Interview | Pakistan | Start-ups
"Wir sitzen in der Goldmine und überlassen anderen den Abbau"
Pakistans Lieferdienste und E-Commerce kamen auch mit deutscher Hilfe in Gang. Hier erklärt ein führender Startup-Unternehmer, warum fast nur ausländische Start-ups Erfolg haben.
22.12.2025
Von Ulrich Binkert | Bonn
Arzish Azam empfängt zum Gespräch in einem Feld auf dem Gelände der Universität Punjab. Das Feld ist ein neues Investment des Mannes, der Pakistans größtes Tech-Event "Future Fest" organisiert und als wichtigste Figur in der Startup-Szene des Landes gilt. Diese Szene sieht der 28-jährige Azam aber kritisch. Deutsche Firmen hätten dort aber eine positive Rolle gespielt. Zunächst aber gibt es Tee sowie Kaffee für den Gast aus Deutschland, standesgemäß angeliefert von einem Lieferservice per Moped.
Herr Azam, diese "foodpandas" von eben sieht man ja überall.
Ja, bei den Essenslieferdiensten sind sie praktisch Monopolist. Das ist eine Gründung von Rocket Internet aus Deutschland und gehört inzwischen zur ebenfalls deutschen Delivery Hero. Rocket war als Gründer von Daraz 2012 auch der wesentliche Initiator des E-Commerce in Pakistan. Daraz beherrscht heute etwa zwei Drittel des gesamten E-Commerce in Pakistan. Die Firma gehört allerdings seit 2018 zu Alibaba aus China. Amazon ist in Pakistan nicht aktiv.
Stecken deutsche Firmen auch hinter den Fahrdiensten, die mich hier durch die Städte kutschieren?
Nein, das ist ein faktisches Duopol in russischer Hand: InDrive, die vermutlich den etwas größeren Anteil haben, und Yango, die vor zwei Jahren hinzukamen und Yandex, dem "russischen Google", gehören. Auch hier gibt es keinen US-Service mehr, wie zum Beispiel Uber.
Spielten pakistanische Startups keine Rolle bei alledem?
Doch, das sind aber Ausnahmen geblieben: Eat Oye brachte den hiesigen Markt für Essenslieferdienste mit in Gang und war dabei so erfolgreich, dass foodpanda den Konkurrenten für viel Geld aufkaufte – die klassische Erfolgsgeschichte. Den Fahrdienstmarkt hat neben Uber maßgeblich das Startup Careem in Gang gebracht, das später für 3 Milliarden US-Dollar (US$) von Uber gekauft wurde. Careem wurde von einem Pakistaner mitgegründet und entwickelte seine Software maßgeblich in Pakistan, saß aber in Dubai.
Passt das pakistanische Ökosystem nicht für die Gründung von Startups?
Doch, eigentlich schon. Pakistanische Startups sind in den letzten zehn, fünfzehn Jahren aber klein geblieben. Es gibt kaum eine pakistanische Erfolgsstory, kein lokales Facebook oder TikTok. Bei allen gängigen Diensten haben ausländische Firmen den Markt übernommen. Wir sitzen in der Goldmine und überlassen den anderen den Abbau.
Die Ausländer bringen das nötige Kapital und Know-how mit?
Ja. Für sie ist Pakistan damit eine super Gelegenheit, um einen Markt aufzubauen und zu beherrschen. Manche tun dies sogar vom Ausland aus, so wie die Russen: InDrive hat in Pakistan vielleicht fünf Leute sitzen und Yango 15. Ansonsten wird die Firma und deren zigtausend Fahrer aber von außen gemanagt. Üblicherweise tun sich ausländische Gründer aber mit vielversprechenden pakistanischen Startups zusammen, die das Gespür dafür haben, was der Markt braucht.
Das raten Sie auch deutschen Investoren in Pakistans Startups-Szene?
Ja. Ein vielversprechender Kandidat wäre Trax, ein Logistik-Startup mit inzwischen 3.000 Leuten. Die haben in Pakistan 3,7 Millionen US$ eingesammelt haben und suchen weiter Geld. Ansonsten jedoch sehe ich aktuell kaum interessante Partner. Gründer tun sich schwer: Die naheliegenden Geschäftsfelder sind inzwischen alle schon besetzt. Und wer wirklich gut ist, geht ins Ausland.
Wieso schaffen pakistanische Start-ups im eigenen Land nicht den Durchbruch?
Zum Erfolg braucht es sowohl Kapital, Know-how und Verbindungen als auch Findigkeit und den nötigen Biss. In Pakistan gibt es kaum Leute, die diese Schnittmenge ausfüllen.
Die Eliten haben Geld, scheuen aber das Risko und kaufen weiterhin Land?
So in etwa. Deren Kinder wiederum, meist im Ausland geschult, haben zwar Geld, Wissen und die Verbindungen, aber keiner von denen hat in Pakistan eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Die bewegen sich nur in ihren etablierten Kreisen. Keiner geht Pakistans drängende Probleme an – mit deren Lösung sich ja Geld verdienen ließe. Sie investieren also in die falschen Geschäfte. Ich kenne keine einzige Innovation aus Pakistan, die einen Markt begründet hätte, so wie der kenianische Bezahldienst M-Pesa oder einige Startups in Indien oder Nigeria.
Und die Hungrigen aus der pakistanischen Realität haben keine Mittel?
So ist es, und sie bekommen hier wegen der Risikoaversion der Besitzenden auch keine. Die Startup-Szene kann so bei weitem nicht die Möglichkeiten nutzen, die das Internet und all die neuen Technologien eigentlich ermöglichen. Dabei könnten sie hier besonders viel bewegen, in diesem völlig verkrusteten Land mit seinem unfairen ökonomischen System, in dem vor allem zählt, aus welcher Familie man kommt. Ich befasse mich seit einem Jahr intensiv mit der Landwirtschaft, kann Ihnen aber kein einziges erfolgversprechendes Agrar-Startup nennen. Dabei ist sie doch die Lebensgrundlage der meisten Pakistanis.
Haben Sie deshalb in diese Felder hier investiert?
Ja. In der Landwirtschaft zeigen sich die Ungerechtigkeit und Ineffizienz unseres Systems und auch die Fehlentwicklungen der Startup-Szene. Der Großteil der Bauern ist ungebildet und wird ausgebeutet: von Firmen, die eigentlich ihre Partner sein sollten, die ihnen aber nur Dünger, Pestizide und andere Produkte verkaufen wollen, die Getreide mahlen oder Zuckerrohr raffinieren. Solche Firmen bilden das exklusive Feld, in denen pakistanische "Agrar"-Startups tätig werden. Die wären besser dort, wo es richtig brennt, also bei den Bauern selbst.
Wie läuft denn Ihr Betrieb hier?
Gut, es macht Spaß. Wir haben hier von Anfang an Geld verdient. Und das mit konsequent biologisch angebauten Produkten, für die wir nicht mal höhere Preise als für konventionelle Erzeugnisse verlangen. Es macht viel Arbeit, aber die ist hier in Pakistan ja so preiswert. Und die Ware wird uns aus den Händen gerissen. Pakistans Feldfrüchte, Obst und Gemüse sind oft schlecht und stark mit Chemikalien belastet. In einer 15-Millionen-Stadt wie Lahore gibt es eine riesige, ungedeckte Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln.