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Der Bau von Rechenzentren gerät ins Stocken – der Blick geht ins All
In den USA wächst der Widerstand gegen Rechenzentren. Die nächste Generation der KI-Infrastruktur soll deshalb dort entstehen, wo Platz und Sonnenenergie im Überfluss vorhanden sind – im Weltraum.
12.10.2026
Für das Start-up Starcloud sind Rechenzentren im All keine ferne Utopie mehr. Bereits im November 2025 brachte das US-Unternehmen mit Starcloud-1 seinen ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn. Ausgestattet mit einem Nvidia-H100-Prozessor trainierte dieser erstmals ein KI-Modell im Orbit und führte auch Googles Gemma-Sprachmodelle aus. Mit dem für 2027 angekündigten Satelliten Starcloud-2 will Starcloud den nächsten Schritt hin zu einem kommerziellen Rechenzentrum im All gehen. Geplant ist der Einsatz des speziell für Weltraumanwendungen entwickelten Nvidia-Moduls Space-1 Vera Rubin. Es soll KI-Training, Inferenz und Verarbeitung großer Datenmengen direkt im Orbit ermöglichen.
Widerstand gegen neue Data-Center wächst
Dass das Thema Rechenzentren im All an Dynamik gewinnt, hängt auch mit neuen Entwicklungen in den USA zusammen: Einerseits investieren die großen Technologiekonzerne Rekordsummen in den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur. Nach Prognosen der Investmentbank Goldman Sachs könnte sich der Strombedarf von Rechenzentren in den USA bis zum Jahr 2027 auf 66 Gigawatt verdoppeln, nach 31 Gigawatt im Jahr 2025. Andererseits mehren sich die Anzeichen, dass der Ausbau deutlich langsamer vorankommt als geplant. Mehr als 60 Prozent der für 2027 vorgesehenen Rechenkapazitäten befinden sich bislang noch nicht einmal im Bau, wie aus einer Analyse des Finanzdienstleisters JPMorgan hervorgeht.
Gegenwind kommt auch von anderer Seite: von der Politik. Vor den Midterm-Wahlen in den USA im November 2026 entwickelt sich der Widerstand gegen neue Data Center zu einem parteiübergreifenden Thema. In zahlreichen Gemeinden finden sich progressive Demokraten und konservative Republikaner auf derselben Seite wieder. Etliche Kandidaten für die zu vergebenden Gouverneurs- und Parlamentsposten profilieren sich zunehmend mit kritischen Positionen gegenüber neuen Rechenzentren. Sie beugen sich dem Willen ihrer Wähler, die höhere Strompreise oder Umweltfolgen befürchten.
Der politische Druck zeigt bereits Wirkung: Amtsinhaber, die noch vor Kurzem offensiv um Data-Center-Investitionen warben, korrigieren ihren Kurs. So haben Pennsylvanias demokratischer Gouverneur Josh Shapiro und der republikanische Gouverneur von Texas, Greg Abbott, inzwischen strengere Vorgaben für neue Projekte erlassen. Auch bei der Präsidentschaftswahl 2028 könnten Rechenzentren zu einem wichtigen politischen Streitthema werden.
Vom willkommenen Investor zum ungeliebten Nachbarn
Umfragen zufolge lehnen rund 70 Prozent der US-Amerikaner neue Rechenzentren in ihrer Nähe ab. Im Mittelpunkt stehen Befürchtungen über steigende Strompreise, wachsenden Wasserbedarf und Auswirkungen auf die Umwelt.
Die Vorbehalte haben zunehmend ein politisches Nachspiel. Allein 2026 wurden bislang in den Bundesstaaten 277 Gesetzesinitiativen zur Einschränkung von Rechenzentren eingebracht. Die Folgen reichen von strengeren Auflagen bis hin zu Projektstopps.
Ausgewählte Beispiele:
- New York: Einjähriges Moratorium für neue Hyperscale-Rechenzentren bis zur Einführung einheitlicher Umweltstandards.
- Texas: Bis zu 1.800 Rechenzentrumsprojekte im Netzanschlussverfahren gestoppt. Ein Audit prüft unter anderem Strom- und Wasserbedarf, eigene Energieerzeugung, öffentliche Förderung und Auswirkungen auf Anwohner.
- Pennsylvania: Neue Rechenzentren müssen zusätzliche Stromkapazitäten bereitstellen, Umweltauflagen erfüllen und lokale Genehmigungen erhalten.
- Beschränkungen in Kommunen: Monterey Park bei Los Angeles erließ als erste US-Stadt ein dauerhaftes Verbot neuer Rechenzentren. Landesweit wurden auf kommunaler Ebene bereits über 300 Moratorien verhängt.
- Förderanreize entfallen: Lange warben Bundesstaaten und Kommunen mit Steuervergünstigungen um Rechenzentren. Inzwischen haben mehr als zehn
Teure Erde, günstiges All
„Die Moratorien und regelrechten Verbote von Rechenzentren auf verschiedenen politischen Ebenen sind erst der Anfang“, sagte Starcloud-Mitgründer Ezra Feilden auf der Ai4-Konferenz in Las Vegas. „Während es am Boden immer schwieriger wird, neue Rechenzentren zu bauen, wird es im All immer leichter.“ Besonders deutlich zeigt sich die gegenläufige Entwicklung bei den Kosten: Neben strengerer Regulierung verteuern auf der Erde knappe Fachkräfte sowie die begrenzte Leistung von Gasturbinen und Speicherchips den Ausbau. Laut Nvidia-Chef Jensen Huang verschlingt der Bau eines KI-Rechenzentrums mit einem Gigawatt Rechenleistung heute bereits 50 bis 60 Milliarden US-Dollar. In Zukunft könnten es sogar 80 Milliarden US-Dollar bis 100 Milliarden US-Dollar sein.
