Außenhandel, Struktur
Deutscher Handel mit Asien-Pazifik legt 2026 weiter zu
Während die deutschen Exporte nach China deutlich sinken, steigen die Ausfuhren in den Rest der Region im Jahr 2026 an. Der Import aus Asien-Pazifik treibt das Handelsbilanzdefizit in neue Höhen.
29.10.2026
Der deutsche Außenhandel mit den 29 Kernländern der Asien-Pazifik-Region wächst im Gesamtjahr 2026 um 2,7 Prozent, so die Prognose von Germany Trade & Invest (GTAI) auf Basis der ersten sieben Monate des laufenden Jahres. Demnach schrumpft der Export um 3,2 Prozent auf 185,3 Milliarden Euro - entgegen dem Trend der weltweiten deutschen Exporte, die um 4,7 Prozent zulegten. Der Import aus Asien-Pazifik hingegen steigt um 6,4 Prozent auf 330,9 Milliarden Euro. Dies führt zu einem Rekord beim Handelsbilanzdefizit mit der Region in Höhe von 145,6 Milliarden Euro.
Maßgeblich beeinflusst wird das Gesamtergebnis vom Handel mit China. Auf ihn entfällt die Hälfte des deutschen Warenaustauschs mit der Asien-Pazifik-Region. Rechnet man die Volksrepublik heraus, so steht für das Jahr 2026 voraussichtlich ein Exportplus von 2,8 Prozent zu Buche. Die deutsche Außenhandelsbilanz mit der Region wäre mit minus 34,9 Milliarden Euro also deutlich weniger im Defizit.
Chinas Hightech-Produktion stellt deutsche Firmen künftig vor Herausforderungen
Die deutschen Exporte nach China sind seit mehreren Jahren rückläufig. War das Reich der Mitte in den Jahren 2020 und 2021 noch zweitwichtigstes Zielland für deutsche Produkte, so werden die Lieferungen zwischen 2022 und 2026 um ein Drittel sinken. Damit dürfte das Land im Jahr 2026 bei den Exporten sogar noch hinter die Schweiz zurückfallen. Der Grund für den Rückgang: China kann immer mehr Technologie selbst herstellen, auch Hightech. Dieser Trend schlägt sich für die deutsche Exportwirtschaft in zwei Branchen besonders nieder: im Maschinenbau und in der Automobilherstellung.
Die deutschen Maschinenexporte nach China lagen in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 um 18 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Dies ist der stärkste Marktrückgang seit vielen Jahren. Noch bleibt abzuwarten, ob es sich nur um eine konjunkturelle Delle handelt, da China bisher für die deutschen Maschinenbauer ein weitgehend stabiler Zielmarkt war.
Aus China die Welt bedienen
Noch härter trifft es die deutsche Automobilbranche. Die deutschen Kfz-Verkäufe in China haben sich seit ihrem Höhepunkt von mehr als fünf Millionen Stück nahezu halbiert. Bei den deutschen Branchenausfuhren steht von Januar bis Juli 2026 im Vorjahresvergleich ein Minus von 30 Prozent zu Buche. Innerhalb von nur vier Jahren kam es zu einem wertmäßigen Rückgang von zwei Dritteln. Zurückzuführen ist dies auf einen grundlegenden strukturellen Wandel: China setzt auf E-Autos und kann diese günstig in hoher Qualität herstellen, auch weil es die Lieferketten in der Batterieproduktion beherrscht.
„Für den starken deutschen Exportrückgang nach China ist einerseits die weiterhin schwache Wirtschaft Chinas verantwortlich. Andererseits vervollständigen sich Lieferketten innerhalb Chinas, sodass Lieferungen aus Deutschland weniger gefragt sind“, erklärt Christina Otte, GTAI-Korrespondentin in Shanghai. Sie ergänzt: „Daran zeigt sich die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit des Standorts China sowie von chinesischen Unternehmen. China gewinnt als Exportstandort an Bedeutung, von dem aus Unternehmen in dynamisch wachsende Märkte wie Südostasien, Lateinamerika oder Afrika exportieren.“
Japan, trotz sinkender Kaufkraft attraktiver Absatzmarkt
Ein insgesamt stabiler Zielmarkt für die deutsche Wirtschaft bleibt Japan. Und dies, obwohl der japanische Yen in den vergangenen sechs Jahren bis zur Hälfte seines Wertes gegenüber Euro und US-Dollar verloren hat. In der Folge ist auch die Kaufkraft gesunken. Der japanische Markt für deutsche Autos schwächelt deshalb ebenfalls: In den ersten sieben Monaten 2026 ergab sich ein Minus von 20 Prozent.
„Trotz des schwachen Yen bleibt die Nachfrage nach deutschen Maschinen in Japan aber hoch, weil die Investitionen im Land steigen“, sagt Frank Robaschik, der für GTAI aus Tokyo berichtet. Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan erwarten 68 Prozent der befragten Unternehmen steigende Umsätze im Jahr 2026, für 2027 rechnen sogar 72 Prozent mit einem Umsatzwachstum.
Indiens Bedeutung für den deutschen Außenhandel steigt
Deutlich besser präsentiert sich die Situation für Exporte nach Indien: Die deutschen Lieferungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt. Das Land boomt: Im zweiten Quartal 2026 ist die Wirtschaft real um 7,8 Prozent gewachsen. Das sorgt auch für Nachfrage nach Waren aus Deutschland. „Indien entwickelt sich zu einem wichtigen Pfeiler der Exportwirtschaft“, sagt GTAI-Korrespondent Florian Wenke, der in Mumbai lebt. „Deutsche Kernbranchen wie die chemische Industrie oder der Maschinenbau finden hier einen wachsenden Absatzmarkt. Zudem helfen Einfuhren aus Indien dabei, Lieferketten breiter aufzustellen und damit robuster zu machen.“
Die deutschen Importe aus dem Subkontinent haben sich in der zurückliegenden Dekade ebenfalls knapp verdoppelt. Dabei handelt es sich längst nicht mehr nur um Bekleidung. Auch für Pharmaprodukte und Maschinenteile ist Indien ein milliardenschwerer Beschaffungsmarkt geworden. Das zwischen der EU und Indien beschlossene Freihandelsabkommen dürfte nach seinem Inkrafttreten dem Warenaustausch zwischen beiden Ländern weiteren Schub verleihen.
Südostasien als Sourcingstandort immer gefragter
Auch die ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) gewinnt immer mehr an Bedeutung für die deutsche Außenwirtschaft. Die Region ist ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Waren, die allerdings insbesondere in den Kernbranchen Maschinenbau und Automobil in einem immer schwierigeren Wettbewerb mit günstigen chinesischen Alternativen stehen. Deutschland ist in den elf Ländern des Staatenbundes vor allem Technologielieferant und weniger Investor. Im Jahr 2026 dürften die deutschen Exporte in die ASEAN deutlich stärker steigen als die Importe von dort. Allerdings spielen dabei Sondereffekte wie Flugzeugexporte eine große Rolle.
„Malaysia, Thailand und die Philippinen sind nach China und Taiwan die größten Lieferanten für Halbleiter und deren Bauelemente.“
Alexander Hirschle, Director Singapur/ASEAN-Hub bei GTAI
Mittel- und langfristig gewinnt die ASEAN insbesondere für die Beschaffung an Bedeutung. Traditionell haben deutsche Firmen vor allem Bekleidung und Schuhe aus südostasiatischen Ländern gekauft. Mittlerweile ist die Region bei Elektronik und Elektrotechnik eine der wichtigsten Bezugsquellen für die deutsche Industrie geworden. „Malaysia, Thailand und die Philippinen sind nach China und Taiwan die größten Lieferanten für Halbleiter und deren Bauelemente“, sagt Alexander Hirschle, Leiter des GTAI-ASEAN-Hubs Singapur. Der Grund: „Vor allem chinesische und taiwanesische Unternehmen haben einen erheblichen Teil ihrer Endfertigung dorthin verlagert - entweder aufgrund der niedrigen Lohnkosten oder zur Umgehung von US-Zöllen.“ Auch dieser Trend hat dazu beigetragen, dass 6 von den 15 Ländern weltweit, mit denen Deutschland die höchsten bilateralen Handelsbilanzdefizite verzeichnet, Schwellen- und Entwicklungsländer der ASEAN-Region sind.
Hoffen auf mehr Freihandel mit der ASEAN
Der Handel mit Südostasien könnte in naher Zukunft durch weitere EU-Freihandelsabkommen ausgeweitet werden. Mit Singapur und Vietnam bestehen bereits solche Vereinbarungen. Indonesien und die Philippinen haben sich gerade mit der EU auf Abkommen geeinigt. Thailand und Malaysia stehen in fortgeschrittenen Verhandlungen.
Allerdings sind neue Handelsverträge kein Garant für einen Aufschwung deutscher Exporte in die ASEAN. Als Technologiepartner liefert Deutschland vor allem Spezialprodukte, auf die teilweise schon heute geringe oder gar keine Zölle anfallen.