirtschaftsleistungEckdaten zur Landwirtschaft in Brasilien
    Kennziffer

    2025

    Einwohner (Mio.)

    213,4

    Ackerfläche (ha)

    63.398.0001)

    Landwirtschaftliche Nutzfläche (ha)

    236.758.8002)

    Anteil der Landwirtschaft im engeren Sinne an der Entstehung des BIP (in %)

    7,5

    Anteil des Agribusiness3) an der Entstehung des BIP (in %)

    24,4

    Exporte Agrargüter in Mrd. US-Dollar (SITC 0)

    90,96

    Exporte Agrargüter in Mrd. US-Dollar (nach erweiterter Abgrenzung des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums)

    169,2

    1 "cropland" 2023 (FAOSTAT); 2 "agricultural land" 2023 (FAOSTAT); 3 umfasst die gesamte Wertschöpfungskette von Vorprodukten bis zur verarbeitenden Industrie sowie Dienstleistungen.Quelle: UN, FAOSTAT, IBGE, CNA, CEPEA Esalq/USP

    Großkonzerne dominieren die Produktion

    Brasiliens Agrarproduktion konzentriert sich auf rund 300.000 Großbetriebe, die knapp 80 Prozent des Bruttowerts erzielen. Weitere 800.000 Betriebe tragen etwa 13 Prozent bei. Die restlichen 7 Prozent verteilen sich auf rund 4 Millionen kleinbäuerliche Betriebe.

    Die Produktion der Großkonzerne ist hochgradig automatisiert und digitalisiert. Einige sind an der Börse gelistet. 2025 schnitten die Fleischkonzerne Minerva, MBRF (nach Fusion von Marfrig und BRF) und JBS besonders gut ab. BrasilAgro und SLC Agrícola verzeichneten leichte Verluste. Die Zucker-Ethanol-Giganten Raízen und São Martinho strichen hohe Rückschläge ein.

    Ausgewählte Agrarkonzerne in BrasilienFläche in Hektar, Umsatz in Millionen US-Dollar, Veränderung in Prozent
    Name Geschäftsfeld Umsatz 20241)Veränderung zum Vorjahr2)
    Raízen (JV von Shell und Cosan)Bioethanol; 35 Zuckerrohr-Farmen mit rund 860.000 ha Fläche

    47.360

    15,8

    Marfrig  (Teil von MBRF)Fleischkonzern mit etwa 25% Eigenmast; 8 eigene Rinder-Mastbetriebe (Feedlots) mit einer Kapazität von rund 143.000 Rindern

    27.618

    12,6

    Grupo AmaggiTrader mit 5% bis 10% Eigenproduktion - Anbauflächen von rund 370.000 ha, Soja, Mais und Baumwolle

    7.533

    -9,5

    SLC Agrícola22 Farmbetriebe in 7 Bundesstaaten, Agrarfläche von insgesamt 734.000 ha, hauptsächlich Sojabohnen, Mais und Baumwolle

    1.604

    -6,4

    BP Bioenergia (vormals BP Bunge)Bioethanol; Zuckerrohranbau auf 355.000 ha Fläche, 11 Mühlen in fünf Bundesstaaten

    1.576

    7,0

    Grupo Bom FuturoBewirtschaftet über 650.000 ha Fläche; Soja, Mais, Baumwolle und Rinderhaltung

    1.340

    1,6

    São MartinhoBioethanol; Zuckerrohranbau auf 350.000 ha Fläche + 4 Fabriken in São Paulo und Mato Grosso do Sul

    1.329

    3,9

    Tereos Açúcar e Energia BrasilBioethanol; Zuckerrohranbau auf 300.000 ha Fläche

    1.257

    0,9

    BrasilAgroEigenanbau auf 273.000 ha; Soja, Mais, Baumwolle, Zuckerrohr und Rinderhaltung; Piauí, Maranhão, Mato Grosso, Goiás, Minas Gerais und Bahia

    198

    -21,0

    Grupo Scheffer10 Farmen zwischen Mato Grosso do Sul und Maranhão mit insgesamt 215.000 ha Fläche; Soja, Mais, Baumwolle und Viehwirtschaft

    403

    4,9

    Insolo150.000 ha Fläche; Soja, Mais und Baumwolle; Bundesstaaten Piauí, Tocantins und Maranhão

    -

    -

    1) Umrechnung über den Jahresdurchschnittskurs 2024: 1 US$ = 5,39 R$; 2) bezogen auf den Umsatz in brasilianischen ReaisQuelle: Valor 1000, GTAI Recherche

     

    Große Abnehmer von Agrarprodukten sind Trading-Gesellschaften aber auch Nahrungsmittelkonzerne, von denen beispielsweise Amaggi und Marfrig auch in die Eigenproduktion investieren. Im Bioethanol-Sektor bauen die Konzerne Zuckerrohr oft selbst an. Produzenten von Biodiesel und Ethanol aus Mais bauen die Agrarrohstoffe nicht an. 

