Baustelle in der Nähe von Danzig: Hier entsteht Polens erstes Atomkraftwerk. Baustelle in der Nähe von Danzig: Hier entsteht Polens erstes Atomkraftwerk. | © © 2025 Polskie Elektrownie Jądrowe

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Neue Kernkraftwerke in Europa: Deutsche Zulieferer sind dabei – trotz Atomausstieg

Mehr als 40 Länder planen den Bau neuer Kernkraftwerke – auch in Europa finden sich zahlreiche Initiativen und Projekte. Für deutsche Zulieferer entstehen Chancen bei Turbinen, Pumpen und Steuerungstechnik. Polen, Tschechien und Frankreich setzen auf modulare Reaktoren. 

Von Kirsten Grieß, Judith Illerhaus, Frauke Schmitz-Bauerdick, Gerit Schulze, Christopher Fuß

Atomkraft, nein danke? Nicht in Polen. 2036 soll westlich von Danzig der erste Reaktor des Landes ans Netz gehen. Die Kernkraft soll Braun- wie auch Steinkohle ablösen, die immer noch mehr als die Hälfte der polnischen Stromerzeugung ausmachen. Kernenergie gilt in Warschau als Zukunftstechnologie, weil sie emissionsfrei ist und wetterunabhängig. Eine nennenswerte Anti-Atomkraft-Bewegung gibt es nicht. In ganz Europa setzen Regierungen wieder auf die Kernspaltung. Das liegt auch daran, dass der Betrieb von Kernkraftwerken kaum Treibhausgasemissionen verursacht. Die Europäische Union sieht in der Kernenergie eine nachhaltige Übergangslösung. Zwar hat Deutschland der Energiequelle den Rücken gekehrt, doch deutsche Zulieferer sind weiterhin in Sachen Kernkraftwerke aktiv. 

Aktuell planen zahlreiche Länder weltweit den Ausbau von Atomkraft. Eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigt: Mehr als 40 Länder weltweit wollen in den kommenden Jahren Kernkraftwerke bauen oder erweitern, um den steigenden Bedarf an Elektrizität zu decken. In China befinden sich etwa 30 neue Reaktoren im Bau. Die Hälfte der weltweit in den letzten zehn Jahren errichteten Reaktoren wurde dort gebaut. In Japan forscht man an kleinen Leichtwasserreaktoren, gasgekühlten Hochtemperaturreaktoren und der Kernfusion. Kanada baut vier kleine, modulare Reaktoren (SMRs) am Atomkraftwerk (AKW) Darlington in Ontario, die in den Jahren 2030 bis 2036 in Betrieb gehen sollen. Gleichzeitig steht auch die Kernfusion ganz oben auf der Agenda vieler Regierungen. Die Technik ist zwar noch weit von der Marktreife entfernt, aber etliche Länder wie die USA oder Japan setzen darauf. Für Zulieferer gibt es auch hier Chancen, und sei es bei den gewaltigen Forschungsanlagen wie ITER in Frankreich. Die deutsche Bundesregierung treibt Kernfusion über ihr Programm „Fusion 2040" voran und will Milliarden investieren – mit dem erklärten Ziel, das weltweit erste Fusionskraftwerk in Deutschland zu errichten. Dazu kommen weltweit mit hohen Milliardensummen finanzierte, private Startups, das Bundeswirtschaftsministerium zählt aktuell rund 50 weltweit. Deutsche Komponentenhersteller sind bei all dem bestens im Geschäft. 

Polen und Tschechien bevorzugen lokale Unternehmen 

Technologielieferant für das erste Atomkraftwerk Polens ist zwar ein USamerikanisches Konsortium der Firmen Westinghouse und Bechtel. Die Kosten von rund 45 Milliarden Euro will der staatliche Projektentwickler PEJ über langfristige Stromabnahmepreise refinanzieren. Deutsche Zulieferer können sich dennoch um Aufträge bemühen, müssen dann aber hohe Ansprüche erfüllen. Das US-Konsortium verlangt neben internationalen Standards auch eigene Zertifizierungen. Und die polnische Regierung fordert, Aufträge bevorzugt an polnische Unternehmen zu vergeben. Deutsche Zulieferer haben voraussichtlich dann Chancen, wenn sie in Polen auf Partner verweisen können. So macht es zum Beispiel die französische Arabelle Solutions. Das Unternehmen hat den Zuschlag für den Bau der Dampfturbinen erhalten. Westinghouse schreibt zur Begründung: Arabelle Solutions arbeitet mit polnischen Lieferanten zusammen und fördert die Ausbildung von Fachkräften. 

