Wirtschaftsumfeld | Vietnam | Wirtschaftsstruktur

Vietnams Industriestrategie eröffnet Chancen für Technologieanbieter

Private vietnamesische Konglomerate sollen zu nationalen Champions aufsteigen. Für deutsche Unternehmen entstehen Chancen als Technologiepartner und Zulieferer.

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Mit dem Antritt von Generalsekretär To Lam im Jahr 2024 hat die Förderung des Privatsektors an Bedeutung gewonnen. Im Zentrum steht die Vision einer "Ära des nationalen Aufstiegs". Vietnam soll den Wandel vom Werkbankstandort zu einem technologiegetriebenen Industrieland vollziehen. Forschung, Innovation und Infrastruktur sind die zentralen Hebel, um das Wirtschaftswachstum ab 2026 in den zweistelligen Bereich zu steigern.

Die Schlüsselrolle übernehmen vietnamesische Großunternehmen: Die Regierung will bis 2030 mindestens 20 wettbewerbsfähige Großunternehmen aufbauen. Die Auswahl erfolgt nicht auf Grundlage einer formellen Ernennung. Doch führende Privatkonzerne wie Vingroup, Sun Group, THACO oder Hoa Phat erkennen die politischen Signale und positionieren sich zunehmend als Träger der neuen Entwicklungsstrategie. Durch sie soll Vietnam vermehrt eigene industrielle und technologische Fähigkeiten aufbauen und sich weniger auf ausländische Investoren stützen.

Konglomerate drängen in Infrastruktur und Hightech

Viele Unternehmen sind mit Immobilienprojekten gewachsen. In den vergangenen Jahren hatten sie ihre Aktivitäten schrittweise auf Bereiche wie Industrie, Einzelhandel, Logistik, Automobilbau oder Tourismus ausgeweitet. Seit 2025 hat sich die Diversifizierung deutlich beschleunigt. Mehr Konglomerate kündigen Investitionen in Infrastruktur, Hochtechnologie, Energie oder Industrieproduktion an und präsentieren sich als Akteure der angestrebten wirtschaftlichen Transformation.

Private vietnamesische Konglomerate sind die Treiber des wirtschaftlichen AufstiegsAusgewählte private Großunternehmen in Vietnam; Umsatz in Millionen US-Dollar
UnternehmenUrsprünglicher SchwerpunktNeue Wachstumsfelder

Umsatz 2025

VingroupWohnimmobilien, LuxusresortsElektrofahrzeuge, Schnellbahnstrecken, Robotik, Windparks, LNG-Kraftwerke, Batteriefertigung

12.830

Hoa PhatBaustahl, BlecheGleisstahl, Frachtcontainer-Bau, Tiefsee-Containerhäfen

6.100

T&TEinzelhandel, BankenLNG- und Wasserstoff-Terminals, Batteriespeicher

3.650

MasanSaucen, Fertiggerichte, SchweinezuchtSupermärkte, Halbleiter-Rohstoffe (Wolfram)

3.120

THACOFahrzeugmontageKfz-Teile, Lkw, Fruchtexport-Logistik, Großplantagen, Häfen, E-Busse, Metrozüge, eigenes Pkw-Modell

3.120

GelexStromkabel, Transformatoren, FliesenFrachtflughäfen (Gia Binh), LEED-zertifizierte bezugsfertige Fabrikhallen, Wasserwerke

1.520

Sun GroupFreizeitparks, Seilbahnen, LuxushotelsBau und Betrieb von Flughäfen, Kreuzfahrtterminals, Fluglinien

k. A.

SovicoGeschäftsbanken, LuftfahrtMetrolinien, Datenzentren, Fintech

k. A.

CT GroupWohnungs- und StädtebauChipdesign, Unmanned Aerial Vehicle (UAV)-/Drohnen-Software

k. A.

Quelle: Jahresberichte der Unternehmen 2026; Analystenberichte 2026; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

 

Die Vingroup steht exemplarisch für diesen Wandel. Zunächst baute sie Hotels, Wohnsiedlungen und später Krankenhäuser, Schulen und die Universität VinUni auf. Mit VinFast expandierte der Konzern in die Automobilproduktion. Die ersten VinFast-Modelle basierten teilweise auf BMW-Technologie; für Produktion und Automatisierung kamen Maschinen und Anlagen vor allem deutscher und österreichischer Anbieter zum Einsatz. Zudem treibt die Gruppe Pläne für Metrolinien und Hochgeschwindigkeitszüge (VinSpeed), Energieprojekte (VinEnergo), Werkstoff- und Industrieaktivitäten (VinMetal) sowie Robotik und Automatisierung voran. Auch hier ergeben sich Chancen für deutsche Anbieter. So arbeitet VinSpeed beispielsweise bei der Entwicklung von Hochgeschwindigkeitsbahnen mit Siemens und DB E.C.O. zusammen.

