Neue Bauaufträge werden in den VAE vorsichtiger vergeben. Infrastruktur, Sicherheit und Resilienz rücken in den Fokus.
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weniger Hochbauaufträge wurden von Januar bis April 2026 vergeben.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) werden trotz Krieg im Jahr 2026 Bauaufträge vergeben und laufende Vorhaben fortgeführt. Seit der Eskalation des Iran-Konflikts prüfen Auftraggeber neue Projekte jedoch strenger. Ausschlaggebend sind stärker als zuvor gesicherte Finanzierung, strategische Bedeutung und verlässliche Lieferketten. Der Markt steuert damit nicht auf einen flächendeckenden Baustopp zu. Vielmehr entwickelt sich eine selektivere Auftragsvergabe.
Bereits 2025 gingen die Neuvergaben nach mehreren Rekordjahren zurück. Laut der Informationsplattform MEED Projects sank das Volumen neuer Bauaufträge gegenüber dem Vorjahr um 12,7 Prozent auf 90,5 Milliarden US-Dollar (US$). Zunächst deutete alles auf eine Konsolidierung nach der Hochphase hin. Seit Kriegsbeginn zeigen MEED-Daten jedoch zusätzlichen Druck: Über alle Sektoren hinweg verringerte sich der Wert der monatlich neu vergebenen Verträge von 13,1 Milliarden US$ im Februar 2026 auf 9,7 Milliarden US$ im März und weiter auf 3,8 Milliarden US$ im April. Einzelne Monatswerte reichen zwar nicht aus, um einen dauerhaften Trend abzuleiten. Analysten und Marktteilnehmer gehen jedoch davon aus, dass Banken, Investoren und Entwickler künftig stärker nach Finanzierungssicherheit, strategischer Bedeutung und Umsetzbarkeit priorisieren werden.
VAE: Auftragseingang in der Bauwirtschaft nach Sektoren 2024 bis 2025 *)In Milliarden US-Dollar; Veränderung in Prozent| Hochbau | 52,96 | 49,07 | −7,3 |
| Transport | 15,59 | 7,87 | −49,5 |
| Wasser | 3,09 | 2,64 | −14,6 |
| Industrie | 3,72 | 4,37 | 17,4 |
| Gas | 8,85 | 8,26 | −6,6 |
| Energie – Strom (Power) | 5,63 | 11,32 | 101,1 |
| Öl | 12,17 | 5,92 | −51,3 |
| Chemie | 0,99 | 4,44 | 347,2 |
* Gesamtkosten der Projekte (einschließlich Ausrüstungen, Anlagen etc.), deren Hauptauftrag im jeweiligen Zeitraum vergeben wurde. Abgeschlossene Verträge, die nicht umgesetzt oder gestoppt wurden, sind nicht berücksichtigt.Quelle: MEED Projects, 2026
Vorfälle an Infrastruktur erhöhen technische Anforderungen
Das veränderte Sicherheitsumfeld wirkt nicht nur über Risikoaufschläge, Finanzierung und Lieferketten. Auch gemeldete Schäden und zeitweise Betriebsunterbrechungen an kritischer Infrastruktur erhöhen die Anforderungen an neue Vorhaben. Dazu zählen Anlagen für Energieversorgung, Transport, Kommunikation, Logistik und öffentliche Sicherheit. Für die Bauwirtschaft sind vor allem Öl-, Gas-, Hafen-, Flughafen- und Verkehrsinfrastruktur relevant.
Internationale Medien meldeten für die VAE mehrere Vorfälle an Energieanlagen. Der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg berichtete, dass die Habshan-Gasverarbeitungsanlage in Abu Dhabi nach Angriffen nur noch mit rund 60 Prozent Kapazität lief. Das nationale Unternehmen ADNOC Gas strebe 80 Prozent bis Ende 2026 und volle Leistung im Jahr 2027 an. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete zudem Brände am Shah-Gasfeld in Abu Dhabi sowie in der Fujairah Oil Industry Zone nach Drohnenangriffen.
Kurzfristig erhöhen solche Ereignisse die Unsicherheit, stören Lieferketten und verteuern Bauvorhaben. Mittelfristig steigt dagegen der Bedarf an Wiederherstellung und Schutz kritischer Anlagen. Gefragt sind unter anderem Brandschutztechnik, Notstromversorgung, Monitoring- und Steuerungstechnik sowie resiliente Bauweisen. Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Gebäuden, Anlagen und Infrastrukturen, Störungen auszuhalten und den Betrieb schnell wieder aufzunehmen.
Hochbau verliert Tempo, Tiefbau gewinnt strategisches Gewicht
Im Hochbau zeigt sich die schwächere Vergabedynamik besonders deutlich. Das Segment umfasst vor allem Wohn-, Büro-, Hotel- und gemischt genutzte Gebäude. Nach MEED-Daten sank der Wert neu vergebener Aufträge in den ersten vier Monaten 2026 auf rund 11,1 Milliarden US$. Im Vorjahreszeitraum hatte er noch bei 16,2 Milliarden US$ gelegen. Das entspricht einem Rückgang um rund 32 Prozent. Die Zahlen sprechen dafür, dass Auftraggeber neue Vorhaben genauer prüfen. Projekte in guten Lagen, mit gesicherter Finanzierung und hoher Vorvermarktung dürften widerstandsfähiger bleiben.
