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Special | Russland | Klimawandel

Russland drückt beim Klimaschutz aufs Tempo

Russland muss nach Ratifizierung des Pariser Klimaschutzabkommens seinen CO2-Ausstoß senken. Der technologische Nachholbedarf ist groß. Klimaschutz wird zunehmend zur Chefsache.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Exportwirtschaft macht Druck beim Klimaschutz

    Russland spürt die Folgen des Klimawandels immer stärker. Nachdem die Politik das Thema lange ignorierte, tritt nun ein Sinneswandel ein. Treibende Kraft ist die Exportwirtschaft.

    Jahr für Jahr breiten sich Waldbrände in der Taiga weiter aus, dauern Dürrephasen im Süden länger und kommt es zu verheerenden Überflutungen. Der Klimawandel trifft Russland mit voller Wucht. Der volkswirtschaftliche Schaden durch die Erderwärmung wird bis 2050 auf rund 100 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Hinzu kommen weitere Kosten durch den schleichend auftauenden Permafrost im Hohen Norden, der große Mengen des Klimakillers Methan freisetzt. Die Nachteile dürften die Vorteile der Erderwärmung, wie die ganzjährige Nutzung des Nördlichen Seewegs, die Erschließung der Arktis oder die Urbarmachung weiterer landwirtschaftlich nutzbarer Flächen deutlich überwiegen.

    CO2-Grenzausgleich der EU bedroht Russlands Wirtschaftsmodell

    Neben der Umwelt leidet auch die Wirtschaft zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Die geplante Einführung der CO2-Grenzsteuer (Carbon-Border Adjustment Mechanism) der Europäischen Union (EU) lässt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen, Russlands wichtigstem Ausfuhrgut, in seinem größten Absatzmarkt sinken. Im Jahr 2020 bezog die EU aus Russland Öl, Ölprodukte und Erdgas im Wert von rund 60 Milliarden Euro. Zu den Einnahmeausfällen für den Staatshaushalt kommen weitere Zusatzkosten von rund 3 bis 5 Milliarden Euro pro Jahr auf Exporteure von Produkten mit einem hohen CO2-Fußabdruck wie Metalle, Zement oder Düngemittel zu.

    Regierung beschließt Klimaschutzgesetz

    Die Staatsduma reagiert und verabschiedete Anfang Juni 2021 ein Gesetz zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen und die Einführung eines für Großemittenten verpflichtenden Monitoring-Systems. Bis 2030 soll der Schadstoffausstoß gegenüber dem Niveau von 1990 auf bis zu 70 Prozent sinken. Verbindliche Reduktionsziele für einzelne Branchen enthält das Dokument jedoch nicht. Die meist auf den Inlandsmarkt fokussierte Industrielobby sprach sich gegen die Festlegung konkreter Emissionsquoten aus. Auch ist keine Besteuerung CO2-intensiver Produkte vorgesehen.

    Entsprechend gering ist der finanzielle Anreiz für Unternehmen, mehr in den Klimaschutz zu investieren. Generell kritisieren Umweltexperten die Ziele des Gesetzes als zu wenig ambitioniert, da Russland die Anforderungen bereits heute problemlos erfülle. Dies liegt am hohen Basiswert von 3,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 1990.

    Daneben erarbeitet die Regierung bis 1. Oktober 2021 eine „Entwicklungsstrategie zur Senkung der CO2-Emissionen bis 2050“. Bis dahin soll der Netto-Ausstoß von Treibhausgasen stärker sinken als in der EU, kündigte Präsident Wladimir Putin in seiner Rede zur Lage an die Nation im April 2021 an.

    Wachsender Bedarf an Umwelttechnik

    Der Green Deal der EU veranlasst exportorientierte Konzerne, die Modernisierung ihrer Produktionen voranzutreiben und in Lösungen zur Verringerung des Schadstoffausstoßes zu investieren. Der steigende Bedarf an grünen Technologien eröffnet deutschen Firmen gute Absatzchancen. Präsident Putin kündigte beim digitalen Klimagipfel von US-Präsident Joe Biden im April 2021 an, in der Sparte Grüne Technologien ausländischen Investoren Präferenzen zu gewähren. Potenzial bieten der geplante Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft, der Bau von Windkraftanlagen sowie die E-Mobilität.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Klimabilanz: Russland ist weltweit viertgrößter CO2-Emittent

    Die Energieintensität des Bruttoinlandsprodukts liegt in Russland über dem weltweiten Durchschnitt. Ein nationales Emissionshandelssystem soll den CO2-Fußabdruck des Landes senken.

    Bei einem Anteil an der Weltbevölkerung von 1,9 Prozent ist Russland für rund 4,5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Der Pro-Kopf-Ausstoß war im Jahr 2019 mit rund 10,5 Tonnen mehr als doppelt so hoch als im weltweiten Durchschnitt (4,8 Tonnen). Während der globale Energieverbrauch 2019 durchschnittlich um 2,1 Prozent sank, gehörte der Wert in Russland mit 0,21 Kilogramm Öläquivalent pro US-Dollar (US$) weiter zu den höchsten (Deutschland: 0,071).

    Klimabilanz Russland

    Indikator

    2019

    Bevölkerung (in Mio.)

    146,7

    CO2-Ausstoß gesamt (in Mio. Tonnen pro Jahr)

    1.532,6

    CO2-Ausstoß pro Kopf (in Tonnen pro Jahr)

    10,5

    Energieintensität der Wirtschaft (kep/$ 2015 p)    *)

    0,210

    CO2-Preis (in Euro/US-Dollar pro Tonne CO2)

    k.A.

    *) Kilogramm Öläquivalent pro US-Dollar in Preisen von 2015 bei konstanter KaufkraftparitätQuelle: BP Statistical Review of World Energy 2020, Enerdata Statistisches Jahrbuch der Weltenergie 2020

    Russland testet Handel mit Emissionsrechten

    Um seine Klimabilanz aufzupolieren, will Russland ab April 2022 den Handel mit Emissionszertifikaten aufnehmen. Zur Bepreisung der Emissionen muss erst ein System zum Monitoring des CO2-Ausstoßes aufgebaut werden. Auf der Insel Sachalin läuft bis 2025 ein Pilotprojekt zur Regulierung von Treibhausgasemissionen. Auf seiner Grundlage soll ein nationales Emissionshandelssystems entstehen. Pro Tonne CO2 sollen 2 bis 25 US$ fällig werden. Das Wirtschaftsministerium beziffert das Potenzial des russischen Klimamarktes bis 2030 auf rund 17 Milliarden Euro pro Jahr. Mit Kaliningrad, Murmansk und Uljanowsk wollen sich weitere Regionen an dem Pilotprojekt beteiligen.

    Mit dem Emissionshandel will die Regierung die Verluste der Exporteure durch den CO2-Grenzausgleich der EU minimieren. Dazu müsste die EU die russischen CO2-Zertifikate anerkennen. Da die russische Regierung unter „grüner Energie“ jedoch auch Atomenergie versteht, ist eine Anerkennung nicht gesichert.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • CO2-Emissionen: Energiesektor macht den Löwenanteil aus

    Neben der Stromgewinnung sind die Industrie sowie die Land- und Abfallwirtschaft die größten CO2-Emittenten. Grüne Anleihen sollen die Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit bewegen.

    Die Förderung und Verarbeitung, der Transport und die Nutzung fossiler Brennstoffe waren im Jahr 2019 mit 1.209 Millionen Tonnen für rund vier Fünftel des Schadstoffausstoßes in Russland verantwortlich. Weitere Emissionsquellen sind die Industrieproduktion mit 165 Millionen Tonnen, die Landwirtschaft mit 90 Millionen Tonnen sowie die Abfallwirtschaft mit 67 Millionen Tonnen CO2. Mit der „Strategie zur Verringerung des CO2-Ausstoßes“ will die Regierung bis 2050 die CO2-Emissionen in der Energiewirtschaft um ein Drittel auf 1.055 Millionen Tonnen senken.

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    Green Bonds sollen Umweltinvestoren anlocken

    Da zahlreiche internationale Banken oder Fonds ihre Anforderungen für den Umwelt- und Klimaschutz erhöht haben und von der Finanzierung von Rohstoffprojekten absehen, entwickelt die Regierung den einheimischen Markt für „grüne“ Finanzierung. Ab Juli 2021 können Projekte in den Bereichen Energie, Transport, Bau, Landwirtschaft, Abfallentsorgung sowie Wasserver- und -entsorgung Zugang zu Green Bonds erhalten. Bedingung ist die Senkung von Emissionen um mindestens 20 Prozent sowie die Anwendung von ESG (Environment, Social, Governance)-Kriterien und bester verfügbarer Techniken (BVT).

    Die Hauptstadt Moskau will durch die Ausgabe von grünen Anleihen die Investitionen in den Umweltschutz und die Energieeffizienz steigern. Die Russische Eisenbahn (RZD) hat 2019 als erstes russisches Unternehmen grüne Anleihen herausgegeben und für ESG-Fonds zertifizieren lassen.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Stromerzeugung: Milliarden für moderne Kraftwerke

    Russland setzt in den kommenden Jahren weiter auf die Modernisierung der konventionellen Strom- und Wärmekraftwerke. Die Förderung für erneuerbare Energien wird hingegen gekürzt.

    Rund vier Fünftel der Treibhausgase in Russland fallen in der Energiewirtschaft an. Etwa die Hälfte der Emissionen entsteht bei der Gewinnung von Wärme und Strom. Rund 60 Prozent des erzeugten Stroms werden aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Die Regierung will die Energieeffizienz in der Stromerzeugung steigern und so bis 2024 den CO2-Ausstoß im Vergleich zu 2017 um 110 Millionen Tonnen senken.

    Im Fokus steht die Modernisierung der Erzeugungskapazitäten und Stromnetze. Energiekonzerne investieren Milliarden in die Modernisierung von Kraftwerken. Uniper veräußert seine Kraftwerkssparte in Russland an den Energiekonzern InterRAO, um seine Emissionen zu reduzieren. Enel Russia will bis 2050 CO2-neutral werden, der Energieversorger EN+ bis 2030 den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen um 30 Prozent im Vergleich zum Niveau von 2014 senken.

    Regierung nimmt erneuerbaren Energien Wind aus den Segeln

    Der Anteil erneuerbarer Energien am russischen Strommix liegt nur bei 0,2 Prozent. Landesweit erzeugen Windparks, Photovoltaikanlagen und kleine Wasserkraftwerke rund 2,9 Gigawatt Strom. Bis 2024 soll sich die Gesamtleistung auf 6 Gigawatt mehr als verdoppeln. Dazu verlängerte die Regierung das Förderprogramm für den Ausbau der erneuerbaren Energien (DPM-WIE) bis 2035, kürzte jedoch die Fördermittel um rund 10 Prozent auf etwa 4 Milliarden Euro. Strenge Lokalisierungsanforderungen bremsen den Ausbau weiterer Kapazitäten.

    Wasserstoff soll Energieträger der Zukunft werden

    Die Regierung will bis 2035 die Produktion von Wasserstoff steigern. Vorreiter sind die staatlichen Holdings Rosatom, Rosnano, Gazprom sowie der private Gaskonzern Novatek. Beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft setzen russische Unternehmen gezielt auf deutsche Partner. Doch statt des klimaneutralen grünen Wasserstoffs stehen der aus Erdgas gewonnene blaue und türkise Wasserstoff im Fokus.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Verkehr: E-Mobilität steckt in den Kinderschuhen

    Der Verkehrssektor ist hauptverantwortlich für die Luftverschmutzung in Russlands Städten. Die Regierung fördert den Umstieg auf gasbetriebene Kfz und den Ausbau der E-Busflotte.

    Das wichtigste Fortbewegungsmittel in Russland sind nach wie vor Kraftfahrzeuge. Auf 1.000 Einwohner kamen Mitte 2020 rund 300 Pkw, die größtenteils mit Motoren der Abgasnormen Euro-3 und Euro-4 ausgerüstet sind. Um die Luftverschmutzung in den Ballungszentren zu senken, fördert die Regierung die Produktion und Umrüstung von Fahrzeugen auf gasbetriebene Motoren. Dafür stehen bis 2024 jährlich rund 140 Millionen Euro bereit.

    E-Mobile sind noch kein Renner

    Elektromobile sind derzeit noch eine Rarität auf Russlands Straßen. Ende Mai 2021 waren erst gut 11.500 E-Mobile registriert. Die Regierung unterstützt zwar den Umstieg auf Elektrofahrzeuge mit Subventionen. Bis 2030 stehen rund 4,6 Milliarden Euro zur Entwicklung der E-Mobilität zur Verfügung. Doch vor allem die hohen Preise sowie eine unzureichende Ladeinfrastruktur bremsen die Entwicklung.

    Besser ist die Lage bei Elektrobussen. In Moskau kursieren seit 2018 E-Busse im Linienverkehr. Bis 2023 weitet die Hauptstadt ihre E-Bus-Flotte auf rund 2.200 Einheiten aus. Bis 2030 soll der Moskauer Nahverkehr klimaneutral werden. Auf der Insel Sachalin soll der Busverkehr ebenfalls auf Elektroantrieb umgestellt werden.

    Wasserstoff soll Luft sauberer machen

    Präsident Wladimir Putin forderte Anfang Januar 2021, bis Ende 2023 Stadtbusse mit Wasserstoff-Antrieb zu entwickeln. Kamaz arbeitet an einem Lkw- und einem Busmodell auf Wasserstoffbasis. Die Russische Eisenbahn (RZD), Transmaschholding und Rosatom bauen einen mit Wasserstoff betriebenen Zug auf der Insel Sachalin. Zudem laufen Tests einer mit Brennstoffzellen betriebenen Straßenbahn in Sankt Petersburg.

    Moskau baut Nahverkehr weiter aus

    Die russische Hauptstadt investiert massiv in den Ausbau der Transportinfrastruktur. Ein Großteil der Investitionen fließt in den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Bis 2023 sollen rund 60 Kilometer U-Bahn-Linien gebaut und 25 neue Metrostationen in Betrieb genommen werden.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Industrie: Höhere Energieeffizienz steht im Fokus

    Die Industrie muss ihren CO2-Abdruck reduzieren. Neben der Senkung der Emissionen durch beste verfügbare Techniken kommt der Steigerung der Energieeffizienz eine Schlüsselrolle zu.

    Rund 10 Prozent des Schadstoffausstoßes entfallen in Russland auf die Industrieproduktion, davon der Großteil auf die Produktion von Metall. Mit dem Gesetz über die Einführung von besten verfügbaren Techniken (BVT) verpflichtet die Regierung Unternehmen aus energieintensiven Industriezweigen dazu, ihre Ausrüstung auf den neuesten Stand der Technik zu bringen und ihren Energieverbrauch zu reduzieren. Neben der Metallurgie sind vor allem die Chemieindustrie sowie Hersteller von Zement, Papier, Pestiziden und Düngemitteln betroffen.

    Stahlerzeuger modernisieren ihre Werke

    In der verarbeitenden Industrie investieren derzeit vor allem Metallurgiekombinate in moderne Umwelttechnik. Das Magnitogorsker Metallurgiekombinat (MMK) will bis 2025 seinen CO2-Ausstoß um 2,2 Millionen Tonnen senken und investiert rund 450 Millionen Euro in neue Umwelttechnik. Daneben will MMK Ökostrom von Fortum beziehen, um seinen CO2-Fußabdruck zu senken. Der Bergbau- und Metallurgiekonzern Metalloinvest will klimaneutral werden. Bis 2035 soll der Schadstoffausstoß um 77 Prozent sinken. Wasserstoff soll künftig Erdgas als Reduktionsmittel in der Produktion ersetzen.

    Zementhersteller senken Schadstoffausstoß

    Das Energieministerium will mit einer Roadmap zur Verwendung von Asche und Schlacke die Schadstoffemissionen der Zementindustrie um 6,2 Millionen Tonnen pro Jahr senken. Der Metallurgiekonzern Mechel verarbeitet in Tscheljabinsk Schlacke, die in der Produktion von Zement und Beton einsetzbar ist. HeidelbergCement plant in den kommenden drei Jahren Investitionen in BVT, um die Stickoxidemissionen zu senken. Geplant ist unter anderem die technische Umrüstung der Anlagen im Werk im Gebiet Tula.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategie für Gebäude: Dämmstoffe sollen Energieverbrauch senken

    Grünes Bauen ist in Russland noch kein Massenphänomen. Die Regierung will den Energieverbrauch im Gebäudesektor senken und fördert die Wärmedämmung und den Bau von Holzhäusern.