    Viele Familienbetriebe sind zu Genossenschaften zusammengeschlossen, die oft auch die Versorgung mit Vorprodukten, industrielle Verarbeitung, Verkauf und Außenhandel übernehmen. Der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) fördert Genossenschaften in Brasilien und hat ein Büro vor Ort.

    Große landwirtschaftliche Genossenschaften in BrasilienUmsatz in Millionen US-Dollar; Veränderung in Prozent
    Name Geschäftsfeld

    Umsatz 20241)

    Veränderung 2024/20232)

    Coamo Getreide (Soja, Mais und Weizen), Betriebsmittel und Lebensmittelverarbeitung, 29.000 Mitglieder

    4.969

    -5,1

    AuroraProduktion und Vermarktung von Produkten aus Schweinen, Geflügel und Milchprodukten; Zusammenschluss von 14 Genossenschaften und mehr als 150.000 Betrieben

    4.234

    13,5

    Lar Cooperativa Agroindustrial Getreide und Fleischagroindustrie (Geflügel und Schweine) sowie verarbeitete Lebensmittel; 12.000 Mitglieder in Paraná

    4.029

    -6,8

    C. Vale Getreide, Schweinezucht, Fischzucht und Geflügel, 23.300 Mitglieder in Südbrasilien

    3.968

    -10,1

    Cooperativa Comigo Soja, Mais und Sorghum, 8.800 Mitglieder in Goiás

    2.030

    -14,3

    Cooxupe Produktion, Verarbeitung und Export von Arabica-Kaffee, über 16.000 Mitglieder

    1.984

    66,3

    Copacol Geflügel, Fisch, Schweine, Soja und Mais, ca. 6.000 Miglieder in Paraná

    1.891

    8,1

    Cocamar Kaffee, Soja, Mais, Weizen und Orangensaft; 16.000 Mitglieder in Paraná, São Paulo, Mato Grosso do Sul

    1.815

    -19,8

    Cooperalfa (Teil der Aurora Gruppe)Getreide, Milch, Schweine, Geflügel und Supermärkte

    1.563

    1,2

    Coopercitrus Betriebsmittel, Landmaschinen und technische Beratung

    1.473

    5,0

    AgráriaSoja, Mais, Weizen und Gerste

    1.292

    2,1

    1 Umrechnung über den Jahresdurchschnittskurs 2024: 1 US$ = 5,39 R$; 2 bezogen auf den Umsatz in brasilianischen ReaisQuelle: Valor 1000, GTAI Recherche

    Wichtiger Produktionsstandort für Landmaschinen

    Professionelle Großflächenbetriebe, die Skaleneffekte gleichermaßen produktiv wie nachhaltig zu nutzen wissen, passen ideal zum Innovations- und Leistungsanspruch der europäischen Landmaschinen- und Traktorenindustrie, sagt Philip Nonnenmacher. Er ist Marktexperte des Fachverbands Landtechnik beim europäischen Maschinenbauverband VDMA.

    Wenn es darum geht, echte Zukunftspotentiale im Agribusiness zu heben, führt an Brasilien längst kein Weg mehr vorbei. (Philip Nonnenmacher, VDMA Landtechnik)

    Brasiliens großer Markt zieht immer mehr deutsche Fabrikanten an. 2024 erwarben die Amazonen-Werke den brasilianischen Hersteller MP Agro. Im März 2023 eröffnete Horsch seine Fabrik in Curtiba (Paraná). Auch deutsche Hersteller von Komponenten und Werkzeugmaschinen für Landmaschinen produzieren vor Ort. Claas und Fendt beliefern den Markt, produzieren aber nicht in Brasilien.

