Ein Abrechnungsskandal erhöht den Druck auf Polens Gesundheitswesen, Kosten zu senken. Die Nachfrage nach moderner Medizintechnik bleibt dennoch hoch, auch dank EU-Fördergeldern.
Polens Gesundheitswesen erlebt turbulente Zeiten. Nachdem ein Arzt im Städtischen Südkrankenhaus in Warschau mutmaßlich überhöhte Arbeitszeiten abgerechnet haben soll, ist eine landesweite Debatte über schärfere Kontrollen in medizinischen Einrichtungen entbrannt. Das Gesundheitsministerium reagiert mit Reformplänen.
So will die Regierung Gehaltsobergrenzen für Ärzte einführen, die auf freiberuflicher Vertragsbasis mit öffentlichen Gesundheitseinrichtungen zusammenarbeiten. Zudem will das Gesundheitsministerium den Anteil der Personalkosten an den Gesamtausgaben von Krankenhäusern deckeln. Nach Angaben von Gesundheitsministerin Jolanta Sobierańska-Grenda entfallen in einzelnen Einrichtungen bereits mehr als 80 Prozent der Kosten auf das Personal. Das Ministerium empfiehlt 60 Prozent.
Diskussionen über Personalkosten sorgen einerseits für Unsicherheit im Gesundheitswesen. Andererseits beschleunigen sie die Digitalisierung. Um Manipulationen bei der Terminvergabe zu verhindern, will das Gesundheitsministerium digitale Lösungen schneller einführen als ursprünglich geplant. Im Fokus steht dabei die elektronische Vergabe von Arztterminen. Sie ist seit Januar 2026 verpflichtend für Einrichtungen, die Leistungen in den Bereichen Kardiologie, Mammographie und Zytologie erbringen. Bis Ende 2027 soll das System auf insgesamt 39 Fachrichtungen anwachsen. Das wäre zwei Jahre früher als bisher vorgesehen.
Kürzungen bei Diagnoseleistungen
Doch auch unabhängig von aktuellen Skandalen steigt der Kostendruck im polnischen Gesundheitswesen. Die gesetzliche Krankenversicherung NFZ verweist auf die wachsenden Ausgaben für ambulante fachärztliche Diagnostik. Deutlich gestiegen seien die Kosten für Computertomographien, Magnetresonanztomographien, Koloskopien und Gastroskopien. Als Reaktion hat NFZ in diesen vier Verfahren die Vergütung von Leistungen geändert, die über die vertraglich vereinbarten Mengen hinausgehen.
Seit dem 1. April 2026 zahlt NFZ den medizinischen Einrichtungen für zusätzliche Behandlungen nur noch 50 bis 60 Prozent des regulären Satzes. Zudem können Krankenhäuser und Praxen diese Zusatzleistungen erst nach Ablauf des Kalenderjahres abrechnen.
Damit sinkt für medizinische Einrichtungen der wirtschaftliche Anreiz, Untersuchungen über die vertraglich vereinbarten Mengen hinaus durchzuführen. Dies könnte die Investitionsbereitschaft einzelner Anbieter dämpfen und die Nachfrage nach Medizintechnik beeinträchtigen.
Krankenhäuser ändern ihr Profil
Zusätzliche Einsparungen verspricht sich das Gesundheitsministerium von der Krankenhausreform, die im 3. Quartal 2025 in Kraft trat. Krankenhäuser können mit Zustimmung von NFZ ihre Leistungsprofile anpassen. So dürfen nahegelegene Einrichtungen beispielsweise Stationen zusammenlegen oder bestimmte stationäre Leistungen in tageschirurgische Behandlungen umwandeln. Ziel ist es, die Verweildauer von Patienten zu verkürzen.
Erste Umstrukturierungen sind bereits sichtbar. Laut einem Bericht der Tageszeitung Rzeczpospolita vom Juni 2026 haben unter anderem Krankenhäuser in den Woiwodschaften Śląskie, Dolnośląskie und Wielkopolskie entsprechende Anträge eingereicht. Betroffen sind auch Geburtsstationen. In Regionen mit niedrigen Geburtenzahlen beantragen Krankenhäuser die Schließung oder Umwandlung solcher Abteilungen.
Chancen in einem anspruchsvollen Markt
Trotz der Kostendiskussion investieren Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen weiterhin in ihre Ausstattung. Möglich wird dies durch EU-Fördermittel. Nach Angaben der polnischen Regierung erhielten medizinische Einrichtungen bis März 2026 rund 4,1 Milliarden Euro aus dem europäischen Corona-Wiederaufbaufonds KPO. Investitionen des Gesundheitsministeriums in die Digitalisierung sind dabei noch nicht berücksichtigt.