    Russlands Gebäudesektor verbraucht pro Jahr rund 700 Megawattstunden Energie im Wert von 14 Milliarden Euro. Geheizt wird meist mit Gas und Kohle. In der Heizsaison von Oktober bis Mai kann das Fernwärmesystem nicht reguliert werden, deshalb werden an warmen Tagen die Fenster geöffnet. Das Einsparpotenzial ist groß und liegt allein im privaten Sektor bei 30 bis 50 Prozent.

    Effizienzsteigerung soll Energieverluste senken

    Die Regierung will mit steigenden Effizienzanforderungen an Gebäude den Wärme- und Stromverbrauch senken. Im Wohnungsbau liegt der Fokus vor allem auf der Wärmedämmung. Der Einbau intelligenter Zähler in Neubauten ist inzwischen obligatorisch. Alle notwendigen Baustoffe zur energetischen Sanierung von Gebäuden wie Plastikfenster, Dämmstoffe sowie Heizungs- und Klimatechnik werden lokal produziert.

    Im Jahr 2020 stieg die Anzahl der landesweit nach den grünen Standards BREEAM, LEED oder DGNB zertifizierten Gebäude im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel auf 177. Auf Büroflächen entfällt mit 46 Prozent der größte Anteil, gefolgt von Einzelhandels- (24 Prozent) und Lagerimmobilien (15 Prozent).

    Holzhäuser sind zunehmend im Trend

    Häuser aus Holz gelten als ökologisch unbedenklich und komfortabel. Der Anteil von Holzhäusern liegt mit rund 8 Millionen Quadratmeter Wohnfläche bei rund einem Viertel der Fläche von Einfamilienhäusern. Ihr Anteil wird sich bis 2025 auf etwa 25 Millionen Quadratmeter pro Jahr mehr als verdreifachen. Die Regierung kurbelt den Bau von Holzhäusern mit verbilligten Hypothekenkrediten an.

    Intelligente Wohnungen bieten Einsparpotenzial

    Smart Home-Technologien erfreuen sich vor allem bei der jüngeren Bevölkerung steigender Beliebtheit. Die Nachfrage nach energieeffizienten Systemen bei Heizungen, Beleuchtungen und in der Wasserversorgung nahm während der Coronapandemie stark zu. Bis 2025 wird sich der Anteil der russischen Haushalte, die Smart-Home-Technologien nutzen, auf 13,6 Prozent mehr als verdreifachen.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Landwirtschaft: Ausbau der Produktion hat Vorrang

    Die Landwirtschaft ist für 5,9 Prozent von Russlands CO2-Ausstoß verantwortlich. Die Regierung fördert die Entwicklung der Branche und hofft auf Vorteile durch die Erderwärmung.

    Ausgiebige Regenfälle in Zentralrussland und wochenlange Dürre im Süden als Wetterphänomene häufen sich. Wollen Russlands Landwirte auch künftig eine reiche Ernte einfahren, müssen sie sich auf den Klimawandel einstellen. Derzeit stehen die Zeichen jedoch eher auf Ausweitung der konventionellen Landwirtschaft. In der Pflanzenzucht sollen durch Melioration neue Anbauflächen gewonnen werden. Viehzüchter investieren in neue Farmen. Die Düngung führt zu höheren Ammoniak- und Methangasemissionen auf neu urbar gemachten Feldern.

    Landwirtschaftliche Produktion soll effizienter werden

    Mit der „Strategie zur Entwicklung der Landwirtschaft“ will die Regierung den Produktionswert der Branche steigern und Russland von Lebensmittelimporten autark machen. Zugleich soll der Schadstoffausstoß sinken, vor allem durch den effizienteren Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln und die Reduzierung der Bodenerosion. Smart-Farming Lösungen können die Tier- und Pflanzenzucht effizienter und damit ressourcenschonender gestalten. Der Düngemittelhersteller Phosagro arbeitet mit der Firma Interra an einem Projekt zur Optimierung des Einsatzes von Mineraldünger auf Feldern. Dieses Marktsegment, das hauptsächlich Startups bearbeiten, steckt jedoch noch in den Kinderschuhen.

