Großbritanniens Premierminister Andy Burnham steht hinter einem Rednerpult und hält eine Rede. Dabei trägt er einen dunkelblauen Anzug mit einem weißen Hemd. Großbritanniens Premierminister Andy Burnham | © picture alliance/PA Images/Jonathan Brady

Wirtschaftsumfeld | Vereinigtes Königreich | Europapolitik

Vereinigtes Königreich: Frischer Wind aus Nummer 10

Neuer Premier, neue Prioritäten: Mit Andy Burnham zieht ein anderer Politikstil in Downing Street ein. Für deutsche Unternehmen, die sich im Vereinigten Königreich engagieren wollen, lohnt ein genauer Blick auf die ersten Signale aus London.

Von Karl Martin Fischer, Leonie Schneiderhöhn | Bonn

Seit Juli 2026 heißt der neue britische Premierminister Andy Burnham. Wie sein Vorgänger gehört er der Labour Partei an und kann sich auf deren absolute Mehrheit im Unterhaus verlassen. Grundsätzliche Veränderungen in der britischen Politik sind daher nicht zu erwarten. Dennoch zeichnet sich ab, dass es einen anderen Politikstil und neue Akzente geben wird. Keine abgelesenen Statements mehr, kein Verstecken hinter dem Rednerpult. Stattdessen mehr Entscheidungsbefugnisse für Kommunalpolitiker und stärkerer stattlicher Einfluss auf den Wasser- und Energiesektor, um die Preise stabil zu halten. 

Mehr Entscheidungsbefugnisse für Regionen 

Die Pläne, die Entscheidungskompetenzen der britischen Regionen und lokale Behörden zumindest teilweise auszubauen und somit die Londoner Zentralregierung zu entmachten, zählt tatsächlich zu den interessanteren Vorhaben des neuen Premiers. Damit sollen Bürgermeister mehr Einfluss auf Themen wie Wohnungsbau, Verkehrsinfrastruktur, Regionalentwicklung und teilweise auch Steuerpolitik erhalten. Ziel ist es laut Burnham, wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Regionen abzubauen und ähnlich gute Lebens- und Wirtschaftsbedingungen im ganzen Land zu schaffen.  

Für deutsche Unternehmen zeichnen sich hieraus keine unmittelbaren Chancen ab. Es ergeben sich jedoch einige Vorteile durch die Dezentralisierung: schnellere und regionale Entscheidungen, mehr standortspezifische Fördermöglichkeiten, verbesserte Infrastruktur, potenziell neue regionale Systeme, um Investitionsanreize zu schaffen.  

„Transformation dank Devolution“ 

Die alte Wirkungsstätte von Premierminister Burnham soll zum Modell für das ganze Königreich werden. Ob die Dezentralisierung der Industriepolitik, Investitionen und Qualifizierung für Wachstum im gesamten Vereinigten Königreich sorgt, wird von den Regionalverwaltungen abhängen. Deren Vertreter sollen im Nationalen Wirtschaftsrat, im No10 North genannten Heron House in Machester, eigene Prioritäten setzen und so für mehr Absatz- und Investitionschancen außerhalb Londons sorgen – auch für deutsche Unternehmen. 

Michał Woźniak, GTAI-Experte für das Vereinigte Königreich und Irland 

Wasser- und Energiesektor: mehr staatlicher Einfluss 

Die Regierungspläne Burnhams sehen auch vor, den regionalen Behörden mehr Kontrolle über die Wasser- und Energiesektoren zu übertragen. Dabei geht es laut seinen Aussagen allerdings nicht um eine umfassende Verstaatlichung aller Versorgungsunternehmen. Deutsche Investoren sollten sich vielmehr auf einen stärker regulierten Versorgungssektor einstellen. Daraus könnten sich Geschäftschancen für Anbieter von Energie-, Umwelt- und Infrastrukturtechnologien ergeben. Für deutsche Unternehmen, die selbst in britische Wasser- oder Energieversorger investieren wollen, steigt dagegen die politische und regulatorische Unsicherheit, solange die konkrete Ausgestaltung der Reformen offenbleibt. 

Wohnungsbau: Politik eröffnet neue Geschäftschancen 

Für deutsche Unternehmen ebenfalls interessant sind die Forderungen Burnhams im Bereich Wohnungsbau: Mit dem "größten kommunalen Wohnungsbauprogramm seit der Nachkriegszeit" will er mehr für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgen. In den kommenden zehn Jahren sollen rund 45,5 Milliarden Euro in den Bau von Sozialwohnungen fließen. Burnham fordert zudem eine höhere Bebauungsdichte in Städten und Gemeinden und einen stärkeren Schutz von Grünflächen vor Bebauung.  

Die Pläne im Wohnungsbau sprechen für einen deutlichen Ausbau der Bautätigkeit und damit für höhere Nachfrage nach Baustoffen, Gebäudetechnik, Energieeffizienzlösungen und Infrastruktur. Besonders profitieren könnten deutsche Anbieter aus den Bereichen Bauwirtschaft, Gebäudetechnik, erneuerbare Energien und urbane Infrastruktur. Gäbe es mehr günstigen Wohnraum, würde dies auch internationalen Arbeitgebern zugutekommen. Es könnte Lohnkosten dämpfen und Arbeitskräftemobilität verbessern. Einen Haken gibt es jedoch: Die Finanzierung ist bislang ungeklärt und die Umsetzung dürfte wahrscheinlich Jahre dauern. 

Evolution statt Revolution in der Europapolitik 

Im Umgang mit der EU zeichnen sich unter dem neuen Premier hingegen wenige Neuerungen ab. Es ist bekannt, dass auch der neue Premierminister ein Brexit-Gegner ist. Allerdings hat derzeit niemand im Land Interesse daran, dieses kontroverse Thema erneut aufzugreifen. Stattdessen dürfte eine begrenzte Wiederannäherung an die EU auf der Agenda stehen. Eine solche könnte nicht zuletzt dazu beitragen, die britische Wirtschaft zu stimulieren und so dringend benötigte fiskalpolitische Spielräume zu eröffnen.  

Denkbar sind zum Beispiel der Abbau von Hürden für europäische Dienstleistungserbringer. Eng damit zusammen hängt das Thema der Berufsqualifikationen, die essenziell sind für qualifizierte Dienstleistungen. Ihre gegenseitige Anerkennung endete mit dem EU-Austritt des Vereinten Königreichs und ist aktuell nur unzureichend geregelt.