Branchen | Kolumbien | Erneuerbare Energien
Kolumbien braucht dringend mehr Solar- und Windenergie
Das Klimaphänomen El Niño könnte Kolumbien 2026 besonders stark treffen und die Wasserkraft beeinträchtigen. Daher müssen dringend neue Energiequellen her.
23.06.2026
Von Janosch Siepen | Mexiko-Stadt
Kolumbien muss seine Energieversorgung ausbauen. Dies geht aus einem Bericht der staatlichen Finanzkontrollbehörde (Contraloría General) hervor. In der Untersuchung von Mitte März warnt die Behörde, dass mittelfristig mit Stromrationierungen und steigenden Preisen im Energiesektor gerechnet werden müsse. Grund dafür seien sinkende Öl- und Gasreserven, die Abhängigkeit von Flüssiggasimporten, regulatorische Hindernisse und Verzögerungen bei Schlüsselprojekten.
Hinzu kommt das Klimaphänomen El Niño, das in Kolumbien regelmäßig zu Dürren führt und 2026 die Wasserkraft beeinträchtigen dürfte, die für rund 70 Prozent des Strommixes steht. Wichtig sind deshalb mehr Investitionen in alternative Energiequellen, darunter Solar- und Windkraft. Das bietet ein interessantes Panorama für deutsche Anbieter entsprechender Technologien.
SOHE: Aus der HÜ sollte hervorgehen, dass wir hier Projektinfos abbilden. Bitte noche ergänzen.
Solarenergie ist wichtiges Zugpferd
Kolumbien erreichte 2025 einen wichtigen Meilenstein: Erstmals war die Stromerzeugung aus Solarkraft höher als die aus Kohlekraft. Ende April 2026 befanden sich 3.335 Megawatt Solarenergie im Betrieb oder in Testphasen, so Zahlen des Verbundnetzbetreibers XM. Laut dem Branchenverband SER wird Kolumbien 2026 mit einer installierten Kapazität von 4,2 Gigawatt an erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) abschließen. Im 1. Halbjahr 2026 gehen Großprojekte im Wert von rund 900 Millionen US‑Dollar (US$) in die Umsetzungsphase, darunter der Solarpark Tamarino des deutschen Entwicklers Ib Vogt.
| Unternehmen | Segment | Kurzbeschreibung |
|---|---|---|
| Nordex | Windenergie | 224,5 MW verkaufter Onshore-Windleistung; außerdem Auftrag über 41 Turbinen in La Guajira |
| ABO Energy | Solarenergie und Projektentwicklung | Büro in Medellin; treibt in Ostkolumbien zwei geplante Solarprojekte mit einer kombinierten Leistung von 220 MW voran (El Gabán und El Gabán II, insgesamt: etwa 255 Mio. US$). |
| BayWa r.e. | Handel von Solartechnik und Projektentwicklung | Betreibt seit 2023 ein Solar-Distributionszentrums in Medellín. |
| SOWITEC | Solar-und Wind-Projektentwicklung | mehrere Wind- und Solarprojekte in Entwicklung |
| Siemens Energy | Ausrüstung, Transmission, grüner Wasserstoff, Infrastruktur für erneuerbare Energie | Portfolio mit erneuerbarer und wasserstoffbezogener Energietechnik |
| Voith Hydro | Wasserkraft | Beteiligung bei Wasserkraftprojekten |
| SMA Solar Technology | Photovoltaik und Wechselrichter | Zusammenarbeit mit lokalen Vertriebspartnern |
| ENERTRAG | Wasserstoff, Power-to-X, Projektentwicklung | Partner für EE- und Wasserstofflösungen in Kolumbien |
| Viridi / Viridi RE | Grüner Wasserstoff, Methanol und Solar | Projekte zu E-Methanol und grünem Wasserstoff in Kolumbien |
| Colibri Energy | Projektentwicklung (Solar- und Windenergie sowie Wasserstoff) | Arbeitet an Solar-, Wind- und Wasserstoffprojekten. |
| NOTUS Energy | Projektentwicklung | Niederlassung in Bogotá (Wind- und Solarprojekte) |
| ib vogt | Projektentwicklung, vor allem Solarenergie | Plant in Antioquia das Photovoltaik-Großprojekt Tamarino Solar (200 MW, rund 208 Mio. US$). |
Dezentrale Stromerzeugung gewinnt an Bedeutung
Die dezentrale Stromerzeugung spielt eine immer wichtigere Rolle in Kolumbien. "Rund 30 Prozent der neu installierten erneuerbaren Erzeugungskapazitäten bis Ende 2026 entfallen auf dezentrale Lösungen wie Minigrids und Eigenversorgungssysteme", sagt Alexandra Hernández, Präsidentin von SER.
