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Westbalkanländer investieren in neue Rechenzentren
Serbien, Bosnien und Herzegowina sowie Nordmazedonien bauen KI-Rechenzentren. Gefragt sind Lösungen für Gebäudetechnik, Energieanlagen, IT-Infrastruktur und Sicherheitssystemen.
08.10.2026
Der größte Bauherr in der Region ist Serbien. Das Westbalkanland erweitert sein staatliches Rechenzentrum in Kragujevac. Bosnien und Herzegowina hat Vorhaben in der Pipeline, darunter ein konkretes Großprojekt bei Mostar. Nordmazedonien plant sein erstes nationales Rechenzentrum. Diese Entwicklung eröffnet Lieferanten von technischer Infrastruktur, Dämmung, Brandschutz, energieeffizientem Bauen sowie Baumaschinen, Baustoffen und Dienstleistungen Projektchancen. Der Ausbau der Rechenzentrumskapazitäten verläuft dabei in den einzelnen Ländern unterschiedlich schnell.
Die zunehmende Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung, das starke Wachstum bei Cloud-Diensten und künstlicher Intelligenz (KI) sowie steigende Anforderungen an Rechenleistung erhöhen den Bedarf an moderner Rechen- und Speicherinfrastruktur auf dem Westbalkan deutlich. Die Voraussetzungen für den Ausbau der Branche sind gegeben: Die Region ist über mehrere internationale Glasfasertrassen an die europäischen Datenverkehrsnetze angebunden. Die für Rechenzentren erforderliche und vergleichsweise günstige Energie ist vorhanden. Alle drei Länder verfügen grundsätzlich über leistungsfähige Hochspannungsnetze und Übertragungsknoten. Je nach Standort müssen teilweise jedoch noch Netzanschlusskapazitäten zugebaut werden. Donau, Save, Neretva, Vardar und ihre Nebenflüsse stellen ausreichend Wasser zur Kühlung zur Verfügung. Schließlich fungiert der Westbalkan als Durchgangskorridor für den überregionalen Datenverkehr zwischen Mittel- und Südosteuropa.
Klassischer Industriebau mit spezialisierter Innenausstattung
Rechenzentren sind hoch spezialisierte Industriegebäude. Ein erheblicher Teil der Investitionen entfällt auf technische Infrastruktur, die weit über die reine Serverausstattung hinausgeht.
Welche integrierten Lösungen werden beim Bau von Rechenzentren benötigt?
1. Kühlung und Thermomanagement
- Kühlsysteme
- Kaltwassersätze
- Wärmetauscher
- Pumpen
- Wärmerückgewinnung
2. Stromversorgung und Energieinfrastruktur
- USV-Anlagen
- Notstromaggregate
- Transformatoren
- Schaltanlagen
- Mittelspannungstechnik
- Energiemanagementsysteme
3. Gebäude und Anlagensteuerung
- Gebäudetechnik und -automation
- Gebäudeleittechnik (GLT)
4. Brandschutz
- Brandmelde- und Löschanlagen
- Wärme- und Brandschutz
5. IT-Infrastruktur
- Doppelböden
- Modulare Racks
- Glasfaser- und Netzwerkausrüstung
6. Nachhaltigkeit und Eigenversorgung
- Photovoltaik
- Speichersysteme
- Wärmerückgewinnung
7. Sicherheit
- IT-Sicherheit
- Zugangs- und Sicherheitssysteme
Wettbewerbsvorteile erzielen Anbieter neben dem Preis vor allem durch hohe Zuverlässigkeit, niedrige Betriebskosten sowie Serviceleistungen über den gesamten Lebenszyklus.
"Eine besonders vielversprechende Wachstumschance für deutsche KMU liegt in der Ausstattung der Rechenzentren mit Anlagen, Systemen und Lösungen in den Bereichen Energieinfrastruktur, Industrieautomatisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit",
erläutert Zoran Jovanović, Sales Manager bei Siemens in Serbien, die Geschäftschancen.
Serbien erweitert bestehende und errichtet neue Rechenzentren
Das Herzstück des serbischen Ökosystems ist das staatlich betriebene Rechenzentrum in Kragujevac. Es beheimatet staatliche und gewerbliche Nutzer, darunter internationale IT-Konzerne wie Oracle, IBM oder Huawei, zudem lokale Anbieter wie Data Cloud Technology. Deutsche Firmen waren als Infrastruktur-, Technologie-, Zertifizierungspartner beteiligt. Die Infrastruktur wächst rasch. Die installierte Leistung wird gerade auf 40 Megawatt verdreifacht.
Die Regierung forciert den weiteren Ausbau des staatlichen Rechenzentrums in Kragujevac. Das serbische Finanzministerium veranschlagt das Vorhaben mit rund 170 Millionen Euro. Für 2027 stehen 10,7 Millionen Euro zur Verfügung. Geplant ist unter anderem eine Erweiterung der installierten Leistung auf 56 Megawatt, um den nächsten Schritt als Standort für Hochleistungsrechnen zu gehen. Bisher liegen hierzu weder eine öffentliche Bauausschreibung noch eine Machbarkeitsstudie vor.