    Zu den Marktführern zählen John Deere, CNH Industrial (New Holland und Case IH), ACGO do Brasil (Fendt, Massey Ferguson und Valtra), Mahindra und Yanmar. Die multinationalen Konzerne betreiben Fabriken und meist auch eigene Entwicklungszentren in Brasilien. Große nationale Agrarmaschinenproduzenten sind Jacto, Agrale und Stara. Laut Branchenverband Anfavea stieg der Absatz 2025 um 13 Prozent auf 55.298 große Landmaschinen. Die wichtigsten Lieferländer waren Indien, China, die USA, Finnland und Deutschland.

    85 Prozent der Düngernährstoffe werden importiertProduktion ausgewählter Erzeugnisse für die Agrarwirtschaft in Brasilien (in Einheiten/1.000 Tonnen; Veränderung und Marktanteil in Prozent)

    Sparte

    Produktion 2025

    Veränderung 2025/2024

    Marktanteil

    Landmaschinen

    55.298

    13,9

    54

    Düngemittel

    7.220

    2,5

    14,7

      Stickstoff

    501*)

    -40,03

    7,5

      Phosphat

    1.948*)

    -3,42

    29,9

      Kalium

    216*)

    11,8

    2,5

    Pflanzenschutzmittel

    1.772

    6,1

    30

    *Die absoluten Mengenangaben beziehen sich auf das Jahr 2023.Quelle: FAO, Associação Nacional para Difusão de Adubos (ANDA) und Associação Brasileira da Indústria de Máquinas e Equipamentos (Abimaq)

    Hohe Importabhängigkeit bei Agrarchemikalien

    Bei landwirtschaftlichen Vorprodukten steigt die Importabhängigkeit seit Jahren an. Drei Viertel der Makronährstoffe zur Düngung werden importiert und vor Ort vermischt. Besonders hoch ist der Importanteil bei Kalium und Stickstoff. Ebenso deutlich ist die Abhängigkeit beim Pflanzenschutz. Der Großteil der zugrundeliegenden Wirkstoffe wird importiert. Hauptlieferland ist China, weit vor Indien, den USA, Deutschland und der Schweiz. Die Endprodukte werden meist vor Ort hergestellt. Generika und fallende Preise drücken den Umsatz mit chemischen Pflanzenschutzmitteln. Außerdem kommen Direktsaat und biologische Pflanzenschutzmittel auf. Diesen Trend soll der neue Rechtsrahmen 15.070/2024 festigen. Zur Agrarchemie bietet die Branche kompakt Chemie weitere Informationen.

    Agrarzulieferer konkurrieren um den Wachstumsmarkt

    Nach einer fünfjährigen Pause stieg die deutsche DVA Gruppe 2021 erneut in den brasilianischen Markt ein. Im Jahr 2024 eröffnete DVA Agro ein Forschungszentrum in Indaiatuba im Bundesstaat São Paulo. Auch Claas, Stihl, Bosch/BASF und viele andere betreiben eigene Forschungs- und Kompetenzzentren vor Ort. Das SAP Labs Latin America in São Leopoldo entwickelt Technologien für das Agribusiness. Deutsche Anbieter von Landmaschinen, Agrarchemikalien, digitalen Anwendungen, Bewässerungsanlagen, Zuchtvieh und Saatgut treffen auf hohen Wettbewerb. 

    Brasilien ist einer der wichtigsten Wachstumsmärkte weltweit. Das tropische bis subtropische Klima erfordert einen intensiven Pflanzenschutz sowie eine aufwendige Bodenpflege und Düngung, ermöglicht dafür zwei bis drei Ernten im Jahr. Multinationale Unternehmen aus allen Bereichen sind im Land vertreten. Um sich zu behaupten, muss das Geschäftsmodell auf den Markt zugeschnitten sein. Neben sogenannten Tropikalisierung der Technologie sind auch Logistik, Vertrieb, Kundendienst, Finanzierung und weitere Aspekte auf den Markt abzustimmen. 

    Von der Kornkammer zum Supermarkt der Welt

    Im Jahr 2022 überholte Brasilien die USA und stieg zum weltweit wichtigsten Lieferland von verarbeiteten Nahrungsmitteln auf. Derzeit sind die Hälfte der brasilianischen Exporte Agrarrohstoffe. Damit besteht noch viel Potenzial für Wachstum.

    Von Gloria Rose | São Paulo

  • Brasiliens Steuerreform begünstigt Agrarbetriebsmittel. Deutsche Importe erhalten Zollerleichterungen durch das EU-Mercosur-Abkommen.

