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Tschechien setzt auf Atomstrom aus modularen Reaktoren
Tschechien strebt in Europa eine Führungsrolle beim Bau von modularen Kernreaktoren an. Dabei helfen soll eine Kooperation mit dem britischen Hersteller Rolls‑Royce SMR.
29.04.2026
Von Gerit Schulze | Prag
Kernenergie soll die Stütze der tschechischen Stromerzeugung bleiben. Neben dem Ausbau der bestehenden Atomkraftwerke (AKW) setzt Prag auf kleine modulare Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) und will dabei mit dem Vereinigten Königreich kooperieren. Am 24. April 2026 reiste der britische Wirtschafts- und Handelsminister Peter Kyle nach Prag, um an der Unterzeichnung mehrerer Vereinbarungen teilzunehmen. Dazu gehört ein "Early Works Contract" zwischen dem halbstaatlichen Energiekonzern ČEZ und Rolls‑Royce SMR, der es ermöglicht, die Umwelt-, Bau- und nuklearrechtlichen Genehmigungsverfahren für ein erstes Projekt zu starten.
Anteil hatte die Kernkraft 2025 an Tschechiens Stromerzeugung.
Laut tschechischen Medienberichten plant ČEZ bis 2050 SMR mit einer Gesamtleistung von 3 Gigawatt im Land. Um Zugang zur Technologie zu bekommen, beteiligte sich das tschechische Unternehmen bereits 2025 mit 20 Prozent am britischen Hersteller Rolls‑Royce SMR.
Erster Modularreaktor ab Mitte der 2030er Jahre
Der modulare Pilotreaktor soll ab Mitte der 2030er Jahre im südböhmischen Temelín neben dem dortigen AKW in Betrieb gehen. Es ist der erste internationale Auftrag für Rolls‑Royce SMR. Zuvor will das britische Unternehmen in Wylfa (North Wales) ein SMR-Referenzprojekt errichten.
Tschechien wäre damit das zweite Land in Europa, das die neue Technologie auf den Weg bringt. Insgesamt will Rolls‑Royce hier sechs Modularreaktoren errichten. Sie sollen vor allem die Kohlekraftwerke ersetzen, die in den kommenden Jahren abgeschaltet werden müssen. Damit entsteht ein großer Markt mit entsprechendem Zulieferbedarf. Der britische Wirtschaftsminister Kyle sagte in Prag, dass der globale SMR-Markt bis 2050 ein Volumen von 500 Milliarden Pfund (rund 580 Milliarden Euro) erreichen könnte.
Davon will Tschechien mit seinem Know-how auf dem Gebiet der Kernenergie profitieren, erklärte ČEZ-Vorstandsvorsitzender Daniel Beneš bei der Vertragsunterzeichnung. Die SMR würden helfen, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern und die Energieversorgung zu sichern.
Der Preis für den in SMR erzeugten Strom soll auf dem Niveau der geplanten Großreaktoren am AKW Dukovany liegen. Dort rechnet Tschechiens Regierung mit Stromkosten von unter 90 Euro pro Megawattstunde. Experten schätzen, dass ein solcher Preis nur bei hoher staatlicher Unterstützung und optimistischen Projektverläufen haltbar sei.
Deutsche Unternehmen mit im Geschäft
Für deutsche Unternehmen eröffnen sich durch Tschechiens SMR-Ambitionen Geschäftschancen. Siemens Energy wird laut mehreren Quellen die Turbinen für die modularen Kernkraftwerke liefern.
Der deutsche Hersteller profitiert dabei von seinen Produktionsstandorten in Tschechien. Denn Prag setzt beim Bau der SMR auf lokale Wertschöpfung. Wirtschaftsminister Karel Havlíček betonte bei der Vertragsunterzeichnung mit Rolls‑Royce SMR, dass die Beteiligung tschechischer Unternehmen an dem Vorhaben "fundamental" sei. Es gehe darum, die neue Technologie gemeinsam zu entwickeln und zu bauen. Dafür werden bereits Firmen ausgewählt, die Teil der Lieferkette sein sollen, "und zwar beim Bau von SMR in ganz Europa", so Havlíček. Dazu gehören Škoda JS und UJV Řež, wie Rolls‑Royce-Chef Chris Cholerton der Prager Wirtschaftszeitung Hospodářské noviny sagte. Tschechien ist außerdem als Standort für eine neue SMR-Komponentenfabrik im Gespräch.
