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Special | Ungarn | Krieg in der Ukraine

Der Krieg in der Ukraine dämpft die Konjunktur

Ungarns Wirtschaftswachstum erhält einen Dämpfer. Einige Branchen spüren die Folgen des Krieges im Nachbarland. Die Energieversorgung gilt indes als gesichert.

Von Waldemar Lichter | Budapest

Eigentlich hatte Ungarns Wirtschaft wieder einen guten Lauf. Die Coronakrise schien überwunden. Nach dem heftigen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2020 von 5,2 Prozent nahm die Wirtschaftsleistung 2021 um 7,1 Prozent zu. Auch für 2022 und 2023 waren die Prognosen überaus günstig.

Geringeres Wachstum zu erwarten

Doch nun verändert Russlands Krieg gegen die Ukraine vieles. Mit einer Rezession als Folge des Konflikts rechnet für Ungarn zwar niemand. Doch klar ist, dass das Wachstum deutlich geringer ausfallen wird. So geht Raiffeisen Research für 2022 nur noch von einem realen BIP-Plus von 3,5 Prozent aus. Vor dem Krieg waren 4,5 Prozent erwartet worden.

Andere Beobachter sind pessimistischer und rechnen damit, dass sich das BIP-Wachstum halbieren könne. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Konflikts, Sanktionen und Gegensanktionen dämpfen auch in Ungarn die Erwartungen, die Verbraucherstimmung und die Investitionsneigung.

Steigende Energiekosten befeuern die Inflation

Hinzu kommen die erhöhten Inflationsgefahren. Die hohen Energiepreise wirken sich (zusammen mit steigenden Nahrungsmittelpreisen) negativ auf die Kaufkraft privater Haushalte aus. Betroffen sind auch Unternehmen des produzierenden Gewerbes. Sie kämpfen mit hohen Kostensteigerungen bei Energie und Rohstoffen.

Im Hinblick auf die Versorgungssicherheit bei Energie fühlt sich das Land gut abgesichert. Im Herbst 2021 hat Ungarn mit dem russischen Gaskonzern Gazprom einen neuen Liefervertrag für 4,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr mit einer Laufzeit von 15 Jahren abgeschlossen. Das Gas kommt dann nicht mehr wie bisher über die Ukraine ins Land, sondern über die Pipeline TurkStream, die durch Serbien und Österreich führt. Gleichzeitig gibt es die Option, Flüssigerdgas (Liquified Natural Gas; LNG) aus anderen Quellen über das LNG-Terminal auf der kroatischen Adria-Insel Krk zu beziehen. Auch bei Erdöl scheint es vorerst keine Versorgungsprobleme zu geben. 

Ungarn gegen Energieembargo

Um die eigene Energieversorgung nicht zu gefährden, wendet sich die ungarische Regierung strikt gegen ein mögliches Embargo der Europäischen Union (EU) auf Erdöl und Erdgas aus Russland. Ungarns zentrales Argument gegen einen Importstopp für Energie aus Russland ist, die ungarische Bevölkerung vor den Folgen der EU-Sanktionen und vor zusätzlichen Belastungen zu schützen.

Ungeachtet dessen bleibt zu befürchten, dass der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland eine Reihe von Sektoren und Industriezweigen in Ungarn treffen könnte. Zu spüren bekam das bereits der Bankensektor, dies bei der Abwicklung der ungarischen Tochter der sanktionierten russischen Sberbank. Deren rund 65.000 private Kunden erhalten zwar eine Entschädigung der Einlagenversicherung von bis zu 100.000 Euro. Die entsprechenden Koste, die sich Schätzungen zufolge auf 420 Millionen Euro summieren, belasten jedoch am Ende auch ungarische Banken. Abgesehen davon sollen bei der Sberbank etwa 1.000 ungarische Unternehmen Konten haben, die wahrscheinlich nicht entschädigt werden.

Ausbau des Kernkraftwerks Paks könnte infrage gestellt werden

Einige Fragezeichen könnten infolge des Ukrainekrieges beim größten Investitionsvorhaben im ungarischen Energiesektor auftauchen – dem Bau zweier Reaktoren des Kernkraftwerks Paks (Paks-2) für über 10 Milliarden Euro. Finanziert wird das Projekt mit Krediten der ebenfalls auf Sanktionslisten der EU und der USA stehenden russischen VEB-Bank. Es gibt allerdings bisher keine Anzeichen dafür, dass der Paks-2-Neubau infrage gestellt werden würde.

Ungarische Niederlassungen in Russland und in der Ukraine betroffen

Im Exportgeschäft nach Russland sind nach Angaben der Ungarischen Industrie- und Handelskammer (MKIK) rund 800 ungarische Unternehmen aktiv. Im Handel mit der Ukraine sind es sogar 2.000. In der Ukraine seien die Aktivitäten fast vollständig zum Erliegen gekommen. Es gäbe Probleme mit der Energieversorgung, mit der Logistik und Rohstoffbeschaffung und mit Banken, berichtet István Szekeres, Präsident der Ungarisch-Russischen Sektion der MKIK. Das Geschäft mit Russland werde vor allem durch eingeschränkte Transportmöglichkeiten und die Abwertung des Rubels beeinträchtigt. Die Frachtraten steigen, die Importe werden durch die abgewertete russische Währung extrem verteuert.

Zu den am stärksten betroffenen ungarischen Unternehmen könnte die OTP-Bank zählen, die mit eigenen Tochtergesellschaften sowohl in Russland als auch in der Ukraine vertreten ist. Auch der Pharmakonzern Gedeon Richter dürfte vor Problemen stehen. Russland ist für das Unternehmen nach den USA der zweitgrößte Absatzmarkt. Statt deutlichen Wachstums erwartet der Pharmahersteller deshalb für 2022 nur noch stagnierende Umsätze.

Störungen des Geschäftsablaufs durch den Krieg sind ferner bei dem Baustoffhersteller Masterplast sowie beim größten Metallurgiewerk Ungarns, ISD Dunaferr (Dunaújváros), zu befürchten. Masterplast hat mehrere Beteiligungen in einigen der bedrohten Regionen der Ukraine (Dnipro, Mykolajiw sowie Kiew). Die Rohstoffversorgung bei ISD Dunaferr sei zwar immer noch gesichert. Dem Unternehmen machen aber die extrem hohen Energiepreise (vor allem für Erdgas) zu schaffen. Ähnliches gilt für den Mineraldüngerhersteller Nitrogénművek (Pétfürdő).

Unterbrochene Lieferketten im Automobilsektor spürbar

Erste direkte Auswirkungen des Ukrainekriegs bekommt inzwischen auch Ungarns wichtigster Industriezweig, die Automobilindustrie, zu spüren. Das mache sich zuerst bei der Logistik und bei der Versorgung mit Rohstoffen und Komponenten bemerkbar, sagt Csaba Kilián, Chef des Verbandes der ungarischen Automobilindustrie MAGE. So fehlen dem Audi-Werk im nordungarischen Győr bereits Kabelbäume aus der Ukraine. Das Mercedes-Werk in Kecskemét leidet unter fehlenden Komponenten von dort. Das größte Problem aber dürfte die fehlende Nachfrage infolge des Krieges sein, was zu Produktionskürzungen bei den ungarischen Autowerken führen könnte.

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