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US-Stromsektor im KI-Stresstest
Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Rechenzentren erfordern einen starken Ausbau der Stromerzeugungskapazitäten. Auch Energieeffizienz rückt in den Fokus.
22.07.2026
Die großen IT-Unternehmen in den USA investieren massiv in künstliche Intelligenz (KI). Laut der Bank of America sollen sich die entsprechenden Kapitalaufwendungen 2026 auf 800 Milliarden bis 900 Milliarden US-Dollar (US$) belaufen. Die 1-Billion-Dollar-Grenze soll 2027 erreicht oder überschritten werden. Ein beachtlicher Teil der Mittel fließt in den Bau von riesigen Datenzentren. Diese erweisen sich als enorm energiehungrig und führen zu Problemen bei der nationalen Energieversorgung. Prognosen zum Stromverbrauch müssen regelmäßig und zumeist deutlich nach oben angepasst werden.
Das Electric Power Institut hatte in einer Studie von 2024 vorausgesagt, dass der Anteil der Rechenzentren am nationalen Stromverbrauch zwischen 2023 und 2030 von 4 auf 6,5 bis 9 Prozent steigen werde – je nach Szenario. Anfang 2026 mussten die Analysten ihre Prognose einkassieren. Nun gehen sie für 2030 von einem Wert von 9 bis 17 Prozent aus. Der Elektrizitätskonsum der Datenzentren steige im Durchschnitt aller Szenarien um 60 Prozent schneller als noch vor zwei Jahren erwartet, so die Marktforscher.
Datenzentren in Virginia besonders energiehungrig
Dabei gibt es zwischen den Bundesstaaten große Unterschiede: Virginia an der Ostküste hat sich als der bedeutendste Standort etabliert. Dort lag der Anteil der Datacenter an der Stromerzeugung 2025 bereits bei einem Viertel. Bis 2030 soll sich die Quote verdoppeln – im Basisszenario wohlgemerkt. In sieben weiteren Staaten wird eine entsprechende Rate von mindestens einem Fünftel erreicht.
In der Folge steigt auch der Gesamtstrombedarf der Vereinigten Staaten stetig an. Die öffentliche Energy Information Agency kommt in einem Basisszenario zwischen 2025 und 2050 auf einen Zuwachs von 40 Prozent. Im Extremfall geht sie von einem Plus von 50 Prozent aus. Der IFC-Bericht der World Bank Group mit dem Titel "Wie kann das Netz mithalten?" erwartet sogar allein zwischen 2026 und 2035 eine Zunahme von knapp 40 Prozent. Bis 2050 gehen die Analysten von einer Verdoppelung aus.
Strommangel führt zu Baustopps
Doch bereits jetzt stoßen die Erzeugungs- und Verteilungskapazitäten an ihre Grenzen. Immer mehr Städte müssen daher Anträge für den Bau von Rechenzentren ablehnen. Laut einer Recherche des Wall Street Journals vom April 2026 erwägen mehr als 10 Bundesstaaten und Dutzende von Gemeinden komplette Baustopps. New York bildet die Speerspitze der Bewegung. Die Gouverneurin verfügte im Juli 2026 per Exekutivorder ein Moratorium von mindestens einem Jahr.
Der steigende Verbrauch führt nicht nur zu Engpässen, sondern auch zu deutlich steigenden Stromkosten. Das spürt man auch im größten Stromnetz des Landes: PJM Interconnection versorgt 13 Bundesstaaten und 67 Millionen Menschen mit Elektrizität – vom mittleren Westen bis zur Atlantikküste. Nach Angaben des Versorgers lagen die Großmarktpreise im 1. Quartal 2026 um rund drei Viertel über dem Vorjahresniveau.
Stromkosten steigen rapide
Das bemängeln viele produzierende Unternehmen. Metallus, ein Stahlhersteller aus Ohio, berichtete im Juli 2026 auf X, dass seine aktuelle Stromrechnung um 70 Prozent gegenüber 2024 gestiegen sei. Auch die Haushalte leiden unter steigenden Stromrechnungen, der aktive Widerstand gegen Rechenzentren wächst. Insgesamt konnten Bürgerinitiativen 2025 vier Dutzend Projekte mit einem Investitionsvolumen von über 150 Milliarden US$ blockieren oder verzögern, ermittelte im Mai 2025 das Wall Street Journal.
Kurzfristig könnte ein Mehr an Effizienz das drängende Energieproblem lindern. Datenzentren erzeugen große Wärmemengen. Daher entfallen rund 35 Prozent ihres Energiebedarfs auf die Kühlung. Das bietet Chancen für deutsche Unternehmen. US-Anbieter von energieeffizienten Systemen hinken technologisch oft hinterher. Darüber hinaus können auch Hard- und Software stärker aufs Energiesparen getrimmt werden – Beispiel: selbst kühlende Mikrochips.
Über 400 Gigawatt an zusätzlichen Kapazitäten bis 2032
Doch letztendlich müssen Stromerzeugung und -verteilung ausgebaut werden. Laut dem IFC-Bericht sollen zwischen 2025 und 2030 die Kraftwerkskapazitäten um insgesamt mehr als 440 Gigawatt steigen. Die Energy Information Agency kommt bis 2032 auf 410 Gigawatt. Allerdings werden laut der Behörde zugleich alte Kapazitäten im Umfang von 135 Gigawatt vom Netz gehen, sodass der Nettozuwachs entsprechend geringer ausfällt.
Davon können auch ausländische Anbieter profitieren. So legten die US-Einfuhren von Kraftwerksausrüstungen sowie von Strom- und Schaltechnik 2025 – trotz des Zollkonflikts – um zusammengerechnet fast 14 Prozent auf 125 Milliarden US$ zu, berichtet die International Trade Commission. In den ersten fünf Monaten 2026 betrug der Zuwachs 9 Prozent.
Zugleich zeichnet sich technologischer Wandel ab. Mittelfristig gehen alte gas- und kohlebetriebene Kraftwerke vom Netz, während Solar- und Windenergie das Gros der neuen Kapazitäten ausmachen. Ab 2030 sollen vermehrt moderne Gaskraftwerke mit einem hohen Wirkungsgrad zum Einsatz kommen. Ab 2035 soll dann der Zubau alternativer Energien an Schwung verlieren. Doch bis dahin dürften die Vorhersagen noch mehrmals angepasst werden.
IT-Konzerne als Kraftwerksbetreiber
Einige IT-Konzerne nehmen das Heft selbst in die Hand und bauen eigene Kraftwerke. Oder sie revitalisieren stillgelegte Anlagen. Sie investieren nicht nur in erneuerbare Energien, sondern auch in Gaskraftwerke. Da für größere Turbinen lange Lieferzeiten bestehen, setzen sie hier zunehmend auf kleinere Lösungen. Auch in Sachen Kernenergie bestehen keine Tabus. Dabei beruhen die Hoffnungen auf einem Durchbruch bei der Kernfusion. Die ersten Lieferverträge wurden bereits unterzeichnet, obwohl wesentliche technische Probleme noch nicht gelöst sind.