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Special | Russische Arktis | Konnektivität

Russland fehlen Investoren für Rohstoffprojekte in der Arktis

Internationale Investoren ziehen sich aus Projekten in der russischen Arktis zurück. Doch Russlands Ausbaupläne für die Region bleiben ambitioniert.

Von Edda Schlager | Berlin

Die Sanktionen gegen Russland im Zuge des Ukrainekriegs haben eines der größten Vorhaben Russlands ausgebremst – den Ausbau der Arktis als Rohstofflieferant und als alternative Transportroute zwischen Europa und Asien. Der Wert der Rohstoffvorkommen in der russischen Arktis beläuft sich auf etwa 30 Billionen US-Dollar (US$). Dabei handelt es sich vor allem um Erdgas und Erdöl aber auch um weitere Rohstoffe wie Erze, Kupfer und Steinkohle. Erst etwa 2 Billionen US$ an Vorkommen wurden davon bisher erschlossen.

Um mit den neuen Gegebenheiten unter westlichen Sanktionen umzugehen, verabschiedete der Kreml im August 2022 einen neuen Entwicklungsplan für den sogenannten Nördlichen Seeweg. Investitionen in Höhe von rund 23,2 Milliarden US$ sieht dieser bis 2035 vor – deutlich bescheidener als die 137,5 Milliarden US$, die Russland noch 2020 in seiner Arktisstrategie zur Erschließung von Lagerstätten und zum Bau der dazu nötigen Infrastruktur bis 2035 angesetzt hatte.

 

Um das Rohstoffpotenzial der Arktis weiter zu entwickeln, ist Russland auf internationale Investoren angewiesen. Bereits in der Vergangenheit waren internationale Energiekonzerne in der Arktis recht wenig präsent. Doch deren Interesse hat seit dem Ukrainekrieg noch einmal deutlich nachgelassen.

Als der chinesische Staatschef Xi Jinping im März 2023 Moskau besuchte, hatte Putin auf neue Investitionszusagen Chinas zur Entwicklung der russischen Arktis gehofft. So führten die jeweils größten Ölkonzerne der beiden Länder Rosneft und PetroChina am Rande des Treffens Gespräche zum Ölprojekt Vostok Oil. Doch konkrete Vereinbarungen gab es nicht. Das Vorhaben auf der Halbinsel Taimyr im Norden des Gebiets Krasnojarsk ist laut russischer Regierung das weltweit größte Ölprojekt. Die Produktion soll 2024 starten.

China bleibt investiert, aber baut Engagement nicht aus 

Relevante Investitionen in der russischen Arktis hält China derzeit in den beiden Flüssiggasprojekten Yamal LNG und Arctic LNG 2. Beide Projekte liegen in Westsibirien an der Mündung des Obs in die Karasee.

Yamal LNG wird von Novatek, dem größten privaten Gasproduzenten Russlands, betrieben. Das Projekt mit einer Investitionssumme von 27 Milliarden US$ ist seit 2017 in Betrieb und verfügt über eine Kapazität von 16,5 Millionen Tonnen LNG (Liquefied Natural Gas) pro Jahr. Novatek hält 50,1 Prozent der Anteile an dem Vorhaben. Die weiteren Anteilseigner sind die China National Petroleum Corporation (CNPC) mit 20 Prozent, der staatliche chinesische Investmentfonds Silk Road Fund mit 9,9 Prozent sowie der französische Konzern TotalEnergies mit 20 Prozent.

Arctic LNG 2 mit einer Investitionssumme von rund 25,5 Milliarden US$ wird ebenfalls durch Novatek betrieben. Die Produktionsstätte für Flüssiggas hat eine Kapazität von 19,8 Millionen Tonnen LNG pro Jahr. Sie sollte – so der ursprüngliche Plan vor Inkrafttreten der Sanktionen gegen Russland – im Dezember 2023 den Export über eine erste Anlage aufnehmen. Die Inbetriebnahme einer zweiten und dritten Anlage war für 2024 und 2026 geplant. Ob dies weiterhin realistisch ist, bleibt abzuwarten. Zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der westlichen Sanktionen waren etwa 90 Prozent der Arbeiten abgeschlossen.

Novatek hält 60 Prozent an Arctic LNG 2. Chinas drittgrößter Mineralölkonzern China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) und PetroChina besitzen seit 2019 zusammen einen Anteil von insgesamt 20 Prozent, TotalEnergies und Japan Arctic LNG halten jeweils einen Anteil von 10 Prozent.

Vom Rückzug der chinesischen Investoren aus beiden Projekte ist bisher nicht die Rede, von einer weiteren Finanzierung durch China jedoch auch nicht. Bei Arctic LNG 2 setzen chinesische Subauftragnehmer Bauvorhaben fort oder bereiten sich darauf vor. Laut einer gemeinsamen Erklärung von Putin und Xi im März 2023 soll Russland chinesische Anlagen im Gegenzug für Öllieferungen erhalten. Einzelne europäische Anlagen und Bauelemente sollen durch chinesische ersetzt werden.

Westliche Unternehmen beenden Geschäfte in der Arktis

Schmerzlich für Russlands Entwicklungspläne in der Arktis ist der Abzug westlicher Anlagenbauer, Chemieunternehmen und Consulting-Dienstleister. Beim Ausbau der Projekte hatten sie eine Schlüsselrolle gespielt.

Der französische Konzern TotalEnergies ist beispielsweise sowohl am Gaskonzern Novatek mit 19,4 Prozent beteiligt als auch an den Projekten Yamal LNG (20 Prozent) und Arctic LNG 2 (10 Prozent). Seine Anteile an den beiden Gasprojekten will TotalEnergies bis Mitte 2023 abwickeln. Bereits im 1. Quartal 2022 hatte der Konzern 4,1 Milliarden US$ bei Arctic LNG 2 abgeschrieben. Zudem gab das Unternehmen im Dezember 2022 bekannt, seine Vertreter aus dem Aufsichtsrat von Novatek abzuziehen und die Beteiligung an dem russischen Unternehmen im Wert von 3,7 Milliarden US$ abzuschreiben.

Der französische Anlagenbauer Technip hatte laut Branchendienst CHEMIE TECHNIK 2019 im Zusammenhang mit Arctic LNG 2 einen Vertrag über den schlüsselfertigen Bau von drei Gasverflüssigungsanlagen im Wert von 7,6 Milliarden US$ eingeworben. Das Projekt musste gestoppt werden. Technip orientiert sich jetzt um und fasst Märkte in den USA, im Nahen Osten und in Afrika ins Auge. 

Mirko Nowak ist Gründer und Inhaber der in Hamburg ansässigen Luno-Gruppe, die in Russland unter anderem in Unternehmensberatung, Im- und Export sowie im Projektmanagement tätig war. „Wir hatten einen Vorvertrag für die Entwicklung des Hafens Murmansk-Liinahamari unterzeichnet“, so Nowak. „Dieses Geschäft im Umfang eines siebenstelligen Betrags ist uns weggebrochen. Potenzielle Folgeaufträge lassen sich schwer beziffern, es wäre sicher um mehrere Hundert Millionen Euro gegangen.“

Nowak ist jetzt auf andere Infrastrukturprojekte ausgewichen. „Großes Potenzial sehe ich im Mittleren Korridor von Zentralasien über den Südkaukasus nach Europa, aber auch im Nord-Süd-Korridor, der sich gerade zwischen Russland und Iran in Richtung Mittlerer Osten entwickelt.“

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