Wasseraufbereitungsanlage Wasseraufbereitungsanlage | © istock.com/tuachanwatthana

Special | Vietnam | Wasser - Die knappe Ressource

Vietnam treibt den Umbau seines Wassersektors voran

Vietnam investiert stark in die Abwasseraufbereitung und den Hochwasserschutz. Chancen für deutsche Unternehmen ergeben sich vor allem bei spezialisierten technologischen Lösungen.

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Vietnams Wassersektor steht vor strukturellen Veränderungen. Staat und Kommunen investieren verstärkt in Abwasserbehandlung und Hochwasserschutz, während strengere Umweltauflagen den Handlungsdruck erhöhen. Gleichzeitig verschiebt sich das Marktumfeld für internationale Anbieter: Klassische Infrastrukturprojekte werden zunehmend lokal umgesetzt, neue Chancen entstehen vor allem in spezialisierten technischen Segmenten.

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Wir haben besonders aussichtsreiche Wassermärkte in Lateinamerika, Asien, Afrika und Europa unter die Lupe genommen. Alle Länderanalysen finden Sie auf unserer Seite zum Wassersektor.

  • Mit Milliardeninvestitionen treibt Vietnam den Ausbau der Abwasseraufbereitung und des Hochwasserschutzes voran. Staatliche Großprojekte prägen den Wassersektor.

    Landesweit haben in Vietnams Städten über 90 Prozent der Haushalte Zugang zu Leitungswasser, in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt nahezu alle. Allerdings werden bislang nur rund 15 Prozent des kommunalen Abwassers behandelt. Der Rest wird weiterhin ungeklärt in Kanäle und Flüsse geleitet. Eine Ausnahme bilden Industrieparks, in denen vor allem ausländische Firmen angesiedelt sind. Hier verfügen 94 Prozent über zentrale Abwasserbehandlungsanlagen. Sogenannte Industriecluster, in denen vor allem lokale Unternehmen angesiedelt sind, haben hingegen nur zu 30 Prozent Wasseraufbereitungsanlagen.

    Richtungswechsel in Abwasseraufbereitung

    Die Regierung will die Behandlungsquote für kommunales Abwasser bis 2030 deutlich erhöhen auf mindestens 50 Prozent in größeren Städten und 20 Prozent in kleineren Zentren. 2045 ist eine vollständige Reinigung vorgesehen. Im industriellen Sektor sollen 2030 bereits 100 Prozent aller Industrieparks und -cluster über zentrale Kläranlagen verfügen.

    Ein Problem sind die bisher geringen und oft pauschalen Abwassergebühren. Höhere Abgaben könnten Dynamik in den Sektor bringen. Laut Branchenexperten arbeitet die Regierung ein entsprechendes Gesetz aus und könnte es noch 2026 verabschieden. 

    Mehr Planungssicherheit verspricht die Verwaltungsreform von 2025. Sie hat durch die Zusammenlegung zweier Ministerien zum neuen Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt langjährige Kompetenzkonflikte aufgelöst und Genehmigungsprozesse für Großprojekte zentralisiert.

    Metropolen forcieren den Ausbau

    Ho-Chi-Minh-Stadt plant, seine Abwasserklärquote von derzeit 13 Prozent noch im Jahr 2026 auf über 70 Prozent zu heben. Herzstück dieser Ausbaupläne ist die durch die Weltbank finanzierte Anlage Nhieu Loc-Thi Nghe mit einer Kapazität von 480.000 Kubikmetern pro Tag. Sie soll Mitte 2026 in Betrieb gehen. Auch die Anlage Tham Luong Ben Cat in Ho-Chi-Minh-Stadt mit einer Kapazität von 131.000 Kubikmetern täglich steht vor dem Start.

    Hanoi strebt ebenfalls eine Quote von 70 Prozent an, allerdings erst bis 2030. Das zentrale Projekt Yen Xa mit einer Kapazität von 270.000 Kubikmeter pro Tag ist baulich fertiggestellt. Die Inbetriebnahme hängt an dem komplexen, über 50 Kilometer langen Kanalvortrieb unter der Altstadt, bei dem unter anderem Bohrtechnik von Herrenknecht zum Einsatz kommt. 