4,9
Milliarden Euro
prognostiziertes Marktvolumen für Medizintechnik in Polen im Jahr 2026 laut Fitch Solutions
Auch wenn der KPO bis Ende 2026 ausläuft, stehen weiterhin Mittel aus anderen EU-Programmen zur Verfügung. Der Branchenverband Polmed betont die Bedeutung dieser Fördergelder. In einem Bericht vom Juni 2026 schreibt die Interessenvertretung der Medizintechnikbranche: „Ohne EU-Kofinanzierung beim Erwerb medizinischer Geräte wäre das polnische Gesundheitswesen in einem deutlich schlechteren Zustand.“
Von dieser Kofinanzierung profitieren auch deutsche Anbieter. So gewann das Unternehmen Karl Storz im Februar 2026 eine Ausschreibung eines Krankenhauses im südpolnischen Cieszyn. Der Hersteller liefert Geräte für minimalinvasive Eingriffe. Das Projekt wird aus dem KPO finanziert.
Neben Fördergeldern könnten auch Änderungen im Erstattungsrecht neue Wachstumsperspektiven eröffnen. Im 3. Quartal 2026 will die polnische Regierung eine Reform ins Parlament einbringen. Laut dem Entwurf wird das Gesundheitsministerium die Liste der sogenannten erstattungsfähigen verordneten Medizinprodukte mindestens alle zwei Jahre überprüfen.
Der Branchenverband Polmed begrüßt diesen Schritt. Derzeit gibt es keinen formalisierten Weg, um neue Produkte auf die Verordnungsliste aufnehmen zu lassen. Eine Erstattung verbessert in der Regel die Marktchancen dieser Produkte. Über eine separate Anordnung will das Gesundheitsministerium außerdem den Kreis der Personen erweitern, die solche Medizinprodukte verschreiben dürfen.
Ausgewählte Investitionsprojekte im Gesundheitssektor in PolenInvestitionssumme in Millionen Euro| Akteur/Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
|---|
| Krankenhaus in Gliwice | 540 | Planungsstadium | Neues Krankenhaus der Schlesischen Medizinischen Universität mit 698 Betten |
| Krankenhaus in Wrocław | 350 | Projektdurchführung | Neues Krankenhaus für Onkologie, Pneumologie und Hämatologie (DCOPiH) mit 671 Betten |
| Krankenhaus in Białystok | 220 | Projektdurchführung | Ausbau des Universitätskrankenhauses (USK) um ein neues Zentrum für personalisierte Onkologie und neue Abteilungen |
| Krankenhaus in Rzeszów | 177 | Projektdurchführung | Neues Kinderkrankenhaus (PCMD) mit 195 Betten |
| Krankenhaus in Bydgoszcz | 105 | Projektdurchführung | Ausbau des Zentrums für Onkologie um ein neues Zentrum für innovative onkologische Therapien sowie Modernisierung des Hauptgebäudes und des Operationsblocks |
| Krankenhaus in Szczecin | 87 | Projektdurchführung | Ausbau des Westpommerischen Zentrums für Onkologie (ZCO) um neue Gebäude und Modernisierung bestehender Einrichtungen |
| Krankenhaus in Kalisz | 83 | Projektdurchführung | Neubau eines Operationskomplexes mit Intensivmedizin und Zentralsterilisation sowie Modernisierung von Abteilungen im Woiwodschaftskrankenhaus |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Der Ausblick bleibt positiv
Steigende Ausgaben für die Erstattung sind einer von vielen Gründen dafür, dass die Budgets der gesetzlichen Krankenversicherung wachsen - entgegen allen Kürzungsdebatten. Laut dem Entwurf des NFZ-Finanzplans für 2027 sollen die Gesamtausgaben gegenüber dem Vorjahr um 9,2 Prozent auf 54,9 Milliarden Euro zulegen.
Angesichts der steigenden Gesundheitsausgaben bewertet die Marktagentur Fitch Solutions die Perspektiven des polnischen Medizintechnikmarktes positiv. Die Marktforscher erwarten bis 2030 ein durchschnittliches jährliches Marktwachstum von 7,3 Prozent. Zu den wichtigsten Treibern zählen neben den steigenden Gesundheitsausgaben auch die alternde Bevölkerung, die höhere Lebenserwartung und der wachsende Wohlstand.
Von
Christopher Fuß
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Warschau