Branchenbericht | Westbalkan | Wasser und Umwelt

Westbalkanländer modernisieren ihre Wasserwirtschaft

Serbien, Bosnien und Herzegowina und Nordmazedonien investieren in Leitungsnetze und Kläranlagen. Technik aus Deutschland ist gefragt. Internationale Geber öffnen den Marktzugang.

Hans-Jürgen Wittmann

Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad

Finanzinstitute wie die Europäische Investitionsbank (EIB), die Finanzplattform Western Balkans Investment Framework (WBIF) oder die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanzieren Projekte in der Wasser- und Abwasserwirtschaft auf dem Westbalkan mit rund 600 Millionen Euro. Die Ausschreibungen dieser Vorhaben sind in der Regel transparent. Trotzdem ist ein lokaler Partner als Türöffner zu empfehlen.

Unterliegen die Ausschreibungen hingegen ausschließlich der staatlichen Beschaffung, sind diese häufig von Intransparenz geprägt. Meist realisieren dann kommunale Versorgungsbetriebe Vorhaben in der Wasser- und Abwasserwirtschaft.

Der Bedarf ist enorm: Veraltete Leitungen, hohe Wasserverluste und unzureichende Abwasserbehandlung. Neben dem hohen Modernisierungsbedarf bei Leitungsnetzen und Klärkapazitäten liegt der Fokus der drei Beitrittskandidaten auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz in der Wasserwirtschaft bei Anpassungen an EU-Umweltauflagen (Acquis communautaire).

Absatzchancen in zahlreichen Leistungsbereichen

Technisch hochwertige Lösungen deutscher Ausrüstungslieferanten sind vor allem dort gefragt, wo Lebenszyklus, Zuverlässigkeit und Energieeffizienz im Vordergrund stehen.

Verschiedene technische Lösungen sind gefragt: 

  • Verfahrenstechnik
  • Belüftungssysteme
  • Pumpen
  • Schlammbehandlung
  • anaerobe Vergärung
  • Mess- und Regeltechnik
  • Systeme zur Steuerung und Datenerfassung technischer Prozesse
  • Leckortung
  • Smart Metering
  • Energieoptimierung
  • Labor- und Überwachungstechnik
  • Automatisierungs- und Prozessleittechnik 
  • Ingenieur- und Beratungsleistungen

EU und China unterstützen Serbien bei Modernisierung der Wasserwirtschaft

Das Leitungsnetz Serbiens umfasst rund 50.900 Kilometer. Von den 711 Millionen Kubikmetern Trinkwassers kamen 2025 bei den Verbrauchern nur rund 445 Millionen Kubikmeter an. Die Verluste im Trinkwassernetz beliefen sich auf etwa 37 Prozent des eingespeisten Wassers. Das städtische Abwasseraufkommen lag 2025 bei 425 Millionen Kubikmetern. Insgesamt wurden 68 Millionen Kubikmeter gereinigt – nur rund 16 Prozent.

Serbien möchte mit der Wasserwirtschaftsstrategie bis 2034 die Branche fit für die Zukunft machen. Im Juli 2026 verabschiedete die Regierung einen Aktionsplan zur Umsetzung dieser Strategie mit dem Finanzrahmen, zuständigen Institutionen und Zielvorgaben. Ebenfalls im Juli 2026 beschloss die Regierung die Umweltschutzstrategie „Grüne Agenda für Serbien“ bis 2033 sowie den dazugehörigen Aktionsplan für den Zeitraum bis 2027. Die Umsetzung der Strategie schafft einen strategischen Rahmen für die Verringerung der Umweltbelastung im Abwassermanagement.

Serbien ist der größte Markt in der Wasser- und Abwasserwirtschaft in der Region. Aufgrund des hohen Nachholbedarfs beim Ausbau der Netze und der Behandlungskapazitäten dürfte der Investitionszyklus in den kommenden Jahren über bereits angekündigte Projekte hinausgehen. So widmet sich das von Präsident Aleksandar Vučić angekündigte Entwicklungsprogramm „Serbien 2035“ unter anderem dem Ausbau und der Modernisierung der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in kleineren Gemeinden wie Mladenovac. Den Investitionsbedarf schätzen Experten auf rund 5 Milliarden Euro.

Mit dem Programm „Čista Srbija“ (Sauberes Serbien) stellt das Ministerium für Bauwesen, Verkehr und Infrastruktur Gelder zur Modernisierung der Wasserwirtschaft bereit. Das Programm wird durch ein chinesisches Darlehen sowie aus dem serbischen Haushalt finanziert. Deutsche Anbieter dürften am ehesten als Subunternehmer Chancen haben. In einer ersten Phase werden Kläranlagen in Lazarevac, Obrenovac, Vranje, Krupanj, Kladovo und Mionica errichtet. Zur zweiten Phase gehören unter anderem Novi Sad, Subotica, Inđija, Ada, Doljevac, Svilajnac, Sombor und Ćićevac.