Der Betreiber, das Amt für Informationstechnologie und E-Government, erhöht für 36 Millionen Euro bis Anfang 2027 die Leistung auf 720 Grafikprozessoren. Dafür installiert die französische IT-Firma Atos derzeit Nvidia-Superchips. Zudem werden ein zusätzliches wasserbasiertes Kühlsystem sowie die Netzanschlüsse errichtet.
Daneben soll nach Angaben des Stadtrats von Niška Banja im Süden Serbiens ein weiteres Rechenzentrum entstehen, das ein geschlossenes Wasser- und Kühlsystem nutzt.
Ein wichtiger Markttreiber ist die Datenlokalisierung: Die serbische Gesetzgebung zur elektronischen Verwaltung verlangt laut Serbia - Digital Economy, dass elektronische Register, Aufzeichnungen und elektronische Kommunikation staatlicher Stellen in Datenzentren auf dem Gebiet Serbiens gespeichert werden. Das schafft strukturelle Nachfrage nach nationalen Rechenzentrumskapazitäten.
Serbien will zudem regionaler KI-Hub werden. Das Land zählt laut Oxford AI Readiness Index zu den bestplatzierten Staaten in Südosteuropa und schneidet deutlich über dem Durchschnitt der Westbalkanländer ab. Im März 2026 wurde das neue Entwicklungsprogramm "Serbien 2035" angekündigt. Es definierte unter anderem die künstliche Intelligenz sowie den Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen als zentrale Schwerpunkte. Schon bis 2030 soll die Kapazität der staatlichen Rechenzentrumsinfrastruktur deutlich ausgebaut werden.
Bosnien und Herzegowina bereitet erste größere Projekte vor
Das zweitgrößte Westbalkanland verfügt über mehrere kleinere kommerzielle Rechenzentren, unter anderem in der Universität in Sarajewo, in Banja Luka oder Novi Travnik. Diese erbringen vor allem Hosting (Vermietung von Speicherplatz), Colocation (Unterbringung kundeneigener Server in einem externen Rechenzentrum) und Cloud-Dienste. Gleichzeitig verfügen sie aber bislang nicht über KI-Kapazitäten in der Größenordnung moderner Hochleistungsrechenzentren.
Erste Konzepte liegen vor: Im Sonderbezirk Brčko plant das deutsch-bosnische Unternehmen QuickConnect den Bau eines KI-fähigen Rechenzentrums. Das Projekt befindet sich in der Vorbereitungsphase. QuickConnect setzt auf eine skalierbare Stromversorgung, moderne Kühlung und die Einbindung nachhaltiger Energien. Die bosnisch-herzegowinische Investitionsförderagentur FIPA sucht Partner für ein weiteres KI-Rechenzentrum mit photonischer Prozessortechnik. Einen Standort hat die FIPA bislang nicht genannt. Eine Baugenehmigung liegt ebenfalls noch nicht vor.
Am weitesten fortgeschritten sind die Pläne zum Bau eines Rechenzentrums mit einer Leistung von 100 Megawatt bei Mostar. Der US-amerikanische Konzern AAFS Infrastructure and Energy plant Investitionen von rund 530 Millionen Euro in das Vorhaben, das sich noch im Entwicklungsstadium befindet. Die Energieversorgung des Rechenzentrums soll über den geplanten südlichen Gas-Interkonnektor nach Kroatien erfolgen – ein Projekt, das ebenfalls AAFS realisiert.
Staat entwickelt federführend Rechenzentren in Nordmazedonien
Nordmazedonien entwickelt sich als Standort für digitale Infrastruktur. Bei Rechenzentren befindet sich das Land jedoch noch in einer frühen Phase. Die bislang überschaubare Zahl von Rechenzentren betreiben überwiegend private Unternehmen wie A1 Makedonija und decken den inländischen Bedarf für Breitbandinternet oder Cloud-Dienste ab.
Der Staat baut seine Aktivitäten aus: Die Regierung beschloss den Bau eines nationalen Rechenzentrums nahe der Technologie- und Industriezonen (TIDZ) von Skopje. Die Kosten für die erste Phase betragen rund 20 Millionen Euro. Rund ein Drittel davon entfällt auf Hardware. Im Gespräch ist zudem ein Rechenzentrum in der landwirtschaftlich geprägten Tikveš-Ebene. Allerdings könnte die geringe Netzkapazität an den vorgesehenen Standorten einen Engpass darstellen.
Generell verbessert Nordmazedonien die Rahmenbedingungen und passte im Juni 2026 die Gesetzgebung an, um Projekte für Rechenzentren zu erleichtern. Der Staat erkennt Datenzentren nun ausdrücklich als eigenen Gebäudetyp an und stuft sie als Bauvorhaben der Kategorie I und damit als Vorhaben von nationaler Bedeutung ein. Änderungen der Stadtplanungs- und Bauvorschriften beschleunigen Antragsverfahren für Rechenzentren und dazugehörige Anlagen zur Erzeugung und Speicherung von Strom.