    Klimawandel eröffnet neue Perspektiven

    Das Auftauen des Permafrostbodens sowie länger anhaltende Wärmeperioden könnten weite Teile Sibiriens und des Fernen Ostens in 20 bis 30 Jahren landwirtschaftlich nutzbar machen, schätzt Umweltminister Alexander Koslow. Mit dem Verbrennen von Ernteabfällen zur Strom- und Wärmeerzeugung könnte Erdgas als Energieträger ersetzt werden. Allein mit dem Verfeuern aller anfallender Sonnenblumenschalen könnten zwei Städte der Größe Nowosibirsks ganzjährig mit Wärme versorgt werden. Weiteres Potenzial bietet die Sequestierung von CO2 auf Feldern. Der Übergang zu einer regenerativen Landwirtschaft könnte zu einer Reduzierung von Emissionen im Umfang von 75 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und zu Mehreinnahmen von rund 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr führen, analysiert die Higher School of Economics.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Forstwirtschaft: Wälder sollen CO2-Abdruck senken

    Russland beheimatet ein Fünftel der weltweiten Wälder. Die Regierung will das höhere CO2-Absorptionspotenzial durch Aufforstung und mit neuen Berechnungsmethoden nutzen.

    Russland verfügt mit seinen rund 640 Milliarden Bäumen über eine erhebliche Reserve zur Reduzierung seines CO2-Fußabdrucks. Die borealen Wälder können pro Jahr bis zu 625 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent aufnehmen und damit die CO2-Nettobilanz des größten Flächenstaats der Erde um gut ein Drittel senken. Illegaler Holzeinschlag in der Größenordnung von bis zu 30 Millionen Kubikmeter pro Jahr, verstärkter Insektenbefall durch kürzere Frostperioden und eine längere Waldbrandsaison reduzieren die Waldfläche jedoch. Brände setzen pro Jahr bis zu 300 Millionen Tonnen Emissionen frei - gut ein Fünftel des gesamten CO2-Ausstoßes. Experten rechnen aufgrund der Alterung der Wälder bis 2050 mit einem Rückgang der Nettoabsorption auf null.

    Aufforstung soll Absorptionspotenzial steigern

    Die Regierung reagiert und treibt die Wiederaufforstung voran. Russland verfügt mit rund 150 Millionen Hektar über eine nutzbare Freifläche, die viermal größer ist als Deutschland. Vor allem Sorten mit hohem Potenzial zur Kohlenstoffbindung sollen gepflanzt werden. Der Staat will im Fernen Osten Parzellen zur Aufforstung im Austausch gegen Emissionszertifikate verpachten. Der Bergbaukonzern Polymetall investiert in Baumpflanzungen, um seine CO2-Emissionen zu reduzieren.

    Rechentrick vergrößert Waldflächen

    Um das vorhandene Absorptionspotenzial seiner Wälder zu steigern, hat das Umweltministerium Anfang März 2021 eine neue Methode zur Berechnung der Aufnahmekapazität von Wäldern verabschiedet. Enthalten sind nunmehr auch Reservewälder, darunter bewaldete brachliegende landwirtschaftliche Flächen, die rund 40 Prozent des Ackerlandes ausmachen. Durch die Neuberechnung steigt die Aufnahmekapazität um rund 450 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr auf mehr als 1 Milliarde Tonnen CO2. Russland bemüht sich um eine internationale Anerkennung seiner CO2-Speicherkapazitäten. Transparenz bei der Messung der CO2-Absorption sowie klare Kontrollmechanismen sind hierfür jedoch unerlässlich.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Rohstoffförderung: Milliarden für Nachhaltigkeit

    Russland setzt weiter auf den Abbau fossiler Energieträger. Rohstoffkonzerne fürchten eine zusätzliche Besteuerung ihrer Produkte beim Export und investieren in Umwelttechnik.

    Die Regierung setzt in ihrer Energiestrategie bis 2035 auf eine Ausdehnung der Fördermenge und einen Anstieg beim Export von Erdöl, Erdgas und Kohle. Dem Umwelt- und Klimaschutz kommt nur eine untergeordnete Rolle zu. Dafür investieren Rohstoffunternehmen in nachhaltigere Technologien, um dem angekündigten CO2-Grenzausgleich der Europäischen Union (EU) mit Mehrkosten von bis zu 4,8 Milliarden Euro pro Jahr auszuweichen. Dazu sollen sowohl die direkten Emissionen während der Förderung reduziert als auch alternative Maßnahmen, wie die Anpflanzung von Bäumen, ergriffen werden.