    Brasilien reformiert sein Steuersystem. Dies hat auch Auswirkungen auf den Agrarsektor. Das neue System wird die Industrieproduktion und insbesondere den Export verarbeiteter Güter weniger stark belasten als bisher. Eine Studie der Banco Santander zählen die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie zu den Sektoren, die am meisten von der Reform profitieren. Das neue Steuersystem wird etappenweise über einen Zeitraum von zehn Jahren eingeführt und dürfte sich ab 2027 zunehmend auf die Preisbildung auswirken.

    Steuerreform begünstigt Betriebsmittel

    Bei wichtigen Vorprodukten für die Agrarwirtschaft wie Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Saatgut, Futtermittel und anderen Betriebsmittel für den Agrarsektor wird die Bemessungsgrundlage für die neuen Steuern IBS/CBS um 60 Prozent reduziert. Außerdem wird eine Steuerstundung gewährt. Die Rechtsgrundlagen finden sich in Anexo IX von Gesetz 214/2025

    Die Minderung der Bemessungsgrundlage um 60 Prozent gilt auch für Grundnahrungsmittel des Warenkorbs "Cesta Básica", die eine wichtige Rolle für einkommensschwache Haushalte spielen. Hierzu gehören beispielsweise Reis, Bohnen, Fleisch, Maniok- und Weizenmehl, Zucker, Nudeln, gewöhnliches Brot, Milch, Kaffee, Obst, Gemüse und Eier, aufgelistet im Anexo VII des Gesetzes 214/2025.

    Dagegen werden auf alkoholische und zuckerhaltige Getränke in dem neuen System künftig Sondersteuern erhoben. Der Tarif "Imposto Seletivo" (IS) soll Produkte, die für die Gesundheit oder für die Umwelt schädlich sind, verteuern. Die Liste der betroffenen Produkte sind im Anexo XVII festgehalten.

    Landnutzung durch ausländische Konzerne wird eingeschränkt

    Für den Landerwerb benötigen ausländische Unternehmen eine Genehmigung durch den Kongress. Dazu zählen auch Großkonzerne mit ausländischem Kapital. Um aufwendige Bürokratie zu vermeiden und Rechtssicherheit für ausländische Investoren zu gewährleisten, nutzen Holdings und Landentwickler wie Calyx Agro, BrasilAgro, Adecoagro, Sollus Capital, AGBI und Tiba Agro Rechtsstrukturen, die Landbesitz und ausländisches Kapital streng voneinander trennen. 

    Es haben sich weitere Vertragsstrukturen etabliert, die das Eigentum von dem landwirtschaftlichen Betrieb trennen - beispielsweise Joint Ventures sowie Pachtverträge oder langfristige Lieferverträge mit brasilianischen Unternehmen. 

    Zulassungen und Zollabfertigung für den Import nach Brasilien

    Das Verfahren für die Zollabfertigung wurde vereinfacht und beschleunigt. Seit 2025 werden alle Schritte zentral über die Außenhandelsplattform "Portal Único" abgewickelt. Dadurch vereinfachte und beschleunigte sich die Importabfertigung. Digitalisierte Verwaltungsverfahren beschleunigen die Zulassung zum Markt. Allerdings erfordert die fachliche Prüfung der zuständigen Behörden nach wie vor Zeit. Besonders langwierig sind Erstzulassungen.

    Die Importgenehmigung (LPCO) wird immer über das Portal Único beantragt. Dort wird sie von den zuständigen Fachbehörden geprüft. Je nach Produkt sind folgende Behörden involviert:

    • MAPA (Dünger, Saatgut, Futtermittel, tierische und pflanzliche Produkte, Pflanzenschutz)
    • ANVISA (gesundheitsrelevante Stoffe, Lebensmittel und Zutaten)
    • IBAMA (Umweltauflagen für Pflanzenschutzmittel)
    • Inmetro (maschinenbezogene technische Zertifizierung)

    Nahrungsmittelstandards und -zulassungen für den brasilianischen Markt obliegen der Gesundheitsaufsichtsbehörde Anvisa. Im Jahr 2023 verschärfte Anvisa die Regeln zur Auszeichnung von importierten Nahrungsmitteln und Getränken. Für den Import tierischer Produkte bedarf es einer Zulassung durch das Departamento de Inspeção de Produtos de Origem Animal des Landwirtschaftsministeriums MAPA. 

