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Europas Atomrenaissance: Kleine Reaktoren in Frankreich und Polen
Die EU will Kernkraft stärker fördern und setzt dabei auf Minireaktoren. Frankreich und Polen arbeiten an solchen Kleinkraftwerken. Auch deutsche Zulieferer positionieren sich.
17.04.2026
Von Frauke Schmitz-Bauerdick, Christopher Fuß | Paris, Warschau
Kernenergie erlebt in Europa eine politische Renaissance. Anders als noch vor einigen Jahren bewertet die Europäische Kommission die Energieart mittlerweile als wichtigen Baustein, um klimaschädliche Treibhausgase zu reduzieren.
Im Zentrum der neuen europäischen Nuklearpolitik steht eine Technologie: Small Modular Reactors (SMR). Diese kleinen, modularen Reaktoren haben eine geringere Leistung als große Kernkraftwerke, lassen sich aber in Serie produzieren und vergleichsweise schnell errichten. Noch befindet sich SMR in einem frühen Entwicklungsstadium. Bislang haben nur Russland und China Anlagen fertiggestellt.
Europäische Kommission präsentiert SMR-Strategie
Trotz dieses frühen Stadiums sieht die Europäische Kommission laut ihrer im März 2026 vorgestellten SMR-Strategie erhebliches Potenzial. Bis zu 53 Gigawatt SMR-Kapazität könnten bis 2050 in Europa entstehen. Bereits Anfang der 2030er Jahre sollen erste Anlagen in Betrieb gehen.
Laut Europäischer Kommission sind SMR für mehrere Szenarien geeignet, darunter:
- Fernwärme,
- Industrien mit schwer vermeidbaren Emissionen,
- Wasserstoffproduktion,
- Stromversorgung neuer Großverbraucher wie Rechenzentren,
- Energieversorgung abgelegener Regionen
Um Investitionen anzustoßen, stellt die Brüsseler Behörde zunächst Garantien im Umfang von 200 Millionen Euro bereit. Auch die Europäische Investitionsbank finanziert Projekte.
Gleichzeitig ruft die SMR-Strategie der Europäischen Kommission dazu auf, dass die Industrie einige aussichtsreiche Projekte vorantreibt. Dabei spielt die Europäische Industrieallianz für SMR eine zentrale Rolle, in der sich Unternehmen und Branchenkenner zusammengeschlossen haben. Eine Mitgliedschaft in der Industrieallianz ist jedoch keine Garantie, dass ein Unternehmen an SMR Projekten mit baut. Darüber entscheiden die Reaktorhersteller unabhängig.
Neue Chancen für deutsche Zulieferer
Aus Deutschland sind in der Industrieallianz neben Konzernen wie Siemens Energy auch mittelständische Firmen vertreten, etwa der Pumpenhersteller KSB oder der Messtechnikanbieter Wika. Viele Unternehmen verfügen über Erfahrung mit großen Kernkraftwerken.
Der Dortmunder Metallwerkstoffhersteller VDM Metals erläutert auf Anfrage von Germany Trade & Invest (GTAI): "In wassergekühlten SMR werden die gleichen Werkstoffe genutzt wie in großen Kraftwerken. Hier kommt unsere korrosionsbeständige Nickel-Chrom-Eisen-Legierung zum Einsatz."
Felix Aschendorf, Sales Director im Nuklear-Segment bei Siemens Energy, ergänzt gegenüber GTAI: "Wir produzieren Dampfturbinen von 2 bis zu 1.900 Megawatt. Somit können wir verschiedenste Anwendungen bedienen."
Die Industrieallianz hat in Europa insgesamt neun SMR-Leuchtturmprojekte identifiziert. Sie finden in Ländern wie Italien, Rumänien oder dem Vereinigten Königreich statt. Deutsche Firmen entwickeln zwar keine Reaktoren, arbeiten aber mit einigen Reaktorbauern zusammen.
So auch Siemens Energy und die britische Rolls-Royce SMR: Beide Firmen haben 2025 ein Partnerschaftsabkommen unterzeichnet: "Gemeinsam wollen wir SMR-Projekte in Europe und weltweit umsetzen“, erklärt Felix Aschendorf.
Auch Deutschlands Nachbarländer Polen und Frankreich planen kleine Reaktoren. Deutsche Zulieferer bemühen sich um eine Position in den Lieferketten. VDM Metals schreibt dazu: "Wir unterstützen sowohl Erstausrüster als auch Start-ups bei der Umsetzung ihrer Reaktorkonzepte, auch mit Bezug zu Frankreich und Polen."