    Weitere Großvorhaben werden aktuell in Thuan An, Vinh und Vinh Long realisiert, während für Bac Ninh und Hai Duong neue Anlagen in Planung sind.

    Klimakatastrophen sind Weckruf

    Im Hochwasserschutz drängt die Zeit: Nach einem verheerenden Jahr 2025 mit zwölf Tropenstürmen sind die wirtschaftlichen Schäden massiv: Die Regierung beziffert diese auf rund 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Als Reaktion auf die Rekordfluten verkündete sie Ende 2025 einen nationalen Plan, um schwere Überschwemmungen in allen Städten des Landes bis 2035 unter Kontrolle zu bringen. Die Strategie setzt auf eine massive Modernisierung der städtischen Entwässerung und die verpflichtende Integration digitaler Frühwarnsysteme.

    Der Fokus verschiebt sich dabei schrittweise von der reinen Abwehr hin zu einer klimaresilienten Anpassung. Ein zentrales "klassisches" Vorhaben ist das Gezeitensperrwerk-System in Ho-Chi-Minh-Stadt, dessen Bau sich zwar massiv verzögert hat, aber 2026 endlich abgeschlossen werden soll. Sechs Sperrtore und kilometerlange Deiche sollen die Metropole vor Sturmfluten schützen, während Pumpstationen das Abfließen von Starkregen sichern. Ho-Chi-Minh-Stadt ist besonders bedroht, weil die Stadt aufgrund massiver Grundwasserentnahme und des enormen Gewichts der Bebauung jährlich um bis zu zwei bis fünf Zentimeter absinkt. Mit steigendem Meeresspiegel führt das dazu, dass ohne Gegenmaßnahmen bis 2050 weite Teile der Millionenmetropole permanent unter dem Meeresspiegel liegen könnten.

    Städte wie Vinh oder Can Tho erproben moderne Schwammstadt-Konzepte: Künstliche Rückhaltebecken und Versickerungsflächen sollen die Kanalisation bei Taifunen entlasten. An Küstenabschnitten ergänzen naturbasierte Lösungen wie Mangroven-Aufforstungen hinter Wellenbrechern den technischen Schutz gegen Erosion. Trotz dieser Ansätze beobachten deutsche Unternehmer vor Ort, dass sich Schwammstadt-Modelle in Vietnam nur zögerlich etablieren; die Präferenz liegt weiterhin bei massiven, konventionellen Infrastrukturlösungen.

    Vietnam geht gegen Versalzung vor

    Zur Prävention der Versalzung im Mekong-Delta dient das Großprojekt Cai Lon – Cai Be. Es reguliert durch gewaltige Schleusen an den Flussmündungen den Salzgehalt für über 380.000 Hektar Agrarfläche. Phase 2 ist derzeit in Vorbereitung. Sie ergänzt das System um weitere Sperrwerke und Kanäle.

    Neue Projekte setzen auf Klimaresilienz
    In Can Tho werden Kläranlagen in Tide-Sperrwerke integriert, um die Abwasserreinigung im Mekong-Delta klimafest zu machen. Das Green City-Projekt (unter anderem in Ha Giang) setzt auf dezentrale, naturnahe Module für bergiges Terrain. In Binh Duong entstehen Kläranlagen, die Abwasser und Schlamm für die Industrie wiederverwenden.

    Ausländische Partner für anspruchsvolle Großvorhaben

    Beim Ausbau der Wasser- und Abwasserinfrastruktur werden internationale Partner vor allem bei komplexen Großprojekten eingebunden. Der Investitionsbedarf ist erheblich: Die Weltbank schätzt den Finanzbedarf im Wassersektor auf bis zu 30 Milliarden US-Dollar (US$), davon rund 9 Milliarden US$ allein für Kerninfrastruktur.

    Den klassischen Tiefbau und die Projektabwicklung dominieren lokale Baukonzerne wie Vinaconex oder Lizen. Internationale Partner werden vor allem bei technisch anspruchsvollen Aufgaben eingebunden – etwa im Spezialtiefbau, in der Fachplanung oder im Management großer Vorhaben. Trotz eines Trends zur stärkeren Nutzung lokaler Beratungsfirmen bleibt deutsches Know-how gefragt. So ist das Leipziger Unternehmen Aone Deutschland an der Planung und Umsetzung mehrerer moderner Wasserwerke im Raum Hanoi beteiligt, darunter die Großprojekte Xuan Mai und Song Duong.