Anfälliger sind spekulative Vorhaben, stark fremdfinanzierte Entwicklungen und Projekte, die von internationalen Käufern oder touristischer Nachfrage abhängen. MEED sieht vor allem Immobilien, Tourismus und Hotellerie unter Druck. Längere Flugrouten, höhere Reisekosten, geringere Besucherzahlen und eine schwächere Auslastung könnten neue Hotel-, Freizeit- oder Luxusimmobilienprojekte verzögern.
Der Tiefbau gewinnt dagegen an Gewicht. Er umfasst Verkehrswege sowie Energie-, Wasser-, Abwasser- und Versorgungsinfrastruktur. Staatliche und staatsnahe Auftraggeber dürften solche Projekte eher priorisieren, weil sie Versorgungssicherheit, Standortqualität und wirtschaftliche Stabilität stützen. Beispiele sind die Dubai Metro Gold Line, die MEED mit 9,2 Milliarden US$ beziffert, sowie die geplante vierte föderale Autobahn mit 1,63 Milliarden US$. Beide Vorhaben zeigen, dass Verkehrsinfrastruktur trotz schwierigerem Umfeld ein wichtiger Auftraggeber bleibt.
Technik entscheidet stärker über Marktchancen
Mit dem veränderten Risikoumfeld gewinnt der Spezialbau an Bedeutung. Dazu zählen Ausbau, technische Gebäudeausrüstung, industrielle Bauleistungen und spezialisierte Infrastrukturkomponenten. Die Nachfrage verschiebt sich von reiner Baukapazität hin zu technischen Lösungen. Dazu gehören widerstandsfähige Gebäude, geschützte Anlagen, Brandschutz, Notstromsysteme, Energieeffizienz und digitale Baukoordination. Darauf verweist Ed James, Analyst bei MEED, im Gespräch mit Germany Trade & Invest.
Auch Datenzentren gewinnen an Bedeutung. Sie benötigen eine stabile Stromversorgung, Kühlung, Sicherheitstechnik und Ausfallschutz.
Für deutsche Unternehmen eröffnen sich Chancen vor allem bei technischer Gebäudeausrüstung, Energie- und Wasserversorgung, Brandschutz, Notstromsystemen, Datenzentren, Energieeffizienz und industriellem Spezialbau. Diese Einschätzung ergibt sich aus der Verschiebung zu staatlich priorisierter Infrastruktur, den gemeldeten Schäden an Energieanlagen und MEED-Hinweisen auf höhere Anforderungen an Resilienz, Sicherheitskonzepte und verlässliche technische Systeme. Schwieriger wird das Umfeld für standardisierte Bauleistungen, spekulative Immobilienprojekte und tourismusnahe Vorhaben ohne gesicherte Finanzierung.
Ausgewählte Großprojekte der Bauwirtschaft in den VAEIn Milliarden US-Dollar, in Planung | G42 – Rechenzentrumsprojekt | Digitalisierung / Infrastruktur | Studie | 32 | Datenzentren gewinnen durch Digitalisierungs- und Resilienzanforderungen an Bedeutung. |
| Azizi Developments – Großwohnprojekt Dubai | Bau / Immobilien | Design | 19,5 | Finanzierung und Vorvermarktung werden wichtiger. |
| Emaar – Luxusresort | Tourismus / Bau | Design | 14,6 | Tourismusnahe Projekte hängen stärker von Reiseverkehr, Auslastung und Investorenstimmung ab. |
| ADNOC Gas – Gaserschließung Abu Dhabi | Energie / Gas | Technische Vorplanung | 10 | Energieprojekte bleiben strategisch wichtig; Sicherheits- und Resilienzanforderungen steigen. |
| Etihad Rail – Hochgeschwindigkeitsbahn | Transport | Vergabeverfahren Hauptvertrag | 7,6 | Verkehrsinfrastruktur bleibt ein Kernbereich staatlicher Investitionen. |
| Miral / Walt Disney Company – Themenpark Yas Island | Freizeit / Tourismus | Design | 7 | Langfristig bedeutend, kurzfristig stärker abhängig vom Tourismusausblick. |
| MAG Group – nachhaltiges Wohn- und Lifestyle-Projekt | Bau / Nachhaltigkeit | Vergabeverfahren Hauptvertrag | 6 | Nachhaltigkeit bleibt gefragt; Projektstarts dürften selektiver geprüft werden. |
| RTA Dubai – Gold Line Metro-Erweiterung | Transport | Studie | 9,2 | Strategisches Infrastrukturprojekt. |
| Dubai Holding / Emaar – Dubai Square | Bau / Immobilien | Vorqualifikation Hauptvertrag | 5,5 | Timing stärker abhängig von Markt- und Finanzierungsbedingungen. |
Quelle: MEED Projects, 2026; Recherche von Germany Trade & Invest, 2026.
Von Heena Nazir
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