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Special Kanada Wege aus der Coronakrise

Konjunktur und wichtigste Branchen

Kanadas Wirtschaft blieb im 3. Quartal trotz Aufwärtstrend hinter den Erwartungen zurück. Lieferkettenstörungen sowie eine Dürre im Westen des Landes bremsen die Erholung. (Stand: 30. November 2021)

Von Daniel Lenkeit | Toronto

Trotz eines Aufwärtstrends seit Beginn der Coronakrise im 2. Quartal 2020, verläuft die Erholung des kanadischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) schleppender als zu Jahresbeginn erwartet. Die Prognosen für das BIP-Wachstum wurden von den Geschäftsbanken und der Zentralbank über das Jahr verteilt immer wieder nach unten korrigiert. Heute erwarten die meisten Ökonomen noch einen BIP-Anstieg von 5 Prozent zum Vorjahr. Dafür müsste das 4. Quartal allerdings explosives Wachstum zeigen, wofür es aktuell mit anhaltenden Lieferkettenstörungen und verhaltenen Unternehmensinvestitionen keine Anzeichen gibt.

Wirtschaft läuft noch nicht wieder rund

Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2021 lagen die Hoffnung auf einen kräftigen Aufschwung im 3. Quartal. Dieser wird sich ersten Hochrechnungen von der nationalen Statistikbehörde Statistics Canada zufolge nicht bewahrheiten. Die vorläufigen Daten deuten auf nur verhaltenes reales Wachstum zum Vorquartal um 0,5 Prozent hin.

Dabei konnte der Dienstleistungssektor nach langer Talfahrt etwas zulegen, während die Güterproduktion stagnierte. Im Bergbau und im Öl- und Gassektor geht es zwar genauso bergauf wie im Großhandel und im Transportsektor (vor allem Luftfahrt, Schienenverkehr). Jedoch wurden diese Gewinne aufgewogen durch die Verluste im verarbeitenden Gewerbe (vor allem bei Transportausrüstungen) sowie einem Rückgang im Einzelhandel.

Starke Hitze schwächt Landwirtschaft

Die Wirtschaftsleistung im Sektor Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei fiel im Juli und August zwei Monate in Folge um jeweils knapp 6 Prozent - der stärkste Rückgang seit 1997. Große Hitzewellen und anschließende Dürre haben starke Auswirkungen auf den Pflanzenbau. Die Nutzpflanzenproduktion sank im August um 11 Prozent (13 Prozent im Juli) und auch die Forstwirtschaft brach stark ein, da vor allem Waldbrände in British Columbia und Ontario die Holzgewinnung einschränkten.

Vollständige Erholung frühestens 2022 erwartet

Die kanadische Zentralbank (BoC) revidierte ihre Wachstumsprognosen zuletzt deutlich nach unten, da sowohl akute Lieferkettenstörungen als auch die schwächer als erwartete Auslandsnachfrage die Konjunktur beeinflussen, so die BoC. Erschwerend hinzu kommt ein zunehmender Fachkräftemangel bei vielen Unternehmen bei einer gleichzeitig erhöhten Arbeitslosenquote.

Engpässe in der Beschaffung von Vorleistungsgütern und daraus folgende Produktionsrückgänge, steigende Kosten und sinkende Margen in einigen Branchen des verarbeitenden Gewerbes in Verbund mit einer höheren Gesamtnachfrage sorgen für deutliche Preisanstiege für Konsumenten. Dies könnte einerseits den Konsum in Kanada - trotz erhöhter Sparquoten - zukünftig bremsen. Und andererseits dazu führen, dass Unternehmen noch später als erwartet Investitionen in den Kapazitätsausbau nachholen.   

Die BoC bleibt für 2022 und 2023 dennoch optimistisch. Gut 4 Prozent BIP-Wachstum für 2022 und knapp 4 Prozent für 2023 seien möglich. Gleichwohl bräuchte die kanadische Wirtschaft weiterhin fiskalpolitische und geldpolitische Unterstützung.

Die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe steigt indes und hat in einigen Branchen bereits das Vorkrisenlevel erreicht. Investitionen dürften in den Jahren 2022 und 2023 deutlich steigen - vor allem in jenen Bereichen, die in der Pandemie an Bedeutung gewinnen, wie Informationstechnologien, Digitalisierung, Logistik und Lagerei.

Die Inflation scheint entgegen der ursprünglichen Annahme der Zentralbank kein vorübergehendes Phänomen und der Verbraucherpreisindex (CPI) dürfte auch in den kommenden Jahren über 3,5 Prozent liegen. Dieser bildet für viele Haushalte allerdings nicht die ganze Realität ab, denn der CPI verzerrt die höheren Kosten für Mieten und reduzierte kürzlich die Gewichtung von Energiekosten. Beide Komponenten steigen aktuell und dürften auch in den nächsten Jahren überproportional zulegen, und damit bei einigen Haushalten verfügbares Einkommen reduzieren.  

Letzte Infektionswellen gut abgefedert

Die gewonnene Resilienz der kanadischen Wirtschaft gegenüber den Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus stimmt viele Analysten positiv. Die dritte und vierte Welle bremsten die wirtschaftliche Erholung nur leicht: Andere Faktoren wie Lieferkettenstörungen und Arbeitskräftemangel wiegen schwerer.

Die unter Industrieländern führende Impfquote der Kanadier sowie der konservative Umgang mit der Pandemie könnten dazu beitragen, dass Kanada von weiteren Lockdowns bei zukünftigen Infektionswellen verschont bleibt.

Unsicherheit im Öl- und Gassektor

Der von der Coronakrise hart getroffene kanadische Öl- und Gassektor erholt sich unter steigenden Rohstoffpreisen, der anziehenden US-Konjunktur und der langsamen Rückkehr des Transportsektors. Dennoch sind die Pläne für Kapitalinvestitionen in der Branche aktuell noch verhalten. Es bestehen Unsicherheiten über den zukünftigen Bedarf an fossilen Brennstoffen - auch wenn dieser möglicherweise unterschätzt wird - und den seit Jahren schleppenden Ausbau von Transportkapazitäten für Erdöl.

Rettungsschirm von Zentralbank und Regierung langsam eingeholt 

Der Leitzins der Bank of Canada steht seit März 2020 auf einem historischen Tief von 0,25 Prozent. Die Zentralbank beginnt die in der Krise gefahrene expansive Geldpolitik schrittweise zu reduzieren. Das ist ein klares Zeichen für genügend Liquidität im Finanzsystem, die insgesamt soliden Wachstumsaussichten und den steigenden Inflationsdruck. Erste Leitzinserhöhungen sind für April 2022 angekündigt.

Die kanadische Regierung stellt seit März 2020 umfangreiche Unterstützung für Unternehmen und Individuen bereit. Einige Programme sind Ende Oktober ausgelaufen. Andere werden reduziert, branchenabhängig weitergeführt und genauer auf die Bedürfnisse zugeschnitten. Eine Zusammenfassung der konkreten Maßnahmen der Regierung in der Coronakrise finden Sie hier.

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