    Der Wettbewerb bei Großprojekten ist intensiv. Chinesische Unternehmen dominieren das preisgetriebene Standardgeschäft. Japanische Anbieter sind insbesondere bei Vorhaben präsent, die über die Japan International Cooperation Agency finanziert werden. Eine zentrale Herausforderung für deutsche Firmen bleibt die Ausschreibungspraxis, bei der häufig der niedrigste Anschaffungspreis im Vordergrund steht.

    Von Peter Buerstedde | Hanoi

  • Strengere Vorgaben und ein Messskandal erhöhen den Handlungsdruck im Wassersektor. Deutsche Firmen können mit spezialisierten Lösungen punkten.

    Der Ausbau der Abwasserinfrastruktur und strengere Umweltauflagen bewegen derzeit den vietnamesischen Wassersektor. Während Kommunen das klassische Anlagen‑ und Rohrgeschäft zunehmend an lokale und regionale Anbieter vergeben, entstehen für ausländische Unternehmen vor allem Chancen in technologischen Nischen, in denen Qualität, Zuverlässigkeit und Systemintegration wichtiger sind als niedrige Investitionskosten.

    Sensorik zwischen neuen Standards und einem Skandal

    Ein massiver Umweltskandal, der Ende März 2026 landesweit Schlagzeilen machte, erschüttert derzeit das Vertrauen in die vietnamesische Wasserüberwachung und sorgt für kurzfristigen Handlungsdruck. Nach Ermittlungen des Ministeriums für öffentliche Sicherheit wurden an über 160 Messstationen Daten systematisch per Software-Fernzugriff manipuliert, um illegale Abwassereinleitungen zu verschleiern. Über 100 Personen wurden bereits festgenommen, darunter Führungskräfte von Industriebetrieben, Technikdienstleister und Behördenvertreter. 

    Dieser Skandal trifft auf eine Phase, in der Regularien massiv verschärft werden: Die im August 2021 in Kraft getretene Circular 10/2021/TT-BTNMT definiert die technischen Anforderungen an automatische Messsysteme. Am 1. September 2025 traten zusätzlich neue Standards (QCVN 40:2025/BTNMT) in Kraft, welche die Überwachsungsparameter von 33 auf 61 nahezu verdoppelten.

    Im Rahmen einer Fachveranstaltung des water:hub South East Asia im April 2026 wurde deutlich, dass das Delta zwischen Status quo und den Anforderungen ein Marktfenster für Anbieter fälschungssicherer Messtechnik öffnet. Gefragt sind Systeme, die durch digitale Signalübertragung und verschlüsselte Protokolle eine nachträgliche Datenmanipulation verhindern. So bietet das schweizerische Unternehmen Endress+Hauser Lösungen zur automatisierten Qualitätssicherung und Echtzeit-Übertragung in diesem Bereich an. 

    Die nun schärfer kontrollierten Grenzwerte werden einige Industriebetriebe dazu zwingen, auch in ihre physische Aufbereitungstechnik zu investieren. Unklar ist allerdings noch, wie konsequent die Umweltbehörden diese komplexen Vorgaben auch in den Provinzen durchsetzen werden.

    Chirurgische Netzsanierung und High-End-Rohre für die Industrie

    Dank umfangreicher Investitionen in den letzten Jahren konnte Vietnam die Wasserverlustraten (Non-Revenue Water) bereits spürbar senken. Lag die Verlustrate in Städten vor 15 Jahren im landesweiten Durchschnitt noch bei 31 Prozent, so konnten die Metropolen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt diese Quote bis 2026 auf etwa 15 Prozent drücken. 

    Trotz dieser Erfolge bleiben weite Teile der Leitungsnetze marode und erfordern kontinuierliche Interventionen. Während grobe Tiefbaumaßnahmen weiterhin zum Stadtbild gehören etwa beim Bau der unterirdischen Reservoirs zum Hochwasserschutz in Hanoi verschiebt sich der Bedarf bei der Netzsanierung hin zu minimalinvasiven Methoden. Um den ohnehin prekären Verkehr der Megastädte nicht zum Erliegen zu bringen, ist grabenlose Technik (Trenchless Relining) zunehmend Trumpf. Hier können deutsche Anbieter punkten, denn lokale Branchenriesen wie Binh Minh Plastics und Tien Phong Plastic sowie chinesische Importeure dominieren zwar das Standard-Rohrgeschäft, bieten aber keine hochwertige minimalinvasive Technik an. 