Im All weist die Kostenkurve dagegen nach unten. Laut Elon Musk sind Rechenzentrumssatelliten sogar einfacher zu bauen als Starlink-Satelliten, da sie weniger komplexe Antennen benötigen. Die Hürde ist bislang vor allem der Transport: Es ist derzeit noch zu teuer, Tausende Tonnen Hardware ins All zu befördern. „Die neue Starship-Rakete von Space X wird ein kompletter Gamechanger, was die Menge an Masse betrifft, die wir in den Orbit befördern können“, so Starcloud-Mitgründer Feilden. Nach Einschätzung von Google könnten Rechenzentren im Orbit mit Anlagen auf der Erde konkurrieren, wenn die Startkosten pro Kilogramm auf unter 200 US-Dollar sinken. Genau diesen Wert will SpaceX mit Starship künftig unterbieten. Anfang der 2030er-Jahre könnte es so weit sein.
Für Starcloud steht das Starship deshalb im Mittelpunkt seiner Geschäftsstrategie. Die Rakete soll rund 100 Tonnen Nutzlast in den Orbit bringen. Kapazitäten genug also – vor allem, weil Starcloud das Gewicht seines klassischen, rund eine Tonne schweren GPU-Serverracks auf etwa 300 Kilogramm reduzieren will. Feilden rechnet zudem langfristig mit mehreren Starship-Starts pro Tag. Neue Rechenkapazitäten ließen sich im All so sehr schnell bereitstellen, ohne auf Netzanschlüsse oder langwierige Genehmigungsverfahren warten zu müssen. Langfristig plant das Unternehmen eine Konstellation von 88.000 Satelliten mit einer Rechenleistung von insgesamt 20 Gigawatt. In Woodinville bei Seattle entstehen bereits die Produktionskapazitäten für die dafür benötigte Satellitenflotte.
SpaceX-Pläne für den Orbit: das eigene Rechenzentrum
Doch SpaceX will sich nicht nur mit der Rolle des Transportdienstleisters begnügen. Vielmehr verfolgt das Unternehmen eigene Pläne für Rechenzentren im All. Bei der zuständigen Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) beantragte das Unternehmen eine Konstellation von bis zu einer Million Satelliten für orbitale Datenzentren.
Die Pläne lösen bereits heute gewaltige Investitionen aus. Im August 2026 kündigte SpaceX einen bis zu 100 Milliarden US-Dollar teuren Weltraumhafen in Louisiana an. Die Anlage soll ab 2029 zur wichtigsten Basis für die Starship-Rakete werden und langfristig mehr als 30 Starts pro Tag ermöglichen. In Bastrop County bei Austin erweitert SpaceX seine bisherige Starlink-Fertigung und errichtet eine Gigasat Factory. Dort soll künftig der KI-Satellit AI1 für orbitale Rechenzentren vom Band laufen. Die dafür benötigte Solarfertigung mit einer Kapazität von bis zu zehn Gigawatt pro Jahr befindet sich bereits im Bau. Das langfristige Ziel von Firmengründer Elon Musk ist eine orbitale Rechenleistung von bis 100 Gigawatt pro Jahr.
Auch für die erforderlichen KI-Chips baut SpaceX bereits Kapazitäten auf. Noch 2026 sollen in Grimes County, Texas, die Bauarbeiten für die Terafab starten. Die gemeinsame Chipfabrik von SpaceX und Tesla soll künftig die Hochleistungschips für Rechenzentren im All produzieren. Die erste Ausbaustufe kostet 16,8 Milliarden US-Dollar. Langfristig peilt die Fabrik mehr als ein Terawatt Rechenleistung pro Jahr an.
Das Rennen ins All beginnt – und deutsche Unternehmen können profitieren
Mit ihren Ambitionen sind Starcloud und SpaceX nicht allein. Eine ganze Reihe weiterer US-Unternehmen arbeitet inzwischen an eigenen Konzepten für Rechenzentren im All. So will Blue Origin mit der Schwerlastrakete New Glenn Recheninfrastruktur in den Orbit bringen. Google entwickelt gemeinsam mit Planet Labs Satelliten, die mit den speziell für KI-Anwendungen entwickelten TPU-Chips (Tensor Processing Units) ausgestattet werden sollen.
Die entstehende Industrie eröffnet auch deutschen Unternehmen Chancen. Gerade bei der optischen Datenübertragung im All verfügen deutsche Anbieter über starke Kompetenzen. So hat sich TESAT-Spacecom aus Backnang mit seinen Laserkommunikationsterminals bereits als wichtiger Zulieferer für Satellitenkonstellationen positioniert.
Einen ersten All-Auftrag für ein deutsches Unternehmen gibt es bereits: Das US-Unternehmen Orbital hat im September 2026 den Berliner Hersteller Reflex Aerospace mit der Entwicklung des Demonstrationssatelliten Orbital-1 beauftragt. Er soll im Jahr 2028 starten. Langfristig soll Reflex Aerospace auch die Satellitenplattformen für die geplante Konstellation von bis zu 100.000 Satelliten liefern. „Reflex ist genau der Partner, den wir für den Aufbau von Rechenzentren im All benötigen. Orbitale Rechenzentren erfordern hochkomplexe Avionik, die präzise Steuerung sehr großer Strukturen und einen zuverlässigen Betrieb über viele Jahre im Orbit; und die bewährte Satellitenplattform von Reflex ermöglicht es uns, diese Infrastruktur schnell aufzubauen“, sagt Euwyn Poon, Gründer und CEO von Orbital.