Auf europäischer Ebene hat sich bereits eine Industrieallianz für SMR geformt, in der neben Siemens Energy weitere deutsche Firmen wie der Pumpenhersteller KSB oder der Messtechnikanbieter Wika vertreten sind.
Kooperationsmöglichkeiten gibt es bei Komponenten, Modulen und Hilfssystemen für nukleare Anlagen, aber auch bei der Projektdokumentation sowie bei Mess‑, Steuer- und Überwachungslösungen. In der Bauphase werden Spezialgewerke, Logistik und Netzanbindung benötigt.
Tschechiens SMR-Pläne im Überblick
- sechs SMR-Standorte geplant
- Gemeinschaftsprojekt von Rolls-Royce SMR und ČEZ
- erstes Projekt soll in Temelín entstehen (nach 2035)
- jeder Reaktor hat eine elektrische Leistung von 470 Megawatt (MW)
- ein Reaktor könnte den Strombedarf von 1 Million Haushalten decken
- Strompreis von unter 90 Euro je Megawattstunde (MWh) angestrebt
Atomkraftwerk Dukovany bleibt länger am Netz
Wie stark Tschechien bei seiner Energiepolitik auf Kernkraft setzt, unterstreicht die geplante Laufzeitverlängerung des AKW Dukovany. Wie das tschechische Industrieministerium (MPO) Anfang April 2026 bekanntgab, soll der Betrieb statt auf 60 Jahre nun auf bis zu 80 Jahre ausgeweitet werden. Die vier Reaktorblöcke sowjetischer Bauart (Druckwasserreaktoren WWER 440) gingen zwischen 1985 und 1987 ans Netz. Sie haben eine Leistung von jeweils 512 Megawatt und decken 20 Prozent des tschechischen Stromverbrauchs.
Die längere Laufzeit begründet Tschechiens Regierung mit dem steigenden Strombedarf durch Digitalisierung, Automatisierung, künstliche Intelligenz und Elektrifizierung der Industrie. Der Leiter der staatlichen Atomaufsichtsbehörde SÚJB, Štěpán Kochánek, begrüßt die Pläne. Die Anlagen in Dukovany gehörten zu den weltweit am besten gewarteten Einrichtungen dieses Reaktortyps. Eine Betriebsverlängerung sei international üblich, erklärte er. Allerdings warnen Kritiker bei derart langen Laufzeiten vor einer Versprödung des Druckbehälters. Anders als bei westlichen Reaktortypen fehlt in Dukovany ein Hochdruck‑Containment als letzte Rückfallebene.
Parallel zu Dukovany prüft ČEZ auch einen längeren Betrieb der beiden AKW-Blöcke in Temelín, die zwischen 2000 und 2003 in Betrieb gingen. Laut Wirtschaftsminister Havlíček werde 2027 über eine mögliche Betriebsverlängerung an dem Standort entschieden.
Hohe Investitionen in die Anlagensicherheit
Für eine solche Laufzeitverlängerung sind umfangreiche Investitionen nötig. Schon jetzt investiert Kraftwerksbetreiber ČEZ in Temelín und Dukovany jährlich fast 300 Millionen Euro, um Generatoren und Turbinenkomponenten auszutauschen, Rohrleitungen zu erneuern und die Sicherheitssysteme zu modernisieren. Für die Laufzeitverlängerung muss der Betreiber nachweisen, dass alle sicherheitsrelevanten Komponenten den aktuellen Anforderungen entsprechen.
Der Stromkonzern ČEZ gehört zu zwei Dritteln dem tschechischen Staat. Die neue Regierung plant, auch die übrigen Anteile zu übernehmen und das Unternehmen perspektivisch komplett unter staatliche Kontrolle zu bringen.