Wirtschaftsumfeld | Rumänien | Wirtschaftsstruktur
Rumänien holt bei der Wirtschaftsleistung auf
Die Ansiedlung ausländischer Investoren hat Rumäniens Branchenstruktur in den letzten Jahren verändert. Die Lohnkosten sind moderat. Der Fachkräftemangel nimmt jedoch zu.
26.05.2026
Von Torsten Pauly | Berlin
Rumäniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in den letzten Jahren im EU-weiten Vergleich überdurchschnittlich gewachsen. In der Folge näherte sich die Wirtschaftskraft dem EU-Durchschnitt deutlich an. Betrug das rumänische BIP pro Kopf nach Kaufkraftstandard im Jahr 2015 noch 56 Prozent des EU-Durchschnitts, waren es 2025 bereits 78 Prozent. Damit belegte das Land innerhalb der EU-27 den 21. Platz.
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Rumänien bietet sich als Beschaffungsmarkt an. Zu den wichtigsten Lieferwaren zählen Erzeugnisse der Elektrotechnik, Kfz sowie Maschinen und Anlagen. Diese Warengruppen machten 2025 zusammen 62,8 Prozent aller Exporte nach Deutschland aus.
Rumänien kommt auch für ein Reshoring infrage, also die Rückverlagerung außereuropäischer Betriebsstätten in die EU. Das Land liegt an der Mündung der Donau ins Schwarze Meer und damit am europäischen Verkehrskorridor VII. Durch Rumänien verlaufen zudem Trassen des Korridors IV vom Schwarzmeerhafen Constanța sowie vom griechischen Thessaloniki nach Deutschland. Hinzu kommt der Korridor IX vom ägäischen Alexandroupolis, der unter anderem über Rumänien nach Helsinki reicht. Constanța liegt nur etwa 1.000 Schiffskilometer vom Suezkanal entfernt.
Dienstleistungssektor wächst am stärksten
Am dynamischsten entwickelte sich zuletzt der Finanzsektor. Dessen reale Bruttowertschöpfung nahm zwischen 2019 und 2024 insgesamt um knapp 58 Prozent zu. Es folgten die Informations- und Kommunikationstechnologie mit einem Anstieg von 49 Prozent und der Handel mit einem Plus von fast 33 Prozent. Gut schnitten zudem das Baugewerbe mit einem Zugewinn von etwa 15 Prozent ab sowie der Logistiksektor mit einem Wachstum von rund 13 Prozent. Insbesondere die Hauptstadt Bukarest hat sich in den vergangenen Jahren auch zu einem Start-up-Hub in Südosteuropa entwickelt.
Im verarbeitenden Gewerbe siedelten sich in den vergangenen Jahren zahlreiche hochproduktive ausländische Investoren an. Inländische Hersteller sind dagegen meist weniger produktiv. Kleine und mittelständische rumänische Unternehmen haben häufig Schwierigkeiten, neue Ausrüstungen zu finanzieren. Im Februar 2026 lag der durchschnittliche Zinssatz für langfristige Kredite in Rumänien bei 6 Prozent. Damit war er der zweithöchste in der EU.
Die Präsenz ausländischer Unternehmen hat die Industriestruktur verändert. So gewann unter anderem die Pharmaindustrie an Bedeutung. Ihre Bruttowertschöpfung nahm zwischen 2019 und 2024 um real gut 46 Prozent zu. Starke Zuwächse verzeichneten auch die Metallindustrie mit etwa 30 Prozent oder die Elektronikindustrie mit rund 26 Prozent. Die Bruttowertschöpfung im Maschinenbau stieg um annähernd 21 Prozent. In den Branchen Kfz und Elektrotechnik lag der Zuwachs jeweils bei 16 Prozent. In für die Wirtschaft Rumäniens traditionellen Branchen war die Bruttowertschöpfung hingegen rückläufig. Dies galt etwa für in der Holzindustrie mit einem Minus von nahezu 37 Prozent.