Auch Tschechien will mit Kernkraft raus aus der Kohle, braucht dabei Unterstützung von Zulieferern und fördert die lokale Wertschöpfung. Das Land will Marktführer bei Kleinreaktoren (SMRs) in Europa werden. Der halbstaatliche Energiekonzern ČEZ ist mit 20 Prozent beim britischen Hersteller RollsRoyce SMR eingestiegen. Gemeinsam wollen beide Unternehmen bis 2050 SMR mit einer Gesamtleistung von drei Gigawatt im Land errichten. Der erste modulare Reaktor soll ab Mitte der 2030er Jahre im südböhmischen Temelín neben einem bestehenden Kernkraftwerk in Betrieb gehen. Insgesamt rechnet RollsRoyce in Tschechien mit sechs Modularreaktoren. Siemens Energy wird laut mehreren Quellen die Turbinen für die modularen Kernkraftwerke liefern, wohl auch weil das Unternehmen Produktionsstandorte in Tschechien unterhält. Auch für andere deutsche Hersteller ergeben sich Liefermöglichkeiten, unter anderem bei Pumpen, Ventilen, Armaturen, Druckbehältern, Wärmetauschern, Mess-, Steuer- und Regeltechnik. Allerdings verfügt Tschechien auf dem Gebiet der Kerntechnologie und Energiewirtschaft auch über eine starke eigene Industrie mit sehr leistungsfähigen Lieferanten.  

Polens erstes AKW bei Danzig 

Die Behörden prüfen den Bauantrag, erste Arbeiten starten 

Die Vorbereitungen für Polens erstes Atomkraftwerk haben eine weitere Etappe erreicht. Der staatliche Projektträger PEJ reichte Ende März 2026 den Bauantrag für das Kernkraftwerk bei der Atomaufsicht PAA ein. Die Behörde hat nun bis zu 24 Monate Zeit, über die Genehmigung zu entscheiden. Parallel verhandelt das federführende USKonsortium WestinghouseBechtel mit PEJ den schlüsselfertigen Bauvertrag, der laut PEJ bis Ende 2026 unterzeichnet werden soll. Die Uhr tickt: Voraussetzung für eine Inbetriebnahme ab 2036 ist ein Baubeginn im Jahr 2028. Vorbereitende Arbeiten am Standort bei Danzig laufen bereits. Auf rund 300 Hektar hat PEJ Flächen gerodet, Planierungs und Erdarbeiten begonnen. Zudem entstehen Zufahrtsstraßen und Anschlüsse an die Strominfrastruktur. Das USKonsortium beziffert laufende und kurzfristig geplante Ausschreibungen für vorbereitende Leistungen auf rund 400 Mio. Euro. 

Computergrafik des ersten polnischen Kernkraftwerks: So soll der Meiler aussehen, wenn er planmäßig im Jahr 2036 in Betrieb geht. Computergrafik des ersten polnischen Kernkraftwerks: So soll der Meiler aussehen, wenn er planmäßig im Jahr 2036 in Betrieb geht. | © © 2025 Polskie Elektrownie Jądrowe

In Frankreich und Schweden gilt die Technik als grün 

Deutschlands westliches Nachbarland Frankreich – nach den USA und China der drittgrößte Produzent von Nuklearstrom der Welt – hat schon im Jahr 2022 ein neues Atomprogramm aufgelegt. Die Regierung Macron will Ersatz für die aktuell 57 Reaktoren schaffen, die zumeist noch aus den 1970er und 80er-Jahren stammen, immer öfter ausfallen und ohnehin zum Großteil ab 2040 vom Netz gehen werden. Geplant sind zunächst sechs EPR2-Atommeiler, später weitere acht Reaktoren. 2038 soll der erste ans Netz gehen. Das Land treibt auch die Entwicklung von SMRs voran. Bereits 2032 könnte laut französischer Regierung der erste SMR in Betrieb gehen. Siemens Energy liefert unter anderem Dampfturbinen für Reaktoren. Auch die betriebstechnische Leittechnik für den EPR2-Reaktor Flamanville 3 kommt von Siemens. Der Pumpenhersteller KSB produziert in Frankreich nicht nur für Nuklearkraftwerke, sondern betreibt in Zentralfrankreich auch ein auf Nuklearanwendungen spezialisiertes Instandhaltungszentrum. Und auch der sauerländische Spezialist für Metalllegierungen VDM Metals ist mit einer Niederlassung in Frankreich aktiv.  

