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Special | Brasilien | Smart Farming

Marktstruktur: Brasiliens Agrarwirtschaft zieht Anbieter an

Der große und agile Agrarsektor, das stabile Wachstum und die positiven Aussichten animieren multinationale Konzerne und Jungunternehmer.

Von Gloria Rose | São Paulo

Multinationale Unternehmen konzentrieren ihre Forschungstätigkeit im Bereich Agro 4.0 auf Brasilien. Mit dem Fokus auf die Agrarwirtschaft errichtete SAP sein weltweit drittes Zentrum für digitale Transformation in São Leopoldo (Rio Grande do Sul). Auch IBM und andere multinationale Technologiekonzerne beteiligen sich an der Entwicklung digitaler Lösungen für Brasiliens Agrobusiness. 

Ebenfalls im südlichen São Leopoldo errichtete Stihl sein einziges F&E-Zentrum außerhalb Deutschlands. John Deere investierte bereits 2017 in ein Zentrum für Präzisionsagrarwirtschaft und Innovation in Campinas (São Paulo). Im Juni 2020 eröffneten Bosch und BASF ein gemeinsames Kompetenzzentrum in Curitiba (Paraná). Auch Bayer, Syngenta, Yara und viele weitere beteiligen sich an dem Trend, kooperieren mit brasilianischen Startups oder entwickeln eigene digitale Lösungen, die auf den brasilianischen Agrarsektor zugeschnitten sind.

Die Nutzung der Bayer-Plattform Climate FieldView™ wächst in keinem anderen Land so schnell wie in Brasilien, 2020 um 63 Prozent. BASF integrierte die Anwendung Field Manager in die Plattform xarvio und entwickelt in Joint Venture mit Bosch neue Lösungen vor Ort. Syngenta übernahm 2018 das brasilianische Startup Strider und integrierte die Anwendungen in die Plattform Cropwise. Brasilien war das erste Land weltweit, in dem der Schweizer Konzern 2020 den neuen Geschäftsbereich Syngenta Digital ins Leben rief. Der Wachstumsmarkt zieht immer mehr deutsche Anbieter an. Im 1. Quartal 2021 kündigten der Landtechnikfabrikant Horsch und das Agrarchemieunternehmen DVA Agro umfangreiche Investitionen in Brasilien an.

Fruchtbarer Boden für AgTechs

Zahlreiche Accelerator- und Inkubatorprogramme sorgen für ein äußerst belebtes Ökosystem für AgTechs. Wichtige Akteure sind das Agrarforschungsunternehmen Embrapa, die landwirtschaftliche Fakultät der Universität São Paulo Esalq-USP, die Agrartechnikfakultät der Universität Campinas FEAGRI, der Innovationshub AgTechGarage und andere Einrichtungen, aber auch Agrarverbände wie Única, große Konzerne wie Raízen, Genossenschaften wie Frísia sowie bedeutende Zulieferer wie BASF, John Deere und viele andere. Zudem fokussiert auch Brasiliens Forschungszentrum für Telekommunikation CPQD auf Agrartechnologie.

Brasilianische Start-ups mit neuen Agrartechnologien oder Lösungen, die speziell auf den Agrarsektor zugeschnitten sind, boomen. In der letzten Erhebung Radar AgTech 2020 erfasste Embrapa 2.402 AgTechs, mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2019. Drei Viertel der Startups setzen auf SaaS-Geschäftsmodelle (Software as a Service). Bei der Veranstaltung 100 Open Startups 2020 wurden umgrauemeio, SciCrop, netword agro, Safe Trace, Implanta It Solutions, IoTag, VOA, Tarvos, Horus Aeronaves und Tbit Tecnologia als Top 10 der brasilianischen AgTechs ausgezeichnet. 

Zu den erfolgreichsten Jungunternehmen zählen Agrosmart und Solinftec. Solinftec vernetzt in Brasilien bereits die Produktion auf 6,5 Millionen Hektar, 80 Prozent des Zuckerrohranbaus Brasiliens. In den USA, Kanada und vielen lateinamerikanischen Ländern sind es weitere 2,5 Millionen Hektar. Solinftec verzeichnete 2020 eine Umsatzsteigerung um 51 Prozent und verkündete im Februar 2021 eine Partnerschaft mit IBM. Auch Agrosmart expandierte bereits regional nach Argentinien, Bolivien, Paraguay und Uruguay und verstärkte sich 2021 durch die Übernahme des argentinischen AgTechs BoosterAgro.

Steuer- und Zollanreize für die Digitalwirtschaft

Ende Dezember 2020 verabschiedete Präsident Bolsonaro das Gesetz 14.108/2020, das vorerst bis Ende 2025 steuerliche Anreize für IoT-Geräte und somit für die Digitalwirtschaft insgesamt gewährt. Ab Januar 2021 entfielen daher Telekomgebühren auf M2M-Kommunikation sowie die Erfordernis einer vorläufigen Lizenz für zentrale Leitstellen.

Zudem führten Entscheidungen der Regulierungsbehörde Anatel aus dem 4. Quartal 2020 zu Steuererleichterungen. Darüber hinaus führt Anatel öffentliche Anhörungen durch, um effiziente Vorgaben für die Digitalwirtschaft zu formulieren. Fehlende Regulierung und Zertifizierung ist immer noch eine der Hürden für die Marktdurchdringung von IoT-Geräten.

Laut dem Branchenverband Abinee stammen rund 40 Prozent der Vorprodukte der Elektroindustrie aus nationaler Fertigung. Etwa 25 Prozent werden aus China und 23 Prozent aus anderen asiatischen Lieferländern importiert. Bei Chips, Sensortechnik und Drohnen ist Brasilien besonders stark auf den Import angewiesen. Brasiliens Landwirtschaftsministerium erarbeitet derzeit eine Norm, die den Einsatz von Drohnen im Pflanzenschutz reguliert. Chinesische Drohnenfabrikanten drängen nach Brasilien, um sich den Wachstumsmarkt zu sichern.

Durch die starke Abwertung der brasilianischen Währung und die enorm gestiegenen Transportkosten verteuerte sich der Import erheblich. Für Informationstechnologie und für Kapitalgüter, die nicht in Brasilien hergestellt werden, können über das Sonderregime Ex-Tarifário vorübergehende Zollminderungen genehmigt werden. Viele Zolltarife senkte die Kammer für Außenhandel um zusätzliche 10 Prozent. 

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