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"Indien befindet sich in einer großen Transformationsphase"
Der Architekt Erasmus Eller verrät, worauf es beim Bauen in Indien ankommt und wo er Chancen für deutsche Unternehmen sieht.
04.09.2026
Erasmus Eller stammt aus einer Architektenfamilie und ist seit 2003 alleiniger Geschäftsführer des Architekturbüros Eller + Eller. Das Büro wurde 1964 von seinem Vater unter dem Namen Eller Moser Walter in Düsseldorf gegründet. Erasmus Eller verfügt über Erfahrung mit Bauprojekten weltweit und engagiert sich im Netzwerk Architekturexport der Bundesarchitektenkammer (NAX). Für das Innovation Center ist er als Architekt und Design Principal verantwortlich.
Herr Eller, wie kam es, dass mit Eller + Eller ein deutsches Architekturbüro für einen DAX-Konzern ein Gebäude in Indien plant?
Der Vorstand von Siemens Healthineers hatte 2020 entschieden, das bereits bestehende "Global Innovation Center" in Indien weiter auszubauen und einen komplett neuen Campus an anderer Stelle zu entwickeln.
Der neue Campus in Bengaluru soll als globales Forschungs- und Entwicklungszentrum im Bereich der Digitalisierung des Gesundheitssektors dienen.
Ziel war es, ein repräsentatives Ensemble zu schaffen, das ein zeitgemäßes Zeichen für Innovation setzt. Zudem sollte es lokale Bautraditionen interpretieren und sich mit dem Kontext und den klimatischen Bedingungen auseinandersetzen, um ein lebenswertes Umfeld für das Arbeiten in den Gebäuden und auf dem Campus zu schaffen. Geprägt sollte das alles von Kommunikation und Transparenz werden.
Aufgrund der Bedeutung der Aufgabe wurde klar, dass ein internationaler Wettbewerb ausgelobt werden sollte, um wegweisende und innovative Architekturlösungen aus allen Regionen der Welt zu erhalten. Dafür wurde das deutsche Büro Phase-eins aus Berlin ausgewählt, das für seine internationale Expertise zur Vorbereitung und Durchführung von Wettbewerben bekannt ist.
Teilgenommen haben in der finalen Runde neben unserem Büro Eller + Eller weitere Büros aus New York, Kopenhagen, Singapur, London und Delhi. Die Bewertungsjury bestand aus Vertretern von Siemens Healthineers, Architekten und Architektinnen aus unterschiedlichen Regionen der Welt sowie renommierten Architekten und Architektinnen aus Indien. Anfang 2021 wurden wir mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Nach vier Monaten Verhandlung über den Generalplanervertrag sind wir offiziell im Juli 2021 gestartet, noch mitten in der Pandemie.
Welche speziellen Anforderungen gab es an das Projekt?
Das Projekt wird im Süden Indiens, in Bengaluru, realisiert. Es liegt somit klimatisch circa 1.500 Kilometer nördlich vom Äquator. Normalerweise müsste es relativ heiß werden aufgrund der physikalischen Nähe zur Sonne. Bengaluru liegt aber auf dem Dekkan-Plateau, rund 900 Meter über dem Meeresspiegel. Je 100 Höhenmeter geht man von einer Reduzierung der Durchschnittstemperatur von 0,7 Grad Celsius aus, also haben wir hier rund 6 bis 7 Grad weniger. Das kühlt die Stadt im Vergleich zu tiefer gelegenen Städten drastisch ab. Zugleich herrschen regelmäßig kühlende Winde, die für eine natürliche Durchlüftung der Stadt sorgen. Und Bengaluru ist die "Gartenstadt" aufgrund der vielen Parkanlagen. Das war Ausgangspunkt unseres Eco-Design-Ansatzes.
Das Projekt nutzt das Klima in Bengaluru maximal aus. Es hat ein Campus-Layout und ein Gebäudedesign, das die Belüftung und das natürliche Tageslicht maximiert und gleichzeitig die Exposition gegenüber übermäßiger Sonneneinstrahlung reduziert. Alle Gebäude sind nicht parallel zur Straße ausgerichtet, sondern orientieren sich am Verlauf der Sonne. Auf jeder Etage haben wir umlaufende, auskragende Sonnenschutzelemente mit einer Tiefe von 1,40 Metern. Sie verhindern den direkten Sonneneintrag zwischen 10:00 bis 16:00 Uhr.
