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Special | Marokko | Marktzugang für Medizintechnik

Handel & Lieferketten

Marktzugang für Medizintechnik in Marokko

Marokkos Vorgaben für die Einfuhr von Medizintechnik sind vergleichsweise unkompliziert. Aber der Markt birgt Herausforderungen. Die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern ist ratsam.

Von Amira Baltic-Supukovic, Michael Sauermost | Bonn, Casablanca

  • Einfuhrbestimmungen für Medizintechnik

    Medizintechnik aus der EU ist zollfrei. Exporteure müssen jedoch die nationalen Vorschriften zur Registrierung beachten.

    Im Vergleich zu vielen anderen Drittstaaten sind Marokkos Vorgaben für die Einfuhr und den Marktzugang von Medizintechnik überschaubar. Wichtig ist vor allem die rechtzeitige Kontaktaufnahme mit den zuständigen lokalen Behörden.

    Zollfreiheit für EU-Waren

    Die Einfuhrabgaben setzen sich aus dem Zoll und der Einfuhrumsatzsteuer zusammen. Aufgrund des Europa-Mittelmeer-Abkommens können medizinische Geräte mit Ursprung in der Europäischen Union zollfrei in Marokko eingeführt werden. Voraussetzung ist jedoch, dass der präferenzielle Warenursprung nachgewiesen wird.

    Als förmliche Ursprungsnachweise gelten die Warenverkehrsbescheinigungen EUR.1 oder EUR-MED. Sie werden von der deutschen Zollverwaltung ausgestellt. Für Sendungen mit einem Warenwert bis 6.000 Euro kann der Ausführer auf diese Bescheinigungen verzichten. Stattdessen kann er den Warenursprung durch eine Erklärung auf der Rechnung angeben. Hat er die Vereinfachung "Ermächtigter Ausführer" erlangt, dann besteht keine Wertbegrenzung bei der Abgabe der Ursprungserklärungen. Sie gilt also auch für Warensendungen über 6.000 Euro. Hierfür muss lediglich die Bewilligungsnummer in der Ursprungserklärung ergänzt werden. 

    Neben der Europäischen Union gelten Zollpräferenzen grundsätzlich auch für Waren aus folgenden Ländern oder Ländervereinigungen:

    • Vereinigtes Königreich,
    • USA,
    • Arabische Liga,
    • Tunesien,
    • Türkei,
    • EFTA,
    • Ägypten,
    • Irak,
    • Vereinigte Arabische Emirate,
    • Libyen und
    • Algerien.

    Hat die Ware keinen präferenziellen Ursprung, dann wendet die Zollverwaltung den Meistbegünstigungszollsatz (MFN-Zollsatz) an. Für die meisten medizinischen Geräte beträgt dieser 2,5 Prozent.

    Einfuhrumsatzsteuer: Regelsatz 

    Die marokkanische Umsatzsteuer fällt grundsätzlich bei jeder Wareneinfuhr in das marokkanische Zollgebiet an. Der Regelsatz liegt bei 20 Prozent und kommt auch bei der Einfuhr medizinischer Geräte zur Anwendung. Bemessungsgrundlage für die Berechnung der Umsatzsteuer ist der Zollwert zuzüglich Zoll und sonstiger Einfuhrabgaben außer der Umsatzsteuer selbst.

    Einfuhrabgaben und Dokumentanforderungen können in der Datenbank ADIL (Assistant au Dédouanement des marchandises à l'Importation en Ligne) recherchiert werden.


    Zollsätze für medizinische Geräte: Beispiele

    Warenbeschreibung

    Zolltarifnummer

    MFN-Zollsatz

    in Prozent

    Präferenzzollsatz für EU-Waren

    in Prozent

    Diagnostik- und Laborreagenzien

    3822

    2,5

    0

    Computertomographie-Geräte

    9022.12

    2,5

    0

    Blutdruckmessgeräte

    9018.90.10

    2,5

    0


    Teile und Zubehör für Röntgenapparate und -geräte

    9022.90.20

    2,5

    0

    Elektrokardiografen

    9018.11.00

    2,5

    0

    Elektrodiagnosegeräte, auch Intensive Care Units

    9018.19

    2,5

    0

    Instrumente, Apparate und Geräte für zahnärztliche Zwecke

    9018.49.90

    2,5

    0

    Beatmungsgeräte

    9019.20

    2,5

    0

    Spritzen

    9018.30

    2,5

    0

    Stand: Juni 2022Quelle: Marokkanische Zollverwaltung

    Zollabfertigung zunehmend digital

    Vor dem Eintreffen der Waren muss der Beförderer oder dessen Vertreter eine verpflichtende summarische Eingangsanmeldung ("déclaration sommaire") abgeben. Die Waren sind nach Ankunft innerhalb von 24 Stunden beim zuständigen Zollamt zu gestellen. Im Schiffsverkehr muss innerhalb von 45 Tagen nach Eingang der summarischen Vorabanmeldung eine Zollanmeldung (déclaration unique des marchandises - DUM) abgegeben werden. Während dieser Zeit können die Waren in dafür zugelassenen MEAD (magasins et aires dédouanement) entladen und in vorübergehender Verwahrung gelagert werden. Die Zollabfertigung erfolgt überwiegend elektronisch über die Zolldatenbank BADR (Base Automatisée des Douanes en Réseau). Die Zollbehörde prüft außerdem im Rahmen einer Risikoanalyse, ob die Waren Verboten und Beschränkungen unterliegen. Außerdem prüft sie die Dokumente und entscheidet, ob physische Warenkontrollen durchzuführen sind oder das Durchleuchten von Containern erforderlich ist.