Neuer Großreaktor im Norden Frankreichs 

Eine der größten Baustellen Europas 

Die abschließenden Abstimmungs- und Genehmigungsverfahren rund um neuen EPR2-Reaktor Penly im Norden Frankreichs laufen noch. Bereits seit Sommer 2024 aber sind die Vorbereitungsarbeiten in vollem Gange. Bauherr ist EDF, Eiffage Construction ist für die Aushub-, Bau und Vorbereitungsarbeiten zuständig. Die Vorbereitungsarbeiten beschränken sich nicht allein auf Geländearbeiten. Der Bau des neuen Kernkraftwerkes wird über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahre eine der größten Baustellen Europas sein und mehrere Tausend Arbeiter beschäftigen. Die brauchen Unterkunft und Infrastruktur.  Ab 2029 soll der Bau des Kraftwerkes selbst starten. Die Lose für Zuarbeiten und Zulieferungen wie beispielsweise im Bereich Elektrik und Luft- und Klimatechnik müssen noch vergeben werden. 

Inspekteure in Schutzanzügen untersuchen den Reaktorblock 2 des Kernkraftwerks Penly im Norden Frankreichs. Inspekteure in Schutzanzügen untersuchen den Reaktorblock 2 des Kernkraftwerks Penly im Norden Frankreichs. | © picture alliance / dpa | Fred Douchet

Hintergrund neuer Atomprogramme wie dem in Frankreich ist oft die Tatsache, dass viele Länder die Technik als klimafreundlich einstuft. So auch in Schweden: Das nordische Land hat die Kernkraft nie vollständig aufgegeben – wohl aber ihren Ausbau lange begrenzt. Jetzt setzt man auf neue Reaktoren, darunter SMRs. Die schwedische Regierung plant, eine staatliche Mehrheitsbeteiligung an der Projektgesellschaft Videberg Kraft AB zu übernehmen, die für den Bau der neuen Reaktoren zuständig ist. Private Investoren sollen durch diese staatliche Risikobeteiligung mehr Planungssicherheit gewinnen. Es gibt kaum einheimische Nuklearzulieferer, deshalb ist das Land auf ausländische Anbieter angewiesen und entsprechend offen. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Reaktortechnik über Komponenten bis hin zu Engineering und Service – entstehen neue Geschäftschancen. Deutsche Unternehmen sind bereits präsent: Uniper ist an drei Kernkraftwerken beteiligt. Siemens Energy liefert zentrale Technologien. Hinzu kommt ein wachsendes Geschäftsfeld beim Rückbau und bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle. 

SMRs im schwedischen Ringhals 

Mehrere kleine modulare Reaktoren mit 1,5 Gigawatt 

Der geplante Neubau am Standort Ringhals markiert den Einstieg Schwedens in eine neue Phase der Kernkraft. In dem westschwedischen Ort will der staatliche Energieversorger Vattenfall mehrere kleine modulare Reaktoren errichten – mit einer Gesamtleistung von rund 1,5 Gigawatt. Für das Projekt wurde bereits ein Antrag im Rahmen des schwedischen Kernkraft-Förderprogramms gestellt, an dem neben Vattenfall auch ein Industriekonsortium beteiligt ist.. Bei der Reaktortechnologie hat sich die Projektgesellschaft inzwischen für den britischen Anbieter Rolls‑Royce SMR entschieden. Zuvor standen auch US‑Konzepte in der engeren Auswahl. Deutsche Unternehmen sind bislang nicht als Reaktorlieferanten beteiligt, dürften aber entlang der Zulieferkette profitieren – etwa bei Turbinen, Steuerungstechnik oder Engineering-Leistungen. 

Konzept für einen Small Modular Reactor (SMR) von Rolls-Royce. So sollen die Klein-Kernkraftwerke später aussehen. Konzept für einen Small Modular Reactor (SMR) von Rolls-Royce. So sollen die Klein-Kernkraftwerke später aussehen. | © Rolls-Royce SMR 2026

Alte Anlagen zu modernisieren wird zum Geschäft 

Weil viele europäische Kernkraftwerke länger als geplant am Netz bleiben, entstehen Geschäftschancen auch in der Modernisierung. Das hat auch damit zu tun, dass Laufzeitverlängerungen auf 60 bis 80 Jahre zunehmend zum Standard werden. Über zwei Drittel der bestehenden Anlagen sind älter als 30 Jahre, etwa die Hälfte älter als 40 Jahre. Beispiel Tschechien: Das Industrieministerium hat Anfang April 2026 bekanntgegeben, dass das AKW Dukovany statt 60 nun bis zu 80 Jahre laufen soll. Die vier Reaktorblöcke sowjetischer Bauart (Druckwasserreaktoren WWER 440) decken 20 Prozent des tschechischen Stromverbrauchs. Schon jetzt investiert Kraftwerksbetreiber ČEZ jährlich fast 300 Millionen Euro, um Generatoren und Turbinenkomponenten auszutauschen, Rohrleitungen zu erneuern und die Sicherheitssysteme zu modernisieren.    

