Luftaufnahme des Wolkenkratzers „Landmark 81“ und der leuchtenden Skyline von Vietnams Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt bei Nacht. Luftaufnahme des Wolkenkratzers „Landmark 81“ und der leuchtenden Skyline von Vietnams Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt bei Nacht. | © picture alliance / Amazing Aerial Agency

Markets | Vietnam | IT-Dienstleistungen und Softwareentwicklung

Jenseits der Werkbank: Vietnams Aufstieg zum vielseitigen Tech-Partner

Ob Software-Boutique, Chip-Design oder globale Bauplanung – Vietnam ist als IT-Hub längst ein solides Standbein deutscher Innovationskraft. Doch der Erfolg des Standorts gerät durch KI unter Druck.  

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Der deutsche Technologiekonzern SAP baut für 150 Millionen Euro ein KI-Entwicklungszentrum in Ho-Chi-Minh-Stadt auf. Offiziell im August 2025 verkündet, entsteht hier der zweite KI-Hub des Unternehmens in Südostasien. Bis zum Jahr 2027 sollen im SAP Labs Vietnam rund 500 Mitarbeitende ihre Beschäftigung aufnehmen. Dies ist nur das jüngste Beispiel für die wachsende Bandbreite digitaler Aktivitäten deutscher Firmen in Vietnam.  

Das Land ist vor allem als Exportstandort bekannt. Vietnams Exporte haben sich binnen zehn Jahren fast verdreifacht. Heute stammen mehr als jeder dritte Adidas-Schuh und jedes zweite Samsung-Smartphone aus dem Land. Parallel steigen die digitalen Exporte rasant an, was sich vor allem mit den Beschäftigtenzahlen in der IT-Branche belegen lässt: Zählte der Standort 2019 noch 250.000 IT-Fachkräfte, waren es im Jahr 2025 bereits 530.000 Personen.  

Immer mehr digitale Dienstleistungen "Made in Vietnam" 

Laut AHK Vietnam entfällt jedes siebte deutsche Investitionsprojekt im Land auf digitale Dienste. So digitalisiert das Kölner Unternehmen Digi-Texx Gesellschaft für digitale Bürosysteme, immerhin rund 2.000 Mitarbeiter groß, Akten und markiert KI-Trainingsdaten in Ho-Chi-Minh-Stadt. Inros-Lackner, Anbieter von Architektur- und Ingenieursdienstleistungen aus Rostock, plant von Hanoi aus globale Bauprojekte. Der Stuttgarter Gebäudetechniker und Anlagenbauer Exyte entwirft aus Ho-Chi-Minh-Stadt Datenzentren für Deutschland und Halbleiterhersteller Infineon aus Neubiberg designt Chips.  

Die Beispiele zeigen die Spannbreite des Engagements deutscher Unternehmen im Land: von einfachen Dienstleistungen bis zu hochkomplexer Entwicklungsarbeit. Neben Bosch und Hella nutzen dutzende Mittelständler Vietnam als Engineering-Hub für Software oder Automotive-Design. Auch Einzelunternehmer scharen kleine Teams um sich, um Software zu pflegen oder Autoteile für deutsche Hersteller zu designen.  

Rund 530.000 IT-Kräfte 

arbeiteten 2025 in Vietnam. 


Quelle: TopDev Vietnam IT Market Report 2024/2025

Enge Zusammenarbeit über Grenzen hinweg 

In der Software-Entwicklung reicht die Bandbreite von der Consulting-Boutique, die fast völlig selbstständig Projekte für deutsche Kunden umsetzt, bis zur verlängerten Werkbank. Dabei sind IT-Kräfte in Vietnam eng in die Arbeit der Entwicklerteams in Deutschland eingebunden. Die Zeitverschiebung ist dabei nicht unbedingt ein Nachteil: Während deutsche Beschäftigte noch schlafen, können Entwickler in Vietnam Probleme beheben, die am Vortag aufgelaufen sind, oder Projekte eigenständig vorantreiben.  

Die deutsch-vietnamesischen Verbindungen sind keine Einbahnstraße: Auch vietnamesische Software-Konzerne, die früher fast nur für Ostasien arbeiteten, drängen nun immer häufiger auf den deutschen Markt. Das global tätige IT-Unternehmen FPT zum Beispiel unterhält bereits fünf Büros in Deutschland und hat im Mai 2025 mit David Lamm Consulting eine deutsche IT-Beratung aufgekauft, die sich auf den Energiesektor spezialisiert hatte. CMC, Experte für Telekommunikationsinfrastruktur, hat 2026 ein erstes Büro in Deutschland eröffnet. 

KI: vom Markttreiber zur Bedrohung  

Deutsche Unternehmen, die sich in Vietnam engagieren wollen, müssen jedoch wissen: die hohe Anziehungskraft bringt auch Schattenseiten mit sich. So schließen zwar jedes Jahr rund 60.000 Studierende eine Hochschulausbildung ab. Dennoch klagt die IT-Branche bereits jetzt über Fachkräftemangel. Vor allem in den großen Metropolen verschärft sich die Konkurrenz um junge, vielversprechende Talente. Deutsche Firmen müssen mit ansprechenden Löhnen und attraktiven Extras punkten oder den Sprung in die Provinz wagen. Digi-Texx zum Beispiel eröffnete 2024 einen neuen Betrieb weitab der Metropolen im Mekong-Delta, um neue Arbeitskräftereservoirs zu erschließen.  

Erleichterung auf dem Arbeitsmarkt verspricht KI. Einige Unternehmer sprechen von massiven Produktivitätsgewinnen, die sie "auch an Kunden in Deutschland weitergeben". Datenintensive Tätigkeiten wie die Annotation von Trainingsdaten – eine Aufgabe, die KI zuverlässig nur mit menschlicher Unterstützung bewältigen kann – sichern dem Standort zunächst zusätzliche Nachfrage. Doch die Revolution ist zweischneidig und bedroht das Modell der Coding-Fließbandarbeit, also das repetitive, manuelle Schreiben von standardisiertem Basiscode. Etliche Akteure, darunter FPT, versuchen die Flucht nach vorn und bieten Dienstleistungen in den Bereichen Consulting und Projektmanagement an. Doch wie die Schwergewichte Indien und Philippinen, wo IT-Unternehmen und Callcenter versuchen, von der reinen Masse billiger Arbeitskräfte auf spezialisierte KI-Wertschöpfung umzustellen, wird auch Vietnam von der disruptiven Kraft der KI nicht verschont bleiben. Eines ist jedoch sicher: Klappt die Umstellung, dürfte Vietnam als Outsourcing-Standort für Digitalisierungsprojekte deutscher Firmen noch interessanter werden.