    BADR ist auch mit dem neuen Single Window System PortNet verbunden. PortNet bietet zahlreiche Dienstleistungen rund um die Zollabfertigung in Marokko an. Für Importeure ist eine Registrierung bei PortNet verpflichtend. In einer weiteren, kostenlosen Plattform namens Diw@nati kann der Importeur unter anderem den Bearbeitungsstatus seiner Importe verfolgen und anfallende Zölle und Gebühren bezahlen.

    Registrierungspflicht für Importeure und Produkte 

    Betriebe, die medizinische Geräte produzieren, exportieren, importieren, vertreiben oder instand halten, müssen laut Dekret Nr. 2-14-607 beim marokkanischen Gesundheitsministerium registriert sein. Die zuständige Abteilung ist die „direction du médicament et de la pharmacie“. Welche Dokumente für die Registrierung erforderlich sind, wird in der Verordnung des Gesundheitsministers Nr. 2823-15 aufgeführt. Hier sind auch Muster für entsprechende Anträge zu finden.

    Für den Marktzugang ist außerdem eine Registrierung der Geräte notwendig. Sie wird ebenfalls vom Importeur beim Gesundheitsministerium beantragt. Die Bearbeitungszeit kann bis zu 120 Tage nach Einreichen der vollständigen Unterlagen betragen. Das Zertifikat ist fünf Jahre gültig. Für Röntgenapparate ist neben der Registrierung auch eine Genehmigung notwendig. Die Bezeichnung der Genehmigung lautet “Autorisation d'importation de substances radio-actives naturelles ou artificielles“. Auch dieses Dokument muss vor jeder Einfuhr beim marokkanischen Gesundheitsministerium beantragt werden. Die Bearbeitungsdauer beträgt zwei Tage.

    Die Einfuhr gespendeter medizinischer Geräte und Medikamente kann ebenfalls nur nach einer Genehmigung des Gesundheitsministeriums erfolgen. Die marokkanischen Bestimmungen zu medizinischen Geräten sind im Gesetz Nr. 84-12 (Loi No. 84-12 rélative aux dispositives médicaux) zu finden.

    Weitere Informationen zu Einfuhrverfahren, Warenbegleitdokumente, zu zahlende Abgaben sowie Verbote und Beschränkungen in Marokko finden Sie in unserem Zoll und Einfuhr kompakt - Marokko.

    Von Amira Baltic-Supukovic | Bonn

  • Der Zugang zum Chancenmarkt bleibt anspruchsvoll

    Medizintechnik in Marokko abzusetzen, ist alles andere als ein Selbstläufer. Der wachsende Markt lockt allerdings und wird zusätzlich als Sprungbrett nach Süden gesehen. 

    Der marokkanische Markt für Medizintechnik soll laut Fitch Solutions (inklusive medizinischer Verbrauchsgüter) bis 2023 ein Volumen von rund 450 Millionen US-Dollar (US$) erreichen. Dieses bewerten ausländische Unternehmen bislang meist als zu gering, um vor Ort in eine Produktionsstätte zu investieren.

    Bislang Importe lukrativer als Investitionen

    Im Jahr 2020 erreichten die Importe (SITC 774/872) ein Volumen von rund 320 Millionen US$. Das waren 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Deutsche Lieferanten hielten dabei einen Marktanteil von etwa einem Achtel.

    Zum Marktführer hat sich in den letzten Jahren China entwickelt. Vorher war dies lediglich bei medizinischen Verbrauchsgütern der Fall. Nun tragen auch technisch hochwertigere Geräte ein chinesisches Logo. Insgesamt kamen knapp 30 Prozent der Brancheneinfuhren 2020 aus dem Reich der Mitte. In Zukunft werden aus Europa vor allem Lieferchancen für Röntgengeräte, MRT- und Ultraschall-Ausrüstung, Überwachungs- und Elektrodiagnosegeräte, ICU-Ausrüstung (Intensive Care Unit) sowie Ausrüstungen inklusive Software für E-Health-Anwendungen erwartet.

    Einfuhr wird digitaler und Logistikkapazität wächst

    Durch das marokkanische Freihandelsabkommen mit der EU erfolgt die Einfuhr relativ leicht und transparent. Außerdem verfügt das Königreich über hervorragende Umschlagplätze. Als Vorzeigeprojekt in Sachen Logistik gilt der weiter wachsende Hafenkomplex Tanger Med. In Afrika und im Mittelmeerraum hat sich der Umschlagplatz an vorderster Stelle positioniert. Dort werden auch tendenziell weniger Störungen bei der Warenabwicklung registriert als bei anderen Umschlagplätzen in Marokko.

