Branchen | Indien | Architektur, Ingenieurdienstleistungen
"Kunden erwarten eine aktive Begleitung auf der Baustelle"
Günther Schlumberger teilt praktische Erfahrungen von einer indische Baustelle. Im Interview mit Germany Trade & Invest zeigt er Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf.
04.09.2026
Günther Schlumberger ist Bau- und Projektleiter, der über langjährige internationale Erfahrung, insbesondere in Indien, verfügt. Seine Schwerpunkte liegen in der Umsetzung und Koordination anspruchsvoller Bauprojekte sowie in der Führung internationaler Projektteams. Dabei verbindet er seine Kenntnisse aus Deutschland mit einem umfassenden Verständnis der besonderen Bedingungen auf indischen Baustellen.
Herr Schlumberger, wo liegen die speziellen technischen Herausforderungen bei der Umsetzung des Projektes in Indien?
Die besonderen technischen Herausforderungen in Indien liegen vor allem in den klimatischen Bedingungen, der Logistik sowie in der Verfügbarkeit und Qualität bestimmter Materialien. Je nach Region haben wir es mit extremer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit oder intensiven Monsunzeiten zu tun. Das hat direkten Einfluss auf Bauabläufe und das Verhalten der Materialien.
Gleichzeitig unterscheiden sich Normen, Zulassungen und Qualitätsstandards teilweise sehr deutlich von europäischen Anforderungen. Auch die Infrastruktur rund um Baustellen – etwa Transportwege oder die Verfügbarkeit spezialisierter Technik – kann projektentscheidend sein. Deshalb sind eine hohe Flexibilität in der technischen Planung sowie schnelle Anpassungen während der Ausführung notwendig.
"Normen, Zulassungen und Qualitätsstandards unterscheiden sich teilweise sehr deutlich von europäischen Anforderungen."
Was unterscheidet eine indische Baustelle von einer deutschen?
In Indien sind Baustellen häufig personalintensiver, während in Deutschland stärker mechanisiert und standardisiert gearbeitet wird. Entscheidungsprozesse laufen in Deutschland meist direkter und strukturierter ab, während in Indien Probleme häufig länger diskutiert werden.
Engmaschige Kontrollen und eine permanente Nachverfolgung sind auf der Baustelle besonders wichtig. Insgesamt erfordert eine Baustelle in Indien ein deutlich höheres Maß an täglicher Abstimmung, Kontrolle und Improvisationsfähigkeit.
Gleichzeitig sind die Sicherheitsstandards auf internationalen Baustellen in Indien mittlerweile sehr hoch, was allerdings auch mit einem erheblichen Dokumentations- und Verwaltungsaufwand für Arbeitsvorbereitung, Sicherheitsbeurteilungen und Freigaben verbunden ist.
Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei der technischen Bauleitung in Indien an, um diese Herausforderungen zu meistern?
Bei der technischen Bauleitung in Indien kommt es besonders auf Präsenz, Kommunikation und interkulturelles Verständnis an. Eine enge Begleitung der Baustelle ist wichtig, da viele Entscheidungen direkt vor Ort getroffen werden müssen.
Gleichzeitig ist eine klare und eindeutige Kommunikation entscheidend, um Missverständnisse zu vermeiden. Hinzu kommt, dass viele Arbeiter im Vergleich zu Deutschland geringer ausgebildet sind. Dadurch gewinnen praktische Anleitung, kontinuierliche Kontrolle und regelmäßige Schulungen eine wesentlich größere Bedeutung.
"Präsenz, Kommunikation und interkulturelles Verständnis sind wichtig bei einer technischen Bauleitung in Indien."
Wie verläuft die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gewerken am Bau?
Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gewerken ist grundsätzlich sehr dynamisch. Viele Abläufe erfolgen parallel und oft unter hohem Zeitdruck. Deshalb ist eine enge Koordination zwischen Planung, Bauleitung und ausführenden Firmen besonders wichtig.
Positiv hervorzuheben sind die hohe Einsatzbereitschaft vieler Teams sowie die große Flexibilität auf der Baustelle. Gleichzeitig braucht es klare Strukturen, regelmäßige Abstimmungen und konsequente Qualitätskontrollen, damit Termine und technische Anforderungen eingehalten werden.
Wo sehen Sie allgemein Möglichkeit für den Einsatz deutscher Produkte und Dienstleistungen?
Deutsche Produkte genießen in Indien generell ein sehr hohes Ansehen – sowohl im Bereich Maschinenbau als auch bei Installationsmaterialien, Gebäudetechnik oder kompletten Anlagenlösungen. Deutsche Qualität wird mit Zuverlässigkeit, Langlebigkeit und technischer Präzision verbunden.
Gleichzeitig ist Indien ein sehr serviceorientierter Markt. Kunden erwarten nicht nur ein gutes Produkt, sondern auch eine aktive Begleitung während der Umsetzung auf der Baustelle. Dazu gehören technische Unterstützung, Schulungen sowie die Kontrolle einer fachgerechten Installation und Anwendung. Im Vergleich zu Deutschland ist daher eine deutlich intensivere Betreuung der Baustellen und Mitarbeiter notwendig.