Branchen | EU | Bau
Infrastrukturinvestitionen treiben Bauwirtschaft in der EU
Europas Bauwirtschaft wächst moderat. Infrastrukturprojekte sorgen für Dynamik, während der Gebäudebau vielerorts schwächelt. EU-Programme stabilisieren die Branche.
27.04.2026
Von Kirsten Grieß, Edda Schlager | Budapest, Berlin
- Infrastrukturbau ist wachstumsstärkstes Segment
- Europa baut Verkehrs- und Energienetze aus
- Klimaresiliente Infrastruktur rückt stärker in den Fokus
- Industrie- und Spezialbauten schaffen zusätzliche Nachfrage
- Wohnungsbau bleibt durchwachsen
- Europa im internationalen Vergleich: Stark durch integrierte Bauleistungen
Mehrere Trends prägen derzeit die Bauwirtschaft in der Europäischen Union: Der Infrastrukturbau löst den Wohnungsbau als langjährigen maßgeblichen Wachstumstreiber ab. Im Gewerbebau schaffen die Digitalisierung und damit der Bau von Rechenzentren und deren Vernetzung neue Geschäftschancen. Und: Sanierungen und Modernisierungen spielen gegenüber dem Neubau eine immer wichtigere Rolle.
Grundsätzlich entwickelt sich der Bausektor in der Europäischen Union verhalten. Nach Angaben von Eurostat wuchs die Bauleistung der EU-Mitgliedstaaten von 2024 auf 2025 um durchschnittlich 2,2 Prozent. Zwischen den Ländern bestehen allerdings erhebliche Unterschiede.
Die EU-Kommission erwartet in ihrer Prognose vom Herbst 2025 für das Jahr 2026, dass die Bruttoanlageinvestitionen beim Bau - als indirekter Indikator für die Bauleistung - um durchschnittlich 2,5 Prozent steigen. Für 2027 sind die Aussichten ähnlich. Allerdings berücksichtigt dies noch nicht jüngste geopolitische Spannungen. Infolge des Irankriegs könnten steigende Baustoffpreise, Störungen in den Lieferketten und höhere Finanzierungskosten die Baukonjunktur dämpfen.
Infrastrukturbau ist wachstumsstärkstes Segment
Der Infrastrukturbau wird in den kommenden Jahren das Rückgrat der europäischen Bauwirtschaft bilden. Nationalen Statistiken zufolge fließen Investitionen in den meisten EU-Ländern verstärkt in die Verkehrs- und Energieinfrastruktur, weniger in Wohnungs- und Nichtwohnungsbau wie in früheren Jahren. Ein wesentlicher Treiber sind auf Infrastruktur ausgerichtete EU-Förderprogramme wie der Wiederaufbaufonds, der Kohäsionsfonds sowie die Connecting Europe Facility (CEF).
In vielen Mitgliedstaaten bestimmen mehrjährige Investitionsprogramme den Ausbau von Verkehrswegen, Energienetzen und Versorgungsinfrastruktur. Viele Straßen-, Schienen- und Hafenprojekte werden dabei entlang der transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-T) priorisiert.
Europa baut Verkehrs- und Energienetze aus
So auch in Polen. Umfangreiche Investitionen fließen dort in den geplanten Zentralflughafen Centralny Port Komunikacyjny zwischen Warschau und Łódź - eines der größten Infrastrukturvorhaben Europas. In Tschechien konzentrieren sich Investitionen auf den Ausbau internationaler Verkehrsachsen, wie auf die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Prag und Brno sowie den Ausbau von Autobahnverbindungen. In Italien stehen Modernisierungen von Brücken, Bahnlinien und wichtigen Verkehrsachsen im Mittelpunkt, in Kroatien und Slowenien Schienennetze und Seehäfen.
Daneben wird EU-weit die Energieinfrastruktur gestärkt, um die Integration erneuerbarer Energien und die Versorgungssicherheit zu verbessern. In Österreich zählt der Energieinfrastrukturbau bereits zu den stabilen Wachstumssäulen der Bauwirtschaft. Die europäischen Klima‑ und Energieziele erhöhen den Investitionsbedarf weiter, insbesondere bei Übertragungs‑ und Verteilnetzen.
Klimaresiliente Infrastruktur rückt stärker in den Fokus
Impulse im Infrastrukturbau ergeben sich zudem aus Wiederaufbau- und Anpassungsmaßnahmen nach Naturkatastrophen. In Kroatien fließen in den kommenden Jahren erhebliche Mittel in die Beseitigung der Erdbebenschäden des Jahres 2020, insbesondere in die Instandsetzung öffentlicher Gebäude sowie der Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur.
Auch in anderen Teilen Europas haben Extremwetterereignisse, die besonders verdichtet bebaute und versiegelte Flächen in Siedlungsgebieten trafen, zusätzliche Bauaktivitäten ausgelöst. In Slowenien und Teilen Spaniens führten schwere Überschwemmungen zu umfangreichen Reparatur- und Wiederaufbaumaßnahmen an Straßen, Brücken und Energieinfrastruktur. Vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterereignisse rücken präventive Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur sowie Rückbau und Entsiegelung bei vielen Ländern in den Fokus.
