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Special | Litauen | Wasserstoff

Industrie fordert mehr staatliche Unterstützung

Erste Wasserstoffprojekte gibt es in Litauen bereits. Aus Sicht der Unternehmen stockt die weitere Entwicklung bisher aufgrund mangelnder öffentlicher Förderung. 

Von Niklas Becker | Helsinki

In absehbarer Zeit soll in Litauen erstmals grüner Wasserstoff in das heimische Gasnetz eingespeist werden. Ein im Rahmen der Nationalen Strategie zur Energieunabhängigkeit (Nacionalinėje energetinės nepriklausomybės strategijoje) initiiertes Pilotprojekt soll 2024 mit der Produktion von grünem Wasserstoff beginnen. Im Sommer 2021 unterzeichneten der staatliche Gasfernleitungsnetzbetreiber Amber Grid, das staatliche Strom- und Gasversorgungsunternehmen Energijos skirstymo operatorius (ESO) und SG dujos Auto (plant, baut und betreibt Erdgasverdichterstationen) die entsprechende Kooperationsvereinbarung zur Entwicklung von Power-to-Gas (P2G)-Wasserstofftechnologien. 

Es soll ermittelt werden, wie das bestehende Gassystem für den Transport von grünem Wasserstoff angepasst werden muss. Zudem ist geplant, Elektrolyseanlagen zur Wasserstofferzeugung mit Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien und mit dem Gasübertragungs- und -verteilungssystem zu verbinden. Das durch Elektrolyse in der P2G-Anlage erzeugte Wasserstoffgas soll dann in verschiedenen Anteilen mit Erdgas gemischt und zu den Verbrauchern transportiert werden.

Die Kooperationsvereinbarung sieht vor, dass SG dujos Auto eine P2G-Anlage zur Herstellung von Wasserstoff im Südosten Litauens installiert. Amber Grid wird sein Gastransportsystem mit Anlagen zur Mischung von Wasserstoff und Erdgas, einem Hub für die Einspeisung des grünen Wasserstoffs und Überwachungssystemen ausstatten. ESO wird sich an der Bewertung der Auswirkungen eines solchen Gasmix auf das Gasverteilungssystem und die Verbraucher beteiligen. 

Industrie fordert mehr Unterstützung

Die litauische staatliche Gruppe von Energieübertragungs- und -austauschunternehmen EPSO-G geht davon aus, dass das bestehende Gasfernleitungsnetz, das von ihrer Tochtergesellschaft Amber Grid betrieben wird, zum Hauptnetz für den Transport von grünem Wasserstoffgas werden wird. Amber Grid ist Mitglied der im Sommer 2021 gegründeten Hydrogen Baltic Coordination Group (H2BCG). Zusammen mit den Betreibern der Gasfernleitungsnetze in Finnland, Estland und Lettland soll die Integration der Wasserstofftechnologie in die bestehende Gasinfrastruktur untersucht werden.

Der Einschätzung von Amber Grid, dass die Entwicklung des litauischen Wasserstoffsektors noch in den Anfängen steckt und es noch gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird, bis diese an Fahrt aufnimmt, widerspricht die Industrie. Vidmantas Janulevičius, Präsident des Industriellenverbands Litauens (Lietuvos pramonininkų konfederacijos), sagte im Gespräch mit der Tageszeitung Verslo žinios, dass die Produzenten das Potenzial erkannt haben. Der Privatsektor sei zudem bereit, in Projekte zu investieren. Diese seien ohne staatliche Unterstützung aber nicht umsetzbar. Der Wirtschaftsvertreter fordert daher, dass die Förderung für den litauischen Wasserstoffsektor beschleunigt wird. 

