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Schienenausbau soll über Jahre die Konjunktur ankurbeln

Bahn- und Metroprojekte sind Teil einer Strategie, die Logistik verbessern, die Konjunktur stützen und nationale Industriechampions hervorbringen soll.

Peter Buerstedde

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Vietnam verfolgt beim Ausbau seiner Verkehrsnetze ambitionierte Pläne: Bis 2030 sollen Vorhaben mit einem Volumen von rund 200 Milliarden US-Dollar (US$) für den parallelen Neu- und Ausbau von nationalen Schienenkorridoren und städtischen Metronetzen begonnen werden. 

Diese Investitionsoffensive markiert einen Kurswechsel im Tiefbau und in der Verkehrspolitik: Nach Jahren des priorisierten Autobahnbaus rücken nun technisch anspruchsvollere Bahn- und Metrosysteme in den Mittelpunkt. Die Bahn soll künftig eine größere Rolle spielen. Derzeit beträgt ihr Anteil am Verkehrsaufkommen weniger als 1 Prozent.

Schienenausbau hat hohe politische Bedeutung

Kein anderer Infrastruktursektor steht derzeit so stark im Fokus der Regierung wie der Schienenverkehr. Der Ausbau ist zu einem zentralen Baustein der Wirtschaftsstrategie unter Generalsekretär To Lam geworden.

Die Parteiführung will das Wirtschaftswachstum durch einen staatlich forcierten Infrastrukturausbau zwischen 2026 und 2030 in den zweistelligen Prozentbereich heben. In den vergangenen Jahren lag das Wirtschaftswachstum bei sechs Prozent. Gleichzeitig sollen vietnamesische Privatkonzerne zu nationalen Champions aufgebaut werden, um das Wachstum anzutreiben. Der Ausbau des Schienennetzes verbindet beide Ziele. Die Regierung hofft, dass solche Projekte nicht nur die Verkehrsinfrastruktur modernisieren, sondern auch heimische Kompetenzen in Fahrzeugbau, Stahlproduktion, Signaltechnik und Projektmanagement aufbauen.

Private Großkonzerne drängen auf die Schiene

Bisher treten vor allem drei einheimische Akteure hervor. VinSpeed, das neu gegründete Tochterunternehmen des größten Privatkonglomerats des Landes Vingroup, hat Mitte September 2026 einen Großauftrag zur Lieferung von Hochgeschwindigkeitszügen und Signaltechnik für zwei Strecken an Siemens vergeben. Gleichzeitig positioniert sich VinSpeed als Projektentwickler für fünf neue Metrolinien in der Hauptstadt Hanoi. Beraten wird das Unternehmen unter anderem von der deutschen Firma DB E&C. Parallel dazu hat der Automobil- und Logistikriese Thaco mit dem südkoreanischen Hersteller Hyundai Rotem den Bau von Waggons und U-Bahn-Zügen im Land vereinbart. 

Der größte Stahlproduzent des Landes Hoa Phat baut im Industriekomplex Dung Quat ein eigenes Schienenwalzwerk auf. Mit Produktionstechnik der deutschen SMS Group soll dort ab Anfang 2027 Spezial- und Gleisstahl für die geplanten Hochgeschwindigkeitsstrecken produziert werden.

Parallel dazu treibt die Regierung den Aufbau eines eigenen Industrieclusters für den Schienenverkehr voran. Der Bedarf ist beträchtlich. Vietnam Railways rechnet bis 2050 mit einer Nachfrage von fast 16.800 Lokomotiven, Triebzügen und Waggons. Allein für die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt werden mehr als 120 Züge benötigt. Dafür werden 647 Millionen US$ in einen geplanten Bahnindustriekomplex nahe Hanoi investiert. Das soll zusätzliche Fertigungskapazitäten für Ausrüstung und Komponenten schaffen und die Lokalisierung der Wertschöpfungskette vorantreiben.

Finanzierung auch über Immobilienprojekte

Um die hohe Investitionssumme für neue Strecken zu stemmen, zeigt sich die vietnamesische Regierung offener für internationale und bilaterale Kredite. Jahrelang war sie diesbezüglich eher zurückhaltend. 

Auch das Konzept der verkehrsorientierten Stadtentwicklung (Transit-Oriented Development) spielt eine große Rolle. Neue Bahnhöfe sollen nicht nur Verkehrsknotenpunkte sein, sondern Mittelpunkt neuer Wohn-, Gewerbe- und Dienstleistungsquartiere. Die Erlöse aus der Entwicklung der umliegenden Grundstücke sollen den Ausbau der Schieneninfrastruktur mitfinanzieren.

Besonders sichtbar wird dieser Ansatz in Hanoi. Südlich der Hauptstadt entsteht rund um den geplanten Endbahnhof der Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Ho-Chi-Minh-Stadt die "Olympic City". Mit dem VinFast-Stadium befindet sich dort bereits das größte Fußballstadion der Welt für 135.000 Zuschauer im Bau. Geplant sind zudem Wohn- und Geschäftsviertel für bis zu 750.000 Menschen. Für Stadtplanungs-, Architektur- und Ingenieurbüros eröffnen sich damit Geschäftsmöglichkeiten, die weit über den Bahnbau hinausgehen.

Die wichtigste Bahnmesse, die Vietnam Rail Tech & Conference, findet vom 8. bis 10. Oktober 2026 im Vietnam Exposition Center in Hanoi statt. Die AHK Vietnam organisiert erneut einen deutschen Gemeinschaftsstand mit zahlreichen Ausstellern.

Chancen und Herausforderungen für deutsche Firmen

Etliche Aufträge an deutsche Unternehmen zeigen, dass der Ausbau des vietnamesischen Schienenverkehrs Geschäftschancen bietet, etwa für Beratungsleistungen oder die Lieferung von Ausrüstungen für Bau und Betrieb der neuen Strecken. Die Verknüpfung des Bahnausbaus mit industriepolitischen Zielen stellt ausländische Anbieter jedoch vor zusätzliche Anforderungen.

Noch ist unklar, wie und wie weit Teilbereiche lokalisiert werden können. Konkrete Vorgaben fehlen bislang. Zudem erfordern die Großvorhaben die Zusammenarbeit mit Behörden und neu entstehenden privaten Projektentwicklern in Vietnam, die bei komplexen Schienenverkehrsprojekten noch wenig Erfahrung haben.

Hinzu kommen vielfach sehr ambitionierte Zeitpläne. Die Regierung drängt auf schnelle Fortschritte bei Planung und Umsetzung, sodass Auftragnehmende häufig innerhalb kurzer Fristen liefern müssen. Dies kann insbesondere bei Ausrüstungen und komplexen Systemen zu Herausforderungen bei Beschaffung, Fertigung und Lieferzeiten führen.
 

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