Industrie- und Spezialbauten schaffen zusätzliche Nachfrage
Im Gewerbebau bleibt der Industriebau eine tragende Säule. In Tschechien sorgen Großprojekte im Automobilsektor und andere Industrieansiedlungen für eine stabile Nachfrage nach Bauleistungen. Auch in Ungarn stützen Investitionen internationaler Unternehmen – insbesondere in Batterie- und Fahrzeugwerke – weiterhin die Bautätigkeit.
Gleichzeitig zeichnet sich der Ausbau von Rechenzentren im Zuge der Digitalisierung und der zunehmenden Nutzung von Künstlicher Intelligenz als neues Wachstumsfeld ab. In mehreren europäischen Ländern entstehen großvolumige Anlagen, die hohe Anforderungen an Planung, Energieversorgung und Bau stellen.
Ein dynamisches Segment ist außerdem der Hotelbau. In Kroatien investieren internationale Betreiber verstärkt in neue Ferienanlagen und die Modernisierung bestehender Hotels. Für 2026 sind Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 650 Millionen Euro angekündigt, vor allem entlang der Adriaküste.
Wohnungsbau bleibt durchwachsen
Im Gebäudebau hingegen ging das Bauvolumen 2025 gegenüber dem Vorjahr EU-weit um 0,5 Prozent leicht zurück. Zwar führen fortschreitende Urbanisierung und eine angespannte Wohnraumsituation in Ballungsräumen zu hohem Investitionsbedarf, doch hohe Bau- und Finanzierungskosten hemmen den Wohnungsneubau.
Frankreich und Ungarn steuern mit Förderprogrammen für Erstkäufer gegen. Das ungarische Otthon‑Start‑Programm läuft seit September 2025. Direkte Effekte auf die Bauleistung lassen sich noch nicht ablesen. Die staatlich subventionierten Kredite sind allerdings stark nachgefragt, was auf eine mittelfristige Wiederbelebung des Wohnungsneubaus hindeuten könnte.
Parallel wächst der Sanierungsmarkt. In vielen europäischen Ländern ist der Gebäudebestand energetisch veraltet, während die energiepolitischen Anforderungen an Gebäude steigen. Ungarn, Tschechien oder Kroatien unterstützen energetische Modernisierungen mit speziellen Förderprogrammen, die teils aus nationalen Haushalten, teils mit EU‑Mitteln kofinanziert werden. Mittelfristig dürfte vor allem die Umsetzung der neuen EU‑Gebäuderichtlinie zur Energieeffizienz den Modernisierungsdruck erhöhen und dem Sanierungsmarkt weitere Impulse geben.
Risiken und Herausforderungen der europäischen Bauwirtschaft
Fachkräftemangel: Länderübergreifend fehlen qualifizierte Bauarbeiter und Ingenieure. Besonders ausgeprägt ist der Arbeitskräftemangel in Mittel- und Osteuropa, auch wenn sich die Situation zuletzt leicht entspannt hat.
Hohe Baukosten: Löhne und Materialpreise bleiben auf hohem Niveau. Nach starken Preissprüngen in den vergangenen Jahren stabilisierten sich Baustoffpreise zuletzt, die Krise im Nahen Osten dürfte die Kosten erneut antreiben.
Finanzierungskosten: Höhere Zinsen belasten insbesondere den Wohnungsbau. In mehreren Ländern sind Baugenehmigungen rückläufig, da Investoren Projekte verschieben oder neu kalkulieren.
Bürokratische Hürden: Komplexe Genehmigungs- und Planungsverfahren verzögern vielerorts Bauprojekte, etwa in Kroatien oder Tschechien.
Europa im internationalen Vergleich: Stark durch integrierte Bauleistungen
Im internationalen Vergleich weist die europäische Bauwirtschaft Besonderheiten auf, so die 2025 erschienenen Branchenreports Top 250 International Contractors des Fachmagazins Engineering News Record (ENR) und Global Powers of Construction (GPoC) des Beratungsunternehmens Deloitte:
- Der europäische Markt wächst nicht über Bauvolumen, sondern über Komplexität im grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum.
- Europäische Baufirmen sind Systemintegratoren, keine reinen Bauunternehmen mehr.
- Diversifikation ist keine Option, sondern eine Überlebensstrategie.
- Binnenmärkte sind wichtig, aber Wachstum speist sich aus der Tätigkeit auf internationalen Märkten.
Insbesondere Projektkomplexität und Wertschöpfungstiefe treiben das Wachstum. Die überwiegend durch EU-Fördergelder finanzierten Infrastruktur‑, Energie‑ und Netzprojekte sind technisch, regulatorisch und finanziell anspruchsvoll. Hier punkten europäische Bauunternehmen. Zudem sind sie im Vergleich zu Wettbewerbern in Flächenländern wie China, den USA oder Kanada bei grenzüberschreitenden Projekten agiler: Sie erzielen rund 70 Prozent ihrer Umsätze im Ausland.
Zudem beherrschen sie Systemintegration. Denn zusätzliche Wertschöpfung entsteht heute vor allem außerhalb der klassischen Bauleistung, etwa in Planung, Projektsteuerung, Betrieb und Services. Diese werden in den komplexen europäischen Infrastrukturprojekten oft attraktiv vergütet. Und sie schärfen das Profil europäischer Wettbewerber für außereuropäische Märkte.