    Nicht zuletzt sorgte die Coronapandemie dafür, dass auch bei der Verzollung die Digitalisierung angeschoben wurde. Ende 2020 richtete die Administration des Douanes et Impots Indirects (ADII) ein Online-Portal ein - für mehr Transparenz und eine schnellere Abwicklung. Mit gleichem Ziel kam es zu der Entwicklung der App "Diw@nati". Eine weitere Anwendung, "Bayyan Ly @", soll den Verbraucherschutz erhöhen.

    Lokale Produktion wird ausgebaut

    Eine weitere Folge der Coronapandemie ist, dass Marokko begonnen hat, eine vorher kaum existierende lokale Fertigung aufzubauen. Zunächst wurden Masken, Arztkittel, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel gefertigt. Mit Beatmungsgeräten und Notfallbetten wurde dann ein technisch höheres Niveau erreicht. Zuletzt vereinbarten die ABA Technology Group und das Moroccan Medical & Biomedical Industrial Cluster (MMI) eine Partnerschaft unter der Schirmherrschaft des Industrieministeriums. Dabei geht es um den weiteren Ausbau der lokalen Fertigung, die gezielt gefördert werden soll.

    Das MMI Custer arbeitet gemeinsam mit den zuständigen Behörden daran, die Zulassungen zu straffen. Durch eine Quote für lokal hergestellte Güter soll die Produktion in Marokko weiter ausgebaut werden. Ausländische Unternehmen könnten daran gegebenenfalls in Form von Partnerschaften und Know-how-Transfer partizipieren.

    Privatsektor ist für Neueinsteiger zugänglicher

    Lieferanten stoßen auf zwei Gesundheitsmärkte mit vollständig unterschiedlichen Spielregeln. Für Neueinsteiger ist der dynamische Privatsektor zugänglicher. Der öffentliche Sektor gilt hingegen als wenig transparent. Generell sind dort einige Platzhirsche schon gut positioniert und haben auch bei Ausschreibungen gute Karten.

    Positiv wird von Lieferanten bewertet, dass die Genehmigungsverfahren dezentraler werden. Musste früher Lobbyarbeit in Rabat betrieben werden, so haben mittlerweile öffentliche Krankenhäuser mehr Befugnisse, Produkttests durchzuführen.

    Partner mit technischem Know-how erforderlich

    Ohne einen erfahrenen Partner haben ausländische Unternehmen vor allem zu Beginn schlechte Karten. Für die Registrierungsprozesse, aber auch später bei der Kundenakquirierung und -betreuung muss dieser über das nötige technische Verständnis verfügen. Diese Fachleute zu finden, ist gar nicht so einfach, wie von Newcomern bisweilen vermutet wird. Und auch deren Gehaltsvorstellungen werden von ausländischen Firmen oft unterschätzt.

    Unzureichender Versicherungsschutz bremst

    Die allgemeine Abdeckung mit Versicherungsschutz bleibt ein Engpassfaktor. Aufwendigere Produkte und Dienstleistungen sind darüber hinaus oft nicht erstattungsfähig. Dies beklagt beispielsweise Houda Toufelaz, Country Managerin von Ottobock. Sie nennt zudem den Registrierungsprozess von medizintechnischen Produkten durch die Direction du Médicament et de la Pharmacie (DMP) als Hürde: "Es kann durchaus sechs bis neun Monate dauern, bis ein Produkt registriert ist und importiert werden darf." Laut Advanced Medical Services (AMS) hindert ebenfalls die Mehrwertsteuer auf medizinische Ausrüstungen Kunden daran, qualitativ hochwertige Geräte anzuschaffen.

    Importe von Gebrauchtware nur bedingte Option

    Seit 2017 ist die davor florierende Einfuhr von gebrauchter Medizintechnik untersagt. Abgesehen von inoffiziellen Handelswegen, die vor allem für Teile und Komponenten genutzt werden, wurde dieser Handel eingedämmt. Allerdings besteht unter bestimmten Auflagen die Möglichkeit, runderneuerte (refurbished) Geräte zu importieren. Dies setzt jedoch beispielsweise voraus, dass die Aufbereitung durch den Originalhersteller erfolgt. Allerdings ist auch dann die Zulassung nicht garantiert.

    Entwicklung für den Afrikahandel noch offen

    Ein Blick in die Zukunft ist anspruchsvoll. Die Handelsausrichtung Marokkos in den afrikanischen Raum dürfte zunehmen. Bereits jetzt haben die lokalen Hersteller begonnen, die Lieferung von medizinischen Erzeugnissen Richtung Süden auszubauen. Von Europa aus bietet sich daher die Nutzung dieser, sich etablierender Handelswege an. Allerdings müssten dann die Handelshemmnisse unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen in den jeweiligen Drittländern geprüft werden.

    Von Michael Sauermost | Casablanca

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