Know-how für die Produktion von Wasserstoff ist laut Janulevičius bereits vorhanden. Orlen Lietuva und Achema produzieren demnach beispielsweise bereits Wasserstoff durch Elektrolyse und verwenden diesen für ihre chemischen Produktionsprozesse. Ein weiteres Beispiel für die Bereitschaft der Industrie, zur Entwicklung des litauischen Wasserstoffsektors beizutragen, sei die Firma BIO2LT. Das im Frühjahr 2021 gegründete Unternehmen möchte in der Nähe von Vilnius Wasserstoff aus erneuerbaren Energiequellen und Biomethananlagen gewinnen. Spätestens 2022 soll mit dem Bau einer entsprechenden Anlage begonnen werden. Ende 2022 will BIO2LT mit der Testproduktion beginnen. Die Investitionen dürften sich auf rund 10 Millionen Euro belaufen. 

Wasserstofftechnologien in Litauens Klimaplan

Um die Energie- und Klimaziele der Europäischen Union (EU) für 2030 zu erreichen, mussten die Mitgliedsstaaten sogenannte nationale Energie- und Klimapläne (NECP) für die Jahre 2021 bis 2030 vorlegen. Die beiden Unternehmensberater Ludwig-Bölkow-Systemtechnik und Trinomics haben im Auftrag der Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking (FCH JU) die Rolle von Wasserstoff in den NECP analysiert. In den Studien wurden auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie Wasserstofftechnologien zur effektiven und effizienten Erreichung der Klima- und Energieziele 2030 der EU und ihrer Mitgliedstaaten beitragen können. FCH JU ist eine öffentlich-private Partnerschaft, welche die Forschung und technologische Entwicklung im Bereich der Brennstoffzellen- und Wasserstofftechnologien in Europa unterstützt. Zu den Mitgliedern gehört unter anderem die Europäische Kommission. 

In der litauischen Studie stellen die Autoren heraus, dass die baltische Volkswirtschaft über ein günstiges Umfeld für den Einsatz von Wasserstoff aus erneuerbaren Energieträgern - vor allem im Verkehrssektor - verfügt. Zudem werden zwei Szenarien (hohes und niedriges) für die Entwicklung der Wasserstoffnachfrage bis 2030 modelliert. Litauens Treibhausgasemission soll bis 2030 um 3 Millionen Tonnen CO2 gegenüber 2015 reduziert werden. Der Einsatz von Wasserstoff soll laut Studie je nach Szenario 33 beziehungsweise 203 Kilotonnen CO2 zu diesem Ziel beitragen. Das entspricht 1 und 6 Prozent der erforderlichen Emissionsreduzierung. 

Ergebnisse und Auswirkungen durch den Einsatz von Wasserstoff in Litauen bis 2030

Niedriges Szenario

Hohes Szenario

Elektrolyseur (installierte Leistung in Megawatt)

40

280

Onshore Wind (installierte Leistung in Megawatt) 

70

510

Offshore Wind (installierte Leistung in Megawatt)

1

7

Solar (installierte Leistung in Megawatt)

3

23

Tankstellen (Anzahl in Stück)

7

16

Lkw (Anzahl in Stück)

0

280

Busse (Anzahl in Stück)

0

40

Züge (Anzahl in Stück)

4

18

Pkw (Anzahl in Stück)

3.600

7.300

Geschaffene Jobs

570

3.740

Quelle: FCH JU

Um den in den Szenarien geschätzten Bedarf durch Elektrolyse gewonnenen grünen Wasserstoff zu decken, müssen in Litauen 0,1 bis 0,5 Gigawatt dedizierter erneuerbarer Stromquellen installiert werden. Trotzdem müsste 2030 in beiden Szenarien noch ein Teil des Wasserstoffbedarfs durch fossilen Wasserstoff, der durch Dampf-Methan-Reformierung fossiler Brennstoffe erzeugt wird, gedeckt werden. Die jährlichen Kosten für die Erzeugung von grünem Wasserstoff (inklusive der Kosten für die erneuerbaren Stromquellen), für die Entwicklung und Anpassung der Verkehrsinfrastruktur sowie für die Endnutzeranwendungen würden sich laut Studie je nach Szenario auf 18 beziehungsweise 110 Millionen Euro belaufen. 

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