Die Sun Group wurde vor allem durch Immobilien und Tourismusprojekte bekannt. Inzwischen investiert die Gruppe zunehmend in Flughäfen, Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie eine eigene Fluglinie. Deutsche Unternehmen sind bereits an Projekten beteiligt. So stammen mehrere Achterbahnen in den Freizeitparks der Gruppe von Mack Rides und Zierer. Im April 2026 unterzeichnete die Sun Group einen Managementvertrag mit TUI BLUE für ein Resort auf der Ferieninsel Phu Quoc. 

Auch andere Branchen liefern Beispiele: Der Stahlhersteller Hoa Phat ist mit Maschinen des deutschen Anlagenbauers SMS in die Produktion hochwertiger Schienenstähle eingestiegen. Das Unternehmen THACO hat sich von der reinen Fahrzeugmontage zu einer breit aufgestellten Industriegruppe entwickelt. Künftig will THACO eigene Automodelle und – gemeinsam mit Hyundai – Metrobahnen bauen.

Projektpipelines erreichen neue Dimensionen

Die neuen Ambitionen richten sich vor allem auf Infrastruktur- , Energie- und Industrieprojekte, die oft spezialisiertes technisches Know-how benötigen. Die Konglomerate müssen entsprechende Kompetenzen erst aufbauen. Daraus ergeben sich Chancen für internationale Technologiepartner. 

Die Bandbreite ist groß. Die Sun Group will etwa bei Vorhaben im Gesundheitstourismus, in der Sportmedizin, in der Ausbildung von Hotelfachkräften und im Flughafenbau mit deutschen Unternehmen zusammenarbeiten. Die Vingroup lanciert neue Automodelle und baut südlich von Hanoi das größte Fußballstadium der Welt.

Ausgewählte Großprojekte vietnamesischer Konglomerate
UnternehmenProjekt

Volumen (in Milliarden US$)

Vingroup

Fünf neue Metrolinien in Hanoi;

Olympic Sports Urban Area;

Schnellbahnstrecken Hanoi–Ha Long und Ho-Chi-Minh-Stadt–Can Gio (mit Siemens und DB Eco)

50,0

35,0

9,5

Sun Group

Rach Chiec National Sports Complex in Ho-Chi-Minh-Stadt; 

Opernhaus in Hanoi (Militärtheater nach Entwurf von GMP)

5,7

k. A.

SovicoAusbau wichtiger Verkehrsadern in Ho-Chi-Minh-Stadt (3,8 Mrd. US$)

3,8

GeleximcoTiefseehafen Cai Mep Ha

2,0

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

Deutsche Anbieter müssen sich jedoch auf eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit einstellen. Vietnamesische Konglomerate treffen Entscheidungen innerhalb kurzer Fristen und erwarten eine schnelle Projektumsetzung. Wer lange Lieferzeiten und aufwendige interne Abstimmungsprozesse hat, könnte gerade gegenüber chinesischen Wettbewerbern ins Hintertreffen geraten.

Kunden, Partner und Wettbewerber zugleich

Die wachsende Rolle vietnamesischer Konglomerate schafft Geschäftschancen, aber auch neue Konkurrenz für deutsche Unternehmen. So erhielt VinEnergo den Zuschlag für Windparkprojekte, die zuvor über Jahre von PNE aus Cuxhaven, Enertrag aus der Uckermark und wpd aus Bremen entwickelt worden waren. 

Für deutsche Unternehmen überwiegen derzeit die Chancen. Die Konglomerate entwickeln sich zu wichtigen Auftraggebern für Bahntechnik, Maschinenbau, Energieanlagen, Automatisierung und hochwertige Ausrüstung.

AHK Vietnam hilft bei Kontaktaufnahme

Die Deutsche Botschaft, die AHK Vietnam, die German Business Association Vietnam und Germany Trade & Invest führten im Juni 2026 Gespräche mit Vingroup und Sun Group. Beide Unternehmen zeigen Interesse an einer stärkeren Zusammenarbeit mit deutschen Technologieanbietern und Investoren. 

Die AHK Vietnam unterstützt deutsche Unternehmen bei der Kontaktaufnahme.