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Marokko als Produktions- und Exporthub für die Pharmaindustrie

Die deutsche Pharmaindustrie bleibt mit einem Lieferanteil von unter 10 Prozent an Marokkos Pharmamarkt unter ihrem Potenzial. Zumal jedes Jahr mehr Geld für Arzneimittel fließt.

Von Ullrich Umann | Casablanca

Ausblick der Pharmaindustrie in Marokko

Bewertung:

  • Ausweitung der gesetzlichen Krankenversicherung und moderne Therapien vergrößern Nachfrage nach Arzneimitteln.
  • Steigende Energie- und Transportkosten verringern die Margen in der Produktion und im Pharmahandel.
  • Zulassungs- und Kontrollmechanismen für Arzneimittel werden digital und verschärfen sich.

Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: Juni 2026

Markttrends

Das Volumen des Pharmamarktes lag 2025 laut Statistikbehörde HCP bei 27,8 Milliarden Dirham, was 2,75 Milliarden Euro entspricht. Im Jahr zuvor belief es sich auf 25,9 Milliarden Dirham, entsprechend circa 2,5 Milliarden Euro. Zur Entwicklung trugen die Ausweitung der obligatorischen Krankenversicherung sowie steigende Pro‑Kopf‑Ausgaben infolge moderner Therapieformen bei. Im laufenden Jahr 2026 bleibt die Nachfrageentwicklung strukturell stabil, wird jedoch von zunehmendem Kostendruck begleitet.

Für deutsche Pharmahersteller stellt das wachsende Marktvolumen ein positives Signal dar.
Derzeit sind in Marokko dauerhaft nur Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck als deutsche Pharmahersteller tätig. Weitere deutsche Unternehmen mit Interesse am Marktzugang können zwischen drei Vorgehensweisen wählen. Dazu zählen der Export hochwertiger Fertigarzneimittel in Eigenregie, der Export mit lokalen Vertriebspartnern sowie die Vergabe von Produktionsaufträgen an etablierte marokkanische Labore. Für die Errichtung einer eigenen Produktionsniederlassung ist der marokkanische Markt gegenwärtig noch zu klein.

Im Vertrieb können deutsche Anbieter auf Basis der bestehenden Marktstruktur mit innovativen Spezialpräparaten punkten. Dazu zählen Biologika, Onkologika, kardiometabolische Therapien sowie Krankenhausprodukte. Zusätzliche Absatzchancen bestehen bei Wirkstoffen, Hilfsstoffen und prozessrelevanten Chemikalien. In diesen Bereichen ist die lokale Industrie importabhängig.

Lokale Produktion erhält politische Rückendeckung

Die marokkanische Regierung und die lokale Wirtschaft bevorzugen gegenüber Arzneimittelimporten die Übernahme von Produktionsaufträgen durch marokkanische Labore. Für die Vergabe von Produktionsaufträgen durch deutsche Hersteller spricht, dass im regulatorischen Umfeld häufig eine physische Präsenz und/oder eine lokale Kooperationsstruktur erforderlich ist. Mit einem marokkanischen Partner wäre diese Anforderung erfüllt.

Hersteller sind gesetzlich verpflichtet, zunächst die Inlandsversorgung mit pharmazeutischen Produkten sicherzustellen, bevor sie exportieren dürfen. Aus diesem Grund halten Pharmalabore Sicherheitsbestände vor. Kurzfristige Exportmöglichkeiten sind bei bestimmten Produktnomenklaturen daher zunächst beschränkt. Gleichzeitig erweisen sich die inländischen Lieferketten als stabiler und verlässlicher.

Zudem sinken für deutsche Hersteller bei der Vergabe von Produktionsaufträgen an lokale Labore die regulatorischen Hürden. Diese verfügen über die notwendigen Lizenzen und Konzessionen zur Herstellung und zum Verkauf vor Ort. Produktionsmengen, die über den lokalen Bedarf hinausgehen, können mithilfe lokaler Partner leichter in andere afrikanische Länder ausgeführt werden. Die Partner verfügen in der Regel über geeignete Vertriebsschienen für den Export in Richtung Süden.

Marokko hat sich daher nicht nur zu einem bedeutenden regionalen Produktionsstandort entwickelt, sondern inzwischen auch zu einem Exporthub. Von dort aus werden Lieferungen sowohl nach Europa als auch nach Afrika abgewickelt. Da die Absatzmärkte in Subsahara‑Afrika regulatorisch stark fragmentiert sind und jeweils eigene Zulassungsverfahren aufweisen, sollten deutsche Pharmafirmen bei deren Erschließung auf die Erfahrungen marokkanischer Partner zurückgreifen. Dies spart Zeit und vermeidet unnötige Ausgaben.

