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Branchen | Bulgarien | Verteidigungswirtschaft

Bulgariens Rüstungsindustrie baut Kapazitäten aus

Bulgarien modernisiert Streitkräfte sowie Rüstungsindustrie und setzt dabei auf Kooperation mit Deutschland. Rheinmetall hat einen Vertrag über rund 1 Milliarde Euro abgeschlossen.

Von Christian Overhoff | Bonn

Die EU hat 2025 eine ehrgeizige Drohnenwall-Initiative gestartet, die Bulgarien in ein kontinentales Verteidigungsnetz stellt, das sich von Finnland bis zum Schwarzen Meer erstreckt. Das NATO-Mitglied spielt aber schon seit Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 eine Schlüsselrolle in der europäischen Verteidigung: Das Land liefert seitdem in großem Umfang dringend benötige Munition und Waffen an die Ukraine. Bulgarien rechnet mit Einnahmen zwischen 300 und 500 Millionen Euro für die bisher geleistete Ukraine-Militärhilfe.

Um künftig den NATO-Anforderungen gerecht zu werden und um die Nachfrage vor allem nach Munition bedienen zu können, modernisiert Bulgarien seine Streitkräfte und die Rüstungsindustrie. Deutschland gehört nach den USA zu den wichtigsten Lieferanten und ist Nummer 1 bei den Anlageinvestitionen.

Rheinmetall schließt Joint Venture

Der Vorstandvorsitzende von Rheinmetall, Armin Papperger, hat Ende Oktober 2025 einen Vertrag mit bulgarischen Partnern über den Bau von Werken zur Pulver- und Munitionsherstellung unterzeichnet. Das Projekt soll als Gemeinschaftsunternehmen mit dem staatlichen bulgarischen Rüstungsunternehmen VMZ-Sopot entstehen. Geplant ist unter anderem die Produktion von 155-Millimeter-Munition nach NATO-Standards. Bislang produziert Bulgarien hauptsächlich Munition ehemalig sowjetischen Kalibers.

"Wir wollen mehrere hunderttausend Schuss Artilleriemunition in Bulgarien in den nächsten Jahren fertigen. Aber noch viel wichtiger ist, dass wir gemeinsam ein Artillerie-Pulverwerk bauen werden", hat Pappberger bereits im August in Düsseldorf in einem Livestream angekündigt. Insbesondere das Pulverwerk werde die Lieferkette des Rheinmetall-Konzerns stärken. Die Gesamtinvestition werde rund 1 Milliarde Euro betragen. Rheinmetall wird 51 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten. Der Rest entfällt auf VMZ-Sopot. Im kommenden Frühjahr soll mit dem Bau der zwei Werke in Sopot auf einer Fläche von 100 Hektar begonnen werden. Die jährliche Kapazität beträgt rund 100.000 Geschosse sowie Treibladungen für bis zu 150.000 Geschosse. Zusätzlich wird das Joint Venture zur Produktion von ca. 1.300 Tonnen Treibladungspulver dienen. Der Start der Fertigung der Geschosshüllen ist für 2027 geplant. Energetische Materialien werden ab 2028 produziert. Anbieter von Ausrüstung haben mit dem Projekt die Chance, Kooperationen mit Bulgarien zu vertiefen.

a soldier starring at monitors controling a drone from a tactical control room. a soldier starring at monitors controlling a drone from a tactical control room. | © AI generated by GTAI with Adobe Firefly

05.09.2025 Special | NATO-Ostflanke + Ukraine | Verteidigungswirtschaft
Länder der NATO-Ostflanke und Ukraine investieren massiv in die Verteidigung

Ausgaben für Verteidigungstechnologie und -infrastruktur entlang der europäischen Grenze zu Russland steigen rasant. Dabei ist auch made in Germany gefragt.

EU stellt Großteil der Finanzierung

Das Projekt wird teilweise aus EU-Krediten finanziert. Die Mittel stammen aus einem Darlehen im Rahmen des europäischen Sicherheitsmechanismus SAFE. Das Finanzierungsinstrument stellt EU-weit bis zu 150 Milliarden Euro an zinsgünstigen Krediten bereit, um die Verteidigungsfähigkeit der Mitgliedstaaten zu verbessern. Dabei werden 60 Prozent der Gesamtsumme als Darlehen vergeben. Demnach erhält Bulgarien 1,92 Milliarden Euro als Darlehen und zusätzlich 1,28 Milliarden Euro für die Vorfinanzierung von Projekten. Bulgarien hat bereits Mittel aus SAFE beantragt und will sich die Investitionssumme von insgesamt rund 1 Milliarde Euro mit Rheinmetall teilen, wie der Vorsitzende des Verteidigungskommitees des bulgarischen Parlaments, Hristo Gadzhev, im September 2025 bei der Teilnahme an der Eröffnung einer Munitionsfabrik des Konzerns in Unterlüß laut Agentur Novinite bekannt gab.