Gerade in entlegenen Regionen setzt die Regierung auf dezentrale Versorgungsmodelle. Im Rahmen der Strategie für sogenannte "Energy Communities" sollen lokale Akteure künftig stärker einbezogen und zur Eigenstromerzeugung befähigt werden. Dadurch entstehen auch Kooperations- und Absatzchancen für den Privatsektor. Das Programm Colombia Solar ersetzt klassische Stromsubventionen für einkommensschwache Haushalte weitgehend durch die Förderung von Aufdachanlagen. In einer ersten Ausbaustufe sollen bis 2030 mehr als 560.000 Haushalte in 13 Bundesstaaten ausgestattet werden. Kostenpunkt: über 1 Milliarde US$.
Eine wichtige regulatorische Maßnahme ist außerdem Resolution 101099 von 2026, die kommerzielle, technische und betriebliche Aspekte der Eigenerzeugung regelt. Für Unternehmen, die Energie für den Eigenbedarf erzeugen wollen, wird die Nutzung von dezentraler erneuerbarer Energie dadurch erleichtert.
Umfeld für Windenergie könnte sich aufhellen
Das Geschäftsumfeld für Windkraft in Kolumbien war bislang herausfordernd. Prominente Firmen haben sich aus dem Markt zurückgezogen und gaben Projekte auf. Eine Ausschreibung für Offshorewind erhielt nur ein einziges Gebot. Doch nun gibt es Hoffnung auf eine Trendwende:
- Im März 2026 erhielt das Unternehmen Celsia die Umweltlizenz für ein neues Projekt (150 Megawatt) im Bundesstaat La Guajira.
- Das Staatsunternehmen Ecopetrol gab Ende 2025 das Kapital für sein Windpeshi-Projekt in La Guajira frei.
- Das US-Unternehmen AES reichte eine Umweltstudie für sein Projekt JK4 ein; dieses soll Teil eines 1.100 Megawatt großen Windkomplexes in La Guajira werden.
"Erhebliche Chancen für erneuerbare Energien in Kolumbien"
Andrés Mauricio Rodríguez Torres ist Geschäftsführer der kolumbianischen Tochtergesellschaft von ABO ENERGY. ABO ENERGY ist ein weltweit tätiges Unternehmen für die Entwicklung und den Bau von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien mit einer Projektpipeline von über 34 Gigawatt. Der Hauptsitz befindet sich in Wiesbaden. Im Interview spricht er über die aktuellen Chancen und Herausforderungen der Branche.
Herr Rodríguez, wie bewerten Sie die aktuellen Marktchancen für erneuerbare Energien in Kolumbien?
Die Stromnachfrage wächst in Kolumbien seit Jahren deutlich schneller als das Angebot. Gleichzeitig kommt der Ausbau neuer Erzeugungskapazitäten nicht schnell genug voran. Daraus ergeben sich erhebliche Chancen für Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien. Mit Blick auf mögliche Versorgungsengpässe in den kommenden Jahren wird der Ausbau neuer Kapazitäten für jede künftige Regierung ein zentrales Thema sein.
Wo sehen Sie Chancen für deutsche Unternehmen?
Kolumbien steht bei der Energiewende noch an einem Punkt, den Europa bereits vor einigen Jahren durchlaufen hat. Deshalb besteht ein großer Bedarf an Know-how und Technologien zur Modernisierung der Netzinfrastruktur, zur Steigerung der Netzstabilität sowie bei Speicherlösungen und hybriden Projekten. Gerade in diesen Bereichen können deutsche Firmen ihre Erfahrungen einbringen.
Wie schätzen Sie das regulatorische Umfeld ein?
Es gab in den vergangenen Jahren mehrere politische Vorstöße, stärker in den Strommarkt einzugreifen. Gleichzeitig sehen wir aber, dass die institutionellen Kontrollmechanismen in Kolumbien funktionieren. Das schafft trotz mancher Unsicherheiten weiterhin Vertrauen in den Markt.
Welche Herausforderungen bremsen derzeit Investitionen?
Eine der größten Herausforderungen sind Verzögerungen bei Netzanschlüssen. Seit mehreren Jahren wurden keine neuen Netzanschlusspunkte vergeben. Dadurch können zahlreiche bereits entwickelte Projekte derzeit nicht weiter vorangetrieben werden, was Investitionen spürbar ausbremst.
Politische Maßnahmen sollen Ausbau ankurbeln
Im Schnitt brauchen Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien in Kolumbien immer noch drei bis sieben Jahre bis zum Betriebsbeginn. Rund 70 Prozent der Zeit entfallen auf bürokratische Prozesse, allen voran wegen der komplexen sozialen und ökologischen Anforderungen. Erleichterungen schaffen die Ende 2025 verabschiedeten Maßnahmen LAEólica und LASolar. Sie sollen dafür sorgen, dass Umweltlizenzen für Projekte zwischen 10 und 100 Megawatt schneller genehmigt werden.