    Zollerleichterungen durch das EU-Mercosur-Abkommen

    Mit der vorläufigen Anwendung des Handelsteils des EU-Mercosur-Abkommens werden Zölle voraussichtlich ab dem 01. Mai 2026 abgebaut. Dadurch erhalten Zulieferer von Maschinen und anderen Vorprodukten sowie die deutschen Landwirte und die deutsche Ernährungswirtschaft einen bevorzugten Zugang zum brasilianischen Markt. Der Zollabbau erfolgt schrittweise je nach Warengruppe und der jeweils ausgehandelten Übergangsfrist. Der Agrarpolitische Dialog Brasilien-Deutschland (APD) erstellte ein Exportpanorama dazu, was das Abkommen für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft bedeutet. 

    ... doch Zölle auf Maschinen legten zunächst deutlich zu

    Zum Schutz des Inlandsmarkts hob Brasilien ab März 2026 die Einfuhrzölle auf über 1.000 Maschinenbauprodukte deutlich an. Dazu gehören auch Pflüge, Sähmaschinen, Düngerstreuer, Melkmaschinen, Erntemaschinen und Anlagen zur Futtermittelherstellung. Entsprechend getrübt ist die Stimmung bei deutschen Maschinenbauern. Durch die vorläufige Anwendung des EU-Mercosur-Abkommen verbessert sich die Lage. Allerdings erstreckt sich der Zollabbau bei den meisten Maschinen über eine recht lange Übergangszeit von zehn Jahren.  

    Deutsche Maschinenbauer berichten schon seit Monaten von erschwerten Bedingungen. Das Antragsverfahren für das Sonderregime Ex-Tarifário sei heute wesentlich aufwendiger. Und auch die Aussichten auf eine Aufnahme in den Ex-Tarifário-Katalog haben sich verschlechtert. Somit erhalten immer weniger Importe Steuervorteile über das Sonderregime, das vorübergehende Zollminderungen für Maschinen gewährt, die nicht in Brasilien hergestellt werden. 

    Die GTAI stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.

    Von Gloria Rose | São Paulo

  • Brasilien bietet eine Markttiefe und Skalierbarkeit, die in Südamerika einzigartig ist – verlangt dafür aber Geduld, Kapital und Anpassungsfähigkeit.

    Der brasilianische Agrarsektor zählt zu den leistungsfähigsten der Welt – und stellt ausländische Zulieferer zugleich vor besondere Anforderungen. Der Markteinstieg erfordert ein klares Verständnis der lokalen Besonderheiten. Wer Brasilien erfolgreich bearbeiten will, muss den Markt vor Ort verstehen und strategisch denken.

    Lokale Wertschöpfung als Erfolgsfaktor

    Fabiane Wahlbrink leitet das VDMA‑Verbindungsbüro in São Paulo. Sie beobachtet, dass europäische Maschinenbauer, die den brasilianischen Markt über Jahre hinweg erfolgreich bedienen, in der Regel einen Teil der Wertschöpfung vor Ort aufbauen. Dadurch gewinnen sie Flexibilität gegenüber Wechselkursschwankungen und Zolländerungen und verbessern zugleich ihre Position im Wettbewerb.

    Die lokale Produktion ermöglicht zudem den Zugang zu begünstigten Kreditprogrammen wie Finame, fördert den Aufbau qualifizierter Fachkräfte und führt zunehmend zur Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen für das globale Portfolio.

    Der Wettbewerbsdruck nimmt zu. Neben etablierten lokalen Herstellern investieren auch internationale Anbieter verstärkt in Brasilien. Im März 2026 kündigte der indische Hersteller Preet Investitionen in eine Fabrik in Ibaiti (Paraná) an. Mahindra startete im Oktober 2025 den Bau seiner Fabrik in Dois Irmãos (Rio Grande do Sul). Um sich in diesem Umfeld zu behaupten, sind langfristige Partnerschaften, persönliche Präsenz und ein leistungsfähiger Aftersales‑Service entscheidend. Dazu zählen Finanzierungsangebote, Garantien, Ersatzteilverfügbarkeit und technische Unterstützung über den gesamten Lebenszyklus der Maschinen hinweg.