Auch in Slowenien will die Regierung die Laufzeit des bestehenden Reaktors um 20 Jahre verlängern: bis 2063. Bei den Modernisierungen kommen auch ausländische Lieferanten zum Einsatz: Die kroatische Končar-Gruppe liefert beispielsweise Ersatzmotoren für verschiedene Pumpensysteme, die ursprünglich vom US-Anbieter Westinghouse stammen. Končar ist wiederum ein enger Partner von Siemens Energy. In Kroatien betreiben die Unternehmen zwei Joint-Ventures für Transformatoren. Das Kernkraftwerk Krško ist seit 1983 in Betrieb und war das einzige Atomkraftwerk Jugoslawiens. Heute wird die Anlage gemeinsam mit Kroatien betrieben und deckt rund 16 Prozent des kroatischen sowie nahezu 20 Prozent des slowenischen Strombedarfs.  

Hohe Kosten und politische Risiken bleiben 

Ohne Herausforderungen bleibt die Atomkraft-Renaissance ohnehin nicht, zumal die Studien zum Ausbau von Kraftwerken nicht unumstritten sind. Atompolitikanalyst Mycle Schneider etwa, Herausgeber des World Nuclear Industry Status Report, geht eher von einem Rückbau der Technik aus. Er zählt 13 Länder, die zurzeit neue AKWs bauen, zehn davon hätten aber bereits Atomprogramme gehabt. „Das heißt, nur ein Drittel der aktuell 31 Betreiberländer baut heute neu – drei sind Newcomer“, sagt Schneider. „Tatsächlich sind die meisten Indikatoren der Branche rückläufig oder haben ihre historischen Maxima seit Jahrzehnten überschritten.“ Zudem sind die Kosten für den Bau der neuen AKW-Generation immens. In Frankreich sollen die ersten sechs Kraftwerke des Atomprogramms laut aktuellen Berechnungen des Bauherrn und Betreibers EDF bei 84 Milliarden Euro liegen. Ob es dem Staatskonzern EDF gelingt, Zeit- und Kostenplan einzuhalten, ist unsicher. Die letzten EPR2-Projekte von EDF, das französische Kraftwerk Flamanville sowie Hinkley Point in Großbritannien, hatten mit massiven Verspätungen und Kostensteigerungen zu kämpfen.

In Ungarn ist die Zukunft des Erweiterungsprojekts am ungarischen Kernkraftwerk Paks (Paks II) inzwischen ebenfalls wieder ungewiss. Die neue Regierung hat die hohen Kosten kritisiert und der neue Wirtschafts- und Energieminister István Kapitány angekündigt, die Verträge mit dem russischen Generalauftragnehmer Rosatom zu überprüfen. Wegen der Sanktionen gegen Russland ist es zudem nur schwer möglich, europäische Zulieferer zu finden. Die deutsche Exportkontrolle hat zum Beispiel die Lieferung von Leit- und Steuerungstechnik durch Siemens Energy verhindert. Rosatom beendete daraufhin den Liefervertrag mit dem deutschen Unternehmen und sucht nach Ersatzlösungen. Es wird immer weniger wahrscheinlich, dass die neuen Reaktorblöcke wie geplant zum Jahreswechsel 2031/2032 ans Netz gehen. 

Was sind  Small Modular Reactors?  

Small Modular Reactors (SMRs) sind kompakte Kernkraftwerke mit einer Leistung von typischerweise unter 300 Megawatt, ein Bruchteil konventioneller Reaktoren. Sie werden weitgehend im Werk vorgefertigt und erst vor Ort zusammengesetzt, was Bauzeit und Kosten senken soll. Anders als klassische Großkraftwerke lassen sie sich auch in kleineren Stromnetzen oder abgelegenen Regionen einsetzen. Kommerzielle SMR-Anlagen gibt es bisher nur in China und Russland, im Westen erwarten Experten den Durchbruch gegen Ende des Jahrzehnts. Die Investitionen in SMR sollen bis 2030 auf rund 25  Milliarden US-Dollar pro Jahr steigen.