| Bezeichnung | Anmerkung |
|---|---|
| ACOSOL – Asociación Colombiana de Energía Solar | Solarverband, der die Wertschöpfungskette der Solarenergie bündelt und die Verbreitung der Photovoltaik fördert. |
| ACOLGEN – Asociación Colombiana de Generadores de Energía Eléctrica | Verband der Stromerzeuger in Kolumbien; vertritt die Erzeugungsbranche und den nachhaltigen Strommarkt. |
| SER COLOMBIA – Asociación de Energías Renovables Colombia | Branchenverband für nicht-konventionelle erneuerbare Energien mit Fokus auf Diversifizierung der Energiematrix |
| Asociación Hidrógeno Colombia (H2 Colombia) | Branchenverband für Wasserstoff und seine Derivate als Energieträger und industrieller Rohstoff in Kolumbien |
| ANDI – Asociación Nacional de Empresarios de Colombia | Unternehmerverband mit energie- und industrierelevanten Fachkammern, unter anderem die Cámara de Hidrógeno y Gases Renovables ANDI–Naturgas |
Nach der Auktion für feste Energielieferungen während Dürreperioden (Obligaciones de Energía Firme) für Sonnen- und Windenergie Ende Mai 2026 soll im Juli eine neue Ausschreibung zur langfristigen Strombeschaffung für grüne Energie und Batteriespeicher (BESS/SAEB) folgen. "Für den Erfolg der geplanten Ausschreibung sind allerdings klare Rahmenbedingungen für entsprechende Vergütungsmechanismen entscheidend", sagt Hernández. Daran mangele es derzeit noch.
Das Jahr 2026 ist herausfordernd für den Sektor
Trotz verschiedener Initiativen sehen Branchenexperten weiterhin große Hürden bei der praktischen und finanzierbaren Umsetzung von Projekten. Dabei muss der private Projekttreiber beinahe das gesamte Risiko tragen. Gerade die komplizierten Absprachen mit lokalen Gemeinden und Soziallizenzen stellen große Hürden dar. Hinzu kommt die mangelhafte Übertragungsinfrastruktur, da oft unklar ist, wie Projekte an das Stromnetz angeschlossen werden können. Auch Änderungen der Regeln bei Vergütungstarifen seien ein Problem. In den letzten Jahren versuchte Kolumbiens Regierung immer wieder in Preismodelle und den regulatorischen Rahmen einzugreifen, um Kosten für den Verbraucher zu senken. Branchenvertreter kritisieren solche Eingriffe, da sie das Vertrauen von Investoren und die Rentabilität von Projekten in Frage stellen. Versuche, Abgaben für Energieerzeuger zu erhöhen, scheiterten allerdings vor dem Verfassungsgericht.
Die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien Mitte 2026 bremsen Investitionen im Sektor derzeit zusätzlich. Vor allem Investoren mit Projekten im Frühstadium warten ab. "Die Privatinvestitionen im Sektor befinden sich derzeit in einer Phase der Verlangsamung. Dafür sind vor allem die politische Unsicherheit im Wahljahr, Engpässe beim Netzausbau und langwierige Projektentwicklungen verantwortlich", sagt SER-Präsidentin Hernández. "Kolumbien galt lange als einer der attraktivsten Märkte für Energieinvestitionen in der Region. Heute sehen Investoren deutlich mehr Unsicherheiten hinsichtlich Regulierung, Fiskalpolitik und Projektlaufzeiten."
| Datum | Bezeichnung | Kurzbeschreibung | Website und Kontakt |
|---|---|---|---|
| 25.06.2026 | Con MiEnergía – Congreso de los clientes industriales, comerciales y residenciales de energía | Praxiskongress für industrielle, gewerbliche und private Energiekunden mit Fokus darauf, Energiekosten zu senken, Chancen im Energiemarkt zu nutzen, Risiken zu verstehen und Energie effizienter zu managen. | https://fise.co/todos-los-eventos/ |
| 01.07.2026 | Exportinitiative Energie: Biogas und Photovoltaik in Kolumbien | Webinar zu Biogas und Photovoltaik als dezentrale Energiequellen für Industrie und den Agrarsektor in Kolumbien | Maria Sasse, sasse@german-energy-solutions.de |
| 01.07.2026 | Mesa Transición Energética: Solar y eólica en Colombia | Fachsitzung zu Solar- und Windenergie in Kolumbien | https://www.ahk-colombia.com/de info@ahk-colombia.com |
| 30.09.2026 | Mesa Transición Energética: Almacenamiento energético y redes inteligentes | Fachsitzung zu Energiespeicherung und Stromnetzen | https://www.ahk-colombia.com/de info@ahk-colombia.com |
| 01.10 - 02.10.2026 | 2° Congreso Almacenamiento de Energía | Fachkongress in Medellín, der Energiespeicherung als nationale und regionale Priorität positioniert und zentrale Akteure des Speichersegments zusammenbringt. | https://fise.co/todos-los-eventos/ |
| 26.10. - 30.10.2026 | Exportinitative Energie: Biogas und Photovoltaik in Kolumbien | Geschäftsreise nach Bogotá und Cali zu Biogas und Photovoltaik als dezentrale Energiequellen für Industrie und Agrarsektor in Kolumbien | Maria Sasse, sasse@german-energy-solutions.de |
| 28.10 - 30.10.2026 | ExpoSolar Colombia 2026 | Internationale Fachmesse für Solarenergie, Photovoltaik, Speichertechnologie, Energieeffizienz und nachhaltige Energielösungen | https://www.feriaexposolar.com/ |