Sektoren | Anteil an der Bruttowertschöpfung 2024 1) | Anteil an den Beschäftigten 2024 2) |
|---|---|---|
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 3,1 | 10,9 |
Bergbau | 1,1 | 0,7 |
Verarbeitendes Gewerbe | 14,6 | 18,9 |
Baugewerbe | 8,8 | 10,8 |
Handel | 13,4 | 17,7 |
| Informations- und Kommunikationstechnologie | 7,6 | 2,7 |
| Finanz- und Versicherungswesen | 3,8 | 1,3 |
| Transport und Logistik | 7,7 | 7,8 |
| Sonstige private Dienstleistungen | 25,3 | 11,6 |
| Öffentlicher Sektor, Sonstige | 14,6 | 17,6 |
Bei der Wirtschaftskraft bestehen regionale Unterschiede
Die Wirtschaftsleistung konzentriert sich weiterhin auf bestimmte Regionen. Vorne liegt die Hauptstadtregion București-Ilfov. Dort lag das BIP pro Kopf im Jahr 2024 sogar leicht über dem Niveau von Rheinland-Pfalz.
Alle anderen rumänischen Regionen bleiben bei der Wirtschaftskraft deutlich zurück. Dabei ist das Niveau in den westlichen Regionen Vest und Nord-Vest sowie in Mittelrumänien höher als in östlichen Regionen wie Nord-Est und Sud-Muntenia. In Mittelrumänien liegen unter anderem die Städte Cluj-Napoca, Brasov, Sibiu und Temeswar. Der Westen Rumäniens ist zudem besser an die europäischen Verkehrskorridore angebunden.
Daneben bestehen kulturelle Unterschiede. Der Westen, Norden und Siebenbürgen sind seit Jahrhunderten von der ungarischen und deutschen Minderheit mitgeprägt. Große Teile gehörten zudem lange zur K.-u.-K.-Monarchie Österreich-Ungarn. Dies spiegelt sich vielerorts bis heute in der Bausubstanz wider.
Die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen nach Deutschland führte jedoch zu einem starken Rückgang der Präsenz der deutschen Minderheit. Betrug ihre Zahl im Jahr 1992 noch 120.000 Personen, waren es bei der Volkszählung 2021 nur noch 16.000. Bedeutend geblieben ist hingegen die ungarische Minderheit. Sie umfasste 2021 etwa 1 Million Personen.
Gebiet | Anteil am BIP (2024 in %) 2) | BIP pro Kopf (2024 in Euro) | Bevölkerung (2025 in Mio.) |
|---|---|---|---|
| Bucuresti-Ilfov | 29,5 | 45.200 | 2,3 |
| Nord-Vest | 12,3 | 17.100 | 2,5 |
| Centru | 11,1 | 17.100 | 2,3 |
| Nord-Est | 10,6 | 11.600 | 3,2 |
| Sud-Muntenia | 10,5 | 13.200 | 2,7 |
| Sud-Est | 9,4 | 14.200 | 2,3 |
| Vest | 8,9 | 18.900 | 1,7 |
| Sud-Vest Oltenia | 7,6 | 14.500 | 1,9 |
Lohnkosten sind konkurrenzfähig
Ein Standortvorteil sind die im Vergleich innerhalb der EU günstigen Lohnkosten. Im Jahr 2025 beliefen sich die Kosten für eine Arbeitsstunde in der rumänischen Privatwirtschaft im Durchschnitt auf 13,60 Euro. Dies entsprach 39 Prozent des EU-Durchschnitts und wurde nur noch von Bulgarien unterboten.
Allerdings sind in Rumänien deutliche Lohnsteigerungen zu beobachten. So lag der Bruttomonatslohn im Januar 2026 mit umgerechnet 1.811 Euro um 90,7 Prozent höher als im Januar 2019. Auch bei den Löhnen bestehen erhebliche regionale Unterschiede. Im Dezember 2025 lag der durchschnittliche Verdienst in Bukarest um 83,5 Prozent über dem Niveau von Vaslui an der Grenze zur Republik Moldau.
Fachkräfte werden rar
Hinter den Lohnsteigerungen stehen Produktivitätsgewinne und Erhöhungen des Mindestlohns. Vor allem jedoch wirkt sich ein zunehmender Fachkräftemangel in den Wirtschaftszentren aus. Diesen sahen im Frühjahr 2026 in einer Umfrage der AHK Rumänien 34 Prozent der Mitglieder als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung an.
Der Fachkräftemangel dürfte sich in den kommenden Jahren infolge der Alterung der Gesellschaft weiter verschärfen. Einer Prognose von Eurostat zufolge werden im Jahr 2030 knapp 3 Prozent weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren in Rumänien leben als 2025.
Für deutsche Investoren in Rumänien ergeben sich angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Lohnsteigerungen der vergangenen Jahre neue Perspektiven. Sie kommen inzwischen auch als Arbeitgeber für aus Rumänien stammende Fachkräfte in Deutschland in Betracht.