Programm „Čista Srbija“ (Sauberes Serbien)

Die Regierung beziffert das Gesamtinvestitionsvolumen auf 2,8 Milliarden Euro. Das Programm umfasst Projekte in 73 Städten, Gemeinden und Gebietskörperschaften, darunter: 

• Bau von 159 Kläranlagen

• Sanierung von 5.228 Kilometern Kanalisationsleitungen

• Errichtung von Abwasserpumpwerken

Die EIB und KfW finanzieren Vorhaben zum Bau von Kläranlagen in Belgrad-Palilula, Niš, Čačak, Loznica, Kraljevo und anderen kleineren Gemeinden.

Bau von Kläranlagen als Schwerpunkt in SerbienInvestitionsprojekte in der Wasser- und Abwasserwirtschaft
Projektbezeichnung

Investitionssumme in Mio. Euro

ProjektstandAnsprechpartner
Sanierung und Erweiterung des Kanalisationsnetzes und Bau einer Kläranlage / Palilula, Krnjača

99,2;

davon WBIF-Zuschuss: 36,8;

EIB-Darlehen: 25,8;

Serbischer Haushalt: 35

Projekt in Umsetzung; Ausschreibung der Bauleistungen voraussichtlich in mehr als 12 Monaten.Western Balkans Investment Framework (WBIF)
Sanierung und Ausbau der Kläranlage Ciganski Ključ / Niš

Rund 85 Gesamtprojekt;

 davon 56 EU-Zuschuss

Kläranlage für 268.000 EW im Bau; Phase I in UmsetzungAbteilung des serbischen Finanzministeriums für die Auftragsvergabe und Finanzierung von Programmen aus EU-Mitteln (CFCU)
Bau eines Abwassersammel- und behandlungssystems / Čačak, Prelići

Ausschreibung erfolgt im Rahmen eines offenen EU-Vergabeverfahrens

Angebotsfrist März 2026 abgelaufen; Zuschlag noch nicht veröffentlichtCFCU
Bau einer Kläranlage, einer Pumpstation und einer Abwasserreinigung (tertiäre Stufe) / Loznica

Angebotsphase 2026 abgeschlossen; Chancen für Ausrüstungslieferanten über den ausgewählten Generalauftragnehmer

Das Design orientiert sich an Richtlinien der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA)JP Vodovod i kanalizacija Loznica
Ausbau und Sanierung des Kanalnetzes und Bau einer Kläranlage / Sokobanja

12,4;

davon Finanzierung durch EU: 6,3;

Finanzierung durch serbischen Staat: 6,1

Bauvertrag im April 2024 unterzeichnet; Kanalnetz und Kläranlage in UmsetzungCFCU
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

Großer Nachholbedarf prägt Wasserwirtschaft in Bosnien und Herzegowina

Im Jahr 2024 wurden im zweitgrößten Westbalkanland rund 112 Millionen Kubikmeter Abwasser in öffentliche Kanalisationsnetze eingeleitet. Davon wurden lediglich etwa 46 Prozent behandelt. Bedarf besteht bei kleineren, modularen Kläranlagen sowie Ausrüstung für die weitergehende Abwasserreinigung, die Schlammbehandlung und für Pumpstationen. Neben der konventionellen Abwasserinfrastruktur bieten folgende Segmente Geschäftschancen: Lösungen zu Leckagen, Messtechnik, hydraulische Steuerung und Sanierung.

Weiterer Schwachpunkt sind die hohen Frischwasserverluste. In der Republika Srpska (RS) versickern rund 46 Prozent der entnommenen Wassermenge. In der Föderation Bosnien und Herzegowina (FBiH) liegt der Wasserverlust bei etwa 57 Prozent. Besonders kritisch ist die Situation in Sarajevo. In dem rund 1.120 Kilometer langen Leitungsnetz der Hauptstadt gingen 2024 rund 70 Prozent des eingespeisten Trinkwassers verloren. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Lösungen zur Leckortung, elektromagnetischen Durchflussmessern, Smart-Metern, Druckregelventilen oder Pumpen sowie Technologien zur Rohrsanierung.

Bosnien und Herzegowina hat keine landesweite Entwicklungsstrategie für die Branche. Die Wasserwirtschaftsstrategie der FBiH für den Zeitraum bis 2032 definiert Ziele wie den Schutz der Wasserqualität, die sichere Trinkwasserversorgung, Klimaresilienz, die Angleichung an EU-Standards sowie Nachhaltigkeit. In der RS decken die Bewirtschaftungspläne für die Einzugsgebiete der Save und der Adria den Zeitraum bis 2027 ab.

Auf gesamtstaatlicher Ebene existiert kein gesamtstaatliches Wasserwirtschaftssystem. Die Zuständigkeiten sind vor allem auf die Entitäten FBiH und RS sowie die Kantone und Gemeinden aufgeteilt. Im Jahr 2024 flossen rund 27 Millionen Euro an staatlichen Mitteln in die Modernisierung der Wasser- und Abwasserwirtschaft. Daneben finanziert die Weltbank bis 2027 mit rund 65 Millionen Euro die Modernisierung der kommunalen Wasser- und Abwasserinfrastruktur.