Auf diesen auskragenden Balkonen haben wir zusätzlich eine durchlaufende Begrünung vorgesehen, die das Mikroklima verbessert und eine Kompensation für die Versiegelung darstellt, die durch die Gebäude entstehen. Das große Potenzial für die Erzeugung von Solarenergie wird durch die Integration von Photovoltaik effektiv genutzt.
Freiflächen sind mit intensiver Begrünung und Wasserrückhalteflächen geplant, um ein mildes, lokales Mikroklima zu schaffen. Das ist für die Nutzer angenehm, reduziert die Lufttemperatur und den Energiebedarf für die Kühlung und ist von Natur aus resistent gegen starke Regenfälle. Die Bürogebäude werden mit einem gemischten Lüftungssystem betrieben. Zu diesem Zweck haben wir alle Gebäude mit kleinen Atrien ausgestattet, die den "Venturi-Effekt" erzeugen und den Kamineffekt zur natürlichen Durchlüftung innerhalb der Atrien verstärken.
"Der Campus soll sich messen mit Campus-Designs von Apple, Google und Co."
Was machte die Planung des Gebäudes gerade im Vergleich mit einem Gebäude in Deutschland anders?
Bengaluru wird oft als das "Silicon Valley Indiens" bezeichnet. Die Stadt hat sich zu einem der weltweit wichtigsten IT- und Hightech-Standorte entwickelt und wächst rapide: Prognosen zufolge werden dort bis 2030 über 16 Millionen Menschen leben. Der Standort ist damit ideal für einen Innovation Hub, der technologische Exzellenz, ein gutes Arbeitsumfeld und nachhaltige Entwicklung verbindet.
Der Campus ist für 5.500 Mitarbeiter ausgelegt – eine Dimension, die in Deutschland nicht so häufig gebaut wird. Die Bruttogeschossfläche der fünf Gebäude beträgt insgesamt 175.000 Quadratmeter. Die Zielvorgabe des Vorstands war es, dass dieser Campus einen wegweisenden Standard setzt hinsichtlich der Entwicklung von Innovation, Beschleunigung von Prozessen und Kollaboration von 5.500 Mitarbeitenden. Der Campus soll sich messen mit Campus-Designs von Apple, Google und Co.
Wie verliefen die Genehmigungsprozesse und die allgemeine Zusammenarbeit mit den indischen Behörden?
Die Genehmigungsprozesse in Indien unterscheiden sich deutlich von denen in Deutschland. Für uns und unseren lokalen Partner vor Ort waren sie sehr aufwändig, vor allem beratungsintensiv und zäh. In Indien wird die Baugenehmigung schrittweise und in Phasen vergeben. Der Fokus liegt stark auf der lokalen Bauordnung und der Einhaltung der maximal erlaubten Geschossfläche. In Deutschland ist der Prozess sehr linear, in Indien braucht es ein sehr viel höheres Maß an Abstimmung.
Bisher gibt es noch nicht allzu viele deutsche Architekturbüros in Indien. Welche Tipps haben Sie für diese und angrenzende Berufsgruppen, die nach Indien expandieren wollen?
Für deutsche Architekturbüros, Bauingenieure und Statiker bietet der indische Markt große Chancen, da deutsche Ingenieurskunst und Qualität in Indien sehr hoch angesehen sind. Rückblickend kann man sagen, dass die ersten drei Jahre von einer extremen Lernkurve geprägt waren. Man muss definitiv vor Ort sein. Allein aus Deutschland heraus zu planen ist nicht realistisch.
Das Wissen, das wir in den letzten sechs Jahren aufgebaut haben, ist enorm. Normalerweise bräuchte man dafür mindestens zehn Jahre.
Auch das Thema Nachhaltigkeit ist in Indien extrem wichtig, deutsche Expertise ist sehr gefragt. Der Markt funktioniert jedoch völlig anders als der europäische. Beständigkeit, interkulturelles Interesse und Vertrauen sind die wichtigsten Elemente.
"Deutsche Ingenieurskunst und Qualität sind in Indien sehr hoch angesehen."
Wohin entwickelt sich Indien aus Ihrer Sicht im Hinblick auf Architektur und Infrastruktur?
Die Bevölkerung in den Ballungsräumen und Wirtschaftszentren wächst rapide – der Bedarf an Infrastruktur steigt enorm. Indien befindet sich in einer großen Transformationsphase.
Angesichts der klimatischen Bedingungen von großer Hitze und Monsunregen rückt nachhaltige Architektur in den Fokus. Natürliche Belüftung, begrünte Fassaden und Nutzung von Regenwasser werden immer wichtiger, um den Bauboom mit den ehrgeizigen Emissionszielen der Regierung in Einklang zu bringen.