Wirtschaftsausblick | Spanien

Spaniens Wirtschaftswachstum liegt über dem EU-Durchschnitt

Wachstumstreiber sind die starke Binnennachfrage und eine Zunahme der Investitionen. Die Dynamik schwächt sich aber ab.

Von Friedrich Henle | Madrid

Top-Thema: Chinesischer Fußabdruck in der Kfz-Branche wächst

Am 1. Juni 2026 verkündete der chinesische Automobilkonzern SAIC offiziell, sein erstes europäisches Werk in Spanien bauen zu wollen. In der galizischen Hafenstadt Ferrol sollen ab 2028 jährlich bis zu 120.000 Fahrzeuge, vor allem der Marke MG, vom Band laufen. Die Investitionskosten betragen 200 Millionen Euro. In der ersten Phase handelt es sich um eine Montage importierter Bauteile. SAIC hatte neben Spanien auch Standorte in Marokko, Tschechien und Ungarn in Erwägung gezogen. Zu den Vorteilen zählt laut Medien die günstige geografische Lage mit kurzer Distanz zum wichtigen Absatzmarkt Großbritannien für MG-Modelle.

Die Präsenz chinesischer Hersteller und Zulieferfirmen in der spanischen Automobilbranche nimmt damit weiter zu. Chery produziert bereits seit Ende 2024 gemeinsam mit seinem spanischen Partner Ebro in Barcelona Fahrzeuge beider Marken. Die spanische Traditionsmarke Santana Motors wird im andalusischen Linares durch den chinesischen Autobauer BAIC wiederbelebt. Auch Stellantis hat angekündigt, in seinen Werken in Madrid und Saragossa demnächst Autos der chinesischen Marke Leapmotor zu montieren. Ebenfalls in Saragossa errichtet Stellantis gemeinsam mit CATL eine Batteriefabrik. 

Spanien entwickelt sich für chinesische Branchenunternehmen zu einem Eingangstor nach Europa. Als zweitwichtigster Produktionsstandort für Fahrzeuge in Europa verfügt das Land über etablierte Strukturen. Hinzu kommt der spanische Absatzmarkt, in dem chinesische Hersteller zunehmend erfolgreich sind. Nach Angaben des spanischen Automobilverbands ANFAC lag ihr Anteil an den Pkw-Neuzulassungen zwischen Januar und Mai 2026 bereits bei 12 Prozent.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum trotz globaler Herausforderungen

Spaniens Wirtschaft zeigt sich weiterhin in guter Verfassung. Die negativen Auswirkungen des Irankriegs halten sich noch in Grenzen. Höheren Energiepreisen begegnete die Regierung mit temporären Steuersenkungen für Haushalte und Unternehmen. Zudem halten der hohe Anteil erneuerbarer Energien im Strommix und häufige Überkapazitäten die Großhandelspreise für Strom auf moderatem Niveau.

In ihrer im Mai 2026 veröffentlichten Prognose hebt die EU-Kommission die Wachstumsaussichten für das laufende Jahr leicht auf 2,4 Prozent an. Auch 2027 soll das spanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch real um 1,9 Prozent steigen. Damit liegt das Land weiterhin über dem durchschnittlichen BIP-Wachstum in der EU, das die EU-Kommission für 2026 auf 1,1 Prozent beziehungsweise für 2027 auf 1,4 Prozent beziffert.

Einer der Gründe für den guten Wirtschaftsausblick ist die hohe private Nachfrage. Neue Arbeitsplätze und reale Einkommenszuwächse sorgen für mehr Konsum. Hinzu kommt eine starke Nettozuwanderung, vor allem aus Lateinamerika und Marokko. Am 1. April 2026 lebten 49,7 Millionen Menschen im Land. Im Jahresvergleich bedeutet das eine Zunahme um knapp eine halbe Million.

Investitionen: Unternehmen reagieren auf gestiegene Nachfrage

Gleichzeitig nimmt die Zuversicht auch in der Privatwirtschaft zu. Unternehmen kaufen verstärkt Maschinen und Anlagen, um die wachsende Nachfrage bedienen zu können. Bei den Ausrüstungsinvestitionen erwartet die EU-Kommission für 2026 immer noch einen Anstieg um 3,3 Prozent, nach kräftigen 7,4 Prozent im Vorjahr.

Die Bauinvestitionen werden der Prognose zufolge 2026 um 4,5 Prozent zulegen. Neben Infrastrukturprojekten fließen derzeit mehr Gelder in Logistikprojekte und in Rechenzentren. Auch im Wohnungsbau gehen die Zahlen wieder leicht nach oben. Große urbane Entwicklungsprojekte, wie Madrid Nuevo Norte, befinden sich in der Umsetzung. Dennoch fehlen - insbesondere in den großen Städten - bezahlbare Wohnungen.

Außenhandel: US-Zölle belasten mittelstark

Spanien befindet sich im Handelsstreit der USA mit der EU in einer besseren Lage als andere Länder. Im Jahr 2025 exportierte es weniger als 5 Prozent seiner Güter in die USA. Dennoch sind einige Branchen vom Zollstreit stärker betroffen, wie GTAI in einer europaweiten Studie analysiert hat. Dazu gehören in Spanien die Pharmaindustrie, die Kfz-Zulieferbranche und der Nahrungsmittelbereich. 

Die zunehmenden Schwierigkeiten im transatlantischen Handel machen sich bemerkbar. Die Warenausfuhr in die USA nahm 2025 um 8 Prozent ab. Spanische Unternehmen konnten den Verlust aber erfolgreich mit anderen Exportdestinationen kompensieren. Der gesamte Warenexport blieb 2025 mit einem Minus von 0,4 Prozent gegenüber 2024 relativ stabil.

 

Deutsche Perspektive: Spanien steigt unter die Top 10 der Exportmärkte auf

Deutsche Unternehmen exportierten 2025 Waren im Wert von 59 Milliarden Euro - ein sattes Plus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Spanien überholt dadurch Belgien und steigt in die Top 10 der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands auf. Damit bestätigt sich auch eine Prognose von GTAI vom Dezember 2025. Dabei geht das Wachstum nicht nur auf eine spezifische Produktgruppe zurück. Vielmehr sind die Ausfuhren aus Deutschland nach Spanien in der Breite gestiegen.

Neueste Zahlen von Destatis legen nahe - dieser Trend hält an. In den ersten drei Monaten des Jahres 2026 betrug der Wert der deutschen Ausfuhren bereits 15,6 Milliarden Euro.

Die in Spanien ansässigen deutschen Unternehmen sind mit der aktuellen Lage ebenfalls zufrieden, blicken aber vorsichtiger in die Zukunft. Das Frühjahrsbarometer der Deutschen Handelskammer für Spanien (AHK) von Mai 2026 zeigt, dass von den befragten deutschen Mitgliedsunternehmen 92 Prozent ihre momentane Geschäftslage als gut oder befriedigend einschätzen.

Die Aussichten für die kommenden zwölf Monate haben sich gegenüber der Herbstumfrage jedoch leicht verschlechtert. Der Anteil der Unternehmen, die eine Verbesserung erwarten, sinkt von 41,3 auf 36,5 Prozent. Mit einer Verschlechterung ihrer Lage rechnen 16,2 Prozent, gegenüber 12,7 Prozent im November 2025. Knapp die Hälfte der Befragten, also 47,3 Prozent, gehen von einer gleich bleibenden Geschäftslage aus.