Die EIB gewährt Darlehen von 60 Millionen Euro für die Wasserver- und Abwasserentsorgung in der RS. Die Teilprojekte sind auf kleinere Gemeinden verteilt und werden einzeln ausgeschrieben. Der FBiH stehen EIB-Darlehen von rund 120 Millionen Euro für den Ausbau und die Sanierung von Wasserversorgungssystemen sowie den Bau von Kanalisationsnetzen und Kläranlagen in kleinen und mittleren Gemeinden zur Verfügung.

Internationale Geber investieren in Sanierung der Wasserwirtschaft von Bosnien und HerzegowinaGrößere Projekte in der Wasser- und Abwasserwirtschaft
Projektbezeichnung

Investitionssumme in Mio. Euro

ProjektstandAnsprechpartner
Sanierung, Modernisierung und Erweiterung der Wasser- und Abwasserinfrastruktur / Živinice

35,9;

 davon EBRD-Darlehen: 10;

WBIF-Zuschuss: 20,9;

Städtisches Budget: 5

EBRD genehmigte Projekt im Juli 2026

Vergabe für Beratung und Planung im Februar 2026 an das Konsortium Enova Sarajevo-Saraj Inzenjering-Atrius Projekt unter Federführung von Enova Sarajevo

JP Vodovod i Kanalizacije Živinice 
Sanierung des 1.120 Kilometer langen Wasserleitungsnetzes, Bau neuer Pumpstationen und neue Mess- und Steuertechnik / Sarajevo

33,1; 

davon EBRD-Darlehen: 25

 

Phase VI im Dezember 2025 ausgeschrieben; Phase VII noch nicht separat ausgeschrieben.KJKP Vodovod i Kanalizacija Sarajevo
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

Nordmazedonien muss Abwasserreinigung auf Vordermann bringen

In Nordmazedonien werden nach Angaben des Statistikamtes nur 16 Prozent – also nur jeder sechste Liter – des Abwassers gereinigt. Zwar waren 2021 drei Viertel aller Wohnungen an das öffentliche Kanalisationsnetz angeschlossen, doch wurden Abwässer größtenteils ungefiltert in Gewässer eingeleitet. Hauptgründe dafür sind unzureichende Kapazitäten der lokalen Versorgungsunternehmen sowie ein fehlender Anreiz zu Investitionen aufgrund unzureichender Kostendeckung durch zu niedrige Abwassergebühren.

Das wichtigste Strategiedokument zur Entwicklung der Branche ist die Nationale Wasserstrategie bis 2042. Sie benennt die veraltete Wasserinfrastruktur sowie unzureichende Kapazitäten für die Abwassersammlung und -behandlung als zentrale Herausforderungen. Daneben wurde eine nationale Strategie für die Behandlung von Klärschlamm bis 2034 erstellt. Parallel dazu erarbeitet Nordmazedonien einen Umsetzungsplan für die EU-Richtlinie über die Behandlung kommunaler Abwässer sowie ein nationales Programm für Wasserversorgung und Abwasserbehandlung. Bei Kläranlagen, Schlammbehandlung, Mess- und Regeltechnik sowie energieeffizienten Lösungen ergeben sich Absatzchancen für ausländische Anbieter.

Die Gesamtausgaben für die Abwasserwirtschaft lagen 2023 bei rund 50,5 Millionen Euro. Weitere rund 30 Millionen Euro flossen in die Trinkwasserversorgung. Diese Zahlen beinhalten Investitionen und Instandhaltung.

Große Investitionen trotz geringer Marktgröße von Nordmazedoniens WasserwirtschaftProjekte in der Wasser- und Abwasserwirtschaft
Projektbezeichnung

Investitionssumme in Mio. Euro

ProjektstandAnsprechpartner
Ausbau und Sanierung der Kläranlage / Skopje

205;

davon EIB-Darlehen: 68;

WBIF-Zuschuss: 72,2

Im Bau; 1. Phase bis 2028; Anschließend zweijährige Text- und Probebetriebsphase; Vollständige Inbetriebnahme: 2030JP Vodovod i Kanalizacija Skopje
Bau moderner Abwassersysteme mit Schwerpunkt auf energieeffiziente Abwasserreinigung / Štip, Vinica

80;

davon EIB-Fazilität: 50

Projektvorbereitung läuft; Ausschreibungen noch nicht veröffentlicht.Umweltministerium Nordmazedoniens (MOEPP)
Bau einer Kläranlage / Veles

Nicht veröffentlicht; Finanzierung nach Herausnahme aus dem EU-Programm offen

Aktuell Verzögerungen aufgrund von Standort- und GrundstücksfragenUmweltministerium Nordmazedoniens (MOEPP)
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026