    Ölförderung soll umweltverträglicher werden

    Rosneft errichtet mit Vostok Oil bis 2024 eines der größten Ölförderprojekte weltweit. Dabei soll der CO2-Fußabdruck durch moderne Technologien zur Reduzierung des Schwefelgehalts um 75 Prozent sinken. Um seinen Schadstoffausstoß bis 2035 um 20 Millionen Tonnen zurückzufahren, vereinbarte Russlands größter Ölkonzern mit BP die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen sowie von Technologien zur Erfassung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage, CCS). Daneben setzt Rosneft auf die Entwicklung von Wasserstoff.

    Gasbranche will klimafreundlicher werden

    Russland will die Gasförderung bis 2035 um ein Drittel auf über 1.000 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigern. Gazprom und Novatek erschließen neue Lagerstätten. Bei der Förderung und dem Transport von Erdgas entweicht jedoch Methan. Die Klimabilanz von LNG ist noch schlechter, weil zur Verflüssigung viel Energie benötigt wird. Um den CO2-Abdruck zu senken, engagieren sich russische Gaskonzerne daher verstärkt für Nachhaltigkeit. Gazprom will seinen Ausstoß um 20 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent verringern. Zudem plant Russlands größter Gaskonzern, ab 2022 grüne Anleihen auszugeben.

    Kohlekonzerne setzen auf nachhaltigere Abbauverfahren

    Die Regierung unterstützt die Kohleindustrie bei der Erschließung neuer Lagerstätten und der Steigerung der Fördermengen. Kohlekonzerne sind die größten Umweltsünder im russischen Bergbau. Der Druck zur Einführung nachhaltiger Produktionsverfahren steigt und eröffnet deutschen Lieferanten von Umwelttechnik Absatzchancen.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Strategiesektor Abfallwirtschaft: Recycling statt Deponierung

    Der Großteil der Haus- und Industrieabfälle landet auf Deponien. Abhilfe schafft der Aufbau der Kreislaufwirtschaft. Hersteller haften für die Wiederverwertung ihrer Verpackungen.

    Nur 10 bis 15 Prozent der jährlich in Russland anfallenden rund 70 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle werden wiederverwertet. Die Regierung will mit dem nationalen Projekt „Ökologie“ die Recyclingquote erhöhen. Landesweit sollen bis 2030 rund 250 Müllverarbeitungsanlagen entstehen. RT-Invest (Tochterunternehmen des Staatskonzerns Rostec) will 25 Müllverarbeitungswerke errichten. Daneben wird der Müll auch thermisch verwertet. Der Bau von vier im Moskauer Gebiet geplanten Müllverbrennungsanlagen von RT-Invest ist derzeit jedoch ins Stocken geraten.

    In Industrieabfällen schlummern Schätze

    Pro Jahr fallen rund 7 Milliarden Tonnen Industrieabfälle an, davon 94 Prozent in der Rohstoffförderung, vor allem im Kohleabbau. Nur etwa die Hälfte wird verwertet. Die Schlacken enthalten jedoch viele nutzbare Rohstoffe, ihre Verwertung verspricht ein Milliardengeschäft. Gefragt sind Technologien zur Sammlung von Filtraten und zur Reinigung von Deponiegasen sowie Lösungen zur Rekultivierung von Abraumhalden.

    Erweiterte Herstellerverantwortung soll Müllaufkommen verringern

    Zur Verringerung von Produktions- und Verbrauchsabfällen verschärfte die Regierung im Sommer 2021 die sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung. Gemäß Verursacherprinzip werden Hersteller und Importeure verpflichtet, für eine ordnungsgemäße Wiederverwertung ihrer Verpackungen zu sorgen. Jährlich soll so die Gesamtrecyclingquote um mindestens 10 Prozent steigen. Unternehmen, die die Vorgaben nicht erfüllen, müssen eine Umweltabgabe zahlen. Die ursprünglich für Januar 2022 geplante Einführung wurde um ein Jahr verschoben, um die hohe Inflation im Land nicht anzuheizen und Unternehmen mehr Zeit zur Umstellung zu geben.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

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