Luftabwehr und Marine bei Bestellungen aus Deutschland bisher im Fokus

Der Bedarf an Rüstungsgütern ist für die noch weitgehend mit sowjetischer Technik ausgerüsteten Streitkräfte immens - insbesondere nach Abgabe bedeutender Mengen davon an die Ukraine. Für den Aufbau einer Drohnenabwehr zum Beispiel braucht Bulgarien landbasierte, und mit Blick auf das Schwarze Meer, auch seegestützte Systeme. Die Teilnahme Bulgariens am Drohnenwall umfasst mehrere technologische Komponenten: elektronische Systeme zur Störung von Drohnensignalen (Jammer), physische Barrieren wie Schutznetze über kritischer Infrastruktur, mobile Einrichtungen mit schweren Maschinengewehren, leichten Flugabwehrkanonen oder Boden-Luft-Raketen und fortschrittliche Sensoren und Radar, einschließlich akustischer Systeme, die Drohnen durch Geräuschsignaturen erkennen können. 

Diese großen Beschaffungen plant Bulgarien im Zeitraum 2025 bis 2028

1. Landsysteme

  • Radkampffahrzeuge: 198 Kampf- und Unterstützungsfahrzeuge, davon 183 Fahrzeuge aus den USA auf Basis des Stryker
  • Artilleriesysteme: mobile Raketenwerfersysteme HIMARS sowie 155-mm Selbstfahrhaubitzen des französischen Caesar-Systems
  • Munition: massiver Ausbau der Munitions- und Treibladungsherstellung gemeinsam mit Rheinmetall
  • Allgemein: Erwerb von Hauptkampftechnik für den Aufbau einer Bataillonskampfgruppe innerhalb einer mechanisierten Brigade 

2. Luftfahrtsysteme

  • Kampfflugzeuge: Beschaffung von 16 F-16 Block 70-Phase I und II (inklusive Bodenunterstützungs- und Ausbildungseinrichtungen, Bewaffnung und Ausbildung)
  • Unbemannte Systeme: Drohnen für Aufklärung und Überwachung von Land- und Seezielen mit Fähigkeiten für Angriff (Vorbereitungsphase zur Erstellung der Projektdokumentation sowie Prüfung möglicher Umsetzungsvarianten)
  • Flugabwehr: Erwerb eines Flugabwehrraketensystems vom Typ IRIS-T SLM

3. Marinesysteme

  • Schiffe: Beschaffung von insgesamt zwei modularen Mehrzweck-Patrouillenschiffen, Raketenbewaffnung und Torpedos dafür, Minenjagdschiffe aus Belgien und den Niederlanden
  • Küstenschutz: Beschaffung von landgestützten Küstenraketensystemen NSM (Entscheidung, ob Beschaffung erfolgt, noch offen)
  • Infrastruktur: Aufbau und Modernisierung der Hafeninfrastruktur der Marinebasis Varna

4. C4ISR-Systeme (vernetzte Gefechtsführung)

  • Kommunikations- und Kontrollinfrastruktur: Erwerb eines multifunktionalen Informationsverteilungssystems – Joint Tactical Radio System (MIDS JTRS)

5. Spezialisierte Ausrüstung

  • Einzel- und Gruppenbewaffnung: NATO-kompatible Waffen
  • Tragbare Panzerabwehrraketensysteme: gelenkte Panzerabwehrraketen vom Typ Javelin
  • Technische Ausrüstung: Ausbau des Notfallversorgungssystems im Gesundheitswesen, ferngesteuerte Chirurgie
  • Radarsysteme: Beschaffung von Radarsystemen für die Fern- und Naherkennung, die Ausbildung des Personals sowie eine integrierte logistische Unterstützung über einen Zeitraum von fünf Jahren (Erstes Ausschreibungsverfahren wurde vor dem Obersten Verwaltungsgericht angefochten.)

Quelle: Bulgarisches Verteidigungsministerium 2025; Medienberichte 2025

Treffpunkt der Verteidigungsindustrie in Bulgarien

Eine Gelegenheit zur Vernetzung mit bulgarischen Entscheidungsträgern und potenziellen Partnern bietet die in Plowdiw alle zwei Jahre stattfindende internationale Fachmesse für Verteidigungsausrüstung HEMUS, auf der deutsche Unternehmen einen Gemeinschaftsstand haben: 

HEMUS 2026 / German Pavilion 

Die größten Anschaffungen der bulgarischen Streitkräfte von Militärtechnik aus Deutschland bisher waren im Jahr 2024 das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM von Diehl Defence und der Auftrag an die Werft NVL Lürssen für zwei Patrouillenschiffen 2020. 

Der Vertrag wurde laut Diehl Defence "mit weiteren optionalen IRIS-T SLM und SLX Einheiten" im September 2024 geschlossen. Eine Fireunit IRIS-T SLM besteht aus den Elementen Feuerleitstand, Radar, Feuereinheit sowie Flugkörpernachschub.

Mitte Juni 2022 wurde in der bulgarischen Stadt Varna der Kiel für das erste von zwei modularen Mehrzweck-Patrouillenschiffen der bulgarischen Marine gelegt. Der Auftrag hat einen Wert von umgerechnet rund 503 Millionen Euro, berichtet das Fachportal Navalnews. Die Schiffe basieren auf dem Modell OPV-90 der NVL Group. Zu diesem Zweck wurde die Naval Technology Bulgaria im Juli 2021 als Tochtergesellschaft von Lürssen (Vorgänger der NVL) für Engineering gegründet. Das Unternehmen ist auf Design (Rumpf/Stahlkonstruktion, Ausstattung/Innenausstattung, Mechanik und Elektrik) sowie auf die technische Überwachung der Werft spezialisiert. Auch die integrierte Logistikunterstützung und das Warranty Engineering gehören zum Leistungsumfang.

Separate Verträge wurden mit der schwedisch-deutschen Saab Diehl Defence über RBS15 Mk3 Anti-Schiffsraketen, mit der französischen MBDA über Luftabwehrraketensysteme VL MICA sowie über 324mm Torpedos mit dem italienischen Konzern Leonardo geschlossen. Das neue Schiff wurde im Dezember 2025 an die bulgarische Marine ausgeliefert. Der Kiel für das zweite Schiff wurde 2023 gelegt und die Übergabe soll Ende 2026 erfolgen. Rheinmetall hat sich Anfang September mit Lürssen über den Erwerb der NVL aus Bremen und all ihrer Töchter geeinigt.

Bulgarische Beteiligung an europäischen Verteidigungsprojekten

► Die Telelink Business Services AG nimmt am Projekt CITADEL Range teil. Dieses soll Cyberkräften ermöglichen, zu trainieren. Das Projekt hat einen Wert von 60 Millionen Euro, davon kann die EU bis zu 48 Millionen Euro bereitstellen.

► Das Projekt ASTERION unter Beteiligung der bulgarischen Wiser Technology Solutions hat ein Budget von 23 Millionen Euro und wird vollständig von Brüssel finanziert. Es soll unter anderem eine universelle Systemarchitektur für Unterwasser‑Netzwerke zur Kommunikation zwischen einzelnen Knoten (beispielsweise Sensorbojen) entwickeln.

► Die KZU-Holding nimmt am Projekt BATTLEVERSE teil. Ziel ist die Verbindung realer und virtueller Gefechtssituationen. Die EU wird das Projekt mit 15 Millionen Euro vollständig finanzieren.

► Am Projekt MARTINA ist die Digital Lights GmbH beteiligt. Es soll einen Rahmen zur Bewertung und Zertifizierung der Effektivität und Zuverlässigkeit von KI-gestützten Analysen von Satellitenbildern für verschiedene Verteidigungszwecke schaffen. Das Projekt wird vollständig von der EU finanziert.

► Das Projekt ORQESTRA hat ein Volumen von 9,3 Millionen Euro, an dem die Technologievereinigung AFSEA, Sektion Sofia beteiligt ist. Ziel ist die Integration der Fähigkeit zur postquantenkryptografischen Absicherung auf dem Gefechtsfeld, also Algorithmen, die auch gegen Quantenangriffe resistent sind. Die Mittel kommen vollständig aus Brüssel.

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2025

Kontaktadressen
InstitutionAnmerkung
Botschaft SofiaDeutsche Vertretung in Rumänien und Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
AHK BulgarienAnlaufstelle für deutsche Unternehmen
VerteidigungsministeriumAnsprechpartner für internationale militärische Beziehungen
Beschaffungsportal  Publikation von Ausschreibungen und Beschaffungsprogrammen der staatlichen Organisationen
Branchenverband BDIABranchenverband der bulgarischen Verteidigungsindustrie

 

 

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