Ausgewählte Investitionsprojekte in der Pharmaindustrie in Marokko

Unternehmen 

Herkunft 

Projekt / Maßnahme 

Investitionsvolumen 

Standort 

Zeitrahmen 

Status / Beschreibung 

Cannablanca 

Marokko 

Bau der ersten pharmazeutischen Cannabis-Produktionsanlage 

14,5 Mio. Euro 

Chefchaouen 

Fertigstellung bis Ende 2026 

Erste GMP-konforme Anlage zur medizinischen Cannabisverarbeitung; Einstieg in globalen Nischenmarkt  

Cooper Pharma + Jemincare 

Marokko / China 

Joint Venture für F&E und Ausbau pharmazeutischer Produktion 

20 Mio. Euro 

Casablanca / Rabat 

seit 2025 

Technologietransfer, neue Produktionslinien, Stärkung lokaler Innovation  

Cooper Pharma + Jemincare (Erweiterung) 

Marokko / China 

Ausbau von Produktionskapazitäten (Linien, Industriekapazität) 

k.A. (Erweiterungsinvestition) 

Casablanca 

2025–2026 

Kapazitätserhöhung für regionale Exportmärkte (Afrika/MENA)  

Sothema 

Marokko 

Akquisition Soludia (Dialyseprodukte) + industrielle Erweiterung 

Unternehmenswert von 100 Mio. Euro

landesweit 

Abschluss 2025, Integration 2026 

Ausbau im Segment Dialyse/MedTech, Stärkung Exportposition  

Sothema + Sinopharm (frühere Vereinbarung, Umsetzung laufend) 

Marokko / China 

Impfstoffproduktion (Benslimane) 

k.A.

Benslimane 

Aufbauphase bis Mitte der 2020er 

Teil der Strategie zur lokalen Impfstoffproduktion und Gesundheits­souveränität

Sanofi + Marbio 

Frankreich / Marokko 

Partnerschaft zum Aufbau von Impfstoffproduktion 

k.A.

Benslimane 

Vereinbarung 2025, Umsetzung 2026

Lokalisierung von Impfstofffertigung und Technologietransfer  

Dislog Group (MedTech/Pharma Distribution) 

Marokko 

Serien von Akquisitionen und Aufbau integrierter Wertschöpfung 

k.A.

landesweit 

seit 2024–2026 

Ausbau entlang der gesamten Gesundheitswertschöpfungskette  

Private Equity / ATLAVEST & weitere Investoren 

Marokko / international 

Finanzierungen (IPO, Kapitalerhöhungen, HealthTech) 

k.A.

national 

2025–2026 

Zunehmende Finanzinvestitionen und Konsolidierung des Sektors  

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest, lokale Presse 2026

Branchenstruktur und Rahmenbedingungen

Die marokkanische Pharmaindustrie ist im regionalen Vergleich gut bis sehr gut entwickelt.
Insgesamt 56 industrielle Fertigungsbetriebe decken ein breites Spektrum an Darreichungsformen ab und arbeiten mit internationalen Partnern zusammen. Führende Hersteller wie Sothema bieten bereits maßgeschneiderte Lohnfertigungsverfahren an. Ein weiterer Hersteller, Cooper Pharma, produziert ebenfalls in Lizenz für multinationale Unternehmen und verfolgt eine aktive Exportstrategie. Maphar übernimmt als integrierter Dienstleister Funktionen von der Registrierung bis zur Distribution. Das Unternehmen positioniert sich für ausländische Kooperationspartner als "One‑stop"-Partner für den Marktzugang. Weitere lokale Produzenten wie Pharma 5, Laprophan, Genpharma oder Afric‑Phar bedienen Segmente des Generika‑ und Massenmarktes.

Die Kooperationsmöglichkeiten reichen vom Contract Manufacturing bis zur Vertriebsübernahme durch marokkanische Partner. Mehr als 60 Großhändler beliefern zusammen über 14.000 marokkanische Apotheken. Für deutsche Anbieter können diese Großhändler bei Vertriebsaufnahme die Marktpenetration beschleunigen.

Die regulatorische Landschaft befindet sich im Umbau. Mit der neu geschaffenen Arzneimittelbehörde AMMPS werden die Verfahren vereinheitlicht und digitalisiert. Gleichzeitig verschärfen sich die Anforderungen an Pharmakovigilanz, Lieferfähigkeit und Dokumentation.
Diese Entwicklung ist für deutsche Pharmahersteller vorteilhaft. Produktqualität der Wirkstoffe, Compliance und stabile Lieferketten erhalten ein höheres Gewicht. Zugleich entstehen zusätzliche Pflichten, etwa bei Auditierung, Chargendokumentation und Abweichungsmanagement.