An Frankreich und Polen lassen sich exemplarisch die Chancen und Herausforderungen der jungen Technologie verdeutlichen, nicht zuletzt auch deshalb, weil beide Länder zu den größten Fürsprechern der Kernenergie in Europa gehören.
| Unternehmen | Hauptprodukt/-dienstleistung |
|---|---|
| Becker Technologies GmbH | Anlagenplanung und -bau |
| GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH | Entsorgung und Lagerung |
| Hatch Küttner GmbH | Engineering |
| KSB SE & Co. KGaA | Pumpen |
| Siemens Energy Global GmbH | Turbinen |
| Siempelkamp NIS Ingenieurgesellschaft mbH | Engineering |
| VDM Metals International GmbH | Speziallegierungen |
| WIKA Alexander Wiegand SE & Co. KG | Messtechnik |
| TÜV SÜD Energietechnik GmbH | Zertifizierung |
Fast ein Dutzend SMR-Firmen in Frankreich
Frankreich beansprucht eine Führungsrolle im SMR-Bereich. Bereits 2021 startete die Regierung ein milliardenschweres Förderprogramm für SMR-Technologien. Heute arbeiten elf französische Start-ups an unterschiedlichen Reaktorkonzepten. Von zentraler Bedeutung ist die Wahl des Kühlmittels: Neben etablierten Leichtwasserreaktoren gibt es Projekte für Flüssigsalz- oder Flüssigmetallreaktoren. Letztere fallen unter die Kategorie der Advanced Modular Reactors (AMR).
Mehrere Firmen treiben in Frankreich AMR-Projekte voran, darunter das französisch-italienische Joint Venture Newcleo und das Start-up Stellaria. Newcleo gehört außerdem zu den Leuchtturmprojekten der europäischen Industrieallianz. Das Unternehmen plant ein erstes Demonstrationsobjekt bis 2031. Die Kosten dafür liegen bei rund 3 Milliarden Euro. Stellaria wiederum will bis 2033 einen Flüssigsalzreaktor fertigstellen.
Unerprobte Technologien bergen hohe Risiken. So steht das französische AMR-Start-up Naarea mittlerweile vor dem Aus. Laut einer Stellungnahme des beteiligten Unternehmens Eneris fand man sich nach jahrelanger Forschung in einer "technologischen Sackgasse" wieder.
Auch etablierte Firmen stehen vor Herausforderungen. Nuward, eine SMR-Tochter des französischen Energiekonzerns EDF, musste die Entwicklung eines Leichtwasserreaktors aufgrund technischer Probleme zeitweise stoppen. Nuward will nach 2030 eine marktreife Lösung vorstellen.
SMR-Projekt in Polen mit US-Technik
Anders als Frankreich verfügt Polen bislang kaum über Erfahrungen mit Kernenergie. Trotzdem setzt das Land große Hoffnungen auf SMR. Wichtigster Akteur ist Orlen Synthos Green Energy (OSGE), ein Joint Venture des staatlichen Ölkonzerns Orlen und des Chemieriesen Synthos.
Bis 2035 plant OSGE mindestens zwei Reaktorblöcke zu bauen. Es ist das einzige SMR-Vorhaben aus Polen, das es auf die Liste der europäischen Leuchtturmprojekte geschafft hat. Die Technik kommt von GE Hitachi (USA/Japan). Die Kosten liegen bei 2 Milliarden Euro je Reaktorblock.
Als erster Standort gilt das Düngemittelwerk der Orlen-Tochter Anwil im westpolnischen Włocławek. Das Chemiewerk von Synthos im südpolnischen Oświęcim kommt ebenfalls infrage.
OSGE will die Reaktoren exportieren. Auch Frankreich strebt laut der staatlichen Energiestrategie PPE3 die internationale Vermarktung seiner SMR-Technologien an.
Ob SMR-Strom jedoch günstig genug ist, um Investitionen zu rechtfertigen, bleibt unklar. OSGE kalkuliert mit Kosten von bis zu 135 Euro pro Megawattstunde – ein Niveau, das mit polnischen Offshore-Windprojekten vergleichbar ist. Orlen verweist dennoch auf einen Vorteil: man läge um 30 Prozent unter Gas.
Noch günstiger will die private polnische Entwicklungsfirma Respect Energy produzieren. Sie visiert 100 Euro pro Megawattstunde an und hat sich für den Nuward-Reaktor aus Frankreich entschieden. Standort soll der Norden Polens sein, wo auch das erste große polnische Kernkraftwerk entsteht. Das SMR-Projekt befindet sich in einem frühen Stadium. Es gibt bislang weder ein Grundstück noch Abnahmeverträge.
Hohes Risiko erschwert Finanzierung
Die Finanzierung bleibt neben technologischen Risiken die größte Herausforderung. Die französische Regierung hat Banken aufgefordert, mehr Kapital bereitzustellen. Der Branchenverband der französischen Nuklearindustrie SFEN sieht die Hauptprobleme in fehlenden politischen Zusagen und unzureichenden Mechanismen zur Risikominimierung.
Immerhin gibt es Fortschritte, schreibt das Dortmunder Unternehmen VDM Metals. Die Einstufung der Kernenergie durch die Europäische Kommission als nachhaltig – wenn auch nur unter Auflagen – unterstütze die Finanzierung europäischer Projekte. Dennoch sei weitere politische Unterstützung nötig, um europäische Lieferketten aufzubauen.
Felix Aschendorf von Siemens Energy nennt weitere Herausforderungen: "Es bedarf langfristig nachhaltiger und koordinierter Strukturen für Aus- und Weiterbildung sowie Zertifizierung von Fachkräften, die für den Bau und Betrieb neuer Anlagen erforderlich sind", so der Vertriebsleiter gegenüber GTAI.
Mehr Informationen
Details zur europäischen SMR-Strategie hält die Europäische Kommission auf ihrer Internetseite bereit.