    Angesichts hoher Kapitalkosten spielen Finanzierungs‑ und Zahlungsmodalitäten eine zentrale Rolle. Hinzu kommt die Herausforderung, Wechselkursrisiken zu managen, da der brasilianische Real starken Schwankungen unterliegt. Erfolgreiche Geschäftsmodelle sind daher konsequent auf den lokalen Markt zugeschnitten. Der Einstieg amortisiert sich meist erst über mehrere Jahre und sollte strategisch begründet sein – nicht allein anhand kurzfristiger Kosten‑Nutzen‑Überlegungen.

    "Brasilien kann man nicht vom Schreibtisch aus erobern"

    Für Landtechnikhersteller ist Brasilien einer der wichtigsten Märkte weltweit – Amazone hat sich entschieden, ihn nicht länger nur über Importe zu bedienen.

    Christian Gall, Leiter Export West, AMAZONEN-WERKE H. DREYER SE & Co. KG, Landmaschinenmarkt Brasilien Christian Gall, Leiter Export West, AMAZONEN-WERKE H. DREYER SE & Co. KG, Landmaschinenmarkt Brasilien | © Christian Gall

    Christian Gall ist bei AMAZONEN-WERKE H. DREYER SE & Co. KG für internationale Märkte tätig. Das Familienunternehmen aus der Nähe von Osnabrück zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Düngerstreuern und Sähmaschinen. Mit der Übernahme des brasilianischen Herstellers MP AGRO hat Amazone einen strategischen Schritt zur Verankerung in Südamerika vollzogen. 

    Herr Gall, wie kam es zur Entscheidung, MP AGRO zu übernehmen?
    Als wir uns intensiver mit dem brasilianischen Markt beschäftigt haben, wurde schnell klar, dass eine lokale Produktion sinnvoll ist. Gründe waren hohe Zölle und Importbeschränkungen. Hinzu kommt, Brasilien stellt andere Anforderungen: Klima, ganzjähriger Maschineneinsatz, große Betriebe, Direktsaat. Unsere Maschinen müssen darauf ausgelegt sein. Diese Anpassungen – sogenannte Tropikalisierungen - lassen sich nur mit Kompetenz vor Ort sinnvoll entwickeln. Daraus entstand die Frage, wie eine lokale Präsenz aussehen kann – und welche Unternehmen dafür infrage kommen.

    Was gab den Ausschlag für MP AGRO?
    MP AGRO hat eine Eigenproduktion von technisch führenden Düngerstreuern und war bereits im Markt etabliert, hatte ein funktionierendes Händlernetz und tiefes Markt-Know-how. Uns war zudem wichtig, dass es menschlich und kulturell passt. Der Gründer ist weiterhin vor Ort aktiv – das schafft Kontinuität und Vertrauen. 

    Ab wann reicht der reine Import nicht mehr aus, um den brasilianischen Markt zu bedienen?
    Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt auch erfolgreiche Importmodelle. Doch für uns war das keine Option für nachhaltiges Wachstum. Wir wussten direkt: Wenn wir Brasilien ernsthaft machen, dann lokal.

    Wie verläuft die Integration von Amazone und MP AGRO?
    Schritt für Schritt. Wir kombinieren vorhandene Produkte mit unserer Technologie und entwickeln gemeinsam weiter. Wichtig ist, nichts zu überstürzen und den Markt mitzunehmen.

    Was unterscheidet Brasilien aus Ihrer Sicht von anderen lateinamerikanischen Märkten?
    Die Größe des Landes, die Sprache und die regionalen Unterschiede. Steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark zwischen den Bundesstaaten. Das unterschätzt man leicht.

    Welche Rolle spielt Kultur im Geschäft?
    Eine sehr große. Beziehungen sind persönlicher und emotionaler. Vertrauen entsteht durch Präsenz und Dialog. Man muss bereit sein, sich auf die brasilianische Kultur einzulassen.

    Wie beurteilen Sie den Wettbewerb?
    Brasilien hat starke lokale Anbieter und internationale Wettbewerber. Entscheidend ist der Mehrwert für den Kunden – Qualität, Präzision und messbare Ergebnisse.

    Und die Digitalisierung?
    Viele Betriebe sind sehr technologieoffen. Brasilien kann somit ein Early-Adopter-Markt für digitale Lösungen sein.