    Parallel dazu eröffnen sich neue Chancen bei besonders hochwertigen Rohrleitungssystemen für anspruchsvolle Industrieproduktionen. Vietnam verfolgt ehrgeizige Ziele im Halbleitersektor und bei der Elektronikfertigung, die extrem reine und chemisch resistente Infrastrukturen benötigen. Aber auch andere Unternehmen setzen auf solche Systeme und hier zählt Qualität mehr als der Preis. Das zeigt das Beispiel der 2025 in Betrieb genommenen Lego-Fabrik im Süden des Landes, die mit spezialisierten Systemen des österreichischen Produzenten AGRU ausgerüstet wurde.

    Weg von der Deponie hin zur Klärschlammverwertung

    Die langfristig größte Herausforderung liegt in der Bewältigung der Klärschlammmassen, die derzeit überwiegend auf Deponien verbracht werden. Bestehende Ablagerungsstätten wie in Thanh Tri südlich von Hanoi stoßen an ihre Grenzen und liegen teilweise in sensibler Flussnähe. Die Brisanz wird durch die rechtliche Situation verschärft: Da Klärschlamm in Vietnam häufig als Gefahrenstoff klassifiziert wird, darf die Entsorgung ausschließlich über speziell zertifizierte Unternehmen erfolgen. Die Klassifizierung erschwert auch die alternative Nutzung erheblich.

    Platzmangel und Nachhaltigkeitstrends erzwingen aber langsam ein Umdenken. In Pilotprojekten in der Industriezone DEEP C wird die stoffliche Verwertung von Schlamm zu Pflanzenkohle (Biochar) mittels Pyrolyse-Anlagen erprobt. Erste industrielle Piloten zur Verwertung weisen den Weg: Der Zementriese Vicem erprobt die Mitverbrennung von Schlamm als Ersatzrohstoff, andere Projekte untersuchen die Nutzung in der Ziegelproduktion. 

    Seitens deutscher Unternehmen sind in der Klärschlammtrocknung in Vietnam bereits einige Dekanterzentrifugen von GEA im Einsatz, beispielsweise in der Kaffeeindustrie. Sobald der Rechtsrahmen eine Abkehr von der reinen Deponierung ermöglicht, dürfte der Bedarf an integrierten Konzepten der Kreislaufwirtschaft stark ansteigen.

    Von Peter Buerstedde | Hanoi

  • Bezeichnung

    Anmerkungen

    AHK Vietnam

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    German Water Partnership

    Netzwerk deutscher Unternehmen und Institutionen der Wasserbranche zur Exportförderung

    Mekong Delta Climate Resilience Programme (MCRP)GIZ-Vorhaben für klimafeste Wasserwirtschaft und Küstenschutz

    Ministry of Agriculture and Environment

    Ministerium für natürliche Ressourcen und Umwelt; Bündelt Ressourcenmanagement, Landwirtschaft und ländliche Wasserversorgung
    Ministry of ConstructionZuständig für urbane Wasserversorgung und Abwasserentsorgung
    Viet Nam Water Supply & Sewarage Association (VWSA)Nationaler Branchenverband; wichtiges Netzwerk zu lokalen Wasserunternehmen
    water:hub South East AsiaNetzwerk von Anbietern von Wassertechnik und Beratungsleistungen im Wassersektor
    Vietnam Water Week16. bis 18.9.2026; Fachmesse und -konferenz in Hanoi; Fokus auf Strategie, Politik und Netzwerke
    Vietwater4. bis 6.11.2026; führende Fachmesse für Wasser und Abwasser in Ho-Chi-Minh-Stadt, in der Vergangenheit mit deutschem Gemeinschaftsstand
    Vietnam National E-Procurement System (VNEPS)Zentrale Ausschreibungsplattform des Finanzministeriums

     

    Von Peter Buerstedde | Hanoi