SWOT-Analyse | Finnland

Starker Digitalisierungs- und Forschungsstandort

Finnland kann mit sehr niedrigen Strompreisen und einer hohen Digitalkultur überzeugen. Zu den Herausforderungen zählen die hohen Arbeitskosten sowie der Fachkräftemangel. 

Von Niklas Becker | Helsinki

Mit 5,6 Millionen Einwohnern gehört Finnland zu den kleineren europäischen Märkten. Das Land hat sich binnen weniger Jahrzehnte zu einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft entwickelt. Deutsche Unternehmen sollten das Potenzial des nordischen Landes als Absatzmarkt für Technologie und Konsumgüter sowie für Forschungskooperationen nutzen. Die Rahmenbedingungen für die Tätigkeit von ausländischen Firmen sind in Finnland gut. 

SWOT-Analyse Finnland

S

Stärken Strengths

  • Sehr gute Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnik
  • Digitale Kompetenzen
  • Leistungsstarker Standort für Forschung und Entwicklung mit hochqualifizierten Mitarbeitern 
  • Niedrige Stromkosten
  • Innovative Bevölkerung mit hoher Entwicklungskompetenz
W

Schwächen Weaknesses

  • Kleiner Binnenmarkt auf großer Fläche
  • Geringe Bevölkerungsdichte vor allem im Norden
  • Hohes Arbeitskostenniveau bei unterdurchschnittlicher Produktivität
  • Dominanz weniger Wettbewerber in wichtigen Wirtschaftszweigen
  • Deutlich alternde Bevölkerung
O

Chancen Opportunities

  • Umwelt- und Klimaziele
  • Vorhaben im Bereich Seltene Erden
  • Lebendige Start-up-Szene
  • Innovative Produkte durch Strukturwandel von der Forstindustrie zur Biowirtschaft
  • Hohes Preisniveau bei zum Teil geringem Wettbewerb
T

Risiken Threats

  • Fachkräftemangel
  • Abhängigkeit von Exporterlösen
  • Entlastung öffentlicher Finanzen
  • Auswirkungen von Streiks

Sorgen um finnischen Staatshaushalt 

Zwar dürfte Finnland 2023 mit einer öffentlichen Schuldenquote von 74,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) deutlich unter der durchschnittlichen Schuldenquote des Euroraums bleiben. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) sei in Finnland mittelfristig jedoch eine erhebliche Haushaltskonsolidierung notwendig. Bei unveränderter Politik prognostiziert der IWF für 2027 eine finnische Bruttoverschuldung von 80 Prozent des BIP. Finnlands neue Regierung will sich des Themas annehmen und die öffentlichen Finanzen bis 2027 um einen Nettobetrag von 6 Milliarden Euro entlasten. 

Fachkräftemangel bremst Unternehmen

Finnland kämpft seit Jahren mit einem Fachkräftemangel. Immer mehr Betriebe klagen über einen Mangel an Mitarbeitenden. In einer Umfrage der finnischen Zentralhandelskammer (Keskuskauppakamari) vom September 2023 gaben 66 Prozent der befragten Firmen an, dass der Fachkräftemangel das Wachstum des Unternehmens und die Weiterentwicklung der Geschäftstätigkeit einschränkt. 

Dass so viele Firmen trotz einer vergleichsweise hohen Arbeitslosenquote betroffen sind, liegt der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge an einem Ungleichgewicht zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage (skills mismatches). Dieses habe im Laufe der Zeit zugenommen und sei in nicht-zyklischen Berufen, also in Branchen, die nicht von konjunkturellen Schwankungen abhängig sind, wie beispielsweise im Gesundheitswesen, am größten. Ein Grund hierfür sei ein Mangel an Studienplätzen in Hochschuleinrichtungen. Dies führe zu einer Verringerung des tertiären Bildungsniveaus und zum Qualifikationsdefizit in Finnland. Der Fachkräftemangel bremse Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnik (IKT).

Arbeitsniederlegungen machen sich bemerkbar

Streiks von Arbeitnehmern sind in Finnland - ähnlich wie in Deutschland - fester Bestandteil von Lohnverhandlungen. Mit 64 Streiks gab es in dem nordischen Land laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) 2022 merklich weniger Streiks als beispielsweise in Deutschland (1.532) oder dem Vereinigten Königreich (749). Die finnischen Arbeitsniederlegungen haben jedoch deutlich größere Auswirkungen als in anderen europäischen Ländern. So fielen 2022 in Finnland je 1.000 Beschäftigte durchschnittlich 367,5 Arbeitstage durch Streiks aus. Laut den verfügbaren ILO-Daten absoluter Spitzenwert in Europa. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 6,9 und im Vereinigten Königreich 79,2 Tage. 

Klimaziele bieten Chancen für deutsche Firmen

Mittelfristig bedeutend ist auch der Strukturwandel in der Forstindustrie, die sich im Zuge der weltweit sinkenden Papiernachfrage neu ausrichtet. Aus Holz entstehen innovative Materialien und chemische Produkte, unter anderem Biokraftstoffe. Großprojekte in Form von Bioraffinerien und Zellstoffproduktionsanlagen treiben den Wandel an. Finnland hat eines der aktivsten Start-up-Ökosysteme weltweit vorzuweisen. Auf dem jährlich in Helsinki stattfindenden Start-up-Event Slush treffen sich junge Firmen und Investoren aus aller Welt. 

Gute Geschäftschancen bieten auch die Klimaziele Finnlands. 2035 will das nordische Land CO₂-neutral sein. Der Kohleausstieg erfolgt bereits am 1. Mai 2029. Dafür müssen neue Kapazitäten zur Energieerzeugung - vor allem erneuerbare Energien - aufgebaut werden. Finnlands neue Regierung will die Kapazitäten sogar verdoppeln. Dabei wird besonders Windkraft eine bedeutende Rolle spielen. Bisher existiert der Sektor nur auf dem Land, aber in den kommenden Jahren sollen auch zahlreiche Offshore-Windparks installiert werden. Die Vorbereitungen für die Ausschreibungen sind angelaufen. Durch den rasanten Ausbau der Erneuerbaren kommt Finnland auch als Lieferant von grünem Wasserstoff infrage

Zu wenig Exportunternehmen 

Für Finnlands Wirtschaft spielt der Export eine entscheidende Rolle. Die Exportbasis ist jedoch vergleichsweise gering. Das zeigt eine Analyse des Zentralverbands der finnischen Wirtschaft (Elinkeinoelämän keskusliitto; EK). Demnach kommen im Schnitt nur rund 100 Betriebe im Land für etwa zwei Drittel aller Ausfuhren auf. Finnland braucht nach Ansicht des Verbands mehr exportstarke mittelständische Firmen. 

Zu Finnlands Stärken zählen die hervorragende IKT-Infrastruktur und die hohe Forschungskompetenz. Im Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) der EU lag das Land 2022 wieder auf dem 1. Platz. In Finnland aktive deutsche Forschungsunternehmen loben die gute Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen.