Close-up of computer screen showing colorful programming code lines with syntax highlighting and blurred light reflections. Abstract background representing software development, AI programming, machine learning, cybersecurity, and modern technology innovation. Perfect for illustrating digital transformation and data science concepts. Programming Code On Computer Screen With Colorful Syntax Highlighting | © fotograzia - gettyimages.com

Special | Vietnam | Beschaffung

IT-Standort Vietnam bringt Kostenvorteile und Geschwindigkeit

Vietnam fordert etablierte IT-Märkte heraus. Chancen bieten circa 500.000 Talente und hohe Ersparnisse. Dafür braucht es aber kulturelles Know-how und rechtliche Umsicht.

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Vietnam hat sich von einer kosteneffizienten Werkbank zu einem der dynamischsten IT-Märkte entwickelt. Das südostasiatische Land rangiert laut dem Global Services Location Index 2025 des Beratungsunternehmens Kearney auf Rang 7 der weltweit besten Outsourcing-Destinationen.

Wichtigster Standort des Sektors ist Ho-Chi-Minh-Stadt, gefolgt von der Hauptstadt Hanoi und dem aufstrebenden, günstigeren Standort Da Nang. Über 500.000 IT-Fachkräfte erwirtschaften jährliche Exporterlöse von über 5 Milliarden US-Dollar (US$). Pro Jahr drängen 55.000 Absolventen auf den Markt. Ihr Durchschnittsalter liegt bei unter 30 Jahren.

Kostenvorteile und strategischer Zeitgewinn

Für viele ausländische Auftraggeber bleiben Ersparnisse der Hauptgrund, nach Vietnam zu gehen. Dort liegen marktübliche Sätze für Softwareentwickler je nach Technologie und Standort bei rund 20 bis 45 US$ pro Stunde (Mid‑Level) und 35 bis 50 US$ auf dem Seniorlevel. In Deutschland erzielen freiberufliche Entwicklerinnen und Entwickler umgerechnet rund 100 bis 130 US$ pro Stunde. Gegenüber deutschen Honoraren für Freiberufler bietet Vietnam eine Kostenersparnis von 40 bis 60 Prozent. Das Land unterbietet selbst indische IT-Hubs wie Bengaluru oft um 10 bis 15 Prozent.

Roberto Kauffmann, Chief Executive Officer (CEO) von Gradion Vietnam (ehemals NFQ) sagt: "Die Kostenersparnis steht nicht mehr im Vordergrund, sondern die Geschwindigkeit, die sich mit Teams in Vietnam erreichen lässt." Das Software-Unternehmen mit Hauptsitz in Singapur wirbt mit deutscher Präzision und vietnamesischem Tempo.

Entwickler in Vietnam sind sehr motiviert, sagt auch Felix Süllwold, Mitgründer und CEO von Code Leap: "Unsere Developer liefern nach dem ersten Gespräch oft schon am Folgetag Lösungskonzepte, Mock-ups oder detaillierte Analysen." Die Zeitverschiebung von fünf bis sechs Stunden nach Deutschland schränkt zwar das gemeinsame Arbeitsfenster ein, bietet aber auch strategische Vorteile.

Wenn Deutschland schläft, haben wir in Vietnam Zeit, die Probleme des Vortages zu lösen.

Pierre Otto Gründer und CEO, OZC Company

Hohe Qualität erfordert Engagement vom Auftraggeber

Bei unklaren Vorgaben oder fehlenden Qualitätskontrollen kann hohes Tempo zulasten der Präzision gehen. Kommunikationshürden wie die Angst vor Gesichtsverlust auf vietnamesischer Seite führen oft dazu, dass Probleme zu vage angesprochen werden. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte die Dokumentation schriftlich und präzise erfolgen. Auch wenn das Englischniveau auf vietnamesischer Seite steigt, ist eine Person, die beide Arbeitskulturen aus der Praxis kennt, als Vermittler oft entscheidend.

Die besten Resultate entstehen, wenn Kunden bereit sind, sich auf die vietnamesische Team-Dynamik einzulassen. Im besten Fall verbringen sie direkt vor Ort Zeit mit den Teams.

Felix Süllwold Mitgründer und CEO, Code Leap

Die vietnamesische Geschwindigkeit äußert sich auch in schnellen Wechseln des Arbeitgebers. Rund ein Fünftel der Programmierer wechseln schätzungsweise einmal im Jahr den Arbeitgeber in der Regel, weil woanders mehr gezahlt wird. Die Fluktuation ist für viele Firmen und auch für Kunden problematisch, weil dadurch Know-how verloren gehen kann und Projekte gestört werden. In Einzelfällen werden von Programmierern auch Nebentätigkeiten für andere Auftraggeber angenommen.

Rechtliche Hinweise

  • Um Risiken zu minimieren, schließen deutsche Kunden Verträge oft über Niederlassungen in Deutschland oder Singapur.
  • Urheberrechte sollten international festgeschrieben werden. Statt lokaler Gerichte bieten neutrale Schiedsgerichte wie SIAC (Singapur) oder VIAC (Vietnam) verlässlichen Rechtsschutz.
  • Da kein EU-Angemessenheitsniveau besteht, erfordern Datentransfers Standardvertragsklauseln.
  • In Vietnam kann eine lokale Datenspeicherung verpflichtend sein.

Entwickler arbeiten gerne für ausländische Kunden

Laut Dirk Arend, CEO von CBTW, arbeiten Entwickler in Vietnam gerne direkt oder indirekt für ausländische Auftraggeber. CBTW baut durch BOT-Vorhaben (build, operate, transfer) Entwicklungsteams in Vietnam auf, die Kunden später übernehmen können. Wichtig ist den Entwicklern neben der Bezahlung auch das Arbeitsumfeld. Dazu gehören unter anderem angenehme Büros – auch mit Spielkonsolen für den Zeitvertreib während der Pausen und gemeinsame Teambuilding-Aktivitäten, auch mit den Kunden.

Vietnam bietet eine große Bandbreite an Software-Entwicklungsfirmen unterschiedlicher Größe und mit verschiedenen Business-Modellen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Kosten. Die Geschäftsmodelle reichen von der Erweiterung deutscher Teams durch Personal in Vietnam (staff augmentation) über feste Teams beim Anbieter (dedicated teams) mit oder ohne Management vor Ort zu reinen Ergebnisverträgen (wo der Anbieter alles macht) bis hin zu BOT-Teams.

Branchenriesen und Boutique-Anbieter

In Vietnam gibt es große Plattformanbieter genauso wie spezialisierte Boutiquen. Grob lassen sich die Unternehmen in zwei Lager unterscheiden: einerseits skalierungsstarke Dienstleister, die große Teams und standardisierte Liefermodelle abbilden sowie andererseits kleinere, stärker spezialisierte Anbieter, die mehr beraten und Projektführung übernehmen.

Unter den großen vietnamesischen Anbietern stechen FPT, CMC und TMA hervor. FPT ist ein breit aufgestellter Technologiekonzern mit Aktivitäten von IT‑Services über Telekommunikation bis Bildung, Präsenz in rund 30 Ländern und mehr als 50.000 Beschäftigten. In Deutschland hat das Unternehmen Büros in Essen, Nürnberg, München und Frankfurt/Main. CMC und TMA sind kleiner, aber ebenfalls international ausgerichtet. CMC baut derzeit einen ersten deutschen Standort in Frankfurt/Main auf.

Ergänzt wird das Bild durch ein breites Mittelfeld vietnamesischer Anbieter wie Saigon Technology und Savvycom Software, sowie durch internationale Unternehmen, die Vietnam als Delivery‑Standort nutzen – etwa Capgemini (Frankreich) mit Teams in Vietnam, NTT Data (Japan) mit dem Ausbau von Offshore‑Kapazitäten in Vietnam sowie südkoreanische IT‑Dienstleister wie Samsung SDS und LG CNS mit Aktivitäten im Land.

Modell- und Anbieterwahl in Vietnam

Die Entscheidung für ein Betriebsmodell und einen Partner hängt maßgeblich von der eigenen Management-Kapazität sowie dem Projektrisiko ab. Als goldene Regel gilt: Je komplexer das Vorhaben, desto unverzichtbarer ist ein versierter Projektleiter als kulturelle Brücke.

Für viele deutsche Auftraggeber entscheidend sind häufig deutsch oder international geführte Brückenanbieter, die Führung, Qualitätsdisziplin und Übersetzung zwischen den Arbeitskulturen übernehmen. Hier verorten sich je nach Ausrichtung und Größe auch Häuser wie Code Leap, Zühlke, CBTW, Gradion, SGH oder OZC Company.