    Konkrete Tipps für Brasilien

    Der brasilianische Agrarmarkt unterscheidet sich in Struktur, Entscheidungslogik und operativer Praxis deutlich von anderen Märkten in Lateinamerika. Für deutsche Zulieferer sind insbesondere folgende Punkte für einen erfolgreichen Markteinstieg entscheidend:

    1. Produkte müssen sich für Dauerbetrieb und Klima eignen

    Maschinen, Komponenten und Betriebsmittel werden ganzjährig eingesetzt, oft mit zwei bis drei Ernten pro Jahr auf den gleichen Flächen und kurzen Zeitfenstern zwischen Ernte und Neuaussaat.
    Produkte müssen robust, wartungsarm und für Hitze, Staub, Feuchtigkeit und hohe biologische Belastung ausgelegt sein, oder über eine sogenannte Tropikalisierung auf lokale Bedingungen angepasst werden.

    2. Passende Finanzierung entscheidet über Marktdurchdringung

    Ein großer Teil der Investitionen läuft über staatlich geförderte Kreditprogramme wie den Plano Safra sowie über strukturierte Finanzierungsmodelle (zum Beispiel Barter-Geschäfte, bei denen mit künftigen Ernten bezahlt wird).
    Produkte sollten kreditfähig sein, also für Kreditprogramme wie Finame akkreditiert sein, oder sich klar in bestehende Finanzierungsmodelle integrieren lassen. 

    3. Steuern und Bürokratie sind sehr aufwendig

    Brasilien hat ein komplexes, föderales Steuer- und Regulierungssystem mit unterschiedlichen Sätzen und Verfahren je nach Bundesstaat. 
    Ein Markteintritt "aus der Distanz" ist riskant. Lokale steuerliche, rechtliche und technische Expertise ist essenziell, um Kostenfallen, Verzögerungen und Fehlklassifizierungen zu vermeiden.

    4. Marktzugang über etablierte Vertriebskanäle

    Der Aufbau eigener Strukturen ist teuer und zeitintensiv. Denn für Verkaufsgeschäfte müssen in Brasilien persönliche Beziehungen aufgebaut und gepflegt werden. Daher bieten sich gegebenenfalls strategische Partnerschaften mit etablierten Händlern, Netzwerken oder – regional – mit Genossenschaften an. Diese bündeln in der Regel Nachfrage, Finanzierung und technische Beratung.

    5. Technische Beratung vor Ort 

    Kaufentscheidungen sind in vielen Regionen stark technisch geprägt. Feldversuche, Vergleichstests und belastbare ROI‑Berechnungen pro Hektar sind üblich – insbesondere bei Großbetrieben.
    Lokale agronomische Unterstützung, Schulungen und After‑Sales‑Service sind keine Zusatzleistung, sondern zentraler Bestandteil des Angebots.

    6. Logistik und Standortwahl beeinflussen Wettbewerbsfähigkeit

    Brasilien ist groß, Transporte erfolgen überwiegend per Lkw, und die Wahl des Import‑ oder Produktionsstandorts hat direkten Einfluss auf Logistikkosten und Belastung durch Umsatzsteuern (ICMS).
    Die Standort‑ und Logistikstrategie ist Teil der Entscheidung zum Markteintritt.

    7. Regionale Unterschiede erfordern differenzierte Marktbearbeitung

    Zentral-West (Mato Grosso, Mato Grosso do Sul und Goiás):
    Großbetriebe entscheiden unternehmerisch in einem Umfeld mit etablierten Finanzierungsinstrumenten und klar strukturierten Marktprozessen.
    → Zugang über technische Leistungsfähigkeit, Skaleneffekte und Finanzierungsmodelle.

    Süden (Paraná, Santa Catarina, Rio Grande do Sul):
    Starke Genossenschaften prägen den Marktzugang.
    → Technische Zulassung und institutionelles Vertrauen sind wichtiger als Direktmarketing.

    Südosten (São Paulo, Minas Gerais):
    Stärker industrialisierte Agrarstrukturen (Zuckerrohr, Kaffee, Zitrus).
    → Fokus auf Zuverlässigkeit, Ersatzteilverfügbarkeit und langfristige Partnerschaften.

    MATOPIBA (Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia):
    Stark wachsende Agrarregionen mit hoher Investitionsdynamik, aber logistischen Herausforderungen.
    → Offenheit für Innovation, gleichzeitig hohe Sensibilität für Kosten, Präsenz und Service.

    Nordosten (Bahia, Pernambuco, Rio Grande do Norte und Ceará):
    Exportorientierte Fruchtproduktion bietet Nischen mit hoher Wertschöpfung und strengen internationalen Standards.
    → Zertifizierungen, Rückverfolgbarkeit und Effizienz sind kaufentscheidend.

    Geschäftsanbahnungen und Veranstaltungstipps

    Eine gute Möglichkeit, den brasilianischen Markt kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen, bietet das Markterschließungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat organisiert über das Förderprogramm Agrarexport eigene Maßnahmen und informiert hier auch über Informations- und Absatzförderungsmaßnahmen der EU. Geschäftsanbahnungen im Energiesektor laufen über die Exportinitiative Energie. Für das dritte Quartal 2026 ist die Energie-Geschäftsreise "Biogaslösungen für die Agrarindustrie in Brasilien" vorgesehen. Auch die Fördergesellschaften der Bundesländer verfügen über Programme zur Geschäftsanbahnung und Markterkundung. 

    Die größte Agrarmesse Lateinamerikas ist die Agrishow in Ribeirão Preto im Bundesstaat São Paulo. Darüber hinaus gibt es weitere große Messen wie die Bahia Farm Show und Expointer sowie zahlreiche regionale Events wie Expodireto Cotrijal, Show Rural Coopavel und Tecnoshow Comigo. In Campinas stellt der Agrosummit digitale Lösungen des Agrarsektors vor. Eine relevante Branchenveranstaltung für die Vermarktung deutscher Erzeugnisse ist die Lebensmittelmesse ANUGA Select Brazil, die alljährlich in São Paulo stattfindet. Hierbei bietet sich eine Beteiligung an einem deutschen Gemeinschaftsstand an. 

    Eine Übersicht über weitere Messen in Brasilien und das Auslandsmesseprogramm des Bundes (AMP) bietet die Messedatenbank des Ausstellungs- und Messeausschuss der deutschen Wirtschaft e. V. (AUMA) und der Exportguide von GTAI. Die Anmeldung zur Teilnahme an einem German Pavilion erfolgt direkt bei der jeweiligen Durchführungsgesellschaft. Achtung: Der Anmeldeschuss liegt mitunter weit vor dem Messebeginn.

    Von Gloria Rose | São Paulo

  • Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & InvestAußenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    AHK Brasilien

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    VDMA BrasilVDMA Verbindungsbüro in São Paulo
    DGRVDGRV Verbindungsbüro in São Paulo mit Fokus auf nachhaltige Genossenschaften
    Agrarpolitischer Dialog Brasilien-Deutschland (APD)Der APD fördert den bilateralen Dialog zwischen beiden Ländern zur nachhaltigen Entwicklung des Agrar- und Ernährungssektors.

    Ministério da Agricultura e Pecuária (MAPA)

    Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Versorgung
    Agência Nacional de Vigilância Sanitária (Anvisa)Brasiliens Gesundheitsaufsichtsbehörde
    Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (Ibama)Brasiliens Umweltbehörde
    Instituto Nacional de Metrologia, Qualidade e Tecnologianmetro (Inmetro)Behörde für Normung, Qualitätskontrolle und Messtechnik
    Empresa Brasileira de Pesquisa e Agropecuária (Embrapa)Staatliches Agrarforschungsunternehmen
    Confederação Nacional de Agricultura (CNA)Bund für Landwirtschaft und Viehzucht

    Associação Brasileira do Agronegócio (ABAG)

    Landwirtschaftsverband
    Associação Brasileira das Indústrias de Óleos Vegetais (ABIOVE)Pflanzenölverband
    União da Indústria de Cana-de-Açúcar (UNICA)Zuckerrohrindustrieverband
    Associação Brasileira de Proteína Animal (ABPA)Geflügel- und Schweinezuchtverband

    AGRISHOW 

    Internationale Agrartechnologiemesse, 27. April bis 1. Mai 2026, Ribeirão Preto (São Paulo)
    Bahia Farm ShowGrößte Agrarmesse im Norden und Nordosten Brasilien, 8. bis 13. Juni 2026, Luis Eduardo Magalhães (Bahia)
    Expointer Größte Agrarmesse in Südbrasilien, 29. August bis 6. September 2026, Esteio (Rio Grande do Sul)
    AgrosummitKongress digitaler Lösungen für den Agrarsektor, 20.05.2026 in Campinas
    Anuga SelectLebensmittel- und Getränkemesse, 07. April bis 09. April 2026, São Paulo

    Agrolink

    Nachrichtenportal zur Landwirtschaft
    Canal RuralNachrichtenportal zur Landwirtschaft

    Von Gloria Rose | São Paulo