Interview | Griechenland | Verkehr und Logistik

"Erhebliches Potenzial für deutsch-griechische Kooperationen"

Griechenland investiert in Bahn, Häfen und Logistik. Verkehrsminister Dimas erläutert im Interview, wo er Chancen für deutsche Unternehmen sieht.

 

Michaela Balis

Von Michaela Balis | Athen

Christos Dimas, ist seit März 2025 griechischer Minister für Infrastruktur und Transporte. Der promovierte Jurist ist seit 2012 Abgeordneter der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia. Christos Dimas, ist seit März 2025 griechischer Minister für Infrastruktur und Transporte. Der promovierte Jurist ist seit 2012 Abgeordneter der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia. | © Christos Dimas

Christos Dimas ist seit März 2025 Minister für Infrastruktur und Transport in Griechenland. Der promovierte Jurist gehört seit 2012 als Abgeordneter der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia dem griechischen Parlament an. Im Gespräch berichtet der Minister, wie Griechenland sich zu einem internationalen Logistikhub entwickeln möchte und in welchen Bereichen deutsches Know-how besonders gefragt ist.

Herr Minister Dimas, Griechenland bildet den südlichen Endpunkt der TEN-T-Verkehrskorridore Ostsee-Schwarzes Meer-Ägäis und Westbalkan-Östliches Mittelmeer. Was zeichnet Griechenland als wichtigen Partner in den europäischen Verkehrskorridoren aus?

Griechenland ist ein wichtiger Knotenpunkt im europäischen Verkehrssystem. Durch seine Einbindung in das transeuropäische Verkehrsnetz TEN-T verbindet das Land Nord- und Mitteleuropa mit dem östlichen Mittelmeerraum und den Balkanstaaten.

Gerade die geografische Lage des Landes ist ein geostrategischer Vorteil. In einer Zeit, in der resiliente Lieferketten, diversifizierte Handelswege und sichere Transportrouten immer wichtiger werden, kommt Griechenland besondere Bedeutung zu. Durch umfangreiche Investitionen in den Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur kann Griechenland dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

"Griechenland soll sich von einem Transitland zu einem europäischen Logistikhub mit hoher Wertschöpfung entwickeln."

Griechenland investiert in neue Straßen- und Bahnprojekte, in grüne Häfen sowie in deren Anbindung an Logistikzentren. Geplant ist auch der Bau eines neuen Hafens in Elefsina. Wie schätzen Sie die Rolle Griechenlands als internationales Logistikdrehkreuz ein? Welche Strategie verfolgen Sie dabei?

Unsere Strategie ist klar: Griechenland soll sich von einem Transitland zu einem europäischen Logistikhub mit hoher Wertschöpfung entwickeln. Dafür konzentrieren wir uns auf den Aufbau eines integrierten, nachhaltigen und digitalisierten multimodalen Verkehrs- und Transportsystems. Häfen von internationaler Bedeutung, Eisenbahnnetze, Autobahnen und moderne Logistikzentren sollen ausgebaut und noch enger miteinander vernetzt werden.

Welche Projekte sollen diese Strategie zum Erfolg führen?

Griechenland verfügt über wichtige Wettbewerbsvorteile: Piräus ist einer der fünf wichtigsten europäischen Containerhäfen. Die Häfen Thessaloniki und Alexandroupolis entwickeln sich zu wichtigen Drehscheiben für den Balkan, das Schwarze Meer und Osteuropa. Von besonderem Interesse ist die Planung eines neuen modernen Handelshafens in Elefsina.

Mit dem Thriasio Logistikzentrum entsteht eines der größten Logistikökosysteme im östlichen Mittelmeerraum. Es wird direkt an den Hafen Piräus, das Schienennetz und die Autobahnen angebunden. Künftig soll auch eine Anbindung an den Hafen von Elefsina erfolgen.

Parallel dazu entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Militärstützpunktes Gonos bei Thessaloniki ein neues Güterverkehrszentrum für den multimodalen Verkehr in Nordgriechenland. Ausschlaggebend sind die direkte Anbindung an den Hafen Thessaloniki, die Autobahn Egnatia Odos und das Schienennetz.

Außerdem investieren wir in die Modernisierung wichtiger Eisenbahnkorridore. Dazu zählen die Strecken Alexandroupolis-Ormenio und Thessaloniki-Promachonas an der Grenze zu Bulgarien sowie Thessaloniki-Eidomeni als Verbindung nach Nordmazedonien. Hinzu kommen Investitionen in die Digitalisierung von Transport- und Logistikprozessen.

"Deutschland ist nicht nur Griechenlands wichtigster Handelspartner, sondern auch ein bedeutender Partner im Verkehrsbereich."

Welche Chancen ergeben sich für deutsch-griechische Kooperationen durch diese umfangreichen Infrastrukturvorhaben?

Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase der Modernisierung unserer Verkehrsinfrastruktur, insbesondere des Schienennetzes. Daraus ergeben sich hervorragende Chancen für die deutsch-griechische Zusammenarbeit.

Deutschland ist nicht nur Griechenlands wichtigster Handelspartner, sondern auch ein bedeutender Partner im Verkehrsbereich. Das Land verfügt über wertvolle Expertise und langjährige Erfahrung im Eisenbahnbetrieb, bei der Entwicklung von Sicherheitssystemen, der Digitalisierung sowie im Management komplexer Mobilitätsnetze.

Ein konkretes Beispiel dieser engen Zusammenarbeit ist die Tätigkeit der DB Engineering & Consulting als technischer Berater für die operative Stärkung und Modernisierung der griechischen Eisenbahn. So werden Best Practices und deutsche Expertise unmittelbar in die Entwicklung eines sicheren und effizienten griechischen Bahnsystems eingebunden.

"Es besteht erhebliches Potenzial für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen deutschen und griechischen Unternehmen in Bereichen wie Technologien und Ausrüstung für grüne Häfen, Logistikzentren, in der Digitalisierung des Verkehrssektors sowie beim Ausbau nachhaltiger Infrastrukturen."

Zusammenfassend entwickelt sich die deutsch-griechische Zusammenarbeit zunehmend von einem reinen Austausch von Erfahrungen und Perspektiven zu einer umfassenden institutionellen und operativen Partnerschaft.

Mit dem India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) entsteht ein neuer multimodaler Wirtschafts- und Transportkorridor zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa. Über Häfen, Schienenwege sowie Energie- und Datenverbindungen soll der Austausch von Gütern und Dienstleistungen effizienter werden. Was macht Griechenland zu einem aussichtsreichen Kandidaten für die Rolle als maritimes Tor nach Europa?

Der IMEC-Korridor ist eine strategische Initiative, die weit über den Gütertransport hinausgeht. In der aktuellen geopolitischen Lage sind sichere und alternative Handelsrouten von besonderer Bedeutung. Griechenland kann sich als zentrales Bindeglied zwischen Europa und Asien und damit als europäisches Tor des IMEC positionieren. Seine geografische Lage, moderne Verkehrs- und Logistikinfrastruktur sowie die Einbindung in die europäischen TEN-T-Korridore sind auch in diesem Fall ausschlaggebend.

Griechenland und Indien bauen ihre Zusammenarbeit bereits aus. Indien beweist sein Vertrauen in das Land durch seine zunehmende Präsenz als Investor bei Infrastrukturprojekten. Ein Beispiel ist die Beteiligung der GMR Airports Infrastructure am Bau des neuen internationalen Flughafens Heraklion in Kastelli. Sie verdeutlicht das wachsende Interesse indischer Unternehmen am griechischen Markt.