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Indien baut Infrastruktur im Golf von Bengalen aus
Ein strategisch wichtiges Projekt auf der indischen Insel Groß Nikobar erhält grünes Licht. Die dortige Infrastruktur wird massiv erweitert.
28.04.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Indien betreibt mit dem Ausbau seiner Infrastruktur nicht nur ein Konjunkturprogramm. Das zeigt das "Greater Nicobar Development Project". Hier liegen vor allem strategische Interessen im Vordergrund. Rund 10 Milliarden US-Dollar (US$) soll das Projekt kosten. Mit dem Geld möchte die indische Regierung weite Teile der Insel Groß Nikobar umgestalten.
Groß Nikobar liegt an einer Lebensader des Welthandels
Im Februar 2026 nahm das Projekt mit der Freigabe durch das National Green Tribunal die letzte rechtliche Hürde vor der Umsetzung. Die Insel liegt mehr als 1.000 Kilometer vom indischen Festland entfernt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Sumatra. Die Insel ist strategisch bedeutend, weil sie nahe des nördlichen Ausgangs der Straße von Malakka liegt. Schätzungsweise rund 40 Prozent des globalen Handels verlaufen durch die Meerenge.
Mehrere Teilprojekte geplant
Die Entwicklung des "Greater Nicobar Development Project" läuft in Phasen und soll bis in die 2050er-Jahre andauern. Die Gelder für die Entwicklung der Insel verteilen sich dabei auf mehrere Vorhaben.
Ausschreibungen für benötigte Anlagen und Dienstleistungen stehen auf öffentlichen Seiten, wie beispielsweise der zentralen Ausschreibungsplattform der Regierung. Während viele der Projekte aufgrund von Sicherheitsbedenken von indischen Firmen durchgeführt werden müssen, ergibt sich für deutsche Firmen dennoch die Möglichkeit, vom Projekt zu profitieren – etwa durch lokale Niederlassungen oder als Zulieferer.
Teilprojekt Tiefseehafen
In der Bucht von Galathea soll ein Tiefseehafen gebaut werden. Beobachter gehen davon aus, dass die Bauaktivitäten noch 2026 starten werden. In einer ersten Ausbaustufe soll er zunächst 5,6 Millionen Standardcontainer (Twenty-foot Equivalent Unit; TEU) jährlich abfertigen können. Fertig ausgebaut sollen es fast 12 Millionen TEU sein.
Für den Aufbau der grundlegenden Infrastruktur wie beispielsweise der Wellenbrecher und Anlegestellen stehen zunächst rund 1,9 Milliarden US$ zur Verfügung. Für alle Bauphasen des Hafens sind es etwa 5,2 Milliarden US$. Das Projekt ist als Public-private-Partnership-Joint Venture zwischen staatlichen indischen Hafenbetreibern als Minderheitseigner (45 Prozent) und einer indischen Firma mit 55 Prozent Anteil angedacht. Die indische Regierung unterstützt das Projekt mit 1,3 Milliarden US$, um mögliche Rentabilitätslücken bei der Bewertung des Projektes zu schließen (Viability Gap Funding).
Noch ist unklar, wer der privatwirtschaftliche Mehrheitseigner sein wird. Meldungen zufolge gab es mehrere Interessenbekundungen, darunter von Branchenschwergewichten wie Adani Ports.
Teilprojekt Flughafen
Das zweite große Teilprojekt ist der Bau eines Flughafens mit einer 3.300 Meter langen Landebahn. Dafür sind Investitionen von etwas unter 1 Milliarde US$ vorgesehen. Der Flughafen soll zunächst eine Kapazität von 1,4 Millionen Passagieren pro Jahr erreichen, in einer späteren Ausbaustufe sollen es 2 Millionen werden.
Das Projekt wird durch die Airports Authority of India durchgeführt. Im Frühjahr 2026 lief eine Ausschreibung für die Projektmanagementberatung. Diese soll das Design und den Bau des Flughafens managen. Das Ergebnis der Ausschreibung ist noch nicht bekannt, zeigt aber den Fortschritt des Projekts auf. Nach Bekanntgabe werden im Jahresverlauf weitere Ausschreibungen für Planungs- und Bauleistungen erfolgen.
Teilprojekt hybrides Kraftwerk
Indiens Energiebedarf wächst und das Land baut seine Energieversorgung aus. Zum Greater Nicobar Development Project gehört der Bau eines hybriden Solar-Gas-Kraftwerks mit insgesamt 450 Megawatt Leistung. Das Projekt wird von der staatseigenen Firma NTCP gebaut.
Während zum Gaskraftwerksteil noch keine Entwicklungen bekannt sind, kommt der Solarteil voran. Über die Tochterfirma NTPC Green Energy wurden im Jahr 2025 Ausschreibungen für den Bau einer Solaranlage mit 5 Megawatt und Batteriespeicher mit 4 Megawatt Leistung getätigt. Die Ergebnisse sind bisher nicht bekannt gemacht worden. Hinzu kommen Ausschreibungen für die Ausführung der Bau- und Montagearbeiten.
Sonstige Teilprojekte
Auf dem Großteil der Projektfläche ist eine wirtschaftliche Mischnutzung vorgesehen. Die Pläne sehen Hotels und Gastronomieeinrichtungen, Wohnungen, Büros und Flächen für den Einzelhandel und die öffentliche Verwaltung vor. Für einige Gebiete ist auch eine landwirtschaftliche Nutzung angedacht. Die dafür notwendige Infrastruktur muss erst einmal von Grund auf geschaffen werden.
Indiens maritimer Handel wird weniger abhängig
Neben dem unmittelbaren Schub, etwa für das Baugewerbe und Logistikausrüster, wird das Projekt auch weitreichendere Folgen haben. Derzeit verfügt Indien kaum über Kapazitäten bei Tiefseehäfen. Dadurch ist Indien im Bereich Transshipment, dem Umladen von Gütern und Containern von großen auf kleinere Schiffe, abhängig von anderen Ländern. Schätzungsweise 75 Prozent des indischen Transshipments finden in Häfen außerhalb des Landes statt, insbesondere in Colombo in Sri Lanka sowie Singapur und Malaysia. Mit einem eigenen modernen Tiefseehafen wird diese Abhängigkeit zurückgehen.
Zudem stärkt Indien seine militärische Schlagkraft in der Region. Sowohl der See- als auch der Flughafen werden für die Nutzung durch die indischen Streitkräfte geeignet sein.
Indien investiert massiv in Infrastruktur
Seit etwas über einer Dekade setzt Indien bei öffentlichen Ausgaben stark auf Investitionen in Infrastruktur. Der Wirtschaftsstandort profitiert davon und im ganzen Land sind neue Flughäfen, bessere Straßen- und Zugverbindungen und modernere Seehäfen allgegenwärtige Zeichen der Entwicklung.
Die bisweilen ungenügende Infrastruktur ist vielfach ein Flaschenhals für Unternehmen und sorgt für hohe Logistikkosten in der wachsenden Volkswirtschaft. Durch den Fokus der öffentlichen Investitionen profitieren alle Unternehmen in Form kürzerer